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die
lich schwer bewölktem Himmel, ist dunkel genug. (Schluß folgt.)
nur leicht zwischen den Ohren kitzelnd. Durch den leichten Regen vorhin werden die Fahrenden vom Staube nur
ig belästigt. Die Luft ist frisch, sogar kühl; fester hüllen Herren sich in ihre Mäntel. Die durch das lange Stehen ungeduldig gewordenen Pferde gehen anfangs in vollem Galopp. Allmählich beruhigen sre sich, fallen in ihren gewöhnliche Posttrab. Der Weg ist ja auch keiner von den besten. Und die Herbstnacht, bei immer noch ziemi-
Intimes von Aismarck.
Die reichhaltige und in den letzten Jahren durch eine große Anzahl von Veröffentlichungen stark angewachsene Bismarckliteratur ist neuerdings um ein soeben erschienenes Werk „Vom Für st en Bismarck und feinem Haus" aus der Feder deS bekannten Forfchungsreifenden Eugen Wolf (Egon Fleischet u. Co., Berlin) bereichert worden. Der besondere Wert des Bilches liegt darin, daß es im wesentlichen Tagebuchaufzeichnungen des Verfassers während der Zeit seines Verkehrs im Hause Bismarck wiedergibt, und daß also diese Blätter unter dem direkten Eindruck, den der Verfasser von des Fürsten Bismarck gewaltiger Persönlichkeit empfing, niedergeschrieben wurden, ohne daß etwa damals bereits der Gedanke an eine spätere Veröffentlichung nach irgendwelcher Richtung hin von Einfluß war. Diese kurzen, skizzenartigen Tagebnchblätter geben indes in ihrer Gesamtheit ein abgerundetes Bild des Menschen Bismarck, wie er im Kreise seiner Familie und seiner Intimen, in der Gesellschaft guter Freunde, bei Tische und in der leichten Unterhaltung erschien, und vervollständigen so das Bild des Altreichskanzlers, das die zahlreichen Monographien, die Aufzeichnungen feiner Intimen, vor allem aber auch seine eigenen „Gedanken und Erinnerungen" und die in jüngster Zeit veröffentlichten Briese in feinen Kon-- turen allmählich festgelegt haben.
Die Aufzeichnungen Wolfs beginnen Ende des Jahres 1888 und erstrecken sich also, da der Verfasser bis zu Bismarcks Tode in dessen! Heim verkehrte, über einen Zeitraum von zehn Jahren, den letzten zehn Lebensjahren des Fürsten. Bet dem Bilde, das die Lektüre des Buches beim Leser hervorruft, muß gerade dieser Umstand immer wieder berücksichtigt werden, daß es sich um eine Schilderung des alten Bismarck, und zwar vornehmlich in den Jahren nach feinem Rücktritt, handelt. Der alte Fürst tritt uns nicht als Politiker und Diplomat, sondern lediglich als Gutsherr und Landedelmann in feinem Schlosse Friedrichsruh entgegen, wo sich die meisten Vorgänge, die der Verfasser erzählt, abspielen. Die erste Einladung, die Eugen Wolf in den Sachsenwald führte, fällt in den Dezember 1888, und zwar im Zusammenhang mit der Emin-Pafcha-Expedition, auf der Wolf den damaligen Leutnant Wißmann, der sich der besonderen Hochschätzung Bismarcks erfreute, begleitete. .Gleich bei dieser Gelegenheit tritt uns Bismarck in seiner ganzen.charakteristischen Art, wie ihn der Verfasser auch, im weiteren Verlauf seiner Begegnungen schildert, entgegen: ein gastfreier, jovialliebenswürdiger Grandseigneur, ein Hausherr, der mit feinen Gästen über die verschiedensten Materien, von denen er Interesse bei ihnen vorausfetzt, plaudert, ein Mann, der über eine erstaunliche Fülle von Kenntnissen verfügt, der auf den mannigfachsten Wissensgebieten vorzüglich zu Hause ist, ein amüsanter Änekdotenerzähler, vortrefflicher Hausherr und Familienvater, und endlich auch ein großer Freund eines guten Trunkes, ein feiner Kenner von Weinen, Speisen und Tabak.
