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Roman von M. v. Eschstruth. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Jedermann ivar begeistert; nie hatte man — einstimmig — die Rittmeisterin so angeschwärmt, als an dem heutigen Abend. JNttas Weiche, zierliche, frauenhafte Erscheinung paßte nicht recht siir das Kürassierkostüm. Bielleicht paßte es ihr auch nicht gut. Sie sah einem Nippesfigürchen ähnlich, das verkleidet worden ist. Ja, selbst ihre Freude, mit von der Partie zu sein, vermochte nicht schadlos zu halten für das, was ihr hier mangelte. Alle Welt war erstaunt, ivie unvorteilhaft sich Frau von Urem zurecht gemacht hatte. Man meinte, wie man das nur zu gern tut, die kleine trau sei doch überschätzt uwrden! Ja, selbst am andern bend, da beide Damen auf einem Balle erschienen, und Juttas frauenhafte Schönheit und Jugend der Rittmeisterin gegenüber wieder zu voller Entfaltung kam, wirkte noch dre Erinnerung von gestern wie ein Schatten auf dem sonst so sieghaften Glanz ihres Wesens. Sogar Harros Empfinden hatte sich verändert. Ellinors weltgewandte Reife, die künstlerische Harmonie ihrer Erscheinung (ein Kunstprodukt von Mache und Toilette nannte cs Dörrenbach) oünkten ihm höheren Wertes zu sein, als die natürliche Anmut und natürliche Frische seiner Frau. Glücklicherweise merkte diese von alledem gar nichts, sondern gab sich, wie ein Kind, all den Freuden hin, wie sie die zärtlichste aller Mütter für den Liebling erstrebt und sie es stets zu Hause gehalten hatten. Und gerade so freute sich Dörrenbach au der jungen Frau, wie immer, auch heute in der asten Weise.
Asmus von Dörrenbach hatte keine glückliche Jugend gehabt. Der Water war schon ziemlich bei Jahren, als ihm der Sohn geboren wurde, und sprach sozusagen nicht mehr mit. Die Mutter, eine schöne Frau, Weltdame durch und durch, lebte nur für die Gesellschaft. Asmus, der au dem Water keinen Halt besaß, sich vielmehr vor dem immer verdrießlichen alten Herrn, bei dem es artig sein, d. h. sich' nicht rühren hieß, fürchtete, blieb den Dienstboten überlassen, wobei sich niemand die Mühe nahm, deu Kleinen in seinem Tun zu stören oder zu fördern, er aber mancherlei hörte, was einem Kinde nicht zu hören taugt, z. B. daß seine schöne Mutter den Alten mir genommen habe, um eine reiche Frau zu werden und das Leben zu genießen, daß ihr der Junge nur im Wege sei, wie ja jeder sehen konnte, denn kümmern tat sie sich auch um ihn keinen Deut. Sie, d. h. die Leute schwiegen. Sie kriegten mehr Lohn hier als irgendwo und hatten auch Freiheit: war doch die Gnädige immer fort, Oder wenn sie zu Hause war, dann hatte sie Besuch.
Asmus ivar noch sehr jung, als sein Water starb. Dre Mutter, der das Kind allerdings nur ein Hemmnis für das Leben bedeutete, zumal sich der mittlerweile auch scheu
und linkisch gewordene Knabe keineswegs mit Glück in! einem Salon präsentieren ließ, übergab ihn einem Institut Auch hier ivaren Asmus zumeist wieder betrübliche Erfahrungen beschieden. Im Anfang hatten die Gefährten seine natürliche Gutmütigkeit und sein wohlgefülltes Portemonnaie mit liebenswürdiger Offenheit ausgenutzt, ob sie ihn auch wegen seines Mangels an Kenntnissen und gesellschaftlichem Schliff zu hänseln liebten. Ws er das begriffen, war er wild geworden, hatte drcingeschlagen, sodaß er nicht gern an jene Zeit zurückdachte. Dann hatte sich Dr. Süß, der Borsteher dieser Läuterungsanstalt — so nannten ihn dm Schüler in pleno und ä discrstion — seiner angenommen., Er hatte recht bekommen; er bekam immer reust — das bekam Asmus bald heraus, nicht, weil er im Rechte, oder! der beste, sondern, weil er der vornehmste und der meist zahlende unter den Kameraden war. Damit bekamen denn' auch die Kameraden vor seinem Namen, seiner künftigen; Stellung Respekt und ließen den dummen Jungen in Ruhe. Ja, die meisten wurden sehr höflich gegen den angehenden Majorats- tumb Freiherrn; eine Würde, über die sie sich, bislang kein Kopfzerbrechen gemacht hatten.
Tas ärgerte Asmus erst recht. Er geriet auf den besten Weg, die Kameraden zu hassen, wie er die Mutter haßte, ob er sie anrch einst mit allen Fasern seines Herzens geliebt hatte. Denn Asmus war weich, zärtlich, empfänglich und' begeisterungsfähig von Natur. Wie gern hätte er sich auch jetzt jemand angeschlossen, alles für einen Freund getan.. Aber es machte sich nicht. Das arme reiche, vornehme Kind hatte zu früh hinter die Kulissen des Lebens geblickt, und war nun auch gegen dje Kameraden mißtrauisch ge- wocden. Er wurde es inrmer mehr, je mehr er zu bemerken glaubte, daß ihm die wenigst netten darunter am meisten entgegenkamen, während, so ihm ani besten gefielen, sich zurttckhielten; je mehr er begreifen lernte, daß, ob auch seiner Persönlichkeit noch manches Wünschenswerte ermangelte, doch so ziemlich ein jeder für die Worteile eines Verkehrs mit dem jungen von Dörrenbach empfänglich schien. Und wieder am meisten dabei betrübte ihn die alte Erfahrung, daß inan das gar nicht so fatal, vielmehr in der Ordnung zu findeu schien, wie denn auch, was er tat oder unterließ, gutgeheißen wurde, während ein anderer! unter den gleichen Verhältnissen, d. h. den gleichen Leistungen ziemlich scharf in die Schere genommen ward. So hatte sich Asmus, fast ein Mabe noch, angeekelt von denk Treiben nm ihn her, auf sich beschränken gelernt, und ent- schlossen, selbst tüchtig zu iverdeu. Er hatte dann ein aus- gezeichnetes Maturitätsexamen gemacht und ivar später in einem der ausgezeichnetsten Kavallerie-Regimenter eingetreten. Geiviß, das Benehmen, die Manieren, das ganze Auftreten und Können des jungen Offiziers waren tadellos., Tarin standen ihm die anderen Kameraden nicht nach. Vielmehr — neidlos und kritisch auch gegen sich selbst, erkannte, das Asmus an — vielmehr stand mancher darunter in manch anderen Dingen über ihm. Denn, ob er auch den


