Ausgabe 
13.6.1904
 
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Bald darauf trat er mit Pratje den Heimweg an, denn der Kranke war erschöpft und verlangte nach muhe.

Die Luft war lau, man hörte das Krachen des Eis­ganges, ein warmer Tauwind strich über den Karpaßstrom.

Zupitza trug den Hut in der Hand und ließ den lauen Frühlingswind seinen heißen Köpf umfächeln. Als der chwerfällige, bedächtige, heute bloß vom Punsch etwas an- zeregte Notar ihn wegen seiner Unvorsichtigkeit warnte, agte er fröhlich, dabei die Luft tief in seine Lungen ein- ziehend:Es ist ja Lenz geworden merken Sie das nicht?"

8. Kvpitel.

Ja, es war wirklich Lenz geworden.

Aber er kam in diesen rauhen Norden nicht als blumen- streuendes Sonnenkind. Unter wuchtigen Stürmen hielt er hier oben seinen Einzug, ent wilder ungebärdiger Gesell.

Innerhalb weniger Tage war die ganze Niederung über­schwemmt, soweit das Auge reichte, und auch auf dem Giller Mündungsdelta trieben mächtige Eisschollen allenthalben auf bem zu Seen und Teichen gewandelten Weideland.

Die Post kutschierte Halbwegs von Usditten her, gleich diesseits vom Deich an, durch wogende, rauschende Fluten. Von der Straße selbst war nichts mehr zu sehen, die Fahrt­richtung gaben nur die wie borstige Besen aus dem Wasser ragenden Erlen an oder da und dort ent etwas höher ein­gesetzter, weiß gekalkter Kilometerstein. Die trübe, schlam­mige Strömung reichte den stampfenden, schnaubenden Pferden bis über die Kniee, die Wagenräder troffen bei jeder Umdrehung wie die Radschaufeln eines unbelasteten Dampfers.

Wochenlang sah man sich auf allen Wegen, die tiefer lagen uttb nicht gepflastert waren, aus den Verkehr zu Boote angewiesen. Und die Strömung war mitunter reißend. Oft holte sie Stege von den Landungsstellen und Faschiuen- körbe von bett Böschungen, lub Fischkästen und Ställe auf uttb trieb sie weit hinaus aufs Haff. Hüben itnb drüben an den höher gelegenen Stellen der Ufer standen die Litauer voll Kummer und Klage konnten aber nichts retten, nichts ändert!. Und immerzu, immerzu gab's Sturm, bis in den Mai hinein, und jagendes schwarzes Gewölk fast Tag für Tag.

Auf Sakuthen begann nun bald das Hauptgeschäft des Jahres. , Weiter oben in Rußland war der Njernen noch nicht gleichmäßig eisfrei; sobald das Flußbett aber auf seine normale Breite zurückgekehrt war, schickte man die rnächf- tigen Witinnen und Boidaks, die Flöße der in den russi­schen Wäldern geschlagenen Riesenbäume, flußabwärts auf die Fahrt. Hepke und andere Agenten, darunter zuweilen die possierlichsten Typen, ringellockige Juden in schmierigen Kaftans, fadenscheinige Holzbarone und dickschädelige Groß­händlerssöhne überfielen die Dampfsägewerke am Kurischeu Haff mit ihren Angeboten, die kapitalkräftigen Zimmer- meister und Bautischler kamen aus Königsberg und Memel und weiter her und schlossen neue Kontrakte ab, und aus allen Werken herrschte bald fieberhafte Tätigkeit, um die inzwischen geräumten Lagerschuppen, Trockenbuben unb Stapelplätze mit neuem Bauholzvorrat anzufüllen.

Nie zuvor war Fränze Lotz mit solcher Lust unb Frische bei der Arbeit gewesen wie in diesem Frühjahr.

In ihrem knappen, fußfreien Homespunkleid, im blauen Wettereape, ohne Handschuhe und ohne Hut, den bei Sturm und Regen die rote Kapuze ersetzen mußte, war sie von früh bis spät ans den Arbeitsstätten anzutreffen. Für die Besuche bei ihren Pfleglingen auf dem Moor und im Mündungs­gebiete mußte sie sich die Zeit geradezju abstehlen.

In den ersten beiden Wochen konnte sie den Freund aus keiner seiner Ausfahrten begleiten. Wer die jubelvolle Stimmung, die die beiden seit dem ersten Abend beherschte, erlitt dadurch keine Einbuße. Es war ein seliges, glück­strahlendes, wonniges und zartes Einvernehmen zwischen rhnen.

Zupitza hatte selbst übrigens viel reichlicher tun als im Winter, im Karguller Moor gab es tote alljährlich nach den Frühjahrsüberschwemmungett bedenkliche Typhusfälle, auch nahm seine Tour gegenwärtig des schwierigen Verkehrs wegen fast die doppelte Zeit in Anspruch. Er erledigte einen Teil seiner Gänge zu Wasser im Boote, einen andern zu WUgen, den Rest zu Fuße. Da gab es oft meilenweite Märsche zurückMlegen.

