Ausgabe 
15.2.1904
 
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Seele nichts wissen darf und im Grunde genommen auch nichts weiß.

Von meinen Fenstern aus sehe ich auf die Pinienwiese der Villa Taverna. Tort befindet sich jetzt des Abends die Prinzeß mit ihren Gästen, darunter der junge Marchese ist. Ich sehe die beiden häufig allein.

Was mögen sie sprechen?

- Ich bin ruhelos! Ick durchirre den Park bis zur Er­schöpfung, und es hilft mir nichts; ich jage mein Pferd halb zu Tode, und es hilft mir nichts; ich fliehe zu Maria, und auch das hilft mir nichts!

Nachts brennt ihr Licht nicht mehr.

Was bedeutet das?

Sie wird schlafen, sie wird glücklich sein. Tas Glück gibt Frieden, und Friede bringt Schlummer. . . Gott sei Tank, daß ihre schlaflosen Nächte aufgehört haben!

Tagegen ist mein Schlaf gemordet.

Ich ließ mein Bett im Freskenzimmer aufstellen, weil die Nächte jetzt glühend heiß sind, weil durchs die vielen Türen, die auf die Galerie hinausführen, viel frische Luft hineinströmt, und weil ich Maria nicht noch mehr stören will da sie in ihrem Zimmer jede Nacht so lange aus­bleibt, bis sie mich mein Lager aufsuchen hört.

Ich brenne kein. Licht für den Fall, daß Uebrigens ist Mondschein.

(Fortsetzung folgt.)

Sigrid Arnoldsous AutograpH n-KköuM.

Autographensammler gehören unstreitig zu den obersten Ständen, zu dem Adel der Sammler. Lange bevor es Brief­marken- und Ansichtskarten- und Liebig-Bilder-Sammler gab, hat man sich schon für Autographen interessiert Man weiß, was Goethe darüber gesagt hat, man sagt mit Recht, daß nncht minder als der Stil die Schrift oer Mensch ist, daß man also echteDocuments humains" sammelt wie ein moderner Lieblingsausdruck lautet wenn man die Schriftzüge bedeutender Männer aufbewahrt. Wer nun so glücklich ist, an Stelle zerstreuter Blätter, die nichts von einander wissen, Fächerstäbe aneinanderzureihen, die er nur auseinanderzubreiteu braucht, um eine Welt des Geistes oder der Kunst vor sich erstehen zu lassen, oder gar ein Buch das ihm ganz persönlich gehört, das ihm eine Fülle von unschätzbaren Erinnerungen, eine ewig gedeckte Tafel be­deutet, der tauscht mit gar keinem Sammler, kaum mit einem, der Tausendmarknoten sammelt.

Den Gipfel der Autographensammlung bedeutet es nun ohne Zweifel, wenn eine Persönlichkeit, die selbst einwert­volles Autogramm" ist, sich mit einem Bucht ausweisen kann, in welchem der zeitgenössische Parnassus zu gewahren ist. Wir haben ein solches Buch in der Hand, es ist das Dienstbuch" von Sigrid Arnoldson. Jedermann huldigt ihr und wünscht ihr seine Huldigung bekannt zu geben, aber in das Heiligtum dieses Buches sich einzu­zeichnen, ist nur den Mlesensten gegönnt. Kranz hängt da an Kranz; Lorbeergekrönte haben ihr ihre eigenen Kränze gereicht. Da finden wir zunächst aus der Bühnenwelt den Namen Theodor Wachtels, der die Stelle aus dem Postillon von Lunjumeau" eiugezeichnet hat, die ihm nie­mand mehr nachsingen wird; ihr folgt Marie Zieger-Alboni, die berühmteste Altistin; sie bezeichnet sich alsl'Ex-Con- tralto" und gibt ihrer jungen Schwester in Apoll den Rat, möglichst viel klassische Musik zu singen, wenn sie ihre Stimme bewahren will. Sarah Bernhardt schreibt einen ganzen Brief, dessen Vorgeschichte hier zu weit führen würde. Tommaso Salvini hat einen Vers ein­getragen, der in deutscher Uebersetzung ungefähr lautet:

Euterpe ist die Muse des Gesanges!

Dem Tanze dient Terpsichore zum Horte!

Was bleibt mir zur Betätigung hohen Dranges?

Worte nichts als Worte!"

Neben Salvini ist auch sein gleichstrebender Heimats­genosse Ernesto Rossi zu finden, der gleichfalls an Shake­speare anknüpft und die prachtvolle Verherrlichung der Musik zitiert, die mit den WortenDer Mensch, der nicht Musik hat in ihm selbst" beginnt. Mariano de Padilla und Desiroe Artot, das Künstlerpaar, das dtb Ar­noldson bei ihren ersten Schritten auf dem steilaufwärts- führenden Pfade der Kunst und des Ruhmes begleitete, gibt ihr weitere Glückwünsche auf den Weg, der Sänger Faure

trägt ein ganzes Lied eigener Komposition ein, C o q u e l i n huldigt der Nachtigall mit einem Namenswitz (Au Rossignol un vieux Coq.... uelin); die große Landsmännin ihrer Sigrid, ChristineNilsson, Gräfin von Eosa Miranda, grüßt als verblassender Steril neidlos den aufgehenden, und der berühmte englische Schauspieler Irving schreibt den Spruch BecketsWomen are Gods flowers" (Frauen sind Gottesblumen) ein.

