Montag den 15. Ieöruar.
1904.
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(Nachdruck verboten.)
Wssa Jalconieri.
Von RichardVoh.
Zweiter Band.
(Fortsetzung.)
Wenn ich in meinem frühlingsfrohen Freskeuzimmer liege, zur Decke aufblicke, wo in dem strahlenden Gewölk die liebliche blumenstreuende Göttin erscheint, so habe ich bisweilen einen seltsamen Traum. . . Tie Himmlische greift in die Blüten, nimmt daraus eine Blume, wirft fte. herab, trifft damit meine Stirn. Von der Blume getroffen, erhebe ich mich, wandle und rede wieder — spreche ich zu allem Volke, verkünde ich mit feuriger Zunge die Botschaft des ewig Schöner:, Guten und Großen.
Ein seliges Traumbild, rricht wahr?
*
Assunta Neri war also fort und ich hoffte täglich wieder geordneter und beruhigter zu werden. Doch die Windsbraut, die der Besuch der Tragödin in mir weckte, will und will sich nicht legen.
Ich flüchte mit meinem Sturm in den Abendfrieden, den Maria um sich verbreitet, berge den Aufruhr, der mich ersaßt hat, in ihrer Himmelsruhe und stille mein inneres Toben an ihrem Schwestcrherzen. Sie ist, wie immer, gütig und geduldig, mild und stark und wird mich gewiß wieder zur Ruhe bringen.
Tenn ich erkenne mehr und mehr: nicht die Villa Falconieri ist mein Asyl — mein Hort und mein Heil beruht in Maria!
Sollte es mir gelingen, Marianos Tod konstatieren zu lassen — denn die Ueberzeugung seines Todes befestigt sich mehr und inehr in mir — so wird jenes Dunkle, Geheimnisvolle und Unheilvolle, welches zwischen uns beiden liegt, sicher verschwinden.
Sa, ja! Tann wird vieles besser werden.
-rie Prinzessin von Sora sah ich, nicht wieder.
Vielmehr: ich sah sie nur noch ein einziges Mal; aber ganz flüchtig.
Es war oben auf Tusculum: unterhalb der Felsen beim Kreuz.
„Apage Satanas!"
Ter Böse geht um unter blühendem Ginster.
*
Tie Windsbraut hat mich von meinem Eiland hinweg und in einen wilden Strom geschleudert.
Ich wehre mich, ich kämpfe mit den Wellen.
Aber der Strudel hat mich ergriffen und mit sich davongerissen.
Ter Prinz von Sora besuchte mich,
Was hat dieser Mensch sich um mich zu kümmern?
Ich bin nicht seinesgleichen!
Ob das auch einer ist vom neuen Geschlecht? Von der Generation der Gegenwart, der die Zukunft gehört?
Noch jung, und doch niemals jung gewesen; von allen Genüssen erschöpft, und doch noch genußgierig; bereits entnervt, und immer noch lüstern; Zoll für Zoll ein Fürst der fashionablen Decadence — Gedanke für Gedanke ein vulgärer Geist! Und diesem nach englischer Mode gekleideten wandelnden Kadaver, diesem traurigen Helden eines Zolaschen Kulturromans, dem würdigen Repräsentanten einer lebendig verfaulenden modernen Mannheit wurde das unschuldige, unwissende Kind ausgeliefert!
Ich saß ihm gegenüber mit stummem Ekel, ließ ihn sein Salongeschwätz führen und versuchte mir dabei vorzustellen: was aus einer Mädchenseele werden muß, die einem solchen Menschen überliefert wird.
Aber es läßt sich nicht vorstellen — es ist moralischer Mord.
Meine arme Maria und jenes seltsame süße Kind sind in gewissem Sinne Gefährtinnen; denn beide so ungleichartige Frauenexistenzen haben in sich den einen gleichen faulen und toten Punkt. Als ich es plötzlich sah, war ich entsetzt. Ich hatte Maria nicht helfen können; und nicht zu Helsen, denn nicht zu „retten" wird das andere Opfer sein.
Und ivie, wenn die Welt von solchen moralisch gemordeten Frauenseelen wimmelte?
Davon wußte ich allerdings nichts.
*
Eine neue Frage drängt sich mir auf, reizt mich zu unausgesetztem Grübeln, quält mich, weil ich die Antwort nicht finde:
Gab es solche Frauen zu jeder Zeit?
Oder hat unsere alles aufgrabende, alles durch- wühlende und zersetzende Zeit die Existenz solcher Frauen uns erst zu Bewußtsein gebracht — erst den Frauen selbst zu Bewußtsein?
. Und was werden von diesem gewaltsam aufgerüttelten Frauenbewußtsein, das mit Grauen und Entzücken sich selber empsindet, die Folgen sein?
*
Es fiel mir schwer, höflich zu sein. Doch endlich entschloß ich mich, notgedrungenerwetse den Besuch des Prinzen zu erwidern. Zum Glück befand er sich in Rom; aber die Prinzessin wollte mich empfangen.
Sie war nicht im Hause; sondern unter den Eichen, die vor der Villa Taverna in epischer Größe über der Campagna aufragen — ein Gesang aus Homer!
Ich folgte dem Lakaien und sah in der Dämmerung der dichten Wipfel die feine weiße hingelagerte Gestalt gleich einem stillen Bildnis ruhen. Hinter den finsteren Stämmen erstreckte sich im grellen Sommerlicht eine weite Flur voll hoher, mit'Blüten bedeckter Oleander- und Gra«


