Ausgabe 
15.4.1904
 
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Als ich im Begriff war, ihrem Rate zu folgen, erschien eine etwas unfein aufgeputzte Dame mit langem Kinn und stechenden schwarzen Augen, die mich mit ihrem Blicke durch­bohren zu wollen schien.

Ah! Wohl die junge Person wegen der Stelle?"

Ja", antwortete ich zögernd. Zum Verlieben auf den ersten Blick sah diese Erscheinung wenigstens nicht aus.

Sie können sich setzen! Wie heißen Sie?"

Und wieder betrachtete sie mich mit kalten, prüfenden Blicken von der obersten Schleife meines Hutes bis zum Kleidersaum.

Ferrars", erwiderte ich kurz.

Haben Sie schon eine ähnliche Stellung bekleidet?"

Ich war zwei Monate Gesellschafterin bei einer Dame."

Sind Sie kinderlieb?"

Ich ... ich glaube ja. Allein ich hatte bis jetzt noch, nicht viel mit Kindern zu tun."

Musikalisch?"

Ja, auch spreche ich geläufig deutsch."

So? Und können Sie nähen und zuschneiden, und sind Sie bereit, sich im Hause nützlich zu machen?"

Ja, mit Vergnügen."

Nun, ich habe zwei Mädchen von sieben und neun und einen Jungen von vier Jahren. Ich möchte sie nicht gern nach Ugland schicken, es ist eine zu teure Geschichte, und da dachte ich, statt dessen eine Erzieherin zu nehmen. Wie alt sind Sie?"

Ich war letzten Dezember einunWvanzig."

Ah, Sie sehen viel älter aus. Was veranlaßte Sie, nach Indien zu kommen?"

Ist die Beantwortung dieser Frage notwendig?""

Natürlich!" fuhr sie mich an.

Ich kam, um mich zu verheiraten."

Ah . . . so!" rief sie und sah mich mißtrauisch fra­gend an.

Die Heirat aber zerschlug sich."

Das ist ja auffallend. Haben Sie keine Freunde in Indien?"

Nein."

Ich kann nicht begreifen, warum Sie nicht nach England zurückgekehrt sind. Leben Ihre Eltern noch?'"

Nein, sie starben, als ich noch ein kleines Kind war."" Was sind Ihre Bedingungen?""

Ich dachte, fünfzig Pfund jährlich und freie Wäsche"" stammelte ich.

Mrs. Smith lachte laut und unverschämt auf.Ich bitte Sie, daran ist ja gar nicht zu denken. Ich hatte die Absicht, Ihnen fünfundzwanzig Rupien monatlich anzu- bieten."" Also die Hälfte meiner Forderung und die gleiche Summe, die Fitz Alan ausgeschlagen hatte!

Sie werden die Annehmlichkeit haben, im Gebirge zu wohnen, was hoch anzuschlagen ist. Obwohl ich auch eine Ajah für die Kinder habe, müssen Sie sich doch stets um sie kümmern und natürlich die Mahlzeiten mit ihnen einnehmen, sie unterrichten und ihre Kleider ausbessern. Ueber all solche Einzelheiten muß man vollständig im klaren sein."

Dies war nun allerdings kein sehr verlockendes An­erbieten.

Nun, was sagen Sie zu meinen Vorschlägen?"" Sie stampfte ungeduldig mit dem Fuße aus den Boden.

Ich möchte es mir gern noch überlegen"", antwortete ich vorsichtig.

Ah, wirklich?"" antwortete sie giftig.Ich kann mich doch wohl bei Ihrer letzten Herrschaft nach 'Ihnen er­kundigen ?"

Nein, die Dame reiste ganz plötzlich nach Japan ab, und meine Briefe, Zeugnisse und der größte Teil meines Geldes wurden mir auf der Reise nach Madras gestohlen.""

Aber Sie werden doch irgend jemand in Indien kennen?"

Meine beste Freundin ist gestorben, ihr Mann mußte nach England zurückkehren, und an meine anderen Be­kannten hier möchte ich mich nicht gern wenden."

Die Verwandten des jungen Mannes natürlich"", warf sie barsch dazwischen.

Ich fühlte, wie mir das Mut in die Wangen stieg und schwieg.

(Fortsetzung folgt.)

Me ich meinen Malkon schmucke.*)

Nur wenigen Auserwählten ist es in der Großstadt beschieden, ein Gärtchen ihr eigen zu nennen, die Mehrzahl muß auf diesen Luxus verzichten, und deshalb freue ich mich schon, daß ich auf einem Raume von 2 Quadratmeter meinem Balkon wenigstens einige blühende Pflanzen haben kann, die ich so sehr liebe. Auf diesem Plätzchen kann natürlich nicht viel wachsen, unb doch möchte der Blumenfreund in mir am liebsten von allen schön blühen­den Sommerblumen etwas haben. Da streiten sich denn alljährlich zu Ende des Winters Verstand und Herz und machen sich gegenseitig Konzessionen, bis alles bepflanzt resp. besetzt und nichts mehr zu ändern ist.

