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Diesen völlig ungerechtfertigten und abscheulichen Vorwurf hattest Du Dir ersvaren können!"
»Ich habe es doch gar nicht so bös gemeint", lenkt« Erna kleinlaut ein.
„Dann überlege künftig, was Du sprichst", riet ihr der Bruder, „denn wenn ich auch weiß, daß Du eine kleine, alberne Urschel bist, der man schon eine gehörige Portion Dummheit zu gute halten muß, so habe ich Dich doch stets lieb gehabt, und deshalb schmerzt es mich, wenn Du Dich auch unüberlegt und ohne etwas böses dabei zu denken zu solch beleidigendem Vorwurf hinreißen läßt — solch ein Gedanke durfte Dir doch überhaupt nie kommen!"
Erna stand ganz zerknirscht da und kämpfte vergebens gegen die aufsteigenden Tränen au.
„Nun, nimm es Dir nur nicht zu sehr zu Herzen", mußte er sie jetzt sogar noch beruhigen — versprich mir, von nun an gesetzter sein zu wollen und den Eltern den Kopf nrcht noch heißer zu machen, dann ist alles wieder gut."
„Du sollst gewiß keinen Grund mehr zu einer Klage haben" gelobte sie feierlich, „hier hast Du meine Hand zum Pfände, daß ich mich fortan genau so betragen werde, wre es sich für eine junge Dame unseres Standes gehört."
Er reichte ihr vom Pferde, das ihm mittlerweile vor- gefuhrt worden war, die Hand und sprengte dann, ein ungläubiges Lächeln auf den Lippen, davon.
Sobald er zum Tore hinaus war, machte Erna einest gar nicht standesgemäßen Luftsprung und stürzte nach der Rumpelkammer, m deren dunkelstem Winkel sie ihren Schwimmanzug vor den Argusaugen der Mama verborgen
Einen Moment fiel ihr das eben gegebene Versprechen em, dann aber sagte sie sich- daß auch andere junge Damen dem Schwimmsport huldigten,, daß dieser somit an und i unschicklich sein könne. Freilich- jene taten es
ja allerdings nur in den zu diesem Zweck errichteten, streng abgeschlossenen Anstalten; da aber hier eine solche nicht existierte und wobl auch nie existieren würde, so war es von Mama entschieden bitter unrecht, sie zeitlebens in die Badewanne verbannen zu wollen.
Das hätte noch einen Sinn gehabt, wenn je jemand an den Ufern entlang gegangen wäre, aber seit ihrer ver- unglückten Kahnpartie hatte sie dort nie wieder eine mensch- liche Seele erblickt. Und wäre wirklich das kaum Annehm- bare emgetroffen konnte sie sich da nicht mit Leichtigkeit im Schilf vor indiskreten Blicken verbergen?
„. "dlch was, ich weiß doch schließlich auch, was sich
! setzte sie ihrem nicht ganz reinen Gewissen als
" Trumpf vor, entledigte sich rasch ihrer Kleider, schlupfte in den Schwimmanzug, zog die Kleider wieder darüber und huschte wie eine Katze zum Hause hinaus.
Kurz darauf fuhr Gräfin Stepenaz mit Ljubiza und eskortiert von Erich, der sie auf dem Wege getroffen hatte, am Gutshof vor. ' '
Er geleitete die Damen in den Salon und bat um Entschuldigung, um Mutter und Schwester herbeizurufen.
Das war aber leichter versprochen als gehalten, denü von Erna war natürlich keine Spur zu entdecken, und Mama
fonberBarcrtoeffe auch absolut unauffindbar. Da er schließlich die Gaste nicht noch länger allein lassen konnte, pav er den Auftrag zum weiteren Suchen und kehrte entschuldigend in den Salon zurück.
„Wissen & was, Herr von Höchstfeld", schlug ihm die Gräfin vor, „zeigen S' uns derweil den berühmten Hühnerpalast, von dem schon das ganze Komitat spricht/'
„Man tut Mama unrecht, sich deshalb über sie lustig zu machen", protestierte Erich ernst, „denn sie hat wirklich die besten Absichten."
Die Gräfin lachte hell auf.
„Ach was denn nit noch, wer macht sich denn lustig'" meinte sie heiter, „aber, daß wir so etwas komisch finden, kann man Uns doch wirklich nit verargen — es ist und vleibt doch einmal g'spaßig. Und nun kommen S' und machen S' uns den Eicerone."
Im ALgehen drückte ihm Ljubiza die Hand.
„Es ist schön von Ihnen, daß Sie sich Ihrer Fran Mama so warm annehmen", sagte sie schlicht.
