Ausgabe 
14.9.1904
 
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gegen, und begleitet von seines Mndes inbrünstigen Ge­beten, fuhr der Gras nach langer Pause wieder einmal nach dem Gute Dolina.

Erich, von seiner Ankunft unterrichtet, hatte es über­nommen, den Vater und Szabo auf eine unauffällige Weise aus dem Gutshof zurückzuhalten, welche Aufgabe ihm auch glücklich gelungen war.

Als des Grafen Wagen vorfuhr, sah Herr von Höchst­feld seinen Sohn sofort mißtrauisch an.

Was soll diese Ueberrumpelungskomödie bedeuten?" stellte er ihn ungehalten zur Rede, und als Erich nicht gleich antwortete, fügte er noch schärfer hinzu:Oder willst Du mir vielleicht weißmachen, davon nichts gewußt zu haben?"

Gewiß, Papa, ich habe es gewußt", gestand ihm Erich ruhig.

Und das wagst Du mir so kaltlächelnd zu sagen?"

Lieber Papa", bat Erich,rege Dich nicht unnötiger­weise auf. Sobald Du erst den Grund seines Hierseins erfahren hast, wirst Du Mir gewiß verzeihen, hinter Deinem Rücken und gegen Deinen Willen gehandelt zu haben."

Des Grafen Eintritt verhinderte Herrn von Höchstfeld, seiner Entrüstung weiteren Ausdruck zu geben.

(Fortsetzung folgt.)

Kus großer Zeit-

(Schluß.)

Draußen, vor das Gittertor der Avenue de St. Cloud ge­langt, .hörte ich bereits den Lärm des Artillerie- und Jnfauterie- kampfes über die nächsten Höhen zur Linken her, wie einen un­unterbrochen rollenden Donner, .der, je näher an Bille d'Avray, mehr und mehr an Intensität wuchs, verstärkt durch das Sausen und Bersten der in jene Gärten und Straßen bereits überall ein- schlagenden Geschosse. .Einzelne, .leicht an Arm oder Kopf ver­wundete, nach Versailles zurückkehrende Jäger und 58 er, sowie die eskortierenden Mannschaften bei den mir begegnenden, größeren Gefangenentransporten erzählten in einigen, ich weiß nicht in wie weit ganz zuverlässigen, allgemeinen Zügen und kleinen persönlichen Details von dem Gefecht da draußen. Danach wäre der Feind um 7 Uhr morgens im Städtchen St. Cloud und vor der Montretoutschanze in überlegener Masse erschienen, habe einige Vorposten überrascht undabgeknöpft", die Schanze besetzt, sei dann aber an der ersten Verteidigungslinie des Waldes von St. Cloud festgehalten worden. Die Schanze und die Höhen von Garches wären von unseren Jägern, von einem Bataillon des 88. Regiments und den 58 ent und 47 ern wiederholt wieder genommen wdrden; aber das mörderische Feuer aus dem Bou- logner Holz und vom Valerien her mache es ihnen ebenso un­möglich, sich dort zu halten, als unsere 5 er Korpsartillerie dem Feinde, weiter vorzudringen. Seine Versuche, in die Be­lagerungsbatterie Nr. 1 zu dringen, seien gänzlich gescheitert.

