Ausgabe 
15.10.1904
 
Einzelbild herunterladen

615

durch feinen Unstern etwas gallig geworden war, mit un­verhohlenem Spott.Hier entscheidet doch in erster Linie der Reiter. Mer unser Leutnant ist auch ein schöner Mann"

Frau v. Greditz wußte im ersten Moment nicht, wohin ihr Gatte zielte. Empört, daß ihre Wünsche etwa gefährdet sein könnten, vergaß sie ihren weltgewandten Schick.Was willst Tu damit sagen?" fuhr sie aus. Nun war der Ritt­meister wirklich amüsiert. Er freute sich stets, wenn seine Frau einmal aus der Rolle fiel.Na, Elly, ereifere Dich nur nicht", erklärte er in sichtlich gehobener Stimmung. ,Lch weiß ja, daß Ur au einen Stein bei Dir im Brett hat. Es liegt mir sehr fern, es wäre ja Blödsinn, wollte ich darüber nur ein Wort verlieren. Wissen wir doch, daß wir beide viel zu klug find, um eine Dummheit zu machen." Ob der Rittmeister gerade so sehr klug war, mag dahingestellt sein. Vielleicht, daß auch er, ob er auch nicht gerade aus der Rolle fiel, doch nicht allen Stimmungen gerecht zu wer­den verstand, / :

(Fortsetzung folgt.)

Maudereien aus der KarfersiM.

(Nachdruck verboten.)

Franzosen in Berlin. Blumenthal's Zensurerfolg. Vom Kaiser Friedrich-Museum.

Wenn es erlaubt ist, Zitate zu variieren, so darf man das Goethe >che Wort vomechten deutschen Mann", der keinen Fran- zosen lerden kann, aber ihre Weine gern trinkt, Heuer getrost auf den Kopf stellen und etwa sprechen:Ein echter Franzenmann mag kernen deutschen leiden, doch ihre Taler nimmt er gern!"

^n dreien ^ktobertagen hat nicht nur das große Lamoureux- Orchester von der L>eme in Berlin seinen Einzug gehalten, son­dern auch L>arah Bernhardt, die einstmals Unversöhnliche, kommt nnt einer ergens zusammengestellten Truppe an die Spree, um den Berlinern mal wieder zu zeigen, für wie jung sie sich noch rmmer halt Das Lamoureux-Orchester hatte unter der Leitung des Herrn Camille Chevillard einen großen künstlerischen Erfolg, wenn auch der große L>aal der Königlichen Hochschule, in dem ftonjeri stattfand, nicht gerade gut besetzt war. Bei der Hochflut .künstlerischer Ereignisse, die augenblicklich bei uns herricht, ist dieser schwache Besuch kein Wunder, aber er wird bte französischen Gäste doch recht enttäuscht haben. Sarah Bern- hardt, die diesmal imBerliner Theater" mimt, hat in Berlin eme feste Gemeinde, die ihr bas Hans ganz zweifellos füllen wird Lie bringt, Rostand'sL'Aiglon" und Sardvu'sLa Sorclsre , Stücke, in denen sie überall große Triumphe gefeiert hat, und da ste mit glänzender dekorativer und kostümlicher Ausstattung ihren Einzug hält, werden auch jene Braven auf wre Kosten kommen, die des guten Tons wegen diese Vorstell- uilgen absitzen und dabei lachen, weinen und applaudieren muffen, ohne vom J-ranzösischen mehr alsbon jour", und merci, Madame^, zu verstehen. Tas Ensemble des Berliner Theater macht wahrend dieser französischen Invasion eine Gast­spielreise durch Holland, um die Mynheer's und Myfrou's nnt demZapfenstreich" zu beglücken. Schade, daß sie nicht schon dentoten Löwen" Oskar Blumenthal's aus dem Reper- tmn hab«l. Mit diesem durch die Zensur so wundervoll lan- zcerten Bismarckstuck wäre im Auslände jetzt jedenfalls ein brillantes Geschäft zu machen, wenn auch die Trochäen beS- einstmals blutigen Oskar manchmal etwas komisch wirken. Bei dem Verbot dieses Stückes für die Berliner Bühnen hat sich übrigens unsere Zensur in einer sehr verbindlichen Artigkeit gezeigt, die alle Welt entzückt Hai und die unser geplagter Ober- Lurgermnster bei jener Behörde, mit der er augenblicklich den Krieg um die städtischen Schulsäle und Turnhallen führt, sehr vermissen /oll. Tie Parallele zwischen den Ereignissen Bei Bis- marc® Rücktritt und der Handlung seines spanischen Trarnas hat Blumenthal in der Vorrede zu seinemtoten Löwen" offen zugegeben. Tas' war teilt übler Schachzug. Aber er hat die Partie damit nicht gewonnen, und ich glaube auch nicht, daß er bet den höheren Instanzen, die zur Aufhebung des Ver- botes angerufen werden sollen, mehr Glück haben wird. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand. Bei den Leuten mis Zensuramt zuerteilt bekommen, heißt dieser Ber- stand Vorsicht. Hat das nicht' jener Wiener Oberzensor seinerzeit so herrlich bewiesen, der da verfügte: Es können keine Be­gebenheiten aus der Geschichte des Erzhauses Oesterreich auf- gefuhrt werden, deren Ausschlag diesen Regenten nachteilig wäre,

