Ausgabe 
14.10.1904
 
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berung für seine Rittmeisterin vergaß. Ob es auch nur ein ' ziemlich banales Kompliment war, mit dem er ihr ant­wortete, ob er die Worte nur zwischen den Zähnen murmelte, sodaß etwas wie unterdrückter Aierger darin klang, Ellinor war zufrieden. Seine Eitelkeit war verletzt in seiner Fran, und die Rittmeisterin wußte, was das für einen Mann bedeutet. Dann wurde die Quadrille in Gala geritten. Tie Greditz mit ihrer hohen, schlanken Gestalt und schnei­digen Haltung machte sich brillant in der Kürassierunisorm der Zeit Friedrichs des Großen; ritt sicher, wie ein Stall­meister, gewandt und elegant. Die bekannte Neigung ihres Kopfes, der Taubenblick, mit denen sie jede Verbeugung, jede Wendung zu begleiten liebte, liehen der männlichen Meisterschaft einen bestrickenden Reiz.

(Fortsetzung folgt.)

Inh Acuter Hochdeutsch.

Ter alte^Rcuter-Verlag von Hinstorff in Wismar wird dem­nächst dieStromtid" von Fritz Reuter hodcutsch herausgeben. Zwei Prybebogen liegen vor mir, die von der Verwirklichung dieser eigenartigen Idee Zeugnis geben sollen. Ter Verlag sagt dazu:

:Es ist bekannt, daß. trotz, der außerordentlichen Verbreitung : der Reuterschen Schriften (es sind von Anbeginn von allen Aus­gaben zusammen etwa 2 700 000 Bände abgesctzt) es noch viele Tausende gibt, hauptsächlich natürlich in Oesterreich und in Süddeutschland, die Reuter noch nicht keimen, weil sie sich scheuen, an die Lektüre des mecklenburgischen Platt heranzugehen, das sie zunächst allerdings wie eine gänzlich fremde Sprache an- mutet. Einem Süddeutschen oder Oesterreicher könnte man ebenso gut holländisch Vorsitzen. Es ist mm freilich nicht so gar schwer, sich in das, Platt hineinzulescn, aber die Tatsache, daß es viele Tausende nicht wagten, ist einmal da, und diesen vielen Tausenden wird es sicher willkommen sein, die Reutersche Strom­lid, das Hauptwerk des Dichters, in der hochdeutschen lieber» tragnng kennen zu lernen. Ter Bearbeiter dieser hochdeutschen Stromtid-Ausgabe, O. Heidmüller, der Reuter noch persönlich gekannt hat, ist auch ein genauer Kenner der Sprache und der Eigenart des Tichters, sowie von Land und Leuten in Mecklen­burg. Ihm war es von vornherein klar, daß es hieße, Reuter und seine Tichtungen vollständig ihres eigenartigen Zaubers und der immbcrbarcu Lebensfrische berauben, die dem Leser aus seinen Büchern entgegenschlägt wie der Hauch des fruchtbaren Feldes und der kühlen.Waldquelle, wollte man ihn, wie es tat­sächlich manche versucht haben, vollständig, von A bis Z, ins Hochdeutsche übersetzen. Zahlreich« Figuren Reuters sind hoch- deiitsch einfach, unmöglich. Wollte man z. B. Jochen Nüßler und seine Frau, die alten Nüßlers, den Kutscher Krischan Täfel, den Weber Rührdanz n. v. a. ja selbst Havermann hochdeutsch reden lassen, man würde aus den originellen, lebenstrotzenden Gestalten, saft- und kraftlose, fade Papierfiguren machen. Tiefer Gefahr ist der Bearbeiter der vorliegenden Ausgab.' aus dem Wege gegangen, indem er den ganzen erzählenden Text hoch­deutsch wiedergibt, die Tialoge der plattdeutschen Figuren des ' Tichters aber unberührt cinfügt, wie sie der Dichter geschrieben hat. Durch den hochdeutschen erzählenden Text, den der selbst humorbegabte Arbeiter im Geiste Reuters geschrieben hat, in die Situationen ein geführt, wird jeder des Plattdeutschen sonst durchaus Unkundige auch die plattdeutschen Dialoge, die meistens kurz; sind, ohne weiteres verstehen, und zugleich erkennen, daß. diese. Dialoge nicht mit verhochdeutscht werden durtsin. Auch der ganze Bräsig, dessen Missingsch' jeder Hochdeutsche versteht, ist ganz unverändert geblieben, wie ihn der Dichter geschrieben hat.

