Ausgabe 
15.8.1904
 
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Die Geschichte jenes Reisenden ist bekannt, .bet Deutschland kennen lernen wollte und, als er eben vom Schiffe gestiegen war von einem rothaarigen Kellner bedient wurde, der stotterte. Sofort schrieb er in sein Notizbuch:In Deutschland sind die Kellner rothaarig und stottern". Nach diesem Muster könnte der Fremde, der einige Wochen in Amerika weilt, berichten: hier besteht die Musik aus zwei Märschen und drei Kouplets.

Alle Orchester spielen immer wieder diese fünf Melodieen, die vom musikalischen Standpunkte aus betrachtet, überhaupt keine Melodien sind, jeder Phonograph schnarrt sie, jedes Pia- nola leiert sie, jeder Straßenjunge pfeift sie, jedes kleine Mäd­chen martert damit das Klavier, und die Heilsarmee singt nach ihren Klängen heilige Texte. Tas merkwürdigste aber bleibt, daß es nicht einen Menschen gibt, der nicht, wenn er sie eben zum tausendstenmal gehört hat, den betreffenden Musikanten herzlichst bäte, sie zum tausend und erstenmal vorzuspiclen. In dieser Art liebt der Yankee also wirklich Musik. Mehr aber noch liebt sie der Neger. In den Negervierteln gibt es an den Abenden säst kein Haus, .ans dem . nicht schrille, grelle Musik ertönte, und auch in der Weltausstellung kann man beobachten, daß bei allen musikalischen Vorführungen sich in der äußersten Me einige Neger scheu herumdrücken. Tenn selbstverständlich wagt es der Neger nicht, .sich neben den Weißen zu setzen. Er ist ein unterdriicktes und untergeordnetes Wesen geblieben bis auf den heutigen Tag.

Tas ist der schlimmste Vorwurf, den man der sonst wirklich ehrlichen Regierung der Vereinigten Staaten machen muß, daß sie die in der Verfassung vorgeseheneGleichheit jedes Bürgers mit Füßen tritt. Tie schmähliche Einrichtung der Sklaverei ist zwar vor 40 Jahren abgeschafft, gber die Neger sind darum nicht etwafrei" geworden. In den Nordstaaten find die Zu­stände zwar nm eine geringe Nüance besser, aber in den Süd­staaten darf noch heute kein Neger in dasselbe Restaurant gehen, in dem Weiße verkehren, er darf sich auf der Straßenbahn nicht etwa neben einen Weißen setzen und wird bei Eisenbahnfahrten in einen besonderen viehwagenäbnlichen Raum gesperrt. Tas bezieht sich nicht etwa nur auf den Vollblutnigger, sondern auf leben, in dessen Stammbaum ein farbiger Urahne zu finden ist. Und wenn der unglückliche Abkömmling auch schon die sechste oder achte Generation bildet. Ter Europäer vermag solche Misch­linge durchaus nicht mehr von den Weißen zu unterscheiden, aber daS geübte Auge des Amerikaners erkennt sie sofort, und ein Weißer würde z. B. um keinen Preis der Welt mit einem solchen Menschen in einem Hause zusammen wohnen. Sie sind und bleiben eben Parias'.

Tie Weltausstellung in St. Louis hat den Zweck, die Völker des Erdballs einander näher.zu bringen und zwischen ihnen eine immer wachsende Verständigung zu erzielen. Tie Amerikaner hätten - gar nicht nötig gehabt, .zu diesem Zwecke in die Ferne zu schweifen und die europäischen Nationen einzuladen. Sie haben im eigenen Lande das arme Negervolk, das ihre Gewinn- strcht aus der fernen Heimat gewaltsam hierher geschleppt hat. Es hätte viel näher gelegen, den Versuch zu unternehmen, diesen Bürgern eines freien Landes" ihre kümmerlichsten Menschen­rechte einzuräumen. Tas wäre eine würdige Tat sür das Volk gewesen, .das am letzten amerikanischen Nationalfeiertage von einem der Redner in der Weltausstellungshalle als die ^»Gesamt­heit der besten lebenden Menschen" bezeichnet wurde. . . .

