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linkischen, scheuen Knaben längst überwunden, er war doch nicht, was man einen brillanten Gesellschafter nennt, geworden und auch kein schöner Mann. Denrroch wurde er überall mit besonderem Vorzug empfangen.
Mieder ärgerte ihn das eigentlich mehr für die anderen, als wegen sich; ärgerte ihn für die, so unter einer Ungerechtigkeit litten, für die, so sich in der Wertschätzung eines Menschen, so meinte er, recht erbärmlich anließen. Doch Asmus war jung. Er wollte endlich einmal mitmachen, fidel sein, ochne Grübeln und Gedanken. Und er fing an, mitzumachen. Vielleicht war er aber doch schon zu skeptisch geworden, hatte er kein Talent für diese Fidelität oher fand nicht, was er unter deren Schein gesucht. Nur zu bald wurde er ihn müde, den ganzen Klimbim, bei dem Loch recht wenig Vergnügen für seine Art Mensch herauskam. Nur zu bald ward er cs auch müde, wie sie sich hatten, im Grunde doch nur, aus Eitelkeit, um Stellung und Borwärtskommen. Wobei abermals nicht gerade immer die, so es verdienten, sondern vielmehr die Klugen, die Gewandten, die Schneidigen, so über „Leichen" gingen, die Gutmütigen, — für jene einfach Dummen — ausnützten und den Sieg davontrugen. Er war es müde, wie ihm Mütter und Töchter entgegenkamen, die Töchter, die ihn geheiratet hätten, wie einst seine. Mutter seinen Baier geheiratet hatte. — Noch mehr aber ekelte ihn vor jenen Frauen, von denen man nichts anderes erwartet, als daß sie zu kaufen sind. So war Asmus, trotz der besten Vorsätze, schließlich doch lästig geworden in der Fidelität, wie in den gesellschaftlichen Leistungen. ■ Er hatte sich abermals aus sich selbst zurückgezogen und in seinen Mußestunden manches gelesen und gedacht, von dem die, so ihn einen etwas bequemen Herrn nannten, oder sich, je nachdem, an seiner Grobheit und seinem derben Humor, der Waffe für seine untere Freiheit, belustigten oder erzürnten, keine Ahnung hatten. Deitn der Rittmeister hütete diese Erholung seiner einsamen Stmtden so keusch, wie unsere Großmütter ihre erste Liebe.
Als er Jutta gesehen, da hatte es ihn ganz merkwürdig im Innersten bewegt. Es war ihm zu Sinn, als träume er einen Traum, den er schon einmal geträumt. Es war über ihn gekommen zum ersten Male wie goldene Jugend und sonnige Freude! Und so hatte er sich gefreut an Juttas frischer äugend und natürlichen Schönheit, die keinerlei Künsteleien aufwies, noch bedurfte. Er hatte sich gefreut an ihrer entzückenden Anmut und vertrauensseligen Lebenslust, wie er solche nie sein eigen genannt, ob ihm auch stets eine Sehnsucht danach verblieben. Er war glücklich, daß er sich endlich an einem Menschen freuen konnte. Und so hatte^ er sich auch gefreut an dem jungen Paar, das immer und immer wieder seine Liebe als das Beste und Schönste empfand. Leider nur zu bald hatte dann Asmus, loie be- lüitnt, bemerkt, daß auch hier die Rosen nicht ohne Dornen waren, unter den Blumen die Schlangen lauerten und die unvermeidlichen Schatten heraufzuziehen drohten. Und er hatte sich, unbewußt wie als Freund, so auch als Stützer des jungen Paares in seinem Glücke, empfunden. Der jungen yrau aber hätte er am liebsten seine Hände unter dte Füße gelegt, sie noch mehr verwöhnt, nur um sie immer Lletch sorglos, kindlich, glücklich lächeln zu sehen.
An dies Lächeln hatte sich Asmus gehalten während der Proben, selber glücklich, daß er der jungen Frau dazu verholfen. An dies Lächeln hielt er sich auch heute. Von feinem Zauber befangen, vergaß der Rittmeister seine ihm ^ur zweiten Natur gewordene Skepsis. Er dachte nicht bar» über nach, denn ob die so ivieber aufgenommene Gesellia- teit tn der -irrt ein Glück für das junge Paar, die junge Frau bedeutete? Noch weniger streifte ihn auch nur ein Gebaute, icib er, gerade er, alles das, was ihn an Jutta bedingungslos entzückte, nicht etwa doch bei einer anderen unter den gleichen Verhältnissen verbesserungsbedürftig gefunden haben würde, ja, ob nicht gerade Jutta vielmehr einer ernsten Leitung bedurft hätte, statt dieser, ihr liebreizendes Köpfchen und liebreizendes Naturell nur noch mejjr verwirrende Zerstreuungen und Vergnügen? Der Rittmeister erblickte eben einzig in der jungen Frau alles, was er nur je in feinem Leben, von Kindheit an, zu sein oder zu haben gewünscht hatte. Ihm erschien sie vollkommen.