Die Gräfin^ die alles sah und hörte, wandte sich schnell um. ' '
,,, vielleicht, daß mir daS von ihm nit auch
g'fallt? fragte sie ,anz gekränkt, und Erich gleichfalls
dre, Hand gebend, fugte sie mehr aufrichtig als klug hinzu: „Sre sind überhaupt ein Mordskerl, schad, daß nit Ihre ganze Familie a so ist." '
, "Was an mir liegt, soll gewiß zu ihrer Besserung geschehen", versicherte Erich mit leichtem Spott.
„Jessas na. Sie werden doch nit auch gleich den Ge- schwollenen spielen, und ein' Scherz nit verstehen", rief die ^rafm. erstaunt. „Weiß Gott, dann hätt i mich in Ihnen gründlich g'tauscht."
„Nein, nein, Frau Gräfin", beruhigte sie Erich lachend, „Sre haben sich nicht getäuscht, und rch werde mir wirklich ernstliche Mühe geben, dafür zu sorgen, daß Vater und Mutter Sie und die Ihrigen auch fo gut verstehen wie ich."
„Endlich einmal ein vernünftiges Wort", sagte die Gräfin aufatmend, „dafür verdienten S' eigentlich einen Kuß, und wenn ich noch in denr Alter meiner Kleinen wär' sollten S'ihn auch gleich kriegen."
„Befiehlst Du vielleicht, daß ich für Dich einsprinqe?" fragte Ljubiza keck.
Die Mutter drohte ihr mit dem Finger.
„Nein, nein, das ist gar nit nötig", meinte sie, „er wird sich schon mit dem guten Willen zufrieden geben müssen."
Erich war es Bet Ljubizas Vorschlag gantz. heiß geworden, und am liebsten hätte er sie auf der Stelle an sich gerissen; als wohlerzogener junger Mann verstand er es wdoch, seine überfchäumendeu Gefühle zu bemeistern, und sich über der Gräfin Hand beugend, bat er mit erzwungener Bescheidenheit:
„Zum Ersatz gestatten Sie mir wohl, Ihnen die Hände zu küssen."
„Das sei Ihnen in Gnaden erlaubt, und der Kleinen dürfen Sie's für Ihren guten Willen auch tun — aber, das bitt t mir aus, nit auf die Handschuh, denn das würde ja nur irgend einem Azorl oder sonstigen toten Vicherl und nit uns gelten."
So im scherzenden Gespräch dahinwandernd, kam man zu dem Geflügelhof, in dessen Tür der Schlüssel steckte. „Mama scheint also hier zu sein", meinte Erich, und unwillkürlich entschlüpfte es ihm, „ich begreife gar nicht, wie mir der Gedanke nicht sofort kam."
Als er nun aufklinken wollte, ertönte von innen eitt energisches:
„Draußen bleiben!"
„Manu, was soll denn das bedeuten?" fragte die Gräfin verwundert und guckte durch die offen gebliebene Mrspalte in den Hof.
„Nein, aber das ist doch wirklich zu komisch", flüsterte sre, dabei krampfhaft das Lachen verbeißend, „Ihre Frau Atama scheint ja Pen Hühnern Turnunterricht zu geben."
Und tatsächlich machte es für den Uneingeweihten den Eindruck, als ob hier mit emsigem Bemühen eine Sensationsnummer in Tierdressur für irgend ein Spezialitätentheater vorbereitet würde.
Der Hof war der Breite nach durch zwei lange Leiters in gleiche Hälften geteilt. In der einen Hälfte stand Frau von Höchstseld selbst, in der anderen ein kleiner Junge, der mit einer Haselnußgerte bewaffnet, die Hühner einzeln MM Ueberfliegen des Hindernisses zwang.
Endlich als das letzte Huhn übergesetzt hatte, wandte sich die Gräfin an Erich
„I weiß gar nit, was Ihre Frau Mama hat", sagte sie mit unterdrückter Heiterkeit, „es ging ja alles ganz schön und glatt, und doch macht sie noch immer ein bitterböses Gesicht."
Gleich darauf erschien Frau von Höchstfeld total echauffiert in der Tür und wurde beim Anblick des unerwarteten Besuches nicht wenig verlegen.
„Ich hatte ja keine Ahnung von Ihrer Anwesenheit"/ entschuldigte sie sich nach der Begrüßung, „sonst hätte ich das ja für später lassen können."
„Was haben S' denn da grad g'macht?" erkundigte sich die Gräfin neugierig.
„Ach Gott, mir ist trotz der Ummauerung schon wieder ein Huhn weggekommen", klagte diese, „um die Leute nicht vielleicht doch grundlos des Diebstahls zu beschuldigen, habe ich die Hühner jetzt einzeln gezählt, und richtig — es fehlt wieder eins."
Der Gräfin fiel es wirklich schwer, ernst zu bleiben.
„Aber, meine liebe Frau von Höchstseld", sagte sie, nachdem sie die aufsteiaende Lachlust glücklich niedergekämpft hatte, „ich begreif« Sie nicht- Wir lassen unser«


