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find tot. Auch Gew yat sie keines, und nun jammert und brummt sie von früh Lis spät. Es ist eben auch hart, kein Geld zu haben und alt und gebrechlich zu sein."
„Eie haben ein recht volles Haus", bemerkte ich.
„O ja! Da ist einmal mein Bruder John, der Sie vorhin aus dem Garten holte. O mein, er ist sehr gescheit und war auch oft nahe daran, reich zu werden, aber feine Pläne mißglücken ihm immer alle. Ich glaube, er ist zu bescheiden. Aber immer trägt er irgend einen großen Gedanken im Kopf, der Geld einbringen und uns alle glücklich! machen soll . . ."" Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. „Zuerst wollte er Gold suchen, dann eine neue Lampe und eine Sodawasserflasche erfinden, jetzt eben ist er mit der Entdeckung einer besonders praktischen Art Punkah beschäftigt. Hinter dem Haus hat er sein Plätzchen, wo er arbeitet. Manchmal ist er auch, wochenlang fort und versucht ,sich etwas zu verdienen. Lily ist seine Tochter. O mein, ein sehr gescheites Mädchen und eine ausgezeichnete Haushälterin! Tie versteht das Handeln! Ich schäme mich oft wirklich, wenn ich sie feilschen höre, und geizig ist sie auch, o entsetzlich geizig! Sie hofft bald ihr Doktorexamen machen zu können, und dann geht fie als Aerztin nach Kalkutta. In Madras gefällt es ihr nicht; sie sagt, sie hätte zu viel Verwandte hier. Wie ich einmal ohne sie fertig werden soll, weiß ich wirklich, nicht. Ich habe zwar noch eine zweite Nichte, J'ocasta . . . haben Sie bemerkt? Das Mädchen mit den langen Zöpfen?""
„Za, ihr Bruder machte mich auf sie aufmerksam.""
„Aber sie ist noch zu jung und unerfahren. Ich! sage Ihnen, dieses Mädchen hat Jürgen. . . unglaublich! Tie reinste Spionin ist sie, alles stöbert sie aus, auch kann keines der großen Mädchen sie leiden. Ach,, wie so ganz anders, so gutherzig und weich ist dagegen Fritz Alan! Und nun ist der arme Junge ohne Arbeit.""
„O, wirklich?""
„Ja, er hatte eine Anstellung in dem Felleiufuhrhaus Bell & Brown, als er aber um Gehaltserhöhung bat, schlugen ,sie sie ihm ab, und da er nur fünfundzwanzig Rupien ver- dierrte, während sein Bruder Lei der Eisenbahn jetzt fünfzig bekommt, sp gab er seine Stelle aus.""
„War das nicht recht unklug von ihm?""
„Was hätte der arme Junge anberg tun sollen? Er konnte doch nicht bleiben, wenn sein Bruder das Doppelte verdient.""
„Wer vielleicht hat sein Bruder mehr gelernt oder mehr Erfahrung."
Tiefer kühne -Einwurf übte eine überraschende Wtrk- ung auf die gute Frau aus, die wie eine Feder empor- schnellte und mir erregt antwortete: „Fitz ist ein lieber, braver Junge! Was schadet es, wenn er im Anfang auch, nicht viel von der Arbeit versteht? -Er kann es doch lernen, ihm fehlt nur die richtige Anweifung. Fitz ist fehr gescheit!"
In diesem glücklichen Hause schien alles „sehr gescheit"" zu sein. Fitz Wan aber war offenbar dazn noch der Liebling seiner Tante, der er alles verdankte, von der Cigarre, die er rauchte, und dem Parfüm seines Taschentuches bis herab zu den gewöhnlichen Bedürfnissen des Lebens, wie Wohnung, Essen und Kleidung.
