Ausgabe 
14.9.1904
 
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freundliche Stimme ruhig, klar und immer mit einer Art ver- bindlicher Anmut, dem da hemmarbeitenden Operateur feine Meinung und seinen Rat mitteilt! wie prompt, wie geschickt, wie -art, wie sicher das ganze komplizierte Werk ausgeführt wird unter solcher Assistenz! Ich glaube, mtd) für etwa mit Nerven" begabte und weniger für diese Dinge interessierte Zuschauer müsste hier die Freude an dem in sich Vollendeten jede andere Empfindung überwogen haben. Der Ulna-Fortsatz war sauber abgesagt, die ganze innere Muskelumgebung sorgsam von der Masse versteckter Knochensplitter abgesucht und befreit, die letzte mit der Pinzette herausgeholte Ader unterbunden, die zerrissenen Muskelfasern sauber mit der Schere glatt geschnitten und faustgroße Ballen Scharpie in die ungeheure Lücke gelegt; der Soldat erwachte wie aus tiefem Traum und sah verwundert umher. . Er fühlte keinen Schmerz, und der kleine Finger feiner Hand bewegte sich mühelos. Pie Resektion war voll­ständig gelungen. Nun den Arm gereinigt, .die Gazebandage darüber, den voni Krankenträger im Becken aufgelösten .Gips daraufgetragen und, bis der hart geworden, den Arm fest in der Lage an den Fingern gehalten. Paulus wird schwerlich zum dritten Male (bei Wörth war er in der Hand verwundet) das dulce et decorum" genießen, fürs Vaterland zu bluten,. aber diesen Frühling ruhig seinen Pflug führen können und dabei seine Operateure und besonders auch den Erfinder des Chloro­forms zu fegnen alle Ursache haben.

Der Herr Generalarzt möchte nach oben kommen, wahrschein­lich würde Resektion eines Schultergelenks nötig". Wir gehen hinauf. .Ein breitschulteriger 5 er Kanonier fitz da, die Mütze in das zerzauste blondgraue Haar gedrückt, auf den vom Schmerz kontrahierten Zügen feines anscheinend bach vierzigjährigen bär­tigen Gesichts den Schweiß der Todesnähe. Die bloßgelegte rechte Schulter und Brust sind unförmlich geschwollen. Etwas unter­halb der Achselgclenks klafft weit offen die Mündung des Schuß­kanals.Dat is man dull, Herr Doktor, doar kommt immer Luft ritt", sagt der Verwundete. Der Generalarzt schiebt prüfend den ganzen Finger in die bis zum Rücken gehende Wunde:Die Resektion ist nicht nötig, .das Gelenk ist unverletzt." Die Mienen des Kranken verzerren sich grimmig; aber er verbeißt, wie die meisten dieser wahrhaft spartanischen preußischen Männer, den Schrei, ehe er ihm über die Lippen tritt. Wir gehen wieder die dunkle Treppe hinunter.Was ists mit der Wunde?" Tie Lunge ist durchbohrt, .in zehn Tagen ist er tot, unrettbar."

Draußen auf der finsteren Straße hinter den Karren und Wagen, die wieder mit neuer Last vor dem Zaun des Vvrgärtchens halten klirrt es von Waffen und dröhnt der Marschtritt nahen­der Infanterie. .Wo gehts hin? Welches Regiment?" Zweites Bataillon 88 er, Ordre, .noch heute nacht Montretout-Schanze zu nehmen." Vorüber zum Park, wo es immer stiller geworden ist; nur noch vereinzelter Schüsse Lichtschein blitzt über den Höhen auf. Unsere Sechs- und Vierpfünder-Batterien fahren ab auf dem Wege nach Versailles zu.

