Ausgabe 
15.2.1904
 
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natbäume. Es war wie ein rosig und feuerrot strahlender Teppich, gegen den auf der grauen beschatteten Marmor- bank die lichte Figur sich abhob.

Sie war allein und ich fand sie weich und traurig. Nichts von der großen Modedame als das Spitzengewand, das sie wie eine Weiße Welle umfloß. Sie hatte etwas Hilfloses, Rührendes. Eine stille Wärme ging von ihr aus wie Frühlingsluft. Ich hatte gar nicht geglaubt, daß sie so ruhig und einfach sein könnte.

Ta sie zu leiden schien, so wollte ich von ihrem Be­finden sprechen. Sie lehnte es jedoch mit einem Lächeln ab, und wir sprachen von Assunta Neri.

Sie sagte:

Ich beneide sie. Ich habe noch niemals eine Frau beneidet. Aber diese eine beneide ich! Nicht um ihren Ruhm; sondern"

Sie schwieg und lehnte ihr Haupt müde zurück. Ich erwiderte:

Trotz ihres Ruhmes halte ich sie für sehr unglücklich."

Was tut das? Aus das Glück kommt es nicht an. Es kommt nur daraus an, wie man unglücklich ist: rein und still, einfach und groß. Großsein im Unglück ist beinahe Glücklichsein. Und wenn die Tragödin an ihrem schienen großen Unglück, das nicht ihre Kunst, sondern ihre Natur ist, zu Grunde geht, so geht sie doch schön und groß zu Grunde. Was könnte eine Frau Herrlicheres sich wünschen? Wir anderen sind so klein; und es ist so jammervoll, ein kleiner Mensch sein zu müssen."

Klein sein zu müssen?" fragte ich.

Wir müssen so sein, wie unsere Natur ist. Das ist es ja eben!"

Zu einer Equipage des Prinzen kamen römische Gäste Hon der Station. Ter Lakai meldete sie.

Ich erhob mich. Tie Prinzessin sagte:

Ich bitte Sie nicht, zu bleiben. Was haben Sie mit diesen Leuten gemein? Ich bin freilich um nichts besser. Im Gegenteil! Tiefe Leute sind wenigstens das, was sie scheinen: nach neuester Mode angezogene Marionetten mit Salonmanieren. Nicht wahr, Sie kommen wieder?"

Tas kann ich nicht versprechen.!"

Wenn ich Sie darum bitte, werden Sie gewiß wieder- kommen. Sie können sich nicht vorstellen, wie einsam ich bin."

Einsam! Sie sprach eine Zauberformel über mich aus. Einsam! Ich wußte ja längst, daß auch sie einsam war und werde wiederkommen.

Schon morgen!

Als ich ging zwischen der Billa Taverna und der Billa Falconieri befindet sich eine Hecke mit einer kleinen grünen Tür, zu der beide Villen den Schlüssel besitzen hörte ich die römischen Gäste geräuschvoll unter die Eichen sich ergießen: in dem Homerschen Gesang das elegante high life-Geschwätz!

Gott sei Tank, baß ich mit dieser Welt nichts mehr gemein habe nie mehr etwas gemein haben werde! Daß diese Menschheit für alle Zeiten für mich abgetan ist. . . Allein der Gedanke: ich könnte noch einmal zu ihr zurück­kehren, trieb eine heiße Blutwelle gegen mein Hirn; und ich beruhigte mich erst, als ich mich wieder in meinem Tusculum befand, welches mir paradiesischer als jemals erschien.

Aber selbst hier immerfort ist mir's, als höre ich Lachen und plaudernde Stimmen. Immerfort sehe ich die weiße ruhende Gestalt, die nicht mehr zu retten sein soll. Und sie sagt:

Sie können sich nicht verstellen, wie einsam ich bin . ."

Doch dann erhebt sie sich, tritt unter die Gäste, lacht wie diese, plaudert wie diese, ist um nichts besser als sie.

Auch mit ihr habe ich nichts gemein!

Trotzdem ging ich wieder zu ihr.

Ich wollte nicht feige sein.

Jetzt muß ich dafür büßen.