Jahresbericht des Gießener Mrschutzvercins für das Jahr 1903/04

Ter Ausschuß hielt im Hotel' Kaiserhof an den nachstehenden Tagen Sitzungen ab: am 30. .Juni, 2. November, 8. Dezember und 17. Mai. Besucht waren sie durchschnittlich von 51,25 Pro­zent der Mitglieder; entschuldigt fehlten 10 Prozent. Ein Ver­gleichen dieser Zahlen mit den entsprechenden Durchschnittszahlen des Jahres 1902/03 ergibt ein Mehr von 10,25 Prozent sür 1903/04. Ties erfreuliche Ergebnis sei hervorgehoben als ein Zeichen erhöhten Interesses seitens des Ausschusses.

Zu Anfang des Jahres 1903/04 betrug die Mitgliederzahl unseres Vereins 364. Im Laufe des Jahres traten aus oder schieden durch Wegzug oder durch den Tod 16 Mitglieder aus. Tagegen traten 148 Personen in den Verein ein, sodaß der End­bestand 496 Mitglieder bildete. Unsere Hoffnung, offene Ohren und reichende Hände werden sich noch finden lassen für unsere gerechte Sache ist somit nicht zu schänden geworden. Ein schöner Erfolg war der Mühe Lohn. Zu neuer Arbeit sporne er uns an. .Noch gibt es viele feinfühlende Bürger in Gießen, die ihre Anmeldung, trotz des geringen Beitrags von nur 1 Mk., 'unfern: Borsitzenden, Rektor Hahn, .oder einem der Vorstands­mitglieder nicht zustelle,r. Lasset uns an ihre Türe klopfen, an ihre Herzen pochen, nmnch einer wird dem Borbilde der edlen 148 folgen, zumal, wenn wir sie aufklären über unsere Bestrebungen: Besserung des Loses der Tierwelt zum Heile der Menschheit.

Eine Äenderung trat im Ausschuß dadurch ein, daß sein

langjähriges Mitglied Lehrer Lehr, eine Wiederwahl entschieden abgelehnt hatte. Für ihn wurde Rentner D. Heil gewählt. Außer­dem wurde nock) Ehr. Petri V. durch Kooptation ausgenommen.

Ten Mitgliedern des Preßausschusses stellte der Vorsitzende die eingelaufencn Zeitschriften, Jahresberichte und Flugblätter zu mit dem Ersuchen sie zu lesen und später kurz oder auch in längerem Vortrage wichtige Artikel oder wertvolle Auffätze zur Kenntnis des Ausschusses zu bringen. Bereitwillig unterzogen sich die Herren dieser Aufgabe. Hierdurch wirkten sie anregend.

Im Lause des Jahres wurden drei Vorträge gehalten. Lehrer Fritzel sprach über die hauptsächlichsten Ursachen der Tierquälerei und deren Bekämpfung, sowie über den Storch. Rektor Hahn stellte allgemeine Betrachtungen über Tierschutz an.

Ten Bericht über die eingereichten Tierschutzkalendcr für das Jahr 1904 erstattete Lehrer Fritzel. Als .die weitaus besten be­zeichnete er den Kalender des Berliner Tierschutzvereins und den Kalender vom Verbände der Tierschutzvereins des Deut­schen Reiches. Daraufhin bezogen wir von .ersterem 1350, von letzterem 2430, insgesamt 3780 Exemplare. Von jenen erhielt das Gymnasium 150 das Realgymnasium und die Realschule 400 nnd die Oberklassen der Knaben- und Mädchenschule 800. Tie 2430 Verbandskalender wurden der Höheren und Erweiterten Mädchenschule, den Mittel- und Unterklassen der Volksschule und den Mitgliedern zugewiesen. , .