Tie Aerzte hier und aus dem zweiten improvisierten Ver­bandplatz werden die ganze Nacht zu arbeiten haben. Ter Ge­neralarzt muß^ zurück; seine Änwesenheit ist noch heute im neu gefüllten Schloßlazarett dringend nötig. .Er läßt seinen Schimmel führen, und wir waten beide auf dem gänzlich in Sumps ver­wandelten Wege durch den nachtverhüllten Wald so wie damals durch die nächtigen Straßen von Tonchery, von ähnlichen Ein­drücken erfüllt, .mit trauriger Seele! . , .

Jetzt am 20. spät nachmittags weiß ich, daß die blutige Affäre zu Ende ist. .Noch gestern um 10 Uhr wurde von Mann­schaften des 88., 46., 47., 69. Regiments, wie ich höre, die Montretout-Schanze wieder besetzt. Die 5 er Korpsartillerie fand, heute früh wieder ihre gestrigen Stellungen im Wald von St. Cloud, am Tunnel, auf dem Stern und am Bassin einnehmend, kaum noch etwas für ihre Geschütze zu tun. Ter Feind war vollständig delogiert aus all seinen mit so viel Blut errungenen Positionen, .wenigstens im Bereich des 5. Korps. Der Kamps gegen das 4. sollte, wie man wissen wollte, noch in der Mittags­stunde fortdauern. Tas Kampffeld war von französischen Leichen übersät, etwa 400 unverwundete Gefangene eingebracht. Tas Hereinfahren von Wagen- und Karrenzügen mit Verwundeten nahm noch immer kein Ende; im Schloß allein wächst deren Zahl schon über das vierte Hundert. Ter Schauplatz der vor- g estrig en Kaifferproklamation liegt heute voll von ihnen, deren Anblick die schimmernde, üppige Pracht jenes Saales höhnt.

Eben klingt es wie jubelnder Triumphmarsch von der Straße herauf und manches kräftige Hurra aus deutschen Kehlen dazu. Es sind die vorn Kampf wieder einziehenden Bataillone. Tie gestern so freudig erwartungsvollen Gesichter der Versailler Bummler auf der Straße und der Bourgeois in den Häusern werden wieder sehr lang.

Aber sie haben für alles einen Trost.Ah Monsieur" seufzt mein Diener, sonst ein ganz verständiger, einsichtiger Mann, der ernstbessere Tage" gesehen,vos pauvres Berlinois!" Was rst's mit denen?"Mais vous ne le savez Pas? dans.ee Moment tous les Hommes de la grande et de la petite Kabylie deseendent für Berlin, peut-etre c'eft deja htcenbie Par

eux. BouS ne le croyes Pas? mais tout Versailles le fait done." Natürlich unterwarf ich mich in Demut und verzichtete auf jeden geographischen und mithin vergeblichen Berichtigungsversuch dieser tröstlichen Gewißheit des französischen Gemüts.

OcsundHeilspflege.

Praktische Zahnpflege glauben viele schon aus­reichend zn treiben, Menn sie des Morgens leicht die Zähne putzen, und sie wundern firn, daß trotz dieserSorgfalt" ihre Zähne schlecht werden. Eine gründliche Zahnpflege und Zahn­erhaltung ist die Vorbedingung einer guten Gesundheit. Dazu verhelfen einige einfache Vorschriften, .wenn sie wirklich aus­geführt werden: 1. Man esse und trinke nicht heiß, d. h. nicht über 40 bis 42 Grad Celsius heiße Speisen, Henn der Mensch ist kein Feueresser. .2. Man verschlucke keine eiskalten Speisen! und Getränke: auch die Eistemperatur zerstört, .wie die Hitze, den Schmelz der Zähne. . 3. Man hüte sich vor vielen weichen und breiigen Speisen und kaue zu jeder Mahlzeit .ein Stück kerniges, nicht frisches Schwarzbrot. 4. Nach jeder Mahlzeit spüle man den Mund mit kühlem Wasser aus und bürste die. Zähne von oben nach unten und unten nach oben sorgfältig, besonders vor dem Schlafengehen. 5, Mindestens entferne man sofort noch jeder Mahlzeit unauffällig alle Speisereste aus den Zahnzwischenräumen mit einem Zahnstocher (Federkiel, kein Metall). 6. Man benutze ein wenig weiße Schlemmkreide zum Bürsten, sowie höchstens etwas Salz oder Zittonensaftzusatz (ver­schwindend wenig) zur Mundspülung. 7. Man sei nicht knauserig, bei der Beschaffung der neuen Zahnbürste, wenn die alte abge­nützt ist. 8. Frühzeitig fange man die Zahnpflege an und ge­wöhne die Kinder so früh als möglich an sie. .9. Zum Zahnarzt gehe man rechtzeitig, .nicht erst wenn man heftige Zahnschmerzen hat, sondern zur Vorbeugung alle Jahre ein- bis zweimal. 10. Man lese diese Vorschriften nicht nur, sondern ftihre sie aus, so wird man sich viel Geld, Schmerzen und Krankheit sparen.

