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Plötzlich jauchzte Fränze auf und Zeigte nach rechts hin- i über: wie große Blumensträuße schwankten da über dem I glitzernden Wasser schneeweiße und blaßrote Blumenkronen I im Winde, Obstbäumchen, die schon in voller Blüte standen. Gleißend lag die Sonne darüber. Vom blauen Himmel hoben sich die lichten Farben wie festlicher Putz ab. Auf dem Wasser schwammen unzählige bunte Blättchen — oft schüttete der Wind ein paar Handvoll über das Boot — Fränze haschte dann danach, und tauchte ihr Gesicht in die duftenden Blüten.
Nun zog Zupitza die Ruder ein, und sie trieben eine Weile, regellos der Strömung und dem Wind überlassen, zwischen den Erlen. Grüne Reflexe huschten über das Boot, über Fränzes weißen Sonnenschirm und über ihre helle Bluse. Sie hatte das Jakett ausgezogen, denn die Sonne stach trotz des Windes ganz empfindlich, hier auf dem Wasser. Das gurgelnde Anschlägen der Strömung an den Kiel des kleinen Fahrzeuges, das lustige Gezwitscher der Spatzen in der Sonne, das pfeifende Jagen des Windes, der über die Baumkronen strich, fernher das Glockengeläute vom Holzturm der Giller Kirche — das alles stimmte zu einer träumerischen und fröhlichen Harmonie zusammen. Fränze hatte sich behaglich an die Rückwand des Steuerbänkchens gelehnt, ihre Rechte hielt den Schirm fest, der dem Wind wie ein Segel diente, ihre Linke hatte sie dem Doktor gelassen, der ihr auf der Ruderbank gegenüber saß. Sie erzählte ihm in munterem Ton aus ihrer Mädchenzeit in Marienburg. Auch von ihren Eltern. An die früh verstorbene Mutter hatte sie nur noch wenig Erinnerung. Aber von ihrem Water wußte sie um so mehr: reizende kleine Episoden, die das gute Verhältnis zwischen ihnen beleuchteten. Sie war schon als Backfisch Vaters Kamerad gewesen, das hatte sie früh gereift, sie mehr vertieft als ihre Altersgenossen, aber sie war dadurch doch um die eigentliche Jugend gekommen.
„Die jungen Herren haben mich darum auch nie so recht gemocht", sagtp sie lächelnd, „und auf den Kasinobällen mußte ich meistens schimmeln. Ein Leutnant brachte es einmal auf — der nannte mich den „kleinen Professor" — und von der Zeit an zählte ich rettungslos zu den älteren Semestern. Und die Jahre flogen — ach Gott, im Umsehen war ich zwanzig, einundzwanzig. Als dann Dieter kam und unr mich anhielt — er machte eine Uebüng beim Regiment, wo mein Vater Oberstabsarzt war — da schämte ich mich fast, ihm einzngestehen, daß ich schon dreiundzwanzig war. Ja, wirklich, ich schämte mich. O, weißt Du, früher, so als halbflüggem Ding, da war mir das als ein ganz ungeheuerliches Lebensalter vorgekommen. — Ach, und erst neunundzwanzig, kaum auszudenken. . ." Sie lachte hell auf. „Und nun bin ich in ein paar Wochen dreißig. Und lebe noch — ich wage es noch, zu leben."
„Ach Du, Mädel, Du sollst ja jetzt erst zu leben anfangen, paß nur aus! Fränze, Fränze, was bist Du doch für ein einziges Prachtmädel! Und jung bist Du, schön Und jung, sobald Du an unser Glück denkst!"
Es stand ein eigener Glanz in ihren Augen. „Jst's nicht seltsam, ich schäme mich gar nicht, mir einzugestehen, daß ich mir das gern anhöre", sagte sie. „Es bezaubert mich geradezu. Es lullt die böse Logik ein. W!enn ich mir dazwischen auch noch so oft sage, immer wieder sage, daß es ja doch nur ein kurzer Haschischrausch ist."
„Nein, es ist Wirklichkeit, Fränze!"
Er küßte wieder und wieder ihre Finger, lehnte ihre Hand an seine Wange, und es ging eine warme, wonnige Behaglichkeit von seinen Küssen, seiner Wärme aus sie über. Sie kamen wieder ins Plaudern, dann ins Lachen.
„Warum hast Du mich eigentlich noch nie bei meinem Vornamen genannt?" fragte er sie einmal.
„Ist Dir das ausgefallen?" Sie lächelte ein bißchen verlegen. „Ach, weißt Du, das kam so: an dem ersten Wend damals . . . Wer nein, ich mag Dir's nicht sagen."
„Wenn ich Dich bitte, Fränze?"
