Areitag ven 15. Januar.

1904.

422

W

KllliC

in

(Nachdruck verboten.)

Wssa Jalconieri.

Voll RichardVoß.

Erster Band.

(Fortsetzung.)

Sie fühlen mit der ganzen Welt Mitleid mit der ganzen leidenden Welt. Sm ließen sich am liebsten für die Leiden der Welt martern und kreuzigen. Als wenn Sie damit die Welt von ihren Leiden erlösen könnten!"

Ich lächelte.

Schwerlich, Konnte doch selbst der .Gottessohn nur für uns sterben, ohne durch seinen Tod von den Leiden des Lebens die Erlösung zu bringen."

Nein, nicht die Erlösung . . ."

Jetzt ein Schweigen, das ich nicht ohne Anstrengung Unterbrach:

Wieso urteilen Sie so überaus gütig über mich? Lasen Sie etwa meine Bücher?"

Ich lese niemals. Ihre Bücher werde ich keinesfalls lesen."

Wollen Sie mir damit etwas Liebenswürdiges oder etwas Unfreundliches sagen?"

Weder das eine noch das andere; sondern nur genau das, was ich denke."

Und Sie denken?"

Daß ich Sie kenne, ohne Ihre Bücher lesen zu brauchen, die samt und sonders Sie selbst sind."

Sie halten mich also für eine sehr wenig komplizierte Natur, für sehr leicht zu erkennen?"

Für außerordentlich leicht."

Wissen Sie, daß Sie mich neugierig machen, mich durch! Sie kennen zu lernen?"

Sollten Sie sich nicht kennen?"

Ganz nnd gar nicht! Ich bilde es mir nur bisweilen ein. In der Einbildung ist es so leicht, die Dinge zu er­gründen. Tiefe trügerische Phantasie!"

Und Phantasie ist bei Ihnen alles. Sie leben über­haupt nicht in der Wirklichkeit."

Sondern?"

Eben nur in Ihrer Phantasie."

Tas könnte gefährlich sein, nicht wahr?"

Es ist gefährlich,"

Sie warnen mich?"

>,Es war gefährlich- für Sie, hierher zu kommen."

Ich bin hier sehr glücklich-, Ich bin hier zum ersten- tttftle in meinem Leben ruhig und glücklich"

Haben Sie im Leben nichts anderes zu tun, als ruhig und glücklich zu sein? . . . Verzeihen Sie, das geht trrid)i nichts an."

Wenn Sie an mir einigen Anteil nehmen, fo ist

das sehr freundlich von Ihnen, so bin ich Ihnen seht dankbar."

Das ist unnötig."

Ich darf Ihnen doch dankbar sein?"

Sie überschätzen den Wert meiner Worte, wie Sie. auch mich selbst überschätzen."

Das ist unmöglich!"

Was wissen Sie von mir?"

Daß Sie in jedem Falle verehrungswürdig sind."

Ich bitte Sie, Graf"

Wer ich ließ sie nicht ausreden.

Sie werden mir doch erlauben, innigen Anteil an Ihnen zu nehmend

Nein."

Und sie stand auf.

In diesem Augenblick eilte Domenico herbei: Herr Mariano finde das Verbandzeug nicht, und der Verwundete verblute. Wo Frau Mariano bleibe?!

Erst nachdem sie gegangen war, kam mir znm Be­wußtsein, daß wir in aller Ruhe zusammengeblteben warem während sich ein Sterbender im Hause befand. Ueber dem Alleinsein mit dieser Frau hatte ich den blutigen Vorfall vollständig vergessen. Welche geheime Gewalt hatte das vollbringen können? Liebe und Leidenschaft blieben aus? geschlossen.

Also: was war es?!

Darüber nach- gewohnter Art zu sinnen, war jetzt nicht der Augenblick. Ich eilte endlich in den Hof, daraus mir jammernde, schreiende, fluchende Stimmen entgegentöntew als hätte ein allgemeines Gemetzel stattgefunden. Hers Mariano schrie, jammerte und fluchte am wildesten.

Sämtliche Leute waren zusammengelaufen und um standen mit leidenschaftlichen Gestikulationen den Verwun­deten, den sie unter dem Löwenportal niedergelegt hatten mit dem Rücken an eine Säule gelehnt.

Es war ein knabenhaft junger bildhübscher Mensch- aus Sassoferrato mit einer Hautfarbe wie Bronze, des Pachters Lieblingsknecht.

Der Messerstich- war in die linke Seite gedrungen, und das Blut strömte aus der Wunde, aus die Herr Marians sein Taschentuch preßte. Er war neben dem Jüngling hin- gekniet, hielt seinen Kopf und hatte Tränen in den Augen Rosa leuchtete mit einem Span, dessen Glut die wild« Szene bestrahlte.

Frau Mariano brachte das Verbandzeug., Sie stand neben dem Sterbenden in einer Haltung, mit einer Mien^ bei der ich- von neuem an ihres Mannes Erzählung aus bei Zeit der Pariser Kommune denken mußte: wie sie über Leichen der Erschlagenen hinweg durch die blutige Gassi geschritten war.

Es war ihr vollkommen gleichgiltig, ob fließendes Blu ihr Seidenkleid verdarb oder nicht.

Dem armen Jungen war nicht mehr zu helfen. ® starb in den Armen seines Herrn, gerade als der Geistlich