sE Empörung der Eidgenossenschaft und der Schweizerheld Wilhelm Teil? Schade,. daß die längst projektierte Schnellbahn Berlin-Hamburg noch nicht eingerichtet ist. Tie Berliner könn­ten sich sonst alle die Stücke, die ihnen behördliche Weisheit als staatsgefährlich vorenthält, in Hamburg ansehn, dessen Bürger offenbar besser geartet sein müssen, da ihnen weder das Trehni scheTal des Lebens" etwas geschadet hat, noch dertote Lowe schade^ wirtz, devtz sie..demnächst , zn ihrem,Schauspiel?

hanfe" bdscheerk bekommen. Wie Biswarcks gigantischer Schatten durch diesen Streit wieder lebendig wurde, so tritt durch die Eröffnung eines neuen Museums eine, wenn auch nicht größere, aber weitaus inniger verehrte, Heldengestalt der jüngsten Ver- gangenheit wieder in die Erinnerung der Zeitgenossen. Am 18. Oktober wird der Kaiser das Museum einweihen, das den Namen seines herrlichen Vaters trägt. Im großen Treppen­hause desselben steht das Tenkmal des großen Kurfürsten von «chluter und Mmr auf dem ursprünglichen Postament, das sich vor Jahrzehnteil auf der Kurfürstenbrücke befand. Auch eine Statue Friedrichs des Gro^m, dem Schadow'schen Tenkmal in Stettin nachgebildet, findet hier ihren Platz. Ebenso gab man den Mnerälen, die vor Jahren in Stein am Wilhelmsptatz stan- den, bis sie der Witterungseinflüsse wegen dort durch Bronze- fchopfungeii ersetzt wurden, in den Nischen des kleinen Treppen­hauses nunmehr endgiltig ihren Standort. Tas Erdgeschoß des prächtigen Baues enthält nahezu 70, das Obergeschoß 75 vor- Kglich beleuchtete Räume, von denen etliche große Säle sind Besonders anziehend dürfte der Rubenssaal im Obergeschoß werden; ebenso der Raphaelsaal, der mit neuen Gobelins nach den Kartons des genialen Malers geschmückt ist. Ein Heiner intimer.Raum enthält Originalsresken Tiepvlo's, dessen Schöpf­ungen. im Schlosse zu Würzburg mir auf meiner Sommerfahrt eine -stunde köstlichen Genusses bereitet haben. Auf der Spree- ferte des Erdgeschosses befinden sich die Skulpturensäle, hinter deni Heineren Treppenhause die Räume für das Münzkabinett.

wird eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges werden, dieses Kaiser Friedrich Museum", und es war eine prächtige Idee, es mit dem Namen dieses vielgeliebten und verehrten Fürsten zu belehnen, der für die Kunst ein ebenso warmherziges, wie tief­gehendes Interesse hatte, das mit seinem frühen Heimgang leider erlöschen mußte, just als man glaubte, mit feiner Thron­besteigung ein neues goldenes Zeitalter für alles Edle, Schöne und Erhabene heraufsteigen zu sehn. Liebe und Treue Keinem Andenken, Tn Unvergeßlicher! U R

Kiu Mrief Theodor Iosttüttes.