Ter Prinz befand sich wieder in Rom; aber'dieses Mal traf ich die Prinzeß nicht allein. Ein Marchese Riccardo Belcampo war bei ihr. Ter Marchese ist Offizier, kommt direkt aus Asiika, wo er Heldentaten verübte und über ein Zahr Gefangener des Mahdi war. Er ist nicht gerade schön; aber herrlich jung. Voller Frische und Kraft, ist er ebenfo freimütig wie leidenschaftlich. Er ist ivirklich ein pracht­voller Zunge! Mit der Naivität einer unverdorbenen $-

gend, die Seele noch voll Illusionen und Hoffnungen, be­rauscht von seinem frühen Heldentum, sprach er von sich und den großen Taten, die er begangen hat. Er sprach von nichts anderem als von sich-, und man hätte von gar nichts anderem hören mögen. Ich hatte nicht geglaubt, daß es solche wirklich junge Menschen noch gibt; hatte bereits ganz vergessen, wie solche gut leuchtende Jugend aussieht, wie sie denkt und fühlt. Sie denkt übrigens sehr wenig, um so mehr fühlt sie.

Tas ist auch das Rechte.

Ten Jüngling ansehend und der Erzählung seiner Abenteuer lauschend, ward ich mir bewußt wie nie zuvor, daß ich selbst niemals eine Jugend besessen hatte. Tenn Jugend ist Lebensfreude, ist Glaube und Hoffnung. Bor allem ist Jugend Glück. Und ich bin in meinem ganzen Leben niemals glücklich gewesen.

Seine strahlenden Augen suchten die der Prinzessin, hängten sich daran, versenkten sich in den geheimnisvollen Glanz ihres Blickes. Seine Augen sprachen mit einer flammenden, unwiderstehlichen Beredsamkeit:

,Tu bist ja ein wunderbares Geschöpf! Und wie jung du noch bist! Sieh mich an wie jung ich bin! Tu sollst krank und unglücklim fein? Ich bin gesund und glücklich Komm, komm! Ick nehme dich in meine Arme, Die, was sie einmal fassen, auch festhalten, und mache dich in meinen Armen gesund und glücklich! Lebensfreude wir wollen sie pflücken! Wir wollen sie pflücken, wie Kinder reife Kirschen pslücken, unter Jubel und Jauchzen. Komm, komm!'

So sagten ihr seine Augen. . . Sie saß ihm gegen­über, sah ihn unverwandt an; und ihr Blick erwiderter ,Jch möchte wohl kommen: denn ich möchte auch wissen, was Glück ist.'

Ich beobachtete beide. Sie verkehrten miteinander, als ivären sie seit ihrer Kindheit befreundet. Die Prinzessin sah unbeschreiblich mädchenhaft und reizend aus.

Ich fühlte mich von diesen beiden jungen Menschen- kindern so weit entfernt, wie aus einer Insel im Ozean. Am liebsten hätte ich mich davongeschlichen. Aber ich blieb. Ich blieb und beobachtete. Dabei fühlte ich ein Weh in mir wie noch niemals zuvor. Es war ein ganz neuer Schmerz; aber Neid war es nicht.

Es war ein stilles, ganz stilles, sehr tiefes Weh.

Mit mir hatte sie kokettiert, mit diesem guten Jüngling kokettierte sie nicht. Ihm gegenüber war sie nur ein junges armes krankes Wesen, das vom Glück nichts wußte, das davon gar zu gern einmal genascht hätte, ehe die dunkle Pforte, die nach dem Eintritt nicht wieder sich öffnen läßt, hinter ihr zuschlug.

Vielleicht kenne ich die Frau doch etwas besser, als sie meint: denn alle diese Vorgänge beobachtete ich bei ihr. Und ich begriff sie!

Ich begrifs, daß das Weib einmal in seinem Leben ganz Weib sein muß: also ganz Liebe, Zärtlichkeit, Hingabe.

Und wenn diese auck zugleich Sünde, Schuld, Ehe­bruch wären.

Wen würde für die Schuld und Sünde dieser Frau die Verantwortung treffen?

Ten Mann!

Sie trifft immer den Mann, dessen brutaler Faust­schlag das Herz der Frau zermalmt, soivie seiner Hand ein Weib liebkost, von dem er nicht geliebt wird.

Ich begreife alles. Aber der leise tiefe Schmerz, der mich erfaßt hat, will und will nicht wieder weichen.

*

Der junge Marchese befindet sich unter den Gästen bei Billa Taverna. Ter Prinz ist tagsüber in Rom bei seinen verschiedenen Maitrefsen; und alles scheint ganz in der Ordnung zu fein.

Und ich leide.

Jede Minute sage ick mir, daß ich' dazu nicht das mindeste Recht besitze, daß mein Leiden eine Absurdität und eine Treulosigkeit gegen Maria ist.

Und ich leide trotzdem.

Tabei beruht alles nur in meiner fiebernden Ein­bildung, sind es lediglich meine kranken Nerven, die diese Wahnidee schufen.

Wie ich meine zügellose Phantasie hasse!

Sie zeigt mir Mlder und Gesichte, von denen meine