„Also, siehst Du, wo Du damals gegangen warst und ich in mein Stübchen hinauskam, da saß hch noch lange ganz versunken, ganz verträumt . Es war mir so eigen — lieb und warm und dcsch fast zum Weinen. Jinmer fühlte ich noch Deine Nähe. Und da hätte ich wohl gern Deinen Namen leise vor mir hingesagt. Wer — jetzt wirst Du mich sicher ausstachen — rch wußte ihn doch nicht. Und von da an , genierte ich, mich dann."
darüber lachte er nun allerdings. „Hab ich ihn denn nie in den Briefen unterzeichnet?"
„Nein. Warum eigentlich, nicht?"
„Ich weiß nicht- Ich werd's da noch, nicht gewagt haben. Es erschien mir wohl zu vertraulich Du standst doch so hoch, so hoch über mir."
„O, Du hast aber gar nicht fremd und feierlich getan in Deinen Briefen.^
„Hast Du da schon manches herausgelesen?"
„Ja, Hermann. Zwischen den Zeilen."
Er küßte ihre Finger wieder. „Wie süß das klingt, wenn DE'meinen Vornamen aussprichst."
„Deine früheren Lieben — haben die auch Hermann zn
Dir gesagt?"
„Ist das eine Falle, Du?"
Sie seufzte. „Ach, weißt Du, ein paarmal totit ich schon' recht garstig eifersüchtig."
„Das sollst Du nicht. Es ist nichts in meinem Leben, Fränze, was sich mit dem zwischen uns vergleichen läßt. Glaubst Du mir?"
„Ja, ich glaube Dir. Man kann es wohl auch nicht in jüngeren Jahren erleben. Gleich selig, gleich, ergreifend fchön — und gleich hoffnungsleer."
„Es ist ja nicht hoffnungsleer."
„Doch, doch, Hermann."
Das Boot war unversehens unter das niedrig hängende Gestrüpp einer Erle geraten. Die im Wind flatternden' langen grünen Zweige hielten Fränzes Schirm fest, brachten das Fahrzeug fast zum Kentern. Er nahm ihn! ihr rasche ab und klappte ihn zu. Dann beugte er sich vor, umschlang ihren Nacken und küßte sie auf den Mund, lang und voll stürmischer Zärtlichkeit, ohne sich um das Schwanken des Bootes zu kümmern.
Sie hatte die Augen geschlossen, lehnte ganz trunken Brust an Brust mit ihm. , .
„Liebster — Liebster!" sagte sie abwehrend und doch verlangend. , , „, ..
Der Wind trieb den Kahn wreder m die Strömung. Zupitza mußte hastig nach den Rudern fassen. Während er sie niedergleiten ließ, begann er mit noch etwas zitternder Stimme : „Weißt Du, Fränze, natürlich hab' ich mir in all den Wochen doch tausend Gedanken über uns durch den Kopf gehen lassen. Auch über Dieter."
„lieber Dieter?"
„Ja, Liebling. Daß es doch nicht so weiter geht., Du sollst und darfst und kannst doch nicht mehr mit jeher Sekunde, mit jedem Blick, jedem Atemzug ihm dienen. Nicht
Sie unterbrach ihn ängstlich,: „Bitte, bitte. Liebster, darüber sprich nicht. — Ich hab' ihn vielleicht verwohnt. Ja, lieber Gott, aber das ist doch so erklärlich, wo ich ihn so hilflos sah, so ganz aus mich angewiesen . . . Oft ist es ja nur eine kleine Handreichung, die er braucht, em Buch ein Blatt, ein Bild, das er nicht erreichen kann. Bm ich bei ihm, so seh' ich seinen Blicken an, was er will und es bedarf für ihn nicht jedesmal erst einer Bitte. Und das setzt ihn über vieles hinweg: er empfindet seine Hilflosigkeit nicht so grausam, vielleicht vergißt er sie manchmal
Zupitza nickte ernst. „Das wird sich aber in den nächsten Wochen ändern. Es ist doch nur eine Frage kürzerer Zeit, daß sein Zustand ihm endlich klar wird — vielmehr die Hoffnungslosigkeit seines Zustandes."
„Das — meinst Du — steht so nahe bevor? ,
Ja Fränze. Und dann werden wir ihm em Unterkommen' Vorschlägen müssen, wo er geübtere Pflege hat als hier, wo ihm an Bädern und anderen Linderungsmitteln' bis zu feinem letzten Atemzug alles geboten werden kann, was die Wissenschaft weiß. Vielleicht das Lmgmche Bad in Wiesbaden. Oder sonst eine Anstalt, ein Sanatorium, wo er gut geborgen wäre."
Das wäre dann dort — das Warten auf den Tod?
„Ja, das Warten auf die Erlösung." , . ,
Sie brach plötzlich, in ein wehes, erschütterndes Wemen
Und in der Verzweiflung sollte ich ihn allein lassen — an einem fremden Ort, in fremder Umgebung, unter fremden Menschen, fremden, bezahlten Pflegern?"
„Er wird unter der Empfindung, daß er bei Fremden ist nicht lange zu leiden haben, Fränze", sagte er langsam Mit seltscnMr Betonung.