Als unübertroffenes Muster klarer, leichfaßlicher undi volkstümlicher Darstellung ist Professor Bocks Buch vom gesunden und kranken Menschen, .dessen vollständig neu bearbeitete und neu illustrierte 17. Auflage soeben voll­ständig geworden ist, .weltberühmt. In meisterhafter und um- fasfendster Weise wird in ihm die gesamte Heilkunde nach dem heutigen Stande der Wissenschaft gemeinverständlich gemacht. Es verschafft dem Laien die zum Verständnis aller hygienischen und medizinischen Fragen unbedingt nötigen naturwissenschaftlichen Vorkenntnisse, unterrichtet über den Bau des menschlichen Körpers und seiner Organe, sowie über deren Verrichtungen, erläutert die Ursachen der Krankheiten und bereit Verlauf, .gibt Ratschläge für die erste Hilfe bei Unglücksfällen und plötzlichen Erkrank­ungen, belehrt über eine vernünftige naturgemäße Pflege des Körpers in gesunden und kranken Tagen unb zeigt die Mittel zur Erhaltung der Gesundheit und Verhütung von Krankheiten. Bocks Buch vom gesunden und kranken Menschen besaßt sich mit allen Lagen des menschlichen Lebens. Es gibt Ratschläge für Pflege, und Ernährung der Säuglinge, klärt auf über das Wesen und die Gefahren der Kinderkrankheiten, .über die Pflege des Körpers und Geistes im schulpflichtigen Alter, über Ernährung, Kleid­ung .Wohnung, über Hygiene des reifen Frauen- und Mannes­alters und zweckmäßiges Verhalten in vorgerückten Lebensjahren. Bocks Buch vom gesunden und kranken Menschen darf darum mit Recht als ein unentbehrliches Familienbuch, als ein allzeit be­währter Ratgeber in gesunden Tagen und ein treuer Helfer in der Not bezeichnet werden. Zahlreiche Abbildungen und mehr­farbige Tafeln erläutern den Text, Es sind u. a. eingehend berücksichtigt die neuen Untersuchungen über Gehirn und Nerven, die Lehre von der Ernährung, die epochemachenden Erfolge der Bakteriologie, die darauf gegründete Serumtherapie, wie die diLthetisch--physikalifchen Heilmethoden als Anwendung von Wasser, Licht, Massage usw. Der billige Preis von 6 Mark für, das broschierte Exemplar wird dem Buche auch ferner Verbreitung sichern.

Scherzriitsel.

Nachdruck verboten.

G m e e e P 0

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Dichter-Rätsels in vor. Nr.k tgjbsltt g r o o o a r h e oerepnli jtdrhdab ahaniane nenerubt

Jean Paul.

Redaktion: Auaust Goetz. Rotationsdruck und Verlag der Brübl'kchen Universitäts-Buch- und Steindruüerei, R.Lange, Gießen,