Ausgabe 
15.1.1904
 
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mit dem Sakrament kam. Daß er ohne letzte Oelung aus der Welt ging, war für die Leute der Tenuta bei weitem das Schrecklichste.

Nicht den Sterbenden, sondern Frau Mariano sah ich an. Sie stand und schaute mit weitvffenem, leidenschaftlich verlangenden: Blick zu, wie der hübsche Knabe seinen letzten Seufzer aushauchte.

Ich wußte, daß sie ihn beneidete.

*

Herr Mariano geriet außer sich vor Schmerz und Zorn und hätte den Totschläger am liebsten gelyncht. Aber dieser war gleich nach der Tat in den Buschwald geflüchtet, wo er sich so sicher fühlen durfte wie in Abrahams Schloß. Seine Kameraden kannten seinen Schlupfwinkel und ver­sorgten ihn mit Nahrung, was sowohl die Karabinieri, wie auch Herr Mariano sehr gut wußten. Doch mußten sie es geschehen lassen.

Tie Sitte war geheiligter Brauch.

Mein Gespräch mit Frau Mariano ging mir nicht aus dem Sinn, und ich hatte immer ihr Bild vor Augen: wie sie int Mondschein bei der Blumenfontäne aus der Terrasse saß und wie sie bei dem Sterbenden stand. . . Sie be­schäftigte sich in Gedanken mit mir, sie nahm Anteil an mir, sie hielt mich für einen sonderbaren Schwärmer, dem der Aufenthalt in der traumhaften Billa zum Verderben gereichen konnte. Zum Verderben, weil die Einsamkeit zu schön war, oder weil die schöne Frau Mariano zu unglück­lich war? Oder weil ich wie sie mit dem unfehlbaren Instinkte der Frau wußte der Schönheit und dem Un­glück gegenüber keinen Widerstand leisten konnte?

Und sie selbst?

Sie verwehrte mir, ihrem Leben Teilnahme zu schenken, ihre Person verehrungswürdig zu finden. Also hielt sie sich solcher Empfindungen für unwert?

Als ob wahres Unglück nicht stets verehrnngswürdig Wäre!

Sie mußte sich schuldig fühlen.

Worin?

Taß sie sich hatte zwingen lassen, Frau Mariano zu werden, daß sie die Gewalt, die ihrem Leibe und ihrer Seele angetan worden, nicht gerächt hatte: weil ihre Seele damals noch nicht stark genug war.

Sie hatte ihrem ungeliebten Gatten nach vierjähriger Ehe ein Kind geboren, welches sie anbetete; und sie gehörte zu denjenigen Müttern, die durch diesen heiligen Beruf des Weibes an Leib und Seele verklärt werden. Dieselbe Frau, die eine gerichtete Mörderin für eine Märtyrerin ansah, und die über blutige Leichname wie über eine nasse Wiese schritt, glich, über ihr Kind geneigt, an Holdseligkeit der himmlischen Mutter.

*

Jch> kam aus dem Zauberkreis, der für mich die Billa Falconieri umschloß, nicht mehr heraus und verkehrte anßerhalb desselben nur noch mit Mönchen und Hirten, sodaß ich nicht hörte, was die Leute von den sonderbaren Pächtersleuten sprachen. In der Billa selbst erfreute sich Herr Mariano einer abgöttischen Beliebtheit. Seine Knechte, die er zwar in seinen Wutansällen wie Tiere behandelte, wären für ihn durchs Feuer gegangen. Man munkelte allerlei Dunkles über ihn und ließ dennoch nichts auf ihn kommen.

Nur seine Frau erschien lediglich von einer Empfind­ung gegen ihn beseelt. Wahrscheinlich- weil nur sie ihn kannte.

In der Villa hörte ich ihren Namen selten nennen, so sehr ich auch darauf lauschte; und wer ihn aussprach, tat es mit einer gewissen Scheu. Man erzählte sich, daß sie sich um nichts, was im Hause und in der Oekonomie vor­ging, auch nur im mindesten kümmere, daß sie niemals in der Schloßkapelle der Messe beiwohnte, niemals beichten gehe. Taß sie verschwinde, sobald die Mönche von Camaldoli und vom Kapuzinerkloster ihren Gatten besuchten. Man wollte wissen, daß sie tagelang mit ihrem Mann kein Wort wechsele, daß sie, wenn er über irgend etwas wüte, ge­lassen dabei stehe und lächele, daß sie ihn durch dieses Lächeln fast zur Tollheit bringe und sich von ihm nieder­schlagen lasse, ohne einen Schmerzenstaut auszustoßen.

Trotz ihrer schmachvollen Leiden wurde sie in der ganzen Villa nur von ihrer treuen Tienerin Rosa geliebt und bemitleidet.

