1904.
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(Nachdruck verboten.)
Die Jerichoposarrne.
Aus den Erlebnissen eines russischen Gerichtsarztes. Von E. v. Trojanowsky.
(Fortsetzung.)
Dem Untersuchungsrichter ist etwas in die Kehle gekommen. Er inuß stark aufhusten und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Mit großer Genugtuung bemerkt er die Schuftige Veränderung, die in den Gesichtern, in der ganzen ialtuug der vor kurzem noch so bedrohlich lärmenden, zu eder Gewalttat bereiten Volksmasse vor sich, gegangen. Er test in den Mienen vieler, daß sein Auftreten ihre Billigung gefunden, ja ihnen gewaltig imponiert hat.
Seinen Erfolg ausnutzend, fährt er fort, seine strengen Micke hauptsächlich auf die Hauptschreier von vorhin richtend: „Was habt Ihr eigentlich im Sinne gehabt, Ihr nichtswürdigen Hunde? Zuerst Drängt Ihr mit böswilligem, lügenhaftem Geträtschs die Obrigkeit zur Verunreinigung Eures Kirchhofs, zur Wiederausgrabnng eines vor kurzem beerdigten, Euch allen wohlbekannten jungen Mannes, der bei angeborener Schwächlichkeit und grundfalscher Erziehung seine Gesundheit durch gar zu lockeres Leben beständig noch mehr schädigte- der sich zuletzt selbst zu Tode gejubelt hat! —i Und dann, als die Wiederausgrabung und amtliche Besichtigung der Leiche wirklich vor sich, geht, betragt Ihr Euch, wie Halbverrückte, schreit und tobt und droht ohne Aufhören. Und zuletzt? Zuletzt, wo Ihr merkt, daß keine Gewalttat an ihm verübt worden ist, daß die gus persönlicher Feindschaft erhobene Beschuldigung gegen einen Eurer Dorfinsassen und seinen Sohn sich also als vollständig grundlos erweist, — wo Ihr merkt, daß man Euch ganz unnütz mit kostenfreiem Branntwein getränkt hat, und Ihr in dieser Sache auf keine weitere Bewirtung, kein weiteres Trinkgeld mehr zu hoffen habt, — da wollt Ihr Euch nicht zufrieden geben mit dem, was der erfahrene Euch allen wohlbekannte Gerichtsjarzt als einzige Ursache des unerwarteten, plötzlichen Todes Eures Iwan bezeichnet, mit seinem Amtseid bekräftigt?! Da schickt Ihr Euch an, Ihr Bestien, herzufallen über den Arzt und Feldscher und über mich, — da wollt Ihr unsere Protokolle zerreißen, den armen, zerschnittenem blutbesudelten Toten unvernäht und ungereinigt wieder m den Sarg zurücklegen, und in seiner Gruft verscharren, — da hofft Ihr beim Gouverneur oder Gott weiß wo sonst noch, eine abermalige Ausgrabung Und Besichtigung, ein abermaliges Zerschneiden des heut schon gänzlich verunstalteten Leichnams durchsetzen zu können? ... Ihr betrunkenen Narren! . . . Warum seid Ihr denn mit einem Mal so still geworden? — Warum beendet Ihr denn nicht auf Eure Art unsere, von Euch schon genügend gestörte Amtshandlung? — Da! Nehmt
doch die Protokolle vom Tisch da, zerreißt sie! — Zertrümmert doch den Kasten mit den Kronsinstrumenten, die der Feldscher da ehen reinigt und ordnet. Schlagt ihn doch tot — zum Dank für seine mühevolle Arbeit! Schlagt doch den Doktor tot — und mich dazu! — Ihr habt ja noch Steine genug in Euren Taschen, — warum schleudert Ihr denn nicht noch mehr Steine auf uns? — Versteht denn niemand von Euch besser zu zielen wie der betrunkene Schuft, der vorhin den ersten Stein nach meinem Kopfe warf? Der Euren sind ja viele Hunderte, wir sind nur zwei oder drei! — Was zögert Ihr denn noch, Ihr erbärmlichen Feiglinge? Ich tue Euch nichts, — ich stehe vor Euch mit bloßem Kopfe, bloßen Händen, ohne Waffe! — Ihr aber? — Ist Eure Courage schon so ganz zu Ende? — Es scheint fast so, denn Eure Reihen lichten sich ganz merkwürdig rasch, Wie sie hübsch davonschleichen, Eure mutigen Kameraden! — Und Ihr namentlich, Ihr großen Maulhelden da vorn, warum sind denn Eure Gesichter so blaß geworden? Vorhin hattet Ihr alle recht rote Köpfe, Warum llebt Euch denn jetzt die Zunge so fest am Gaumen? Warum redet Ihr denn jetzt kein einziges Wört- lein mehr? . . . Ihr schämt Euch wohl gar ob Eures Ge- bahrens von vorhin, Ihr dummen, dummen Jungen? —i Komm mal her, Du oa. . .!"
Er faßt einen der in seiner Nähe stehenden Burschen am Kragen seiner Jacke, hebt ihn steifen Arms empor und übergibt ihn den Landgendarmen und Ssotzkis, die sich, seit er zu reden begann, in seiner unmittelbaren Nähe postiert hatten.
„Komm mal her, auch Du da
Er macht es mit dem zweiten der Großmäuler genau ebenso wie mit dem ersten,
„Da, nehmt sie! Bringt sie ins Arrestlokal der Gemeindeverwaltung, daß sie sich da bis morgen hübsch ausnüchtern nach dem heutigen Rausche — Binden? — Nein, bindet sie nicht! Sie sind ja, Gottlob, noch nicht zu Verbrechern geworden. Davor habe ich sie noch gerettet! —i Es sind dumme, trunkene Knaben, Kinder — weiter nichts. Sie werden gutwillig mit Euch gehen. — Ich habe mir vorhin gut gemerkt, wer am lautesten tobte. Ihr da, Ssotzkis, nehmt mal den noch mit Euch, den Rotkopf, —i und den da, den Langnasigen — und den noch, der da aussieht wie ein richtiger Zigeuner! . . . Persönlich brauche ich Mir wohl keinen der Herren mehr herauszugreifen? So, Kinder, geht mit Gott! — Wünsche Euch wohl zu ruhen!" —
Mit der Festnahme und widerstandslosen Abführung der Hauptschreier leerte sich der Kirchhof in überraschend chnellem Tempo. Die meisten der Fliehenden vermeiden ogar die Wege und das Tor. Sie schwingen sich gewandt über den niedrigen Zaun — hinaus ins freie Felo. Verschwunden sind im Nu die auf den Bäumen hockenden! Kinder, verschwunden ist das bunte weibliche Zaunpublikum. Zertretene Gräber, zerbrochene Holzkreuze, umgestürzt«!


