Ausgabe 
14.10.1904
 
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sich fand, daß für Hildegard kein Mädchen zum Ad holen erschien, bot ihr der Rittmeister sofort seine Begleitung an.

Schweigend schritten die beiden durch die bereits stillen Straßen dahin. Dörrenbach meinte, er habe das Seine getan, indem er das arme Ding nicht allein gehen ließ. Hildegards Gedanken waren weit ab von dem, was man' so gewöhnlich hier spricht. Endlich aber, sei es, daß ihr das Herz zu voll ward, oder ihr unbewußt Vertrauen zu ihrem Begleiter kam, drängte es sich über ihre Lippen:Herr von Dörrenbach, «vollen Sie mir sagen, bedeutet denn Schönheit alles für eine Frau?' Asmus von Dörrenbach hatte über mancherlei, gedacht und über anderes auch, mehr als ein Kavalier in seiner Stellung für gewöhnlich zu denken (>flegt. Ob er sich auch über diese Frage klar geworden, teht dahin.Hm", brummte er in einem Tone, der ebenso­wohl einem Erstaunen als einem Besinnen darüber gelten konnte.Hm, Schönheit ist alleweil ein gut Ding." Er strich seinen der Mode entgegen lang gehaltenen Bart.Ein gut Ding", wiederholte er und blickte strahlend wie in eine unsichtbare Ferne.

Hildegard seufzte:Die Männer lieben immer nur eine schöne Frau."Oh, hm." Ter Rittmeister lächelte. Etwas: spöttisch sah er Hann nach seiner Begleiterin hin. Die merkte das gar nicht.Ich meine", begann sie von ncncm, fast wie zu sich selbst:Soll denn Schönheit, ein doch zufälliges Aeußere. so hoch über allem stehen und allein für den Menschen, seinen Wert und sein Glück entscheiden?"

Diese Worte schienen den Rittmeister in feinem Innersten zu berühren. Ebenso berührte ihn der Ausdruck in Hilde­gards Zügen, die milde Trauer, ein alles persönliche weit hinter sich lassendes Streben nach Wahrheit. Und milder, sachlicher, nachdenklicher, seine ihm hier sonst zur Gewohnheit gewordene Laune vergessend, gab er zurück:Wäre erst mal zu bestimmen. Gnädigste, ob die Schönheit, sagen wir, das Aeußere zufällig ist?Es baut der Geist sich seinen Körper", meint Schiller nicht allein, siehe unsere modernste Psychologie. Ja, man darf doch mit C-cwißheit aunehmen, daß alle, seelischen Regungen mit körperlichen Funktionen zusammenhüngen, ebenso Ivie das Blut, das Temperament, die Nerven, das Hirn den Charakter des Menschen bestim­men. Wie man dabei ist, immer mehr in die tiefsten Tiefen hier zu dringen, allda die feinsten, mitwirkenden Fäden und Verbindungen kennen zu lernen warum sollte man nicht auch mal dahin kommen, zu finden, daß sich auch die äußere Erscheinung mit zwingender Macht einstellt. Daher der bekannte ,erste Augenblick', der die verwandten Seelen mit Banden kettet, und", hier ließ Dörrenbach wieder seine Laune spielen,und die L>age von der einigen Liebe."Keine Sage", kam es wie unbewußt, doch auffallend bestimmt, über Hildegards Lippen.Nicht? -- Na, habe keine Erfahr­ung in dem Punkte", meinte der Rittmeister launiger noch, Während Hildegard immer ernster drein blickte. Er wußte nicht recht, was er aus seiner Dame machen sollte ein Wunder Punkt hier war eigentlich undenkbar doch :Na, ein .Verbrechen ist's ja nicht, unter die Wissenden zu zählen", begann er dann in fast begütigendem Ton.Nur darf man sich durch solche Träume im Schlafe nicht stören lassen. Damen freilich träumen gern. Vielleicht philosophieren wir ein andermal weiter."

Treuherzig mitfühlend bvt er dem Mädchen die Hand, denn sie waren mittlerweile vor Hildegards Hause ange­kommen. Dann wartete er in geduldiger Ritterlichkeit, bis sich die Tür hinter seiner Dame geschlossen hatte, worauf er gemächlich heimschlenderte,Dock) eine ganz nette Person, diese diese Lindstedt. Schade wäre wohl zu etwas Besserem da, als über mathematischen Gleichungen zu brüten und am Schluß, d. h. wenn es gut geht, sich den Doktorgrad zu erringen. Dummes Zeug, zu einem Frauenkopf paßt nur der Kranz ein Kranz! Ach, die Welt ist recht unvoll­kommen !"

Damit war der Rittmeister in seinem prächtigen Heim angelangt, das im Grunde für die Vollkommenheit der Tinge sprach. Er steckte sich eine Zigarre an, freute sich, daß er der Greditz ein Schnippchen geschlagen, einer kleinen wirklich süßen Frau eine Freude gemacht und einem Kame­raden im Ernst einen Dienst erwiesen hatte. Und da ihm trotzdem doch noch nach irgend etwas, er wußte selbst nicht, nach was, verlangte, las er noch eine halbe Stunde Nietzsche, zu dem er gemütlich ungefähr in dem gleichen Verhältnis stand, wie Dieser zu seiner Herrenmoral und seinem lieber» Menschen.