Noch immer auf die Möglichkeit hoffend, bis zu meinen, wie sich daraus ergab, am meisten am Gefecht beteiligten Freunden zu gelangen, ging ich an der Kirche von Ville d'Avray vorüber zu jener Reu de St. .Cloud, bte nach kurzer Strecke am Gittertor des Parkes endet, .Unsere Batterien schienen ein furchtbares Schnellfeuer aus dem Innern zu geben, das tausendfach an den Höhen und in den Tälern widerhallte. Um die Wette damit rollte das Pelotonseuer der Infanterie, knarrten die Mitrailleusensalven, zischten und krachten die Zuckerhüte; es war toller als neulich in Fleury. .Für jemand, dessen Veruf und Schuldigkeit es nicht eigentlich ist, sich totschießen zu lassen, und der gar keinen Anlaß noch Dünkel hat, Heldenrollen spielen zu wollen, wäre es eine obendrein nutzlose Tollheit gewesen, noch weiter in den Park dringen zu wollen, .in welchem er zudem doch nicht einmal das sehen und finden konnte, .was er suchte. Nach zwei Minuten etwa diesseits des Gittertors holte mich Generalarzt Wilms aus seinem mir unvergessenen Schimmel ein, von seinem Assistenten Herrn Bade begleitet. ,Er suchte den Verbandplatz. Der aber ist im Park selbst und liegt unter einem so heillosen Feuer, daß man Äen beginnen wollte, alle dort angehäusten Verwundeten hin­weg und vorwärts zu schaffen. Andere Aerzte sind eben von dort gekommen. Krankenwagen, .teils von den Unseren requirierte, teils die der internationalen Krankenpflege, eine Dragonerordonnanz voran, rollen durch den tiefen, spritzenden Kot der Landstraße Heran; französische und deutsche Pfleger, auch ein breithutiger frommer Bruder, hei ihnen. Das Haus hier, vor dem wir gerade stehen nicht fern vom Park, scheint erträglich zum Verbandplatz geeignet. Tie darin einquartierten 58 er sollen so schnell als möglich ausziehen, die Zimnter reinigen, Matratzen unb Stroh besorgen, Feuer in den Kaminen beider Etagen machen, die Wagen zum Park hinein, Berwuttdete zu holen. Tie französifchen Kut­scher haben sehr geringe Lust, diesen unaufhörlichen Granathagel zu passieren. Wir befinden uns gerade in bessert Hauptstrich vom Valerien hinüber. .Aber der Dragoner wettert sie an, daß ihtten der Widerspruch vergeht, .und sie jagen mit ihm die Straße zum

Park hinein. Bald ist das Haus leer gemacht und drüben ein anderes voti den hier einquartiert Gewesenen geöffnet und be­zogen. Die Rotkreuzfahne und eine Laterne werden am Eingang befestigt. Strohsäcke, Heubündel, alte Matratzen werden herbei- gefchasst, . Kisten und Zaunbretter in die Kamine geworfen, in denen bald die Hellen, heißen Flammen lodern, der tragbare Operationstisch ist im Erdgeschoß aufgeschlagen, Apotheke und Pflasterkasten bereit gestellt. Tie Verwundeten können komntcn. Alles ist zu ihrem Empfange bereit.

