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So unbequem der kleine Begleiter zuweilen war, sie kränkte sein ZärtlichkeitÄLdürfnis nicht. Es war ihr in manchen flüchtigen Stimmungen selbst eine solche Lust, seinen Blondkopf zwischen ihre Hände zu nehmen, ihm ins krause Haar zu fahren und ihn stürmisch aus den Mund zu küssen. Manchmal traf's auch die kleine Stumpfnase oder das allmählich sich wieder rundende Kinderkinn oder den weißen Knabenhals — und dann krähte Alex vor Lachen. Er hängte oft am Arm bei ihr ein — wie ein Großer, sagte er —und sie zogen trällernd über den Hof, beide sorglos, beide fröh- lich. Es ward jedesmal auch in Dieters Stube gleich viel Heller, wenn sie so selbander den Kbanken besuchten.
Dieters Zustand hatte sich rapid verschlimmert. Immer schwerer ward ihm nun auch der Gebrauch der Arme. Eines Abends versank Dieter mitten in der Lektüre, für die er sich noch soeben lebhaft interessiert hatte, in eine ohnmachtähnliche Erschöpfung. Sein Kopf fiel auf die Brust — seine Finger krampften sich zusammen und streckten sich daraus lang aus — er bot das Bild eines Toten.
Eiskalt überlies es Franze. Das Buch entfiel ihren zitternden Händen, sie hatte zuerst kaum die Kämst zu sprechen, sich aufzurichten.
Zupitza bemühte sich rasch um ihn, allmählich kam der Kranke dann wieder zu sich, aber seine Zunge war schwer, er sprach lallend, unverständlich.
(Fortsetzung folgt.)
Ker Bauchtanz.*)
Von Ludwig Thoma.
„Madame Fatme ist leider durch Unwohlsein verhindert, Besuche zu empfangen", sagte, der Kellner.
„Das ist ja sehr bedauerlich. Aber was geht das nun eigentlich mich an?" fragte ich.
„Alle Fremden gehen zn ihr. Man sieht ein arabisches Haus, und Madame Fatme singt sehr hübsch, aber leider, zurzeit ist es nicht möglich."
„Jetzt haben Sie nur die Assanas oder" — der Kellner sah sich vorsichtig um und hielt die Hand vor den Mund — „oder la danse du ventre."
Ich liebe nicht die Nationaleigentümlichkeiten, welche Fremden vorgeführt werden.
Ich kenne den Cancan in Moulin Rouge und den Schuhplattl- tanz in Garmisch oder das Alpenhornblasen auf dem Rigi und die Du—Duliähsänger in Innsbruck. Es ist immer dasselbe, wenigstens im Prinzip. Also stellen wir La danse du ventre zurück: was ist das, die Assanas?
Der Kellner freute sich, uns belehren zu dürfen. Er war ein Deutscher und dozierte also gern.
„Diese Menschen", sagte er, „sind religiöse Schwärmer. Sie bilden ^ eine Sekte und glauben Gott wohlgefällig zu sein, wenn sie sich bei lebendigem Leibe schinden, Eidechsen, Schlangen und Skorpione fressen. Es ist sehr interessant." „Aber etwas unappetitlich?" „Ja, natürlich", meinte der Kellner, „es ist nicht ledermanns Geschmack. Insofern, als sie diese Tiere lebendig fressen. Aber die Vorstellungen sind stark besucht. Das Komitee d'Hcvernage veranstaltet für die Fremden häufig diese Asfaua- Abende."
,,^ch^^b genügend Phantasie, um mir eine Vorstellung von solchen Schauspielen machen zu können, auch ohne sie zu sehen. Außerdem habe ich als Lateinschüler ähnliches öfter beobachtet. Wer in unseren Stamm der Apachen eintreten wollte, mußte zur Erprobung seiner stoischen Gesinnung einem Maikäfer den Kopf abbeißen. Damals konnte mir das gefallen, heute halte ich mich von solchen Dingen fern, auch wenn sie zu Ehren Gottes aus- geführt werden.
Blieb also nur la danse du ventre. Dieser Tanz wird in Oran, Algier und Konstantine, in Biskra und Tunis von allen Kellnern, Portiers und Hausknechten, von Führern, Stiefelputzern und Kartenverkäufern den männlichen Reisenden warm empfohlen. Matt spricht von ihm nur mit einem gewissen Lächeln in den Mund- winkeln, mit einem vielsagenden Blinzeln. Ich weiß nicht, ob dieser Tanz schon seit langer Zeit geübt wird. Ich vermute fast, daß er eigens für die Fremden erfunden wurde. So ähnlich, wie vor langer Zeit der selige Rainer den Tiroler Nationalgesang für die Engländer erfand.
Vielleicht irre ich mich, aber ich hatte einmal den Eindruck.
Also la danse du ventre.
Dr. Gsell-Fels übersetzt in Meyers Reisebuch diese Bezeichnung ebenso sittsam als unrichtig mit „Brustsenktanz".
Ich sehe nicht ein, warum man auf Kosten der Wahrheit prüde sein soll. Das führt zu falschen Begriffen. Ueberdies kann ttn so wichtiger Körperteil verlangen, daß man ihn beim rechten Namen nennt. Wir sagen also ftischweg, der Bauchtanz. So gibt auch die Bezeichnung eine Ahnung von dem ganzen Vorgänge.
*) Aus einem Feuilleton über „Algier", das Thoma in der N. Fr. Pr. veröffentlicht:
Erfolge des IrauenwelLöundes.
Berlin, 10. Juni.
