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WettaitsstEimgsöriefe.
Von Paul Gartmann. (Nachdruck verboten.) (Schluß.)
10. ,Die Regierung der Vereinigten Staaten und die Weltausstellung.
Korruption der Behörden. — Die Stadtverordneten von St. Louis. — Die Bundesregierung. — Das Gebäude der Regierung in der Weltausstellung. — Ein Muster-Postamt. — Die Liebe des Amerikaners zur Musik. — Die Negerfrage.
Es ist eine offenkundige Tatsache, daß in den Vereinigten Staaten ..vieles faul" ist. .Im politischen Leben herrscht eine beispiellose Korruption, jmi> in den meisten lokalen Behörden und Verwaltungen spielen Unterschleife und Bestechungen die Hauptrolle. Unzählige Bürgermeister scheiden nach Ablauf ihrer Ämtsperiode merkwürdig prel reicher aus dem Dienst, als sie ihn angetreten haben. Dennoch passiert ihnen eigentlich dabei nie ein Mißgeschick, .ixt man hier allgemein den Grundsatz hat, nur die kleinen Diebe zu hängen. Es ist sehr bezeichnend, haß augenblicklich der junge Staatsanwalt Folk, der hier in St. Louis amtiert, deshalb eine berühmte Größe geworden ist, weil er es zum ersten Male gewagt hat, die freche Betrügerei der städtischen Behörden zu, entlarven. Tie Majorität der Stadt- verordneten-Versammlung .hatte seit vielen Jahren ein Konsortium gebildet, .das bei Lieferungsverträgen und anderen Abschlüssen den interessierten Personen seine Stimmen verkaufte. Man hatte eine ganz.feite Preisliste und der ..Obmann" war bevollmächtigt, ,auf Grund der hierin genau festgestellten Bedingungen Abschlüsse zu machen. Natürlich gerieten sich allmählich diese sauberen Stadtväter bei der Verteilung des ergaunerten Geldes gegenseitig in die Haare, und so hat es der genannte Staatsanwalt ziemlich leicht, das Belastungsmaterial zusammen zu bringen. Aber dieses Vorgehen bildet, wie schon erwähnt, .eine Ausnahme, die im ganzen Lande Aufsehen erregt. Sonst sind die Taschen der Gerichtsbeamten ebenso weit wie die Gewissen. . . Tie Theater-Besitzer, durch deren schimpfliche Gewissenlosigkeit beim Brande des Jroquoistheaters in Chicago fast .tausend Menschenleben vernichtet wurden, sind schließlich ebenso straffrei ausgegangen wie jetzt die Schuldigen der schrecklichen Newyorker Dampfer - Katastrophe, bei denen schmutzige Habgier und erbärmlichste Feigheit miteinander wetteiferten.
Aber in diesem Chaos gibt es doch einen festen Punkt. Tas ist die Bundesregierung der Vereinigten Staaten selbst. Was „Onkel Sam" in die Hand nimmt, geht uneMttlich ehrlich zu. Das weiß auch jeder Bürger. Und selbst die größten Trustgauner, die für alles, was sich Polizei und Gericht nennt, nur ein Lächeln übrig .haben, weil es sich doch nur um die von ihnen bezahlten Kreaturen handelt, wagen es nicht, hie bekannte Bewegung mit Daumen und Zeigefinger zu machen, wenn die Bundesbehörden in Washington in Betracht kommen.
