Ausgabe 
15.6.1904
 
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(Nachdruck verboten.)

Irühlingsßürme.

Roman von Paul Oskar Höcker. ! !

(Fortsetzung.)

Der Anfall schien nicht ohne ernstere Folgen bleiben zu sollen. Andern Tages, als Stojentin in Geschäftange­legenheiten mit dem Kranken verhandelte, stellte sich heraus, daß Dieter die Erinnerung an allerlei erst vor einigen Tagen erledigte Korrespondenzen verloren hatte.

Nun wuchs Fränzes Angst von Tag zu Tag.

Das ist der Anfang vom Ende?" fragte sie den Freund in bleicher Sorge.

Er wich ihr aus. Schon feit Wochen sprach er mit ihr nur das Allernötigste über den Kranken. Sie zog darauf aber wieder ihre Broschüren aus dem Versteck und las und las. Und Grauen erfaßte sie davor; der geistige Verfall des Unglücklichen könnte den körperlichen überholen.

Mehrere Tage hintereinander kam ihr Dieter dann wieder ganz frisch und aufgeweckt vor. Es verlangte ihn sogar selbst nach Anregungen. Fränze sollte musizieren, er wollte Gäste bet sich. sehen, ja, er ruhte nicht eher, als bis sie ein paar Bekannte zum Wend einlud. Aesthetisch veranlagt, wie er wär, Mächte er zur Bedingung, daß man nicht mehr wie früher an einer gemeinsamen Tafel saß, sondern daß kleine Tische aufgestellt wurden, wo die um­ständliche Art, in der er seine Mahlzeiten einnahm Tirsell mußte ihn ausschließlich bedienen nicht weiter auffiel. Nach dem Essen gruppierte man sich dann zwanglos um ihn herum, es wurde stark pokuliert, und Dieter trank flott mit. Er war der Lebhafteste von allen, seine ausge­lassene Laune steckte die andern Herren an, mau wollte sich ausschütten vor Lachen über sein scheinheilig-drolliges Mesen, womit er seine Frau und den Doktor über seinen Grogkonsum zu hintergehen suchte. Der Wend bekam ihm auch ganz vorzüglich: er schlief danach fest und ohne jede UnterbrechMg.

Für den darauffolgenden SonNtaginorgeN hatte er sich; Gamering, Leikschat, Vehr und Rotfelser zu einem Früh­stück eingeladen. Der Rittmeister war mit seiner Frau ein paar Wochen an der Riviera gewesen und hatte aus Monte Carlo ein« kleine Roulette mitgebracht. An den Früh­schoppen sollte ein Spielchen angeschlossen werden. Das ward aber ganz geheim gehalten. Weder seine Frau noch der Pastor sollten davon etwas erfahren.

Franze bereitete mit der Köchin das Herrenfrühstück vor, das als Mittagessen galt. Sie selbst hatte mit dem Doktor eine Fahrt zu Kemeneits im Kahn über die Wiesen verab­redet.

Der Kranke schien es kaum erwarten zu können, bis Fränze sich endlich auf den Weg machte. Sie merkte schließ­lich daß etwas in der Luft lag, und fragte ihn, er lachte geheimnisvoll, verriet aber nichts. Auch Tirsell gehörte

zu den Verschworenen, denn Dieter warf ihm funkelnde Blicke zu, so oft er ins Zimmer trat.

Als Fränze endlich ging, packte den Kranken abtzr doch eine Art ängstlicher Reue. Er gab ihre Hand nicht frei,' sondern preßte sie an sich- und wie ein Mud beichtete er ihr.

Bist Du böse, Fränze?" fragte er dann.

Sie schüttelte nur den Kopf.Ach Bär!" sagte sie, teils gerührt, teils besorgt. Sie freute sich darüber, daß wieder ein wenig Lebenslust in ihm erwacht war, aber sie fürchtete um so stärker den Rückfall.

Dieter jagte ihr dann noch den kleinen Alex bis auf die Landsttaße nach: er hatte Blumen aus Tilsit für sie kommen lassen, duftende Grüße, die ihm aber soeben erst mit der Morgenpost zugegaugen waren.

Sie steckte die Rosen an den Gürtel ihrer Bluse, hob Sascha zu sich empor und küßte ihn.

Mit einem Male war ihr wieder so schwer und weich zu Mute geworden, daß sie die Verabredung mit Zupitza am liebsten fallen gelassen hätte.

Es war ein kühler, heller Maimorgen. Die Luft schien nur mäßig bewegt. Wer in den höheren Regionen herrschte doch starker Wind. Dünne, zerfetzte, schneeweiße Wolken jagten übers Haff. So oft fie sich als Scheidewand zwischen Erde und Sonne schoben, ward's im Nu fröhlich und winter­lich. Man sah dann einen mächtigen Schatten übers ganze Land hinziehen, während in der Ferne auf dem Wasser noch die blitzenden Sonnenfunken tanzten; gleich darauf aber zog das goldene Frühlingslicht wie eine wogende Welle heran und badete alles in Wärme und Freudigkeit, was soeben noch nüchtern und leblos gewesen war.

Die Fahrt im kleinen Boot über die Wiesen war Fränze etwas ganz Neues. Sie mußte das Steuer führen, das leicht zu regieren war, Zupitza bediente die Ruder allein. Erst zurück, wo es stromaufwärts ging, gedachten sie Ke- meneit zur Unterstützung an Bord zu nehmen.

Zuerst fuhr man eine Strecke weit durchs einen im Hoch­sommer fast ganz trockenen Kanalarm, der nur selten noch benutzt ward, d ann mußte an einem Deich ausgestiegen und das leichte Fahrzeug über die Böschung hiuweggeschobeN werden. Fränze legte dabei mit Hand an, trat aber ver­sehentlich. ins Wasser und schrie auf. Sie kamen darüber beide ins Lachsen.

Jenseits breitete sich ein nur zwei Fuß tiefer, aber fast unendlicher See vor ihnen aus. Die Wege, die die darunter ruhenden Wiesen durchzogen, waren an den langen Erlen- reihen zu erkennen, die im ersten jungen Grün prangten.

Vom frischen Morgenwind getrieben glitt das Fahrzeug­fröhlich auf den kleinen Wellen tanzend, die lenzliche Straße entlang. Auf dem leicht gekräuselten, oft nur wie von leisen Schauern überrieselten Wasser spielten die Sonnen- reflexe. Mo der Himmel wolkenlos war, zeigte sich ein tiefes Blau.