Die Giller Honoratioren respektierten den neuen Arzt, allenthalben rühmte man seine Tüchtigkeit, seinen Mut, seine

Hilfsbereitschaft, seinen unermüdlichen Arbeitseifer; aber zu herzlicheren Beziehungen war es nicht zwischen ihnen gekommen.

Als bei Krappes getauft wurde, versuchte der stark ge­rührte Amtsrichter beim Dessert der Festlichkeit, die ihren Glanzpunkt in einigen Flaschen Tilsiter Schaumweins sand, einen Ansturm auf das .Herz des alten Studienfreundes. Man habe mit Betrübnis bemerkt, daß er sich mehr und mehr zurückziehe, bei Behrs habe er nun schon zweimal abgesagt, selbst auf demMenschentag" erscheine er nicht regelmäßig, er werde noch rein ein Sonderling.

Zupitza lachte den Amtsrichter aus.Was willst Du, Alterchen? Ich freue mich meines Lebens. Braucht denn jeder Mensch Skat uttb Biertische unb Teekränzchen zur Er­quickung? Ich sage Dir, mich erfrischt so ein Marsch übers Moor, eine Fahrt durch den Wald, zehnmal mehr als die längste Samstagssitzung imLöwen". Denke Dir, neulich bin ich int Eschenberger Forst von Füchsen angefallen wor­den; da gab's einen kleinen Revolverkampf. Unb Elentiere hab' ich gesehen, zehn wunberbare Stück, barunter einen wahren Patriarchen. Ja, siehst ®u so was, erlebst Du so was? Geh', alter Freund, der Philister bist Du, nicht ich!"

Er ließ es gar nicht erst dazu kommen, daß Krappe das Sakuthener Thema wieder anschnitt.

Unb mit demselben flotten Uebermat ging er auch ander­wärts über die kleinen Anspielungen hinweg. Früher hatten sie ihn geärgert, jetzt hörte er sie kaum mehr.

Die Leutchen ahnten ja gar nicht, konnten es ja gar nicht ermessen, tote wundersam die Harmonie war, die zwi­schen ihm unb seiner Fränze herrschte.

Des Doktors tollkühnes Wagnis am Abenb bes Eis­gangs war viel besprochen worben. Auch Fränze horte davon. Sie fragte Zupitza boller Sorge, was beim Wahres an bem Gerücht sei unb warum in aller Wöll er so leichtsinnig sein Leben aufs Spiel gesetzt habe. Er sah ihr nur lächelnd ins Auge:Wieißt Du's wirkliche nicht, Fränze?"

Sie wollte ihn auszanken, brachte es aber doch nicht übers Herz. Seine Liebe machte sie stolz und glücklich. Es war wie ein neues Aufleben. .

Jeder Tag ist mir jetzt tote ein Geschenk!" sagte sie ihm einmal, als er sie in der heißen Mittagssonne int Hofe traf und sich über ihr junges, frisches Aussehen, ihre helle Stimme, ihre strahlenden Augen freute.

Sie stand auf einem Stapel Bretter, der Mud trieb ihr die Röcke prall an die Glieder, machte das Cape flattern und drohte ihr die Haare zu verwirren. Sie hatte beide Arme erhoben, hielt die Locken fest und schützte sich so gleichzeitig gegen das Blenden der Sonne. Er folgte bewundernd bett elastischen Bewegungen, den schlanken Linien ihrer jungen, anmutigen Gestalt. Er empfand ihre Nähe, ihren Anblick wie eine Liebkosung.

Oft summte ober sang sie nun auch fröhlich vor sich hin, wenn sie tagsüber auf dem Stätteplatz oder am Landungs­steg mit Zählen und Notieren beschäftigt war oder wenn sie drüben auf den Retseschiffen, die die Fahrt übers Haff oder übers Baltische Meer antreten sollten, das Verstauen der Bauhölzer beaufsichtigte.

Sie merkten es alle auf Sakuthen: ihre Herrin war ordentlich verjüngt. Für die Arbeiter, die längere Zeit auf dem Werk tätig waren, hatte fie manchmal auch freundliche Fragen. Ein patriarchalisch^ Verhältnis existierte ja nicht mehr; aber zuweilen lief ein drolliges Wort, das sie zu dem oder jenem gesagt hatte, durchs ganze Werk, und bann ward bie Stimmung trotz der harten Arbeit doch gleich viel fröhlicher.

Gewiß machen. Sie heuer wieder flotte Geschäfte da droben!" so erklärten bie einen die unverkennbare Wandlung der Herrin. Andere meinten: es werde wohl mit Lotz einen Aufschwung genommen haben. Der Rest aber dachte sich sein besonder Teil. Unb eilt Berliner Witzbold an der Drehbank in der Schlosserei summte einmal ein altmodisches Couplet: Das macht die Liebe, heimliche Liebe, von welcher niemand etwas wissen tut."

Der kleine Alex sollte noch bis zu den Pfingstferiett auf Sakuthen bleiben. Das Scharlachfieber war nicht ohne Komplikationskrankheit geblieben. Einer Nervenaffektion halber bedurfte er noch ein Weilchen der Schonung. Als er dann endlich aus der ärztlichen Behandlung als gesund entlassen wurde, begann für ihn eine herrliche Zeit. .Er schien unzertrennlich, von Tante Fränzje.