Man sah sie stets in demselben schlechten Kleid. Mer

stets war ihr prachtvolles Haar sorgsam gescheitelt und tief im Nacken zusammengeknotet. Toch ließ sie sich wie ich erfuhr, diese sorgsame Pflege nur auf die täglichen Bitten ihrer treuen Rosa hin von derselben gefallen. Immer noch war sie nur selten zu sehen und dann niemals ohne ihr Kind. Es war ein entzückendes kleines Geschöpf, hieß Annina und führte den schönen Kosenamen Amore. Herr Mariano war, seitdem das Kiitd größer geworden, der zärtlichste Vater. Kam er jetzt nach Hause geritten, so rief er nicht mehr nach seiner Frau, sondern nur nach dem Kinde.

Amore! Amore!" hörte ich des Tags ungezähltemale aus Park und Haus schallen. Selten, daß Frau Mariana auf einen dieser gellenden Rufe mit dem Kinde erschien. Dann begann er zu toben und wütend nach der Mutter zu schreien. Einigemale sah ich, wie sie ihm das Kind auf das Pferd reichte. Er riß es an sich, gab dem Pferde die Sporen und jagte davon, als wollte er das Kind der Mutter entführen. Tiefe sah den beiden mit einer Mene nach, als wäre ihr die ewige Seligkeit entrissen worden.

Oft höre ich noch jetzt im Traum Herrn Marianos Stimme rufen:Amore! Amore!"

Das Jahr, das ich in der Villa hatte zubringen wollen, ging zu Ende. Ich fühlte mich beruhigt, befriedigt, fast glücklich. Aber ich war nicht gesund. Mein Bedürfnis, mich fort und fort niederzulegen, war gewachsen; meine Anstrengungen, aus diesem tiefen Ruhen mich emporzu- reißen, verursachten mir große Mühe; meine Ermattung hatte zugenomme'n, und ich litt an einem schweren dumpfen Druck auf dem Gehirn, an absolut schlaflosen Nächten und fiebernden Phantasien.

Ich versuchte zu arbeiten. Ich versuchte dichterische Pläne zu fassen, das innerlich Erlebte zu schauen, oas Ge­schaute zum Ausdruck zu bringen.

Aber ich fand nicht den Ausdruck, so sehr ich mich auch abmühte. Jeder Satz ward unter solchen Qualen sechsmal niedergeschrieben und schließlich doch aus gestrichen.

Es lag vielleicht daran, daß ich meine Gedankenbilder nur in matten, schwankenden Umrissen vor mir erblickte, vatz meine Phantasie immer noch zu erschöpft war, um formen, mein Gehirn zu ausgesogen, um eine seelische Ge­stalt auch mit dem Verstände erfassen zu können.

Ich litt sehr.

Unter diesen Umständen wäre es törichte Selbstzer­störung gewesen, mich aus meinem Asyl zu vertreiben, mein köstliches Refugium aufzugeben und die Tore dieses ElysiumS hinter Mir zu schließen.

Ich blieb also.

Weil es sich geschäftlich nicht anders arrangieren ließ, schloß ich über die Vermietung der Villa einen vieljährigen Kontrakt.

Jetzt war ich geborgen!

*

Herr Mariano teilte meine Freude.

Er gestand mir, daß er mich sehr vermißt haben würde, da er seinen Knechten wohl kaum etwas aus Müsset rezi­tieren und mit ihnen über den Unterschied zwischen römischer und griechischer Plastik diskutieren konnte.

Mein Koch hielt es allerdings für seine Pflicht, mir mitzuteilen, daß Herr Mariano mir seine Preise noch un­genierter machte. Mer schließlich wer betrog mich hier nicht?! Mehr noch als mich, hätte Herr Mariano sicher meine guten Tiners vermißt. Denn in der letzten Zeit speiste er jede Woche einmal bei mir. Ich lud stets Frau Mariano ebenfalls ein; aber sie war kein zweitesmal wieder­gekommen.

Weil ich wußte, daß sie mein Verweilen in der Villa aus einem irrtümlichen Grunde für verhängnisvoll für mich hielt, weil sie es mir an jenem Abend in sehr ein­dringlicher Weise ausgesprochen, mich gewissermaßen ge­warnt hatte und ich ihr diesen Beweis ihrer freundschaft­lichen Teilnahme sehr lebhaft dankte, trotzdem aber ihre Mahnung nicht befolgte, so vermied ich noch mehr als sonst ihr zu begegnen, was mir in dem großen Hause, dem weitläufigen Parke und durch unser beider Lebensart sehr erleichtert ward.

Gewiß wünschte auch sie mich nicht zu sehen.

Andererseits quälte mich die Vorstellung, sie möchte gering von mir denken da sie doch nicht wissen konnte, wie es innerlich mit mir stand, wie ich, an meinem Talente verzweifelnd, nur durch! ein langes, tiefes Ausruhen aller Organe wieder arbeitsfähig werden konnte, nachdem ich