*teJ. .. Zch ausleben in ihrer harmlosen, vertrauens-' seligen Weise; sie sollte glücklich sein in ihrer ungebrochenen Lebenslust! Er wenigschus wollte dafür tun, was in feinen Kräften,stani^>
D. Kapitel.
Während dieser letzten Zeit hatte es sich ganz von selbst gemacht, daß Harro des öfteren im Hause seines Rittmeisters so mal „vorsprechen" kam. Ganz natürlich war man damit beiderseits auf einen immer freundlicheren Fuß gekommen, hatte sich Harro auch mit des Rittmeisters prachtvollen Pferden, namentlich mit dem Kommandeur, befreundet. Ging und kam er doch nie, ohne auch diesem guten Tag zu sagen. Er konnte nicht müde werden, neben dem Tier zu stehen, seinen Bau, die Glieder, den selten, schönen Kopf, das feine, atlasgleiche Fell zu bewundern, ihm den Nacken zu klopfen und in die klugen Augen zu schauen, mit denen ihn der Rappe ansah, als wollte er sagen: Du weißt, was ich wert bin und Du gefällst mir auch. Es war gleich zu Anfang der Proben gewesen, daß, während Jutta mit Dörrenbach noch einmal die Touren der Quadrille durchritt, Harro die Gemahlin seines Ritt- mcisters nach Hause begleitete, und beide durch die Ställe gingen. Wie gewöhnlich war der junge Offizier an den Kommandeur herangetreten. „Solch ein Tier!" hatte er gemeint, „da begreift man die ganze Poesie von der Lust auf dem Rücken der Pferde." Unwillkürlich richtete er sich dabei auf zu feiner vollen Höhe; die blauen Augen blitzten, mutig, kraftvoll, strahlend schön sah er aus, gleich einem Held der alten Sage.
Ein Schauer überlief die Frau an seiner Seite. Wäre sie in dem Moment eine Walküre gewesen, sie würde sich den Mann mit kühnem Streich oder kühnem Ritt nach Walhall geholt haben. Sie war aber eine Dame ans dem 19. Jahrhundert, sehr elegant und gewandt, sehr klug und sehr schick. Darum fragte sie nur leicht: „Möchten Sie ihn wohl reiten ?"
„O —", das klang wie Jubel und Stöhnen zugleich. Dann flog ein Schatten über das Gesicht des Offiziers. Er empfand, wie manchmal jetzt in der letzten Zeit, voll Betrübnis die Beschränkung seiner Mittel, und wie des öfteren in solchen Augenblicken, beinahe mit Groll, daß er stch doch zu früh verheiratet habe. „O", seufzte er noch einmal, ließ die Hand von dem Pferd, „derlei ist vorbei!" Ellinor lächelte. Liebkosend strich sie den Nacken des schönen Tieres und legte ihre Hand in die Mähne, da, wo noch, eben die seine geruht. Dann, ein Taubengirren in der vollen Stimme, wandte sie sich gegen den jungen Offizier: ,-Jch denke, mein Mann wird sich freuen. Sie zu sehen, Herr von Uran", worauf Herr v. Uran die Gemahlin seines Rittmeisters nach oben geleitete.
Won dem Tage an bekundete Ellinor v. Greditz eine liebenswürdige Besorgnis für die Gesundheit ihres Gatten. Sie erkundigte sich, durchaus nicht aufdringlich, o nein, nur wirklich liebenswürdig, diskret, ob ihm denn das viele Reiten — er ritt täglich fünf Pferde außer seinem Dienst — nicht doch zu viel werden würde, ja, sie meinte sogar, er sähe etwas angegriffen aus. Selbstverständlich wollte Herr v. Greditz hiervon durchaus nichts merken. Doch Fran Ellinor hatte Glück, wie solche Menschen meistens Glück haben, ohne welches sie wohl auch, trotz all ihrer Klugheit und Gewandtheit, ihrer Berechnung und ihrer Jntriguen, nicht zum Ziele kommen würden. Auf dem Reitfest hatte sich der Rittmeister erkältet, die immer nach Opfern lüsterne Influenza stellte sich ein und warf sich ihm auf die Bronchien. Er wurde ernstlich, ja bedenklich krank. Eine Gefahr, stellte der Arzt bald fest, war gerade nicht zu fürchten, wohl aber bedurfte sein Patient noch einer längeren Schonung. Vom Reiten, namentlich wie er es trieb, und dem Rennen, konnte auf lange keine Rede fein.
Ter Kommandeur war zum Herrenreiten tn Baden- Baden angemelbet. Greditz selbst hatte ihn reiten wollen. @r hatte auf den Preis für fein Pferd gerechnet. Er war außer sich; der Gaul sollte 'raus. Es mußte also jemand für den Rittmeister einspringen. „Vielleicht bittest Tu Herrn v. Uran —" schlug Ellinor, nachdem der Generalarzt sein Ultimatum gestellt und ihr Gatte seinem Aerger Lust gemacht hatte, diesem vor: „Er reitet auch brillant." „Auch?" Der Rittmeister sah feine elegante Frau etwas spöttisch an. „Auch, das heißt neben allem anderen? Hm?" „Gewiß", gab sie zurück; kaum merklich scharf llang ihr Ton. Sie liebte es nicht, bei einer Unvorsichtigkeit ertappt ju werden oder sich gar selbst dabei .zu ertappen. Um kühler fuhr sie fort: „Er trägt einen alten Namen. Und das macht sich immer besser." „Eigentlich nett von Dir, daß Du so viel davon hältst", meinte der Rittmeister, der