Theodor Fontane hat in einem Familienbriefe aus dem Jahre 1856, der imLiterarischen Echo" abgedruckt wird, seine Eindrücke aus den drei Städten Berlin, Paris und London vergleichend zusammen gestellt. Was er sagt, ist nicht tuet als Zeitbild interessant; es gibt auch von der Art des Tichters einen guten Begriff. Deshalb sei es, mit einigen Strichen, hierher gesetzt:

Tn weißt beim Eintreffen dieser Zeilen bereits, daß ich die große FrageLondon oder Paris" zu gunsten Londons beant­wortete. Es ist schwer zu sagen,warum". Tiefe lange Linie vom Louvre bis zum Arc de l'Etoile ist schön und groß und hat in London nicht ihresgleichen; die Boulevards, das Paris Royal und die neue Rue Rivoli (wo man, ungefähr so lang wie unsere Linden., sind, unter Arkaden geht) sind einzig in ihrer Art, und die Plätze find teils größer, teils schöner, teils interessanter, als sie London aufzuweisen hat. Aber all das kann meine Total­ansicht nicht umstoHen. Wer mit einem Tamp-fer von Hamburg kommt und die Themse erst bis zur London- brücke .hinauffährt, der hat mehr gesehen, als ganz Paris ihm bieten kann. Paris ist ein vergrößertes Berlin, London ist eben London und mit gar nichts anderem zu vergleichen. Paris ist eine sehr große Stadt, London aber ist eine Riesenstadt, das beißt, sie macht den Eindruck, als sei sie nicht von schwachen Menjchen, sondern von einem ausgestorbenen Geschlecht erbaut, dessen kleinste Leute alle sechs Fuß maßen.

_ Begibt man sich in die Straßen, so fällt einem, je nach dem -Stadtteil, den man passiert, entweder die Schlichtheit und An­spruchslosigkeit oder die Gediegenheit und der immense Reich­tum auf. Paris macht im VerhÄtnis dazu einen dürftigen, gezierten Eindruck, was der Berlinerpoplig" nennt. Mau steht viele Tausende von blitzenden Läden, aber man hat keine Courage, irgend was darin zu kaufen, weil man die ReeMät der Leute Mell. Es komnit einem vor, als sei alles auf Beschwadung erführung abgesehen. Tie Läden haben die Form einer länglichen Wurst und sind auch wirllich nicht viel größer; Gas und Spiegelscheiben tun das Beste. Tahiuter ist noch ein Käf­terchen von der Größe einer Nußschick; das ist das Familien­zimmer. So leben viele, viele Tausende. Manchem mag das gefallen, aber mir wird nicht wohl dabei. Wenn ich nun Loudon dagegen nehme. Ja, da passiere ich halbe Meilen lange Strecken, in denen man gar nichts sieht, aber das schadet auch nichts. In den östlichen Vorstädten wohnen Hunderttäusenbe von armen Leuten; sie sind nichts, sie haben nichts, aber sie wollen mich nichts scheinen. Man nimmt gar keinen Eindruck mit heim, wsder einen schlechten, noch einen guten; man weiß einfach, man hat eine halbe Stunde lang in einem Armenviertel zngebracht. Nur ^chnapskneipeii (und das ist alleckings ein Uebdftmtb) hat man bemerkt. Kommt man nun aber nach der City, welche Gediegenheit da in dem ganzen Stadtteil, der die St. Pauls-Kirche umgibt! Tie Kaufläden strotzen von Warenreichtum. Und Nun im Westend, in Oxfordstreet und Regentstreet! Wes funkelt von GoÜ> und Silber, von Sammet und Seide mnd es funkelt fo, daß man ÄNch nimt; ha ha, Lier fit was dahinter. Kvmmt man dann dn