Ausgabe 
15.4.1904
 
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rücken lassen wollte. Ich glaube, daß das Entsetzen vor dem Ungeziefer im Badezimmer mich zu solcher Eile anspornte. Tie Anzeige lautete:

Eine musikalische, sprachkundige, junge Engländerin, ge­schickt im Nähen und bereit, sich im Haushalt nützlich zu machen, sucht sofort Stellung als -Erzieherin, Haushälterin oder Gesellschafterin einer Tarne. Ansprüche bescheiden. Zu erfragen . . .

Das höchst einfache Frühstück wurde in schweigender Hast eingenommen, worauf sich sofort saft sämtliche Haus- beivohner auf den Weg nach ihren verschiedenen Schulen, Läden und sonstigen Arbeitsgebieten machten. Jocasta sah ich mit roten Mindern zwischen den Zähnen durch den Garten jagen und sich noch im Laufe die Zöpfe flechten. Dann trat ein wenig Ruhe ein und ich erkundigte mich bei Frau Rosario nach dem nächsten Wege zum Geschäftsgebäude der gelesensten Madraser Zeitung.

Mr. Friedrich Augustus ist eben im Begriff, in die Stadt zu fahren. Er wird Sie mit Vergnügen mitnehmen und vor der Türe der Geschäftsstelle absetzen."

Arme Leute dürfen bekanntlich nicht wählerisch oder gar anspruchslos sein, und so nahm ich des reichen Mannes Aufforderung mit geziemendem Danke an. Fitz Alan, der Müßiggänger, wartete vor dem Hause und wollte mir dienst­beflissen in den Wagen helfen, wurde jedoch von Mr. Fried­rich unsanft zur Seite gestoßen, worauf die Fahrt los­ging.

Der Versuch, eine Stelle zu finden, erwies sich leider als erfolglos. Tag für Tag schaute ich sehnsüchtig nach dem Briefträger und seiner großen, ledernen Tasche aus, nie hatte er etwas für mich. Frau Rosario vertröstete mich wohl in ihrer freundlichen Weise auf bessere Zeiten, allein die Anzeige hatte zehn meiner kostbaren Rupien verschlun­gen. Es blieben mir jetzt nur noch zwairzig, denn die unwiderstehliche Eulalie hatte wiederholt Geld von mir ent­lehnt und es mir natürlich nie wiedergegeben.

Bald war ich mit der täglichen Einteilung des Haus­haltes vertraut und versuchte mich auf verschiedene Weise nützlich zu machen. Ich nahm nitch Tante Gams an, kochte ihr Haferschleim und Kakao, und hörte ihre Klagen und endlosen Ergüsse über ihre schöne entschwundene Jugendzeit und die -Eroberungen, die sie gemacht, mit an. Sie erzählte mir auch viel über Tante Rosario, und daßEglantine" einst das schönste Mädchen in ganz Blacktown gewesen sei und einen reichen Käffe-eplantagenbesitzer hätte heiraten können, wenn sie nicht ein dummes, törichtes Ding ge­wesen wäre.

Neben der Sorge für Tante Gam widmete ich mich auch der Pflege der vernachlässigten Blumen, begoß sie und pflückte einige zum Schmuck des Salons und -Eßtisches. Ich staubte die Zimmer ab, besserte Wäsche aus und über­wachte Marines Schulaufgaben. Gelegentlich mußte ich wohl auch Klagen über J-ocastas lügnerisches Wesen, Gwen­dolins Gefallsucht und Eulalies Verschwendung mit an­hören. Auch über. Lilys Geiz und Fitz Alans Vornehm­tuerei fiel häufig im geheimen ein bitteres Wort, und nicht selten fiel mir die Aufgabe zu, die erregten Gemüter zu beruhigen und Frieden zu stiften. Ich bin niemals eine Langschläferin gewesen, und so wachte ich auch jetzt oft chon auf, wenn die Hähne krähten und der allmählich sich ärbende Himmel den Morgen verkündigte. Dann machte ch einen Spaziergang zu Fuß, besah mir die alten Fest- ungswerke und ging zur Marienkirche, der ältesten von ganz Indien. Nachher durchforschte ich die benachbarte kleine Insel und drang durch die schattige Feigenallee bis zur stolzen Kathedrale und zum alten Fort Sankt Thomas einst einer portugiesischen Festung vor. Mit Vorliebe aber wandderte ich am Meeresstrande entlang und ließ den Blick über die weite, brausende See schweifen. Ich sah den Fischerbooten und indischen Segelflößen nach, und einmal durfte ich mich sogar am Anblick eines Sturmes weideu.

Ach, was für ein herrlicher, kraftvoller Gegensatz zur dumpfen, dicken Lust der Crundallstraße das war! Am User stehend, betrachtete ich entzückt die schäumenden Wogen und lauschte dem Donnern und Rauschen der Brandung und dem wütenden Pfeifen des Windes. Wer auch noch weitere Ausflüge machte ich, wenn die gutmütige Rosamunde mir ihr Fahrrad lieh. Dann fuhr ich die staubige Mount Road entlang nach Grundy und über die Mamlong-Brücke durch den ältesten, eigenartigsten Stadtteil bis hinaus nach Pala-

weram mit seinen weiten Ebenen und schattigen Straßen. Trotz des lästigen rötlichen Staubes waren diese frühen Morgenspaziergänge für mich ein großer Genuß. Sie rich­teten mich wieder auf im Kampfe gegen Mutlosigkeit und Enttäuschung und füllten wenigstens einen Teil der leeren Stunden des endlos langen indischen Tages aus.

