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Seele nichts wissen darf und im Grunde genommen auch nichts weiß.
Von meinen Fenstern aus sehe ich auf die Pinienwiese der Villa Taverna. Tort befindet sich jetzt des Abends die Prinzeß mit ihren Gästen, darunter der junge Marchese ist. Ich sehe die beiden häufig allein.
Was mögen sie sprechen?
- Ich bin ruhelos! Ick durchirre den Park bis zur Erschöpfung, und es hilft mir nichts; ich jage mein Pferd halb zu Tode, und es hilft mir nichts; ich fliehe zu Maria, und auch das hilft mir nichts!
Nachts brennt ihr Licht nicht mehr.
Was bedeutet das?
Sie wird schlafen, sie wird glücklich sein. Tas Glück gibt Frieden, und Friede bringt Schlummer. . . Gott sei Tank, daß ihre schlaflosen Nächte aufgehört haben!
Tagegen ist mein Schlaf gemordet.
Ich ließ mein Bett im Freskenzimmer aufstellen, weil die Nächte jetzt glühend heiß sind, weil durchs die vielen Türen, die auf die Galerie hinausführen, viel frische Luft hineinströmt, und weil ich Maria nicht noch mehr stören will — da sie in ihrem Zimmer jede Nacht so lange ausbleibt, bis sie mich mein Lager aufsuchen hört.
Ich brenne kein. Licht für den Fall, daß — Uebrigens ist Mondschein.
(Fortsetzung folgt.)
Sigrid Arnoldsous AutograpH n-KköuM.
Autographensammler gehören unstreitig zu den obersten Ständen, zu dem Adel der Sammler. Lange bevor es Briefmarken- und Ansichtskarten- und Liebig-Bilder-Sammler gab, hat man sich schon für Autographen interessiert Man weiß, was Goethe darüber gesagt hat, man sagt mit Recht, daß nncht minder als der Stil die Schrift oer Mensch ist, daß man also echte „Documents humains" sammelt — wie ein moderner Lieblingsausdruck lautet — wenn man die Schriftzüge bedeutender Männer aufbewahrt. Wer nun so glücklich ist, an Stelle zerstreuter Blätter, die nichts von einander wissen, Fächerstäbe aneinanderzureihen, die er nur auseinanderzubreiteu braucht, um eine Welt des Geistes oder der Kunst vor sich erstehen zu lassen, oder gar ein Buch das ihm ganz persönlich gehört, das ihm eine Fülle von unschätzbaren Erinnerungen, eine ewig gedeckte Tafel bedeutet, der tauscht mit gar keinem Sammler, kaum mit einem, der Tausendmarknoten sammelt.
Den Gipfel der Autographensammlung bedeutet es nun ohne Zweifel, wenn eine Persönlichkeit, die selbst ein „wertvolles Autogramm" ist, sich mit einem Bucht ausweisen kann, in welchem der zeitgenössische Parnassus zu gewahren ist. Wir haben ein solches Buch in der Hand, es ist das „Dienstbuch" von Sigrid Arnoldson. Jedermann huldigt ihr und wünscht ihr seine Huldigung bekannt zu geben, aber in das Heiligtum dieses Buches sich einzuzeichnen, ist nur den Mlesensten gegönnt. Kranz hängt da an Kranz; Lorbeergekrönte haben ihr ihre eigenen Kränze gereicht. Da finden wir zunächst aus der Bühnenwelt den Namen Theodor Wachtels, der die Stelle aus dem „Postillon von Lunjumeau" eiugezeichnet hat, die ihm niemand mehr nachsingen wird; ihr folgt Marie Zieger-Alboni, die berühmteste Altistin; sie bezeichnet sich als „l'Ex-Con- tralto" und gibt ihrer jungen Schwester in Apoll den Rat, möglichst viel klassische Musik zu singen, wenn sie ihre Stimme bewahren will. Sarah Bernhardt schreibt einen ganzen Brief, dessen Vorgeschichte hier zu weit führen würde. Tommaso Salvini hat einen Vers eingetragen, der in deutscher Uebersetzung ungefähr lautet:
„Euterpe ist die Muse des Gesanges!
Dem Tanze dient Terpsichore zum Horte!
Was bleibt mir zur Betätigung hohen Dranges?
Worte — nichts als Worte!"
Neben Salvini ist auch sein gleichstrebender Heimatsgenosse Ernesto Rossi zu finden, der gleichfalls an Shakespeare anknüpft und die prachtvolle Verherrlichung der Musik zitiert, die mit den Worten „Der Mensch, der nicht Musik hat in ihm selbst" beginnt. Mariano de Padilla und Desiroe Artot, das Künstlerpaar, das dtb Arnoldson bei ihren ersten Schritten auf dem steilaufwärts- führenden Pfade der Kunst und des Ruhmes begleitete, gibt ihr weitere Glückwünsche auf den Weg, der Sänger Faure
trägt ein ganzes Lied eigener Komposition ein, C o q u e l i n huldigt der Nachtigall mit einem Namenswitz (Au Rossignol un vieux Coq.... uelin); die große Landsmännin ihrer Sigrid, ChristineNilsson, Gräfin von Eosa Miranda, grüßt als verblassender Steril neidlos den aufgehenden, und der berühmte englische Schauspieler Irving schreibt den Spruch Beckets „Women are Gods flowers" (Frauen sind Gottesblumen) ein.