Wie in den Vorjahren, .so kamen auch diesmal Prämien zur Verteilung an Gendarmen und Schutzleute für Anzeigen über Tierquälereien, die die Bestrafung der Schuldigen herber­führten. Die Gendarmerie wurde mit 50, die Schutzmannschaft mit 100 Mk. bedacht. Tank sei ihnen gesagt sür ihre Wachsam­keit, ihreii Vorgesetzten für ihr Entgegenkommen. m

Für treue Pflege seines Zughundes gewährte man I. Noll eine Prämie von 10 Mark.

Was den Vogelschutz betrifft, so arbeiteten wir auch im ver­flossenen Winter in der bewährten Weise. Gewissenhaft versah der Bereinsdiener bei Frost und 'Schnee unsere Futterbretter und Futterhäuschen reichlich mit Futter. Verfüttert wurden 5 Zentner 30 Pfund Vogelsutter im Betrage von 100.10 Mark. Ebenso warmherzig nahmen sich viele Bürger Gießens der dar­benden Oogelwelt an, was wir danKar hervorheben.

Mit den Rainen und Steinen, den Statten dichten Buschtoerks, verschwinden die Nistplätze mehr .und mehr von den Feldern. Sw zu ersetzen, bezogen wir aus der Fabrik.üon Berlep scher Nist­kästen zu Büren i. W., Inhaber H. Scheid, 40 Stuck Nisthöhlen A und 20 Stück Nisthöhlen F, sowie sowie von R. Kutzer dahier 40 Nistkästen für Meisen und 50 sür Rotschwänzchen, insgesamt 150 Nistkästen im Betrage von 124.60 Mark. Teils hängen sie in den Anlagen Gießens, teils in den Gärten fe iger Private, denen sie unentgeltlich überlassen wurden. Ein Versuch mit Nist­kästen aus Kork mißlang. Nach Aussage eines zuverlässigen Beobachters zerstörten sie Spechte in kurzer Zeit nut starken

Am 17. Mai verlas der Rechner, Prokurist WM, die Rechnung. Hiernach betrugen die Einnahmen 1323.32 Mk., dw Ausgaben 1310.65 Mk. Tas Vereinsvermögen betrug am » Mar 1904 2624.53 Mk. Tie Rechnung wurde vom Hauptlehrer Knauß und Lehrer Fritzel geprüft und richtig .befunden.

Leider entzog uns diesmal die hiesige Sparkasse das nam­hafte Geschenk voll 100 Mk., was um so bedauerlicher ist, da doch die Tätigkeit des Tierschutzvereins an der Wohlfahrt von Stadt und Land gleichviel mitarbeitet.

Wer unser Tun unterstützte und förderte, .dem sagen imr Tank: insbesondere auch den auswärtigen Vereinen, die uns ihre Jahresberichte, Zeitschriften und Flugblätter zustellten. Wahl­spruch aber für'8 neue Jahr fei uns die Mahnung Lamartine s:

Ihr sollt selbst mit den Tieren Freundschaft schließen;

Ter sie erschuf, will, daß der Mensch sie liebe;

Versüßt ihr Los und lernt ihr Wesen kennen!"

Georg Straub.

Homogramm.

Nachdruck verboten,

e e @

e 9 1. Tischgerät.

9 9 9 9 9 8. Deutscher Schriftsteller.

9 9 9 9 9 8. Weiblicher Vorname.

9 9 9

Die Buchstaben A A A, B B B B, E E E E E, G G, L L R R, S S, T sind nach dem Muster obiger Figur derart zu ordnen, daß die drei ivagerechten Reihen gleichlautend mit den drei senk­rechten sind und Wörter von beigefügter Bedeutung ergeben.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung der Geheimschrift in vor. Nr.: Heu, Uhu, Rot, Don, See, Tag, Alt, Gau, Eva, Hundstage.

Redaktion: August Goetz. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.