Am Wend spielte ich öfters Tänze auf den: alten, vor Jahren bei einer Versteigerung erstandenen Klimperkasten der Frau Rosario. Dieses Aufspielen war mir indes immer noch lieber, als mit Fitz Alan oder den Van Ledes tanzen zu müssen. Ueberdies erwies ich damit den jungen Mädchen sowie meiner Hauswirtin einen großen Gefallen. Still­schweigend hatte ich auch nach und nach einen Teil von Lilys Arbeit übernommen, da diese durch die Vorbereitungen auf ihre Prüfung sehr in Anspruch genommen war und Frau Rosario beinahe ihre ganze Zeit und Sorge den Kühen und Hühnern widmete. Sie verließ eigentlich niemals das Haus, außer wenn sie sich, aufs schönste herausgeputzt, in Begleitung ihrer sämtlichen Kostgänger am Sonntag in die Mathiaskirche in Vepery begab. Was wurde an einem solchen Tage dann immer von Alt und Jung an Patschuli, Pomade und Puder verschwendet! Fand man doch dabei Gelegenheit, sich seinen Freunden und Verehrern zu zeigen.

Ich hatte die kleine Gesellschaft nur einmal zur Strand­musik begleitet, und als Fünfte in dem kleinen Gharry Platz genommen. Am Strande angelangt, stiegen die vier anderen aus, um sich unter dem Publikum zu ergehen, wäh­rend ich vorzog, im Wagen zu bleiben. Von hier aus be­obachtete ich die Mädchen mit Fitz Alan und ihren Freun­den, die auch ich kennen gelernt hatte, wie sie plaudernd, scherzend und lachend aus und ab wandelten. Größere Aufmerksamkeit schenkte ich den eleganten Europäern, Offi­zieren und Beamten samt ihren Damen meiner eigenen Gesellschaftsklasse, aus der ich mich nun gänzlich ausgestoßen fühlte. Das war eine so schmerzliche Erfahrung, daß ich keine Lust empfand, ein zweites Mal zum Milrtärkonzert zu gehen. In Zukunft blieb ich lieber zu Hause und machte einen einsamen Spaziergang an den hinter dem Bungalow gelegenen alten Wällen hin oder vertrieb mir im Garten sitzend die Zeit mit Lesen.

Eines Wends lenkte Fitz Alan, der sich ebenfalls nach einer Stellung umsah, meine Aufmerksamkeit auf eine An­zeige, die, wie er glaubte, wohl meinen Wünschen ent­sprechen würde. Sie hieß:

Gesucht eine -Erzieherin zu drei Kindern. Ajah vor­handen. Gehalt mäßig. Nur eine Europäerin möge sich melden Bei Mrs. Smith, Cannanore Hotel, Madras.

Mein Herz hüpfte vor Freude, als ich diese Zeilen las. Hier war sicherlich das Richtige gefunden. Sogleich wollte ich mich ins Hotel Cannanore verfügen.

Ich zeigte die Anzeige Frau Rosario, die mir die Zeit­ung mit einem Seufzer zurückgab.

Mein liebes Kind, die Leute werden natürlrch mit beiden Händen zugreifen. Was für ein Verlust wird das aber für mich werden! Doch ich weiß ja wohl, es geht nicht anders." . , , , _

Sobald sich am nächsten Morgen die Flut, der Kost­gänger verlaufen hatte, zog ich ein hübsches Kleid an und ließ mich in einem Gharry zweiter Klasse nach dem in der Mount Road gelegenen Gasthofe bringen. Dort angelangt, gestattete ich mir sogar den ungeheuren Luxus, den Wagen warten zu lassen. . ..

Im Gasthof wurde ich von einem eleganten purtugiesr- schen Portier empfangen, der mich mit den Worten:Die Dame ist dort drinnen", nach dem Empfangszimmer ge­leitete. Suchend schaute ich mich in dem großen, luftigen Raume um, mit seinen blendend weißen Vorhängen und Draperien, weißen Marmortischen und riesigen Spiegeln, und entdeckte in einem Lehnstuhl eine sorgfältig geklei­dete ältliche Dame mit hochblonden Simpelfransen und einem Roman in der Hand. Da sie nicht sprach, sondern mich nur eigentümlich anstarrte, fragte ich endlich:

Sind Sie Mrs. Smith? Ich bin gekommen, um mich für die ausgeschriebene Stelle einer Erzieherin zu melden."

Erzieherin.?" Sie zog die Augenbrauen in die Höhe. O nein, ich bin ein altes Fräulein und brauche keine. Ich weiß auch nichts von einer Mrs. Smith. Dies hier ist das allgemeine Wohnzimmer. Erkundigen Sie sich nur noch einmal draußen."

Damit nahm sie ihr Buch wieder auf,