Daß bei seinen Unterhaltungen mit dem Forfchungsreifenden Wolf koloniale und verwandte Fragen häufig berührt wurden, ist nicht mehr als natürlich. Man empfängt von Bismarcks Aeußer- ungen über diese Gebiete im allgemeinen den Eindruck eurer gewissen Zurückhaltung, und bei der von ihm wiederholt, als für Deutschlands Politik maßgebend, angeführten geographischen Lage des Reiches zwischen Rußland und Frankreich erscheint es ihnt bedenklich, den Schwerpunkt der deutschen Interessen allzu sehr auf die Erwerbung von Kolonien zu legen. Ueber den mit England abgeschlossenen Sansibarvertrag äußert sich Bisinarck einmal in sehr absprechender Weise: „Ich hätte nienlals meine Einwilligung zu solchem Vertrage gegeben. Die Küste war ja bereits effektiv in unserem Besitz, und Sansibar wäre uns zweifellos später zugefallen. .Der Wert Helgolands ist ein sehr zweifelhafter; es ist roter, weicher Sandstein, den Man mit weittragenden Marinegeschützen zusammenschießen kann, Schon zu meinen Zeiten schwebten Verhandlungen über die Gewinnung.Helgolands; das Opfer, das die Engländer dafür forderten, war mir aber zu groß." Auf eine Anregung Wolfs, der sich bei einer anderen Gelegenheit einmal für die Schaffung eines Kolonialministeriums aussprach, äußerte der Fürst Bedenken im Hinblick auf die Reichsverfassung, und über die im Anschluß daran erörterte Frage, wer wohl für einen solchen Posten als Kolonialminister geeignet sei, tat Bismarck den gerade in diesen Tagen ganz besonders beachtenswerten Ausspruch: „Wißmann paßt nicht für den Lureaukratischen Dienst, Major v. Trotha wohl ebenfalls nicht, und ich sehe sonst für den Augenblick keine geeignete Persönlichkeit." Voll besonderem Interesse und ein Beweis, wie Bismarcks Scharfblick in politischen
Grabgitter, leergetrunkene Flaschen, fortgeworfene Steine bezeichnen die Stätte, tvo soeben noch der helle Aufruhr tobte. Still ist's ringsum, so wohltuend still — nach all dem wüsten Lärm. —
Der Leichnam Iwans liegt sorgfältig gereinigt und frisch angekleidet, wieder in seinem Sarge. Der alte Priester, den innere Unruhe schon längst wieder z-um Kirchhof zurückgeführt, schickt sich an, den Sarg wieder in die Gruft versenken zu lassen, und das von der Kirche für Fälle dieser Art vorgeschriebette Gebet zu sprechen. Vorher aber nähert er sich dem müde und abgespannt neben dem Protokolltisch stehenden Untersuchungsrichter, umarmt ihn herzlich und küßt ihn dreimal, Tränen in den Augen, — mit einigen aus tiefstem Herzen kommenden Worten des Dankes für sein energisches Auftreten, seine furchtlose Sprache in der gefahrvollen Stunde, die sie alle hier eben durchlebt haben, in den kritischen Augenblicken, wo alles auf dem Spies stund, für die Beamten wie für die aufgewiegelten Bauern. —
Zum erstenmal hat matt heute in dieser Gegend die ^Jerichoposaune" gehört!
Der Priester aber wird Zeit seines Lebens diese gewaltige Stegreifrede nicht vergessen — und ihre augenblickliche, fast ans Wunderbare grenzende Wirkung aus die Tumultuanten. Er nimmt sich im stillen vor, bei seiner nächsten Anwesenheit in der Gouvernemeutsstadt dem Archierei über diese Kirchhofspredigt der „Jericho- Posaune" ausführlich zu berichten.
7. Kapitel.
Der Untersuchungsrichter und der Arzt verlassen den Kirchhof. Sie gehen zu Fuß bis zur Gemeindeverwaltung. Ihr Dreigespann folgt im Schritt, mit dem Feldscher und dem Postknecht auf dem Kutschersitz. Wo der Untersuchungsrichter an deri zahlreichen Gruppen Heimkehrender vorbeikommt, entblößen die Leute ihr Haupt und rufen ihm Segenswünsche nach: „Dank, Euer Wohlgeboren, von ganzer Seele — Dank! Ruhigen Herzens können wir nun nach Hause gehen, ruhigen Herzens uns schlafen legen. An unseren dummen jungen Narren habt Ihr gehandelt wie ein Vater, wie ein leiblicher Vater! Gott schenke .Euch Gesundheit — und langes Leben!"
In der Gemeindeverwaltung danken ihm in ähnlicher Weise viele der angesehensten älteren Bauern, die Glieder des Gemeindegerichts und namentlich der Gemeindeälteste, Sm eigener Sohn sich auch unter den Arretierten beet. Herzlich dankt ihm auch der Stanowoi, dessen Prestige durch die Vorgänge auf dem Kirchhof wieder hergestellt ist. Die Landgendarmen, die Ssotzkis schauen jetzt wieder sehr zuversichtlich drein.
Während draußen ein leichter Regen niedergeht, erholen sich, die Herren in der Gemeindeverwaltung und stärken sich durch Speise und Trank aus ihren aus der Stadt mitgenommen, kleinen aber wohlgefüllten Speise- körbett. Zur Heimfahrt sich rüstench wendet sich der Untersuchungsrichter plötzlich zum Arzt: ^Morgen ist ja Sonntag! Sollen die fünf dummen JUngen die ganze kühle Septembernacht und vielleicht gar auch den Sonntag in dem äußerst primitiv , eingerichteten Arrestlokal sitzen bleiben? — Getobt und geschrieen haben vorhin noch unzählige andere, vielleicht noch mehr als diese, die sich nachher wenigstens nicht versteckten, nicht feige davon- schlichen. Zudem . . . der Steiniverfer ist ja so wie so nicht gefaßt worden! — Wlas meinen Sie, Doktor?" Und ohne erst die Antwort des Arztes abznwarten, gibt er den Befehl: „Bringt mir mal die Jungens hierher, alle fünf!"
Die bald darauf.Eintretenden mustert er scharf: „Nun, Ihr Galgenvögel? Ich will bloß Abschied nehmen von Euch. Laßt Euch mal ordentlich anschauen, damit ich mir Eure Gesichter gut einpräge — für den Fall, daß eitter von Euch mir wieder unter die Finger kommen sollte. Dann gibt's natürlich keinen Pardon mehr! Aber heute lasse ich Euch laufen! Geht Mit Gott! Ich will nicht, daß Ihr diesmal gestraft werdet, Ihr törichten, verführten Kinder! Geht — Ihr seid frei!"
Alle die so unerwartet Befreiten fallen ihm dankend zu Füßen. Ernsten Blickes ihnen mit dem Finger drohend, schreitet er mitten durch sie hindurch — dem Wagen zu, aus dem der Arzt schon Platz genommen und seiner wartet.
„Nach Hause, Ihr Täubchen, Ihr Falken, — Ihr Lchelme I — Nach Hause!" unterhält sich der Postknecht Mir seinen Tieren, sie mit dem Ende der Peitschenschnur


