Ausgabe 
14.11.1904
 
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Andererseits hat Ne große Masse der Frauen noch keine Kenntnis davon, daß das neue Bürgert. Gesetzbuch ihnen Rechte eingeräumt hat, die sie in den Stand setzen, einen großen pädagogischen Einfluß auszuüben. Unsere Frauen­vereine müssen deshalb angewiesen werden, mehr als bisher Propaganda für dieses so wichtige Amt unter den Frauen der wohlhabenden Kreise zu machen, da es Wohl anzunehmen ist, daß sucht unter ihnen viele finden, die, des geschäftigen Nichtstuns überdrüssig, sich freuen, ein reiches Feld erzieherischer Frauenarbeit vorzufinden. Die Erhebungen zeigen uns, daß die weibliche Vormundschaft über fremde Kinder bislang nur auf dem Papier steht, daß sie in selten Fällen und. nur in wenigen Städten in erheblichem Maße durchgeführt ist. Die freie Hansestadt Hamburg machte eine löbliche Ausnahme; sie zählte un­gefähr 140 Vormünderinnen über fremde Kinder, eine Zahl, die von keiner anderen Stadt erreicht worden ist. lieber die Zahl der unehelichen Mütter, die in der Regel zur Vor- mundschast herangezogen werden, wird auch in Hamburg keine Statistik geführt. Dies Fehlen der Statistik erschwerte meine Aufgabe ungemein, deshalb war es auch unmög­lich, die Zahlen der Reichshauptstadt zu erfahren, doch die Umfrage hatte wenigstens in einem! Punkte den gewünschten Erfolg: ein Antrag an die aufsichtsführenden Oberamts­richter ist geplant, daß im Jahre 1905 eine Statistik über die von Frauen geführte Vormundschaft angeordnet werde. Der Zahl nach folgt auf Hamburg Düsseldorf mit 124 weiblichen Vormundschaften, d. h. 124 Frauen, nicht Mütter der Mündel, sind zum Vormund bestellt. Unter diesen Frauen befinden fich 30 Großmütter ihrer Mündel, wäh­rend 94 Frauen den Mündeln fremd gegenüberstehen. Magdeburg zählt. 50 Frauen-Vormünderinnen, Halle 30, Lübeck 28, doch scheinen.dort Waisenpflegerinnen vielfach mit Vormünderinnen verwechselt zu werden, Dessau zählt 20, Dauzig 18, Königsberg 10, Liegnitz 9 weibliche Vor­mundschaften. Die Zahl sechs scheint bei den Vormund- schaftsbehörden sehr beliebt'zu fein, denn Bonn, Frank­furt a. M., Tilsit und Wiesbaden zählen sechs Vormün­derinnen. JU Stuttgart sind nur die Mütter unehelicher Kinder zu Vormünderinnen ernannt worden, keine Fremde; das gleiche gilt von Breslau, von Hannover, von Emden, von München und eigentlich auch vou Freiburg i. B., wo unter 500 weiblichen Vormundschaften nur eine einzige Dame ohne natürlichen und gesetzlichen Grund zur Vor­münderin ernannt wurde. Aus Köln und Leipzig kamen negative Antworten, hervorgerufen durch die dort herr- scheude Generalvormundschaft, die in Leipzig über alle un­ehelichen Kinder eingefiihrt ist. Die Enquete ging an alle deutschen Rechtsschutzstellen, die sich ihrerseits an die lokalen Behörden wandten. Nun ist noch die Hauptfrage: Haben sich die Frauen als Vormünderinnen in deni neuen Amte bewährt? IM großen und ganzen ja, obwohl nicht verhehlt werden darf, daß auch ztvei Stimmen laut wur­den, die der Durchschntttssrau die erforderliche Umsicht, Gefchäftsgewandtheit und Bestimmtheit abspracheu. Be trachten wir nun das Anit einer Vormünderin, so sehen tvir allerdings, daß bei der eingreifenden und einflußreichen Tätigkeit des Vormundschaftsgerichts, wie der überall vor­handenen Gelegenheit die etwas schwierigen Vormundschafts- rechnungeu aufstellen zu lasesn, das Anrt eiues Vormundes im allgemeinen keine zu grvßeu Anforderungen an die damit betraute Frau stellt. Die JUitiative im kleinen und alltäglichen wird allerdings nicht jeder gegeben sein, doch entzieht sich oft gerade das fortgesetzte wohltätige Wirken im einzelnen der Kontrolle der Behörden. Da dies jedoch immer so sein wird, können wir kaum auf eine allgemeine offizielle Anerkennung der Qualitäten der Fran für diesen Beruf hosfcu, doch wir wissen, daß die Treue inr kleinen eine spezifische Frauentugend ist, die von keinem Gegner bestritten werden kann. Ueberdies greifen die Pflichten, die eine Vormünderin übernimmt, tief in das Familien­leben ein, und der kinderlosen Frau, der es nicht vergönnt war, ihre, mütterlichen Gefühle an eigenen Kindern zu be­tätigen, bietet sich hier die beste Gelegenheit, an unmün­digen, glückenterbten Geschöpfen zu beweisen, daß auch die neue Frau von dem tiefen Mütterlichkeitsgefühl durch­drungen ist, das allein imstande ist, deut Amt der Vor­münderin die reichte Weihe zu verleihen.

Die Carriers der Frau Pistohlkoos.

Ter Prinzregent Luitpold von Bayern hat der morga­natischen Gemahlin des Großfürsten Paul von Rußland den bayrischen Grafenstand unter deni Titel einer Gräfin von Hohenfelfen" verliehen. Tie Verhand­lungen hierüber fanden während des diesjährigen Sommer­aufenthaltes des Großfürsten in Kissingeu statt. Da der Zar in die Standeserhöhung der Frau seines Oheims vorher aus­drücklich gewilligt hat, so darf man wohl annehmen, daß er auch zu diesem wieder in ein freundlicheres Verhältnis treten wird.