Auf ihre pekuniäres und moralisches Eingreifen ist auch eigentlich das Zustandekommen der Weltausstellung zurückzuführen, die ohne diese Hilfe wegen des Mangels an Geld und des fehlenden Jnteresfes der europäischen Großmächte wohl kaum jemals ihre Pforten geöffnet hätte. Aber die Anhänger der „republikanischen" Partei die zurzeit alle Regierungsämter in Händen haben, wollten sich in dem sonst stets „demokratisch" wählenden Staate Missouri, dessen Hauptstadt St. Louis ist, gerne Freunde schaffen. Tas wird leicht begreiflich, wenn man erwägt, daß in wenigen Monaten die Präsidententvahl stattfindet. So gab man denn aus den Bundeskassen nicht nur ein Geschenk von 21 Millionen Mark für die Ausstellung, sondern man bewilligte ihr auch noch, als sie sich .in einer bösen Klemme befand, eine „Anleihe" in annähernd derselben Höhe. Fast noch wichtiger war jedoch, daß durch diese Stellungnahme die auswärtigen Mächte zur Beteiligung an der Ausstellung veranlaßt wurden, weil sie damit der Regierung der großen nordamerikanischen Republik einen Freund- schastsdienst zu erweisen dachten. So ist 'ja auch die Teilnahme Deutschlands lediglich auf politische Interessen zurückzuführen.
Tie Regierung der Vereinigten Staaten hat aber noch mehr getan. Sie hat an einer günstigen Stelle des Geländes em eigenes großes Haus errichtet, .das durch die reiche Fülle der darin ausgestellten belehrenden und unterhaltenden Einzelheiten zu den besten und sehenswertesten der ganzen Ausstellung gehört. Hier befindet sich z. B. das große Postamt, das dem gesamten Briefverkehr des ganzen Ausstellungsterrains dient. Es ist als Musteranstalt eingerichtet und kann durch ein Trahtgitter von allen Seiten besichtigt werden. Sobald die Briefe hereinkommen, werden sie von halbwüchsigen Jungen so gelegt, daß sich die Marken stets in der oberen rechten Ecke befinden. Tann werden sie in großen Mengen in eine Maschine getan, die sie mit unbeschreiblicher Geschwindigkeit abstempelt. Sofort nehmen sie zwei Beamte in Empfang, die sie in eine große Anzahl von Säcken verteilen, die in einem eigens hierfür bestimmten Gestell aufgehänat sind. Sobald diese Arbeit vollendet ist, werden die Säcke geschlossen, .und wandern auf verschiedenen Wegen ihren Bestimmungsorten zu. Ihr weiteres Schicksal kann man dann in Keinen kinematographischen Apparaten betrachten. Einer von diesen zeigt z. B. .die Beförderung mittels elektrisch betriebener Wagen, die auf den Straßenbahnschienen laufen. Sie sind auch hier in St. Louis in Betrieb, wo man sie alle Tage sehen kann. Es find große, mit Sortiervorrichtungen versehene Waggons, die quer durch die ganze Stadt fahren. An jeder dritten oder vierten Straßenecke werden sie von den Boten der nahe gelegenen Postämter erwartet, die die von diesen gesammelten Briefe hineinwerfen und die für ihren Bezirk bestimmten in Empfang nehmen. .
Viel betrachtet wird auch die dicht neben diesem Postamt untergebrachte Sammlung des Inhaltes der „dead letters", also der unbestellbaren Postsendungen. Ein ganzes Museuni der verschiedensten Waren ist 'hier zusammengetragen. Neben kostbaren Schmuckstücken, .Brillantringen und schönen alten Miniaturen finden sich auch einige Maiskolben und — eine große Kokosnuß. Tas spitzengeschmückte Korsett einer vornehinen Weltdame ist hier einer verbeulten Kindertrompete benachbart und zwischen beiden hockt trübselig .ein Keines Majolika-Karnickel. Ob sein Absender es hier .findet und wiedererkennt?! Aber Luch kleine Kontrebande findet sich unter diesen „dead letters". So einige Paar seidene Tamenstrümpfe, die zum Zwecke der Zollersparnis zwischen den einzelnen Blättern einer aus Frankreich hergeschickten „Drucksache" verborgen waren. Aber trotz aller Vorsicht wurden sie doch entdeckt, .und prangen nun hier als warnendes Beispiel. — Onkel Sam versteht eben keinen Spaß.