Auch Hildegard vertiefte sich noch ein Stündchen in ihre Studien. Der heutige Tag hatte sie fest gemacht, endgültig fest. Sie wollte nichts mehr wissen von Empfindungen, die für sie nur eine Schmach bedeuteten, wollte nicht länger grübeln über dem Schicksal, seiner Gerechtigkeit und Unge­rechtigkeit. Für sie gab es hier einmal nichts. Sie wollte aber auch niemandem eine Hilfe aufdringen, hatten doch alle mehr von dem, was ihr habenswert erschien denn sie selbst. Nein, sie wollte auch gar nicht länger in jenes Haus gehen, jene Welt, wo man nichts wissen wollte,, nichts zu wissen brauchte von ihrer Art, das Leben zu nehmen, ja, wo man sie recht gern zu entbehren schien. Sie wollte arbeiten, nur arbeiten, für sich ganz allein, weil da niemand war, der ihrer bedurfte, ihrer gedachte. Und so kam es, daß Hildegard Lendstedt nicht wieder bet Urans erschien, die arme Hildegard, die mit ihrem Urteil, weil ihr Empfinden überreizt Ivar, in manchem zu weit ging, doch in vielem nur zu recht gesehen hatte. Denn Harro und seine Fran bemerkten es gar nicht, daß die Eonsine fortblieb.

8. Kapitel.

Die Proben für die Quadrille begännen und brachten den hier unzertrennlichen Klimbim von Vergnüglichkeiten, vor allem für die Damenwelt mit. Ellinor von Greditz war ..zuerst sehr ärgerlich über den Einschub Juttas gewesen. Da sie aber nur ein Ideal, ihre Stellung, darum nur eine Macht, die Konvention, anerkannte, hatte sie sich geschmeidig mit tausend Freuden" gefügt. Ließ sich also die kleine Frau, die so schön und'so -vornehm war, den schönsten Mann ihr eigen nannte, nicht von der Bildfläche verdrängen, so Ivar doch wenigstens eine Gelegenheit gegeben, diesen Mann wieder täglich zu sehen, was Ellinor als ungemein an­regend und auffrischend in der sonst konventionellen Oede ihres Lebens empfand und mit der ihr eigenen Verve aus- zunntzen beschloß. Denn daß man nach den Proben stets bei irgend wem, oder wo, in einem feinen Lokal zusammenblieb, war in erster Linie der Rittmeisterin Werk. So wurden die jungen Urans ganz von selbst wieder in die Geselligkeit hineingerissen, sintemalen nun: einmal darin auch die andern Ausschließungen unterblieben. Es ging eben wirklich nicht anders, beschwichtigte Harro jedes Bedenken, sobald ihm ein solches mit der Erinnerung an Papas Vorstellungen kam. Jutta pachte überhaupt nicht. Sie amüsierte sich lieber im unerschütterlichen Vertrauen auf Mama, die sie ja doch nicht int Stiche lassen konnte und immer nur ihr; Glück gewollt hatte.

DerDiamant", ein glänzend schwarzer Trakehner, war ein großes, breitgebautes Pferd, lammfromm, dafür auch etwas langsam und bedächtig in der Bewegung. Jutta mit ihrer zierlichen, feinen Figur sah etwas verloren, folvie von einem Zufall hingeweht auf dem Rücken dieses mäch- tigen Tieres aus, umsomehr, als die Haltung der jungen Frau als Reiterin zu wünschen übrig ließ und eine darin unkundige Hand die Schritte und Wendungen ihres Pferdes weder leichter, nuch flinker zu machen im siande war. Auch Ellinors Pferd war ein Rappe, ober Engländer von Geburt, hoch, lang, mit schlanken Beinen, feinen Hufen, elegant in Figur, Haltung und Bewegung. Aks sei sie mit ihrem Tier zusammengegoffen, ein vollendetes Kunstwerk, saß sie auf seinem Rücken. Eine htnbige, sichere Reiterin, wußte sie alle Vorzüge ihres Pferdes zur Geltung zu bringen. Harro wat , entzückt von solcher Partnerin. Er vermied geradezu, nach seiner Frau, die ihnen gegenüberritt, zu. blicken. Es war ihm empfindlich, daß sie einer anderen nach­stehen sollte. Aber auch außerdem wurden seine Gedanken nnd seine Sinne immer Mehr in Anspruch genommen durch, Ellinor, ja, er mußte sich ihr widmen, mochte er wollen ober nicht. War es boch ganz natürlich, baß, wo immer sich bie Paare der Quadrille jetzt in der Gesellschaft trafen, sie sich auch hier als eine kleine Clique zusammentaten, und dabei wieder jeder Partner zu seiner Partnerin hielt.

Es war in einer der letzten Proben, daß Ellinor und Harro nach Absolvierung ihrer Tour einen Moment außer­halb des Karrees hielten. Rein sachlich fiel es von Elli­nors Lippen:Frau von Uran hat keinen guten Sitz." Harro trat das Blut in die Stirn. Doch so sehr hatte ihn die weltgewandte Frau bereits für sich eingenommen, daß er gar nicht bedachte, wie die arme Jutta die Verhältnisse eingerechnet ihre Sache im Grunde doch recht gut machte, und die Greditz einfach, unverschänit war, sondern lieber die Mangelhaftigkeit seiner kleinen, süßen Frau in der Bewurf