Im Trabe rasselt es vom Park her, nach Ville d'Avray zu. Aber das find keine Krankenwagen.Was gibts?" Munition holen, gänzlicb verschossen". Die Pferde schnaufen und schäumen und jagen mit den kotbedeckten Karren weiter.; Schon ist alles ringsum in die trübe Nebeldämmerung des früh hereinbrechenden Winterabends gehüllt, als der erste Zug der Er­warteten langsam herankommt. Ein paar Bauernkarren, mit Stroh ausgelegt, ein paar jener regelrecht eingerichteten, durch Leder- und Wachsleinwandwände allseitig geschlossenen, langen Krankenwagen, in die matt je zwei Verwundete, auf iljrett Bahren liegend, direkt hineinschieben kann, ein paar französische Omni­busse und Kaleschen. Man schlägt att dett Krankenwagen den Hinteren Verschluß zurück, steigt aus das Rad der Strohkarren, um Hineinzufehen:Schwerverwundete drin? Dann hier herein; die Leichtverwundeten gleich weiter nach Versailles". Von der einen Bahre antwortet nur das Stöhnen der tiefsten Schmerzens­qual; von der anderen:Na, es ist nicht zu schlimm; eenen Schuß in jedes Bein, eenen in den linken Arm und eenen ins rechte Ohr; wenn nur bloß die Beene nich so frören". Zwei Maun an gefaßt, ein dritter die Mitte der herausgezogemn Bahre mit der Schulter gestützt und hinein damit ins Haus. Aber der Flur ist eng, die Treppe so nahe der Tür; um die Bahre rechtwinklig .nach einem der beiden Seitenzimmer zu wenden, muß man sie hoch über das Treppengeländer heben. Tas Stöhnen des ersten, der einen Schuß durch den Unterleib hat, wird zu einem kurzen, schneidenden Jammerlaut. Aber sie sind beide glücklich hereingebracht und auf dem Stroh gebettet. Immer neue Ankömmlinge folgen. Tse beiden Zimmer unten sind voll, mehrere haben wir bereits in die oberen getragen. Dort im Winkel am Kamin ist einer hingesetzt, aufrecht einen Ballen Stroh gegen Kops und Rücken, die blutige Uniform in Fetzen vom rechten Arm geschnitten; der jugendliche blaffe Kopf, mit erst wenigem weichen Bartwuchs ums Kinn, hängt ihm so ster­bensmatt und ruhig zur linken Schulter nieder. Ein Gehilfe hält hier knieend das Licht, ein Arzt kniet auf der anderen Seite über den Beinen des Verwundeten, den nackten Arm desselben mit dem blutigen Loch unter der rechten Schulter prüfend. Knochenfraktur des Oberarms". Während er ihm Schienen und Verband aulegi ruft man uns von unten.Meine Herren, der interessanteste Fall, Resektion des Ellenbogeiigelmks zu machen". Eine wahre Künstlerfreude zuckt über alle diese ärztlichen Ge­sichter. Mit doppelter Teilnahme betrachtet man den Arm des 88 ers, der am Boden sitzt. Gerade durch den Ellbogen ist die Kugel gegangen, ins Gelenk hinein, an der inneren Biegung wieder hinaus. Aus den klaffenden Löchern strömt das Blut. Man hebt den Verwundeten aus den Operationstisch.Sie wer­den doch selbst, .Herr Generalarzt?"Nein, bitte, Herr Toktor machen Sie es; ich werde Ihnen nur assistieren." Der blondbärtige Stabsarzt Tr. Lent verbirgt nicht die Freude an der interessanten und ehrenvollen künstlerischen Aufgabe, die er seinen geübten Händen von dem großen, verehrten Meister überlassen sieht. Der Verwundete (Paulus heißt er, .ist Bauern­sohn aus der Umgegend von Koblenz) blickt unruhig in die um- gebenden, über ihn geneigten Gesichter:Herr Doktor, was wollen Sie mit mir machen? Lassen Sie es doch bis morgen." Morgen ists zu spät, lieber Paulus, wir nehmen Dir nur ein Stückchen Knochen heraus, Du sollst nichts fühlen. Rieche hier an diesem nassen Tucb. und zähle mal 1, 2, 3, so weit Du kannst". Der Generalarzt hat die schwarze Wachstuchschürze über die Uniform geschnallt und den Arm ergriffen; der hoch- gewachsene Operateur beugt von jenseits seinen charaktervollen Kopf über das interessante Objekt. Der Assistent hat die Zangen, Messer und Sägen parat; wir halten bte Kerzen so nahe als möglich heran; einer der Aerzte rückt den ins Strohkissen zu- rückgesunkenen Kops des Patienten, .ein andere das mit Chloro- form wiederholt getränkte Tuch an dessen Nase. Paulus zählt noch immer, aber schon fängt er an, sich zu verwirren; endlich verstummt er ganz, und antwortet auch auf kein Anrufen mehr. Tann und wann erklirren die Scheiben, und der Boden dröchlt von einer nahen Explosion.Wo eingeschlagen?" ,,Da drüben gleich vorn im Garten". Dazu rollt die Füsillade wieder stärker wie zuvor. 9tur die preußischen Batterien verstummen allmählich, es ist ganz finster draußen, sie finden kein Ziel mehr. Paulus fängt an zu delirieren, bäumt sich auf, spricht wirres Zeug, das wie polnisch klingt. Jetzt ists Zeit; und im Moment haben ein paar tiefe, .kühne Schnitte in das umgebende Fleisch das ganze Gelenk, .die silbergrauen SehNenansätze, die weißen Knochen bloßgelegt. Die Zerschmetterung ist von der Chafsepot- kugel gründlich besorgt; das ganze purpurne, blutströmende Muskelfleisch steckt voller Knochensplitter. Wie die Men, weißen Hände des Generalarztes das fassen und Halten! wie seine leise,