Reuter legt mehreren seiner rein plattdeutschen, in ihrer Sprache! unübersetzbaren. Figuren, z. B. mehreremale der Frau Nüßler, längere Erzählungen in direkter Rede in den Mund. Diese konnten nicht plattdeutsch bleiben, weil dem hochdeutschen Leser damit eben zu viel plattdeutsch zugemutet würde. Diese Schwierigkeit hat der Bearbeiter der vorliegenden Ausgabe da­durch bewältigt, daß er in solchen Fällen an «teile der direkten plattdeutschen Rede die indirekte hochdeutsche setzte, in einer Form jedoch, die gleichwohl in Konstruktion und Ausdruck die Originalfarbe , der Figuren hindurchscheinen läßt. Diese nicht ganz, leichte Ausgabe hat der Bearbeiter in einer Weise gelöst, die jeden Leser befriedigen dürfte."

So der Verlag. Mir entsiihr beim Anblick dieser Ankündig- img ganz unwillkürlich der Ausruf Fritz Reuters dem alten Hmstorff gegenüber:Hinstörp isit Esel!" Wie kann es an» stehen, Fritz Reuter hochdeutsch geben zu wollen, da leider schon icdem Nicht-Mecklenburger, selbst wenn er plattdeutsch versteht, die bewnderen Feinheiten der Rentersa.cii Muse nicht offenbar werden > xmi diesen Feinheiten liegt eben der intime Reiz, der dem heutzutage übpchen Spaßmachen unserer sogenannten Humo- risten ganz und gar abgeht, dagegen das wesentlichste Merk­zeichen Rcuterschen Geistes ist.

, Und doch! Vor einer Reihe von Jahren mar ich Zeuge, W em alter Veteran dc-r Kunst, ein Hoffchauspieler alle Reuterrezitatoren sind ehemalige Hoffchauspieler, anders' tun sie

es' nicht im schönen Thüringer Lande Reuter auf seine Weise vortrug. Der Rezitator war Thüringer, sein Vortrag war dar­nach. Tie Zuhörer, sehr achtbare Leute, gaben ben' sonst nicht ungeschickt zu Gehör gebrachten Stücken aus Reuters Werken alle Ehre. Bei den wuchtigen Stellen ausHanne Nüte" führten die Damen das Tuck an, die Augen, während die Männer un­ruhig auf dem Stuhl rückten: sie waren gewaltig gepackt von dem zu Herzen gehenden Stoff. Und anders bei den humoristi­schen Gaben Reuters: Dröhnendes und helles, herzliches Lachen tönte durcheinander. Beides ein Beweis, daß die Hörer Fritz Reuter verstanden, trotz der Unbeholfenheit des Rezitators im plattdeutschen Ausdruck und trotz der Verschiedenheiten im Cha­rakter des Mecklenburgers und des Thüringers.