Schon wenn zu Anfang Februar sonnigere und wärmere Tage kommen, dann zuckt die Hand, um die Samenbehälter hervorzusuchen, Erde in die Samennäpfe zu tun und neue Aussaaten zu machen, aber noch behält der Verstand die Oberhand: in der Nacht gefrierts draußen wieder, Sturm und Regen bringen die nächsten .Tage und Wochen, und Deine Samen liegen in der Erde und keimen nicht, Schimmel­pilze aber kommen herbei, wenn Du die Samennäpfe be­deckst, und töten alles Leben, das sich in den Samen zu regen beginnt. Ms Ende Februar wird auf den Verstand wohl noch gehört, dann aber ist alles Reden vergebens: Die Samengefäße werden herbeigeholt, und nun geht es an die Aussaat. Vorläufig werden allerdings nur Lobelien, Petunien und Verbenen, erstere beiden oben auf der Erde, die Verbenen nur ganz dünn mit Erde bedeckt, ausgesät; dieselben wachsen anfangs langsam und sollen im Mai schon brauchbare Pflänzchen sein. Die Näpfe werden mit einer Glasscheibe bedeckt und an das sonnige Fenster einer geheizten Stube gestellt. Nach vierzehn Tagen zeigen sich denn auch die Keimblätter, nud langsam wächst alles heran. c .

Auf meinem Balkon stehen fünf Blumenkästen,, drer vorne und je einer rechts und links. Die Formate sind so gewählt, daß sie nicht überschritten werden dürfen, soll das Schönheitsgefühl nicht darunter leiden. Rechts und links am Gitter habe ich ferner zwei Blumenbretter an­gebracht, die mir noch gestatten, manche Pflanze unter- zubringen, auf die ich sonst verzichten müßte.

Mit geringen Abweichungen ziehe ich auf meinem Balkon Pelargonien, Kapuzinerkresse, Verbenen, Lobelien, Petunien, Astern, Sommer-Chrysanthemum und einige Stauden Reseda; das ist alles. Wohl weiß ich, daß sich em einfarbiger Flor stets gut macht, aber ich liebe das Farben­reiche und habe seit Jahren damit gute Erfahrungen ge­macht. Ein Balkon, der hoch liegt und, wie der meine, an einer breiten Straße mit Vorgärten, darf nicht mit zu matten Farben besetzt sein; deshalb habe ich mich auch zu dem genannten Pflanzensortiment entschlossen. Pelar­gonien, Kressen und Petunien haben bekanntlich sehr große und leuchtende Blüten. Ich lege bei diesen Pflanzen den Hauptwert auf leuchtend rote Farbe und dulde nur einige dunkelgelbe Kressen und einige weiße Petunien; denn gold­gelb und weiß muß die anderen Farben hervorheben. Chrysanthemum maximum blüht weiß (unserer Wiese n- Wucherblume ähnlich) und hat dieselbe Bestimmung. Wenn im August der Blütenflor der Kresse nachläßt, so müssen die Aftern die Lücken ausfüllen; sie werden deshalb auch so gepflanzt und gezogen, daß sie nicht von den anderen Pflanzen erdrückt werden. Verbenen und Lobelien haben zu zierliche Blüten, als daß sie, von unten gesehen, sonder­lich ins Auge fallen; aber ich will doch unter meinem Blütenschmuck auch für die Nähe etwas haben. Aus dem­selben Grunde ziehe ich auch ein paar Pflänzchen Reseda, an dessen feinem Geruch ich mich abends labe. ,

Es wird bei meinem Pflanzensortiment ausgefallen fein, daß es klein und nur aus billigen Pflanzen besteht; nun, das hat seinen guten Grund. Ein sparsamer Haus­vater muß rechnen, und da kann er nicht alle Jahre so und so viele Mark für Pflanzen ausgeben. Ich kaufe fast nichts: Pelargonien, einige Chrysanthemum und einige (nur aparte Farben) Petunien werden auf dem Boden, im Keller und im Zimmer überwintert, von allen Pflanzen werden die Summen gesammelt und immer wieder gesäet, ab und zu wird auch für wenige Pfennige eine neue Sorte gekauft und dafür eine andere, nicht mehr reine, ausgeschieden.

Die Erde in den Kästen ist schon seit acht Jahren nicht

*) Aus der WochenschriftNerthns",