Ausgabe 
15.9.1904
 
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vervielfacht haben, endlich wieder zu sehen. Natürlich bummelt er auch anderen Tags die Friedrichstraße hinaus zu denLinden", auf denen sich^in diesen Wachten ganz Deutschland, soweit es sich der Manufaktur verschrieben hat, ein Rendezvous gibt. Es sind nämlich die Einkauftage für die Wintersaison, denen sich mehr oder minder flotte Abende im Wintergarten, Zirms, Metropoltheater mtb an noch vergnügteren Orten als Entschädigung für des Tages Mühen anschließen. Füp den Onkel aus Paderborn oder Neutomischel ist da natürlich alles neu und sehenswert, wenn er auch manchmal so tut, als sei er ein ebenso blasierter Globetrotter wie der Engländer, den er beim! Hoskondttor Manzler an der Lindenecke sitzen und gähnen sieht, als wolle er jetzt gerade das Brandenburger Dop verschlucken. Der heimgekehrte Spreeathener findet alles beim alten; aber die Dinge haben während seiner Ab­wesenheit neue Reize für ihn bekominen. Er bleibt wie der Reutomischler an den Schäufenstern stehen, bewundert bei Barbcdienne aus Paris die Bronzen und die Blumen­pracht bei Schmidt aus Erfurt, lugt durch die blinkenden Scheiben bei Hiller und konstatiert weiterhin au einet« Modemagazin der jeneusse dorse vergnügt, daß die Steh­kragen im .September wieder tun zwei Zentimeter höher geworden find und man aus den ausgelegten Exemplaren taiuii noch mit der Nasenspitze herausragen dürfte. Wie ein leiser Regen einfetzt, sieht er sich wie immer nach einem Omnibus Um und findet ihn auch Ivie -ehemals in solchen Momenten überfüllt. Mit der einzigen Straßen­bahnlinie, die die Linden kreuzt, geht's ihm selbstverständlich nicht besser, u nd seufzend erkennt er, daß auch fein schönes Berlin im Regen ttichi gerade ein Paradies ist. Glück­licherweise findet sich! eines der jetzt glänzend florierenden! Automaten-Restaurattts in der Nähe, wo man für einen Nickel Bier oder Kaffee, sogar ein Gläschpn Madeira und ein Plätzchen bekommt, das matt egoistisch festhält, bis dep Regen nachläßt. In der Leipziger Straße ist auch noch alles wie ehedem. Ein paar neue Bauzäune sind errichtet und bringen in das lebhafte Bild des Verkehrs ein paar Ruhepunkte. Mn diesen Stellen staut sich! nämlich die Menge, wenn Lastwagen, Droschken und Omnibusse nicht gestatten, nach dem Fahrwege auszubiegen. Mer kur zvor Wiert- heim stockt das Gewoge gleichfalls und dort ist kein Bau­zaun zu sehen. Kopf an Kops steht die Menge vor den strahlend erleuchteten Schäufenstern und kann sich anschei­nend nicht satt schälten. Dabei sind alle Stände in diesem dicht gedrängten Trüpplein vertreten, das von den Auf- ficht führenden Schutzleuten äußerst höflich behandelt wird. Offiziere mit dem unvermeidliche Monocle im Auge, Damen der Aristokratie, die eigens ihr Koupee halten lassem um aus eine Minute hinüber zu treten und einen Blick aus die Auslage zu werfen: Börsenbarone und Klein­bürger, Arbeiter im Wvrkelrleid, schmucke Dienstmädchen mit weißen Schürzen, Streichholzperkäuferinnen, Gym­nasiasten und vor allen Dingen: höhere Tochter! Es ist das Schaufenster eines unserer Hofphotographen, der ein paar Aufnahmen des Kronprinzen und seiner jungen Braut Eecilie ausgestellt hat. Und die Wahl unseres Thronerben wird da, zumal von den BackfischchM, mit drolliger Ge­wissenhaftigkeit nachgeprüst. Wie tapfer übrigens unsere Pädagogen schon an der Arbeit sind, das Mecklenburgtschje Fürstenkind populär zu machen, erkennt man aus derAb- sicht, eine unfeper höheren Töchterschulen demnächstCe- cilienschule" zu taufen!