Damals war ich töricht genug, zu tadeln, daß ein Thüringer es wage, Reuter zu rezitieren. Ich glaubte es mir als Mecklen­burger und der Rentersckeii Muse schuldig zu sein. Heute denke jch anders darüber. Schon damals erhielt ich Be­lehrung, die mich zur Einkehr zwang. Jener Rezitator im weißen Haar, der das Brot seiner alten Tage kümmerlich genug in Reutervorlesungen erwarb, suchte mich am nächsten Tage auf, gab zu, daß er des Plattdeutschen nicht so mächtig sei, wie ich es .verlangt hatte, wies aber auch eindringlich und mich überzeugend darauf hin, daß ein Mecklenburger in Thüringen nicht verstanden werden würde und wenn er mit Engelsrungen redete. Warum sollte er sein Publikum nicht so behandeln, wie es behandelt wer­den mußte, um ihm Reuter so nahe wie möglich zu bringen? Und wenn darunter Reuter litte, so hätten doch die Hörer großen Gewinn. So sagte der alte Herr. 2er Mann hatte Recht. Ich habe mich damals geschämt, ich will es zu meiner Ehrenrettung sagen; und ich bin inzwischen, nachdem die jugendliche Nntadel- haftigkeit abgetan ist und ick» manchen Volksstamm kennen gelernt habe, der cs uns Obotriteu sehr wohl gleichtun kann, nachdenk­lich geworden. Warum soll die herrliche Musi unseres ein­zigen Fritz, obgleich sie den Weltball umfaßt, den hochdeutschen Stämmen unseres Vaterlandes verschlossen bleiben, nur, weil ihr kein Zwang in der Mundart angetan werden darf? Tie Frage ist berechtigt. Es handelt sich nur darum, daß jemand die Antwort gäbe: woans uwwoso? Es will mir scheinen, als ob Heidmüller und Hinstorff die richtige Antwort in einer Tat ge­geben hätten, in einer wirklichen und einwamdsfreien Tat. Hören wir selbst, ohne auf Versicherungen des Verlages etwas zu geben; hören mir, wie dem Hebet trag er fein Merk gelungen ist. Es heißt da an einer Stelle aus derStromtid" iHatvermann erhält nach dem schweren Konflikt mit Axel von Rambow die Werbung Franz von Rambows um seine Tochter):

Tom alten Mann zitterten die Hände, als er den an sein Kind gerichteten Brief in seine Brieftasche legte. Ihm wankten die Knie, als er, um zn überlegen, auf und abzugehen ver­suchte. So sehr pacite ihn der Gedanke, daß er mit dem Schritt, den er nun zu tun genötigt wurde, Glück oder Un­glück für das zukünftige Leben seines einzigen Kindes herauf- beschwören mußte. Er setzte sich iw seine Lofaecke und lange dauerte es, bis er sich genug beruhigt hatte, um die Sache mit Ueberlegung ins Auge fallen zu können. So wogt der See des Morgens in wilden Wellen' mittags sind sie ebener und stiller geworden, docy liegt es noch düster und gefährlich über dem Wasser, des Abends aber lacht der blaue Himmel aus dem glatten Spiegel, helle Sommerwolken ziehen dar­über hin, und die Abendsonne schließt das Bild in ihren xoldeuen Rahmen.

So ging es auch dnn alten Hawermann. Als die leb­haften Wogen freudiger Aufregung sich gelegt hatten, kam das Bedenken. Ernsthaft und vorsorglich fragte er sich, ob _ er recht tue, wenn er Franzeiw Bitten nachgäbe, ob er nicht Pflicht und Schuldigkeit verletze, wenn er gegen den Willen fernes jungen Herrn seinJa" ausfpreche. Aber was hatte er denn gegen den Manu zu verantworten, der ihm mit Undank gelohnt, ihn fast mit Schimpf und Schande davon gejagt hatte? Nichts! Und sein Stolz bäumte sich in ihm auf, der so oft in einer abhängigen Lage schweigen muß, und den nur der kennt, der sich darf» ein reines Gewissen bewahrte. Er wollte nicht länger sein bestes innigstes Empfinden für den Undank eines unverständigen .Knaben hergeben, er durste nicht das Glück seines Kindes ungerechten Prätensionen opfern. Als er mit diesem Beschluß seine Bedenken überwunden hatte, strahlte ihm aus dem ruhigen See das Bild eines schönen Abendhimmels entgegen. Lange saß er da und sah das Glück seiner beiden Kinder wie helle Sommerwolken vorüberziehen. Tic Abendsonne leuchtete draußen aus dem weißen Schnee und drinnen auf seinen weißen Haaren."

Ich als Plattdeutscher meine: das ist eine Uebertragung, die in Form und Inhalt, nun) in der Wiedergabe der Reuterschen Eigenheit vollkommen ist. Auch andere Stellen, die ich hier nicht anführen kann, bestärken mich in meiner Meinung. Damit genug. Es widerstrebt mir, etwas zum Lobe des immerhin eigenartigen Planes zu sagen. Tie Zukunft wird es beweifeu, daß die Nach­kommen des alten Hinstorff gewiß im Sinne Fritz Reuters ge­handelt haben; sie ivird auch beweisen, daß das deutsche Volk hoch- und niederdeutsch dafür dankbar ist.

E r n st Schacht, (in derTtsckm. Tagesztq."».