Großfürst Paul, der jüngste und liebenswürdigste der Söhne Alexanders II., eine auffallend große, ritterliche Erscheinung, steht jetzt im 45. Lebensjahre und war in erster Ehe mit Prin­zessin Marie von Griechenland, Tochter des Königs Georg, ver­mählt, die indessen bei der Geburt ihres zweiten Kindes 1891 starb. Vor zwei Jahren nun überraschte, wie wohl noch erinner­lich, der Großfürst seine Verwandten dadurch, daß "er sich in Livorno durch einen eigens mitgebrachten Popen Frau Olga Baler ianowna Pistohlkoos, geb. Karnowitsch, an- trauen ließ, die um fünf Jahre jünger ist als er und zu den gefeierten Schönheiten der Petersburger Gesellschaft gehört hatte, bis ihr Mann, Pionier-Oberst in der russischen Armee, sich von ihr trennen ließ, wie man damals erzählte, weit die Huldig­ungen, die der Großfürst ihr entgegenbrachte, das Maß zulässiger Galanterie zu überschreiten begannen. Nun herrscht im Zaren­hause ein strenges, in seiner jetzigen Form unter Alexander III. ausgearbeitetes Hausgesetz, das die Giltigkeit der Eheschließungen der Großfürsten und Großfürstinnen von dem Konsense des Zaren, als dem Familienoberhaupte, abhängig macht. Kraft dieses Ge­setzesüber die Pflichten und Rechte der kaiserlichen Familie" wurde die Ehe des Großftirsten Paul mit Fran Pistohlkoos amtlich für nichtig erklärt und er aller seiner militärischer Würden er war Generalleutnant, Generaladjutant, Kommandeur des Gardekorps uud Chef zweier Regimenter entkleidet. Kurz darauf wurde auch seine Streichung aus der preußi­schen Armee verfügt und die Würde eines Chefs des Kürassier- Regiments in Brandenburg, die er bis dahin innegehabt hatte, dem Zaren übertragen. Seitdem lebte der Großfürst mit seiner Gemahlin meist in Paris.

VernUdchteV.

Das Bismarck-Drama. An knüpfend an die thea­tralische Verarbeitung, die Blumenthal dem Altreichskanzler hat angedeihen lassen, teilt ein Fenilletonist i>er_N.^Fr. Pr." Interessantes aus der Zeit vor und nach der Entlassung Bis­marcks mit. Charakteristisch ist die Schilderung des 80. Geburts­tages des Fürsten.Trotz aller enthusiastischer Grundstimmung fehlte es den damaligen Festtagen doch an wirklicher Freudigkeit. Wie der Nebel über Friedrichsruh lag über Bismarck eine tiefe Melancholie. Nach den offiziellen Empfangsstunden verschloß er sich in sein Arbeitszimmer, oder er suchte, nur von seinen beiden Doggen begleitet, die ihn laut bellend umsprangen, einsame Parkwege, um aus einer verborgenen Bank in dumpfem Brüten zu verharren. So rühmend er den Zauber des Landlebens pries, so sehr das Alter sein Empfinden und Denken zur höchsten Weis­heit abgeklärt hatte, er konnte die Sehnsucht nach Kampf und Macht nicht loswerdcn. Bismarck fühlte in Friedrichsruh was Napoleon vor ihm auf Elba und Helena gefiihlt hatte. Einige Tage vor dem Geburtsfeste des Fürsten war W i l h e l m II zu Besuch gekommen. Er schickte seinen Sohn miteinem Blumen­gruß von Mama", seinen Bruder Heinrich seinen ersten Mi­nister als Boten der Teilnahme voraus. Vor dem Schlosse eut- saltete er daun Pomp uud Glauz militärischer Paraden. Eine tiefere Wirkung auf Bismarck schien dies nicht zu üben. Als der Feiernde und der Gefeierte Ansprachen wechselten, pries der Kaiser den Fürsten als Militär.Ter Offizier in mir war immer das Beste", antwortete der größte Staatsmann des Jahr­hunderts,und meine militärische Stellung erlaubt mir nicht, meine Gefühle in diesem Augenblick auszusprechen." Um so verhüllte Ausfälle zu vermeiden, kam man überein, die Trink­sprüche für das Tiner einander mitznteilen. Am selben Tage kehrte Wilhelm II. nach Berlin zurück. Ter Ehrenpallasch, den er Bismarck überreicht hatte, lag in einer bescheidenen Ecke des kleinen Salons, in dem der Fürst allabendlich die Zeitungen las, die ihm dieHamb. Nachr." regelmäßig nach bereit Gebrauch durch die Redaktion, ein wenig verstümmelt durch Ausschnitte und Anstreichnngen znschickten. Bei dem Geburtstagsmahle im Fa­milienkreise sprach Lcnbach den Toast ans den Fürsten. Dieser erwiderte, daß sein 80. Geburtsfest auch das fünfzigjährige Ju­biläum seiner parlamentarischen Tätigkeit bedeute. Tann folgte ein Rückblick auf sein Leben, den Bismarck mit dem wehmütigen Satze abbrach, daß alle Feste der letzten Tage doch nur ein Begrabenwerden unter Blumeuguirlanden bedeuteten. Ter Kanzler blieb bis an sein Ende innerlich ünv er- s ö h n t. Tas wird man erst sehen, wenn es einmal gestattet ist, die Geschichte seiner Entlassung zu lesen, die der Entlassene selbst geschrieben."

* Schutzleute als Ersatz für Die nstmadch en. Im Petit Parisien" liest man: Wir. hatten in Paris bereits radelnde