Da die Sitzungen des internationalen Frauenbundes nur seinen Mitgliedern zugänglich sind, wollte er in einer zweiten öffentlichen Versammlung, die gestern abeicd stattfand, auch weiteren Kreisen Gelegenheit geben, die Ansprachen und Berichte der Delegierten zu hören. .Dm jedoch die Mitteilungen meistens in englischer Sprache gemacht wurden, so gingen sie manchem der Zuhörer verloren. „ . ,, nvv
Den Anfang unter den Berichterstatterinnen macht Mrs. Mary Wood Swift, die Vertreterin der Vereinigten Staaten, und bte Witwe des früheren japanischen Gesandten John P. Swift, die aber nur wenige kurze Tatsachen mitzuteilen hat. .
Interessanter gestaltet sich der Bericht, den Frau M a r r e Stritt über die Entwicklung des Bundes deutscher Frauenvereine macht, der in diesem Jahre sein zehnjähriges Bestehen feiert und bereits 174 Einzelvereine umschließt, während er ber feiner Gründung nur 34 zählte. Er dehnt heute seine Tätigkeit über alle für die Frauen wichtigen Gebiete aus und hat auch ein Auskunftsbureau, in dem Rat und Auskunft zu erlangen sind.
Es tritt darauf eine Stadtverordnete, die im Munizipalrat von Bristol Sitz und Stimme hat, die Vertreterin Großbritannins, Miß C h i f f o r d, auf das Podium, um uns die bemerkenswerte Mitteilung zu machen, daß in England augenblicklich eine halbe
Für die Freunde der Gelehrsamkeit, welche an die ethnologische Bedeutung auch dieser Tanzsitte glauben wollen, bemerke ich, daß die ausübenden Künstlerinnen zum Nomadenstamme der Ouled Nails gehören. „Dieser Stamm liefert seine Mädchen, sobald sie erwachsen sind, in die Oasen, und von dem, was den Mädchen hier die Bewunderung ihrer Schönheit und Grazie einbringt, führen ihre trägen Väter ein sorgenfreies Leben. Kehren die Tänzerinnen heim, so finden sie bei ihren Stammesgenossen die beste Ausnahme und werden gerne geheiratet." Ich zitiere hier Meyer. Meine persönlichen Erfahrungen könnten mich nicht veranlassen, so günstig über jene Damen zu urteilen.
Wir betraten ein arabisches Cafö, einen mittelgroßen Raum, nach der Gasse hin offen. An der Rückwand war eine Art Tribüne angebracht, auf welcher drei Musikanten saßen. Der eine blies die arabische Klarinette, die zwei anderen hatten Handtrommeln. ,Es ist schwer, einen Begriff von dieser Art Musik zu geben. Das kleine, hölzerne Blasinstrument hat drei oder vier Töne. .Aber diese genügen zu einem furchtbaren, sinnbetäubcnden Lärm, der in seiner Monotonie ohrenzerreißend wirkt. Die Trommeln geben mit dumpfen Klängen den Takt an.
Wir setzten uns auf eine der langen Bänke, ein Neger brachte guten, nur etwas süßen Kafsee.und nun wollten wir mit Muße die Vorstellung betrachten.
Ich gestehe, daß ich voll Neugierde war. Wir haben alle vorgefaßte Meinungen von den Orientalinnen, von den Schönen, die so sorgfältig behütet werden.
Man malt sich da Geschichtchen aus. Schwarzäugige Gazellen, die hinter Gittern schmachten, mordlustige Eunuchen mit krummen Säbeln, und anderes mehr, was die Phantasie erregt.
Ich glaubte wohl nicht, daß eine Fürstentochter auf-auchen werde, aber darauf, nein, darauf war ich nicht gefaßt.
Sie kam nämlich, die Tochter des Ouled Nails. Eine kleine, fette Person.
Warum trug sie keinen Schleier? Ich hörte doch, daß Mohammed dies ausdrücklich geboten hat. Warum verletzte sie das Gesetz? Warum handelte sie gegen die ehrwürdige Vorschrift ihrer Religion? Sie wird es nie verantworten können.
Also sie zeigte uns ohne Scheu ihr Gesicht; und darum konnte ich sehen, daß sie nur ein Auge hatte; das rechte war ausgelaufen. Wenn sie lächelte, bemerkte man, daß nur drei oder vier Zähne im Munde steckten. Und nicht einmal die waren hübsch.
Ja, warum verletzte sie ihre Religion? Dann begann sie zu tanzen. Drei Schritte vor, zwei zurück in schleppendem Gange; drei vor, zwei zurück. Das dauerte so eine Zeit. Dann warf sie ihre Arme seitwärts aus und griff mit den Händen in die Luft, wie jemand, der Fliegen fängt.
Die Klarinette schrie, die Trommeln klangen dumpf dazu.
Ein Araber trat zu der Tänzerin hin und gab ihr ein rotes Tuch. Sie warf es sich um den Hals und faßte mit den Händen die beiden Zipfel.
Dann legte sie den Kopf zurück, und nun begann die Umgebung des Magens sich allein zu amüsieren, während der übrige Körper ruhig blieb.
Das hob und senkte sich, ging nach rechts, ging nach links, ging auf und ab.
Die Klarinette schwieg nach einem grellen Schreie, die Trommeln verstummten. Es war zu Ende.
Wir schoben der Tänzerin vorsichtig einige Geldstücke hin und gingen.
Möge sie viel verdienen durch ihre Schönheit und Grazie! Möge sie bald zurückkehren zum Stamme der Ouled Nails und einen Jüngling finden, der ihrer würdig ist! Und möge sie sich dann verschleiern bis an das Ende ihrer Tage! Wenn es nun doch einmal ihre Religion verlangt.