Was Berlin sonst noch bewegt in der Vorsaison; ist natürlich Hans, bas denkende Pferd, um das die Mein­ungen gewaltig auseinandergehen. Trotz aller aus Fach­leuten gebildeten Prüfungskommissionen gibt eS' einst Partei, die vonGeist nicht eine Spur" sehen will und an Professor Zöllner und seine vierte Dtmiestsion damals er­innert. Mcht gerade unklug äußerte sich mein Rosselenker, dem ich! mich! abends znd Fahrt nach dem Apollotheater anvertraute, über die brennende Frage, indem er sagte: Wenn schpn, und et soll so sinh, denn sind die ollen -Zossen ja Ville Heller als wir! Denn wat so die richtige Pserdesprache is, da find- doch die ält'steii Leite bis heile noch nich daphinter jekommen un so'n achtjähriges Luder hat unfern janzen deitschen Quatsch! weg? Un kann Lesser rechnen wie Mine Olle, die janz jewiß nich uff'n Kopp jefallen is? Da weeß miet Loch! wirklich nich!" Ich überließ ihn seinen tiefsinnigen steherletzungen und sah mir an der Stätte der heiteren Muse die lustige Parodie

an, die Steidl und Kettner aus der Affäre des klugen Hans gewonnen Habern Es ist eine brillante Nummer, und wenn das Pseudopferd auf die Frage, wer denn gestern von der Hofgesellschaft in der Vorstellung gewesen sei, energisch mit dem Schwänze perpendickelt und sein Statt- meister darauf zufrieden erklärt:Ganz richtig, lieber Hans, der Herr von Wedel!" dann bleibtooch keen Ooge brocken"! wie der Berliner in seinem- schönen Jargon zu sagen pflegt! A. R.

Fachmann und Jurist.

Frei nackt Tr. Lieber.

Ter schönste Stand aus Erden Ist des Juristen Stand. 9hir er kann etwas" werden Im deutschen Vaterland.

Zum Ehe? wird stets erkoren In Teutschland der Jurist.

Er ist dazu geboren, Weil er nickt Fachmann ist.

Nur er erkennt die Wahrheit, Er ist darin geübt, Weil seines Geistes Klarheit Fachwissen nicht getrübt.

Es ist allein gcscheidte In Teutschland der Jurist, Weil ihm des Blickes Weite Ja angeboren ist.

Im Laudwirtschaftsvereine Ist stets er Präsident, Weil er die Mutterschweine Nicht von den Ebern kennt.

Es küret auch die Stiere

In Deutschland der Jurist, Weil in Bezug aus Tiere

Er Fachmann ja nicht ist.

Es ist darum nur Logik, Wenn er die Schul' regiert, Weil ihn die Pädagogik Nicht sonderlich geniert.

Es kann die Schul' nur leiten In Teutschland der Jurist, Weil er des Blicks, des weitest, Mlein teilhaftig.ist.

In der Gesundheitspflege Er an der Spitze ststht, Tieweil er allerwege Davon nicht viel versteht.

Sie leiten kann alleine In Teutschland ein Jurist, Weil wirklich winzig kleine Sein ärztlich Wissen ist.

Auch von der Homiletik Versteht er niast die Spur.

Von Kirchenrecht und Ethik Kennt er den Namen nur.

Im Kirchenrat drum immer Ist Präses der Jurist, Weil er nicht einen Schimmer Bon Exeges' genießt.

Ob Hoch-, .ob Niederwaldung, Bon ihm wird's dekretiert. Weil auch die Forstverwaltung Er niemals hat smdiert.

Im Walde die Unitriebszeiten Bestimmet der Jurist, Weil darin auch bescheiden Sein fachlich Wissen ist.

Tie Kunst der Ingenieure Hat niemals er kapiert, Er ist es drum, man höre, Der Bahnen projektiert.

ga Bahnen zu tracieren ersteht nur der Jurist, Weil er im Nivellieren Durchaus nicht Fachmann ist.

Im Zollfach zum Direktor, Wird- der Jurist keriert.

Ter Zöllner bleibt Inspektor, .

Weil er das Fach studiert.

Der Fachmann, der darf raten, Beschließen der Jurist, Weil frei er von dem Schaden, Zu vielen WifschiK ift-