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Montag oen 13. Juni.
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(Nachdruck verboten.)
Arühlingsstürme.
Roman von Paul Oskar Höcker. (Fortsetzung.)
Als sie unten bei den anderen erschienen, Maren sie beide noch wie in einem Traum befangen. Franze sah verjüngt aus. Es lag eine stille Seligkeit über ihrem ganzen Wesen. Ihre volle, warme Stimme zitterte zuweilen. Zuweilen auch tauchte ein sonniges Lächeln in ihren Zügen auf. Wer den ganzen Wend über herrschte eine harmonische Behaglichkeit im ganzen Haus; es schien mit ihr Licht und Wärme wiedergekehrt zu sein. Das empfand Pratje ebenso wie der Kranke, das empfand selbst das Gesinde.
Zupitza vermied es, bei Tisch sie anzusehen. Wer er wußte: ein tiefes, innerliches Glückesbewußtsein teilte er mit ihr. Und dieses Geheimnis gab manchem für die andern bedeutungslosen Wärt einen besonderen Sinn, dem sie beide oftmals verträumt nachhingen.
„Singen Sie doch wieder einmal, Frau Fränze", bat er sie, als sie im Zimmer des Hausherrn am Kamin saßen. „Wir haben uns in rnkserer Einsamkeit hier so oft nach Ahrem Gesang gesehnt."
Auch Dieter stimmte in seine Bitte ein. Sie ließ sich länger als sonst bitten. Sie sei noch unruhig, zu wenig gesammelt. Aber sie ließen nicht mehr locker. Schließlich sagte sie zu. Die Auswahl der Lieder wollte sie ihnen überlassen. Pratje war unmusikalisch- er hatte keine besonderen Wünsche, Dieter hätte am liebsten eine paar schwedische Volkslieder gehört, die Belmannslieder, deren düsterer Humor ihm am meisten zusagte.
Als Zupitza ihr den Flügel öffnete und die Noten auflegte, fragte sie, ihm sinnend ins Auge sehend: „Und was soll ich! Ihnen singen, lieber Freund?"
„Dem Doktor singst Du sein Lieblingslied, Fränze", rief Lotz aus dem Nebenzimmer. „Weißt Du, das von Tschaykowski."
„Nein, nein, das nicht!" sagte Zupitza „Das ist zu traurig für den heutigen Abend. Heute ist doch Festtag. Sie sollen etwas anderes singen — wo mehr Jubel drin liegt."
Sie überlegte ein Weilchen. Dann lächelte sie verträumt. „Und es ist doch das rechte, lieber Freund. Es verlangt mich selbstj danach."
„Dann natürlich sollen Sie's singen."
Bei den schwedischen Liedern war sie noch nicht recht in Stimmung. Vielleicht machte sich auch der Umstand, daß sie lange nicht mehr geübt hatte, bemerkbar. Ein paar Töne kamen zitternd und ohne Atem, sie mußte schlucken oder sich, räuspern, einen Ansatz wiederholen.
„Sie sind ja so kribblig heute. Sie kleine Frau!" sagte der Notar lachend, indem er mit seinem Punschglas und der Zigarre herbeikam.
Zerstreut lachte sie gleichfalls und spielte ein paar Takte; dabei sprach, sie mit Pratje weiter, herzlich und unbefangen. Mitunter versagte aber ein Wort und sie verbesserte sich dann, leicht den Kopf schüttelnd.
Zupitza lehnte am Türpfosten. Er mußte sie jetzt immmerzu ansehen. Sie war so jung, so blühend und lebensfreudig. Ihre Stimme tat ihm unendlich, wohl. Es zitterte daraus ein geheimer Jubel. 9hir zuweilen tauchte in ihren Augen ein hilfloser, schwermütiger Ausdruck auf- der ihn ergriff, ihn ängstigte, ihm das Herz schwer machte.
Indem sie noch sprach, war sie in die Melodie des! Tschaykowskischen Liedes übergegangen. Die paar Takte in ihrem schwebenden Tanzrhytmus, dem die Molltonart eine besondere, fremde Färbung gab, wandelten die Stimmung rasch Pratje nickte und verließ seiner Zigarre wegen den Salon; auf den Fußspitzen kehrte er zu Dieter zurück. Und Fränze begann, noch etwas verschleiert, gewissermaßen geheimnisvoll, mehr und mehr aber freier, ernster, bedeutender werdend und sich innerlich steigernd: „Im wogenden Tanze, beim Feste, wo lärmender Jubel so laut, da hab' ich Dich träumend und sinnend, geheimnisvoll blickend erschaut."
So hatte sie das Lied noch nie gesungen. Sv schlicht und innig, so ergreifend hatte sie die letzten paar Worte noch- nie gesprochen: „. . . . Ich schwelge im Traume und leide — ich glaube, ich liebe Dich!"
Seine Blicke ruhten in den ihren. Er hatte es schon während der zweiten Strophe in ihren Augen schimmern sehen — nun rannen zwei klare, zitternde Perlen über! ihre Wangen. Sie wischte die Tränen nicht weg, nachdem sie das Nachspiel beendigt hatte.
Aus dem Nebenzimmer klang lauter Beifall. Pratje äußerte sein Wahlgefallen viel lebhafter als sonst; er summte die Melodie nach, natürliche falsch, war aber ordentlich hingerissen, wie er versicherte.
In großer Ergriffenheit hatte Zupitza ihre Hand erfaßt, drückte sie lang und innig, und sie ließ sie ihm schweigend. , .
„Frau Fränze", rief der Notar vergnügt herüber, indem er sein Punschglas von neuem füllte, um ihr zuzntrinken, „wenn Sie sagen, Ihre Stimme sei tu den paar Winterwochen eingefroren — ich bin ja kein Sachverständiger — aber mir kommt sie so frisch- so klar vor, wirklich ganz famos . . . Was, Dieter, altes Haus, findest Du nicht auch?" _
Sie sprachen drinnen in der angeschlagenen Tonart weiter. Fränze atmete tief auf und sagte mit einem sinnigen, verträumten Lächeln, mehr zum Doktor als denen im Nebenzimmer: „Ja, der Frühlingssturm ist übers Eis daher- gebraust — der hat sie wohl zum Auftauen gebracht!"
Es sprengte ihm fast die Brust, darauf schweigen zu, müssen, sie nicht an sich reißen zu dürfen. Er flüsterte nutz innig wieder ihren Namen.