Davon zeugen auch die anderen Ausstellungsobjekte im Regierungsgebäude. So die Maßregeln für eine hygienische Flfischbeschau, die vorzüglich ausgebildeten Einrichtungen der amerikanischen Kriegsschiffe und Arbeitsorganisationen aller Ministerien. Auch für die Belehrung des Publikums ist hier mancherlei getan, und an jedem Nachmittag.findet in einem größeren Hörsaal ein Experimental-Bortrag über das neueste Element, das Radium, statt. Diese Vorträge sind immer überfüllt, !vie überhaupt dieses Gebäude die stärkste Frequenz aufzuweisen hat. Es weiß eben jeder daß alles, was die Regierung unternimmt, aut und gediegen ist. — Sonst sieht es in vielen Gebäuden häufig sehr leer aus und die Verkäufer schauen sich fehnsüchttg nach irgend einem verirrten Lämmlein um, dem sie ihre Waren vorführen können. Wenn sie aber irgend ivelche Apparate besitzen, die Lärm machen, dann ändert sich sofort das Bild. Sobald im „Gebäude für freie Künste" die dort ausgestellten Riesenphonographen ihre Täfigkeit beginnen, dann ergießt sich sofort eine wahre Völkerwanderung dorthin. Gewöhnlich kreischen mehrere dieser männermordenden Maschinen durcheinander. Eine singt, eine rezitiert, eine dritte ahmt ein ganzes Orchester nach Jede hat einen gewaltigen Schalltrichter und tut ihr möglichstes, um den benachbarten Konkurrenten zu übertönen. Jeder Kulturmensch ergreist die Flucht. Mer die Amerikaner gruppieren sich in großen Scharen um das gewalttäsigste Marterwerkzeug. Sie setzen sich auf Treppenstufen und Geländer und hören mit andächtig-feierlichen Gesichtern dieselben zwei Märsche und drei Kouplets, die sie im letzten Jahre jeden Tag ein Tutzendmal gehört haben.
Leute, so lange sie nicht gerade unverschämt werden, nehmen, was sie brauchen. I bitt Sie, ob da ein paar Dutzend Hühner mehr oder weniger Herumlaufen, bleibt sich doch gleich — 's wachst ja alles wieder reichlich nach" „Wenn sie mich darum bäten, würde ich ihnen auch ganz gern einmal eins schenken", entgegnete Frau von Höchstfeld ganz erregt, „aber bestehlen lasse ich mich nicht!" „Jessas nein, ein einziges Händerl, das ist doch kein
Diebstahl?" meinte die Gräfin begütigend.
„Doch", beharrte Frau von Höchstfeld, „Diebstahl bleibt Diebstahl, ob es sich um Großes oder um Kleines handelt, darüber urteile ich strenger."
„Das merk i", entgegnete die Gräfin.
„Und ich habe auch alle Ursache dazu", ereiferte sich Frau von Höchstseld immer mehr, „da wir unter der Böswilligkeit der Leute geradezu zu leiden haben. Denken Sie nur, aus lauter Niedertracht bringen sre mir die Eier Unverkauft aus der Stadt zurück!"
„Na, dann haben Sie sich wieder einmal ganz ohne Grund geärgert und den armen Leuten Unrecht 'tan", llärte sie Gräfin Stepenaz auf, „denn Nistovce ist! gar kein' eigentliche Stadt, sondern nur ein kleiner, unansehnlicher Marktflecken, wo ein jeder seine Kuh hat, die ihm die nötige Milch liefert, und seine Hühner, die ihn reichlich mit Eiern versorgen — dort was verkaufen z'wollen, ist also ganz unmöglich."
„Ja, was soll ich denn dann mit dem vielen Geflügel und mit den Eiern anfangen?" fragte Frau von Höchstfeld ganz ratlos.
„Deshalb lassen wir ja eben die Leute nehmen, was Se brauchen", entgegnete die Gräfin, „so viel, wie fürs aus nötig ist, bleibt immer Noch übrig.!"
(Fortsetzung folgt.)