Nun naht eine stolze Schar mit tönendsten Namen: es sind die Komponisten. Wer möchte nicht Komponist sein/ um von der Arnoldson gesungen zu werden, und welcher Komponist wünschte nicht, seine Musik von ihr zu hören? Ambroise Thomas widmete dem Fräulein Sigrid Arnoldson — es war o(m 1. Januar 1888 — die Romanze aus „Mignon" in merkwürdig reiner Notenschrift, Leo Doli b e s trägt die Sterbeszene der Lakms ein; Giuseppe Verdi, der größte unter den lebenden Meistern, hat vier Takte aus der „Traviata" hingeworfen, M a s f e n e t stimmt als Bewunderer der unvergleichlichen Madame Sigrid Ar- noldson-Fischhof das Halleluja aus seinem „Cid" an; Charles Gounod rüst mit seiner „Baucis" aus: „O riante nature!" Mascagni, der die Künstlerin in London getroffen, hat einige Takte aus den „Rantzau" eingetragen; gleich das nächste Blatt führt uns nach Ischl, wo Johann Strauß die ersten Takte eines Walzers einzeichnet, und ein späteres Blatt endlich nach Leipzig, wo sie mit Edward Grieg zusammentraf, der ihr sirr Sang und Spiel dankt.
Da die Kunst nur Eines, eine vielfarbige Einheit, so fühlen sich die Maler nicht minder zu der Sängerin hingezogen, als die Komponisten, zumal die schöne Frau nicht nur durch Sang und Spiel, sondern auch durch ihre anmut- mutvolle Erscheinung wirkt. Auch hier erste Namen: Josef Israels im Haag mit dem Studienkopf eines alten Bauern, H. W. M e s d a g, der berühmte Marinemaler, mit ein Paar Segelbooten auf bewegter, sturmdrohender See, B r o z i k, der mit der Künstlerin, seiner charmante amie, verwandt ist, mit einem Bauernmädchen am Spinnrad, I. Rosen mit einem an Meissonier gemahnenden Kosaken (eine vollständig ausgesührte, kraftvolle Zeichnung), und endlich Fritz August Kaulbach mit einem köstlichen Aquarell: „Musik" — zwei Frauen, von denen die eine in blauem, sterngoldbesäten Gewände in die Saiten der Harfe greift, während eine andere weißgekleidete einen Lorüeer- kranz in der Rechten, das Haupt träumerisch in die Linke gestützt, zuhört.
Schließliche — zuletzt, doch nicht die letzten: die Dichetr. Alexander Dumas Sohn hat sich zu Versen begeistert gefühlt und zwar zu begeisterten Versen, in denen er als den Trost, den Gott den Sterblichen gelassen, nachdem er die Pforten des Paradieses geschlossen hat: die Liebe, den Traum und Sigrids Gesang besingt. Victorien Sardou zitiert aus seinem neuen Stück „Spiritismus" folgenden, an ein Wort Grillparzers erinnernden Satz: „Die große Pforte zum Himmel, das ist nicht der Verstand, auch nicht die Tugend — es ist die Güte." Eduard Pailleron sagt: „Die Frauen haben nur eine einzige Krankheit: die Liebe; und nur ein einziges Heilmittel: die Liebe." Francois Copps preist wie Sardou die Güte: Das Geben ohne An- hofsnung des Dankes, das Geben ohne Kenntnis des Beschenkten und zuhöchst das Geben mit vollen Händen — wie es eben auch das Geben einer echten Künstlerin ist. Uns einem und demselben Blatt haben sich Henri Meil- hac und Ludovic Halevy, die so viel mitsammen gearbeitet (unter anderem auch den Text der „Carmen"), zum erstenmale wieder vereinigt, nachdem sie ein wenig auseinandergeraten waren. Emilie Zola weiß nicht nur für die Wahrheit zu kämpfeit, sondern auch der Kunst zu huldigen; er schreibt: „Une oeuvre d'art est un coin de la nature vu ä travers un tempsrament."
Mit den Franzosen haben deutsche Dichter gewetteifert, Sigrid Arnoldson würdig zu preisen. Friedrich v. Boden- stedt hat sich mit folgenden acht Zeilen eingeschrieben:
Dein Name will sich deutschem Reim nicht fügen, Doch Tu bist selbst ein schöngereimt Gedicht
Von edlem Bau und feingeschwungmen Zügen, Verklärt dtirch glutenvoller Augen Licht.
Du weckst, erhebt Tein Hauch sich zum Gesänge, gn jedem Herzen reinen Widerhall;
b Deiner Stimme seelenvollem Klange, Heißt Du mit Recht die „fchwed'sche Nachtigall".