Nun naht eine stolze Schar mit tönendsten Namen: es sind die Komponisten. Wer möchte nicht Komponist sein/ um von der Arnoldson gesungen zu werden, und welcher Komponist wünschte nicht, seine Musik von ihr zu hören? Ambroise Thomas widmete dem Fräulein Sigrid Ar­noldson es war o(m 1. Januar 1888 die Romanze ausMignon" in merkwürdig reiner Notenschrift, Leo Do­li b e s trägt die Sterbeszene der Lakms ein; Giuseppe Verdi, der größte unter den lebenden Meistern, hat vier Takte aus derTraviata" hingeworfen, M a s f e n e t stimmt als Bewunderer der unvergleichlichen Madame Sigrid Ar- noldson-Fischhof das Halleluja aus seinemCid" an; Char­les Gounod rüst mit seinerBaucis" aus:O riante nature!" Mascagni, der die Künstlerin in London ge­troffen, hat einige Takte aus denRantzau" eingetragen; gleich das nächste Blatt führt uns nach Ischl, wo Johann Strauß die ersten Takte eines Walzers einzeichnet, und ein späteres Blatt endlich nach Leipzig, wo sie mit Edward Grieg zusammentraf, der ihr sirr Sang und Spiel dankt.

Da die Kunst nur Eines, eine vielfarbige Einheit, so fühlen sich die Maler nicht minder zu der Sängerin hin­gezogen, als die Komponisten, zumal die schöne Frau nicht nur durch Sang und Spiel, sondern auch durch ihre anmut- mutvolle Erscheinung wirkt. Auch hier erste Namen: Josef Israels im Haag mit dem Studienkopf eines alten Bauern, H. W. M e s d a g, der berühmte Marinemaler, mit ein Paar Segelbooten auf bewegter, sturmdrohender See, B r o z i k, der mit der Künstlerin, seiner charmante amie, verwandt ist, mit einem Bauernmädchen am Spinnrad, I. Rosen mit einem an Meissonier gemahnenden Kosaken (eine vollständig ausgesührte, kraftvolle Zeichnung), und endlich Fritz August Kaulbach mit einem köstlichen Aqua­rell:Musik" zwei Frauen, von denen die eine in blauem, sterngoldbesäten Gewände in die Saiten der Harfe greift, während eine andere weißgekleidete einen Lorüeer- kranz in der Rechten, das Haupt träumerisch in die Linke gestützt, zuhört.

Schließliche zuletzt, doch nicht die letzten: die Dichetr. Alexander Dumas Sohn hat sich zu Versen begeistert ge­fühlt und zwar zu begeisterten Versen, in denen er als den Trost, den Gott den Sterblichen gelassen, nachdem er die Pforten des Paradieses geschlossen hat: die Liebe, den Traum und Sigrids Gesang besingt. Victorien Sardou zitiert aus seinem neuen StückSpiritismus" folgenden, an ein Wort Grillparzers erinnernden Satz:Die große Pforte zum Himmel, das ist nicht der Verstand, auch nicht die Tugend es ist die Güte." Eduard Pailleron sagt: Die Frauen haben nur eine einzige Krankheit: die Liebe; und nur ein einziges Heilmittel: die Liebe." Francois Copps preist wie Sardou die Güte: Das Geben ohne An- hofsnung des Dankes, das Geben ohne Kenntnis des Be­schenkten und zuhöchst das Geben mit vollen Händen wie es eben auch das Geben einer echten Künstlerin ist. Uns einem und demselben Blatt haben sich Henri Meil- hac und Ludovic Halevy, die so viel mitsammen ge­arbeitet (unter anderem auch den Text derCarmen"), zum erstenmale wieder vereinigt, nachdem sie ein wenig auseinandergeraten waren. Emilie Zola weiß nicht nur für die Wahrheit zu kämpfeit, sondern auch der Kunst zu huldigen; er schreibt:Une oeuvre d'art est un coin de la nature vu ä travers un tempsrament."

Mit den Franzosen haben deutsche Dichter gewetteifert, Sigrid Arnoldson würdig zu preisen. Friedrich v. Boden- stedt hat sich mit folgenden acht Zeilen eingeschrieben:

Dein Name will sich deutschem Reim nicht fügen, Doch Tu bist selbst ein schöngereimt Gedicht

Von edlem Bau und feingeschwungmen Zügen, Verklärt dtirch glutenvoller Augen Licht.

Du weckst, erhebt Tein Hauch sich zum Gesänge, gn jedem Herzen reinen Widerhall;

b Deiner Stimme seelenvollem Klange, Heißt Du mit Recht diefchwed'sche Nachtigall".