„Mardie, Mädchen! Mach, daß Tu zu Bett kommst!" rief jetzt Frau Rosario. Mardie war herausgekommen und betrachtete uns fast mißtrauisch „Sie ist eigentlich ein recht ungezogenes lleines Ting" — dabei streichelte ihr die Tante liebevoll übers Haar. „Geh" jetzt zur Chinna Ajah, sie soll Dir ein Stückchen von dem süßen Zuckerstengel geben, und dann darfst Tu nachher bei mir schlafen."
Allein selbst diese verlockenden Aussichten bewogen Mardie nicht zum Gehorsam, sie ließ sich im Gegenteil gemächlich, auf einen Stuhl nieder, um unserer Unterhaltung zuzuhören.
„Sie ist nur vorübergehend bei mir", nahm ihre Großtante sich mit Gleichmut in die Lage findend, das Gespräch wieder auf. „Ihre Mutter war- ein ungewöhnlich hübsches Mädchen gewesen ; sie heiratete dann einen Sergeanten, aber das Geld wollte Nicht reichen, und so konnte er sie nicht mit nach England nehmen. Seither schrieb er niemals mehr und schickte chr auch, kein Geld, und so ließ die arme Frau Mardie bei Mr, während sie selbst jetzt die Krankenpflege erlernt. O mein, sie ist ein sehr gescheites Frauchen."
„Sind denn Ihre Hausbewohner lauter Verwandte von Ihnen und keine zahlenden Kostgänger?""
„O Tu Lieber! Nein! -Eulalie, Gwendolins, Lola und Rosamunde sind nur gute Bekannte. Sie bezahlen auch, wenn sie können, die armen Mädchen. Friedrich Augustus, der dicke Herr, bezahlt regelmäßig und gut. Er ist sehr reich- und in einem großen Handelshause angestellt, aber er brummt und schilt die ganze Zeit, obwohl er doch das beste Zimmer und meine eigene Kommode hat. Tie beiden van Lede gehen in ein Geschäft in Blacktown. Es sind brave, gesetzte junge Leute, ebenso der andere junge Mann; Anbreh de Vere Jones heißt er und ist beim Telegraphenamt. Möchten Sie nicht vielleicht auch versuchen, dort eine Anstellung zu bekommen? Es ist eine ganz anständige Beschäftigung und Sie sind gewiß sehr gescheit.""
„Ach nein, ich, möchte lieber eine Stelle als -Erzieherin oder Gesellschafterin annehmen.""
„Ach so, ich, fürchte nur, Madras ist nicht der Ort, wo viel Nachfrage nach, solchen Damen ist. Aber eine Stelle für den Sommer ins Gebirge oder nach Bangalore, die ließe sich allenfalls finden. Tas wäre etwas für Sie: kühles Klima und eine hübsche Stadt.""
„Tas freut mich zu hören"", antwortete ich ziemlich kleinlaut.
„Sie müssen eine nette Anzeige in die Zeitung einrücken lassen, das kostet zwar mindestens zwei Rupien, wird aber sicherlich, Erfolg haben. Sie fühlen sich gewiß recht einsam und verlassen, meine liebe Miß Ferrars, so weit fort von Ihren Verwandten! Das ist traurig; Sie tun mir recht leid!"
Ter Ton ihrer Stimme und der teilnehmende Druck ihrer weichen kleinen Hand ging mir tief zu Herzen. Sie hatte sich- jedenfalls nicht über die Abwesenheit ihrer Verwandten zu beklagen. Nicht weniger als sechs kannte ich jetzt schon, die auf Kosten dieser freundlichen, gutherzigen Frau lebten.
„Warten Sie ja nicht auf die jungen Mädels"", fuhr sie eindringlich fort; „die kommen sicherlich spät nach Hause. Ich denke, wir gehen jetzt beide zu Bett, vorher will ich Sie aber noch in Ihr Zimmer begleiten.""
Hier angelangt, entdeckte ich Frau Cardozos Bett, das in eine Reihe mit den anderen gerückt war.
„Hoffentlich schlafen Sie gut"", wünschte Frau Rosario als verbindliche Wirtin, „und haben Sie nur keine Angst vor den Ratten, die an der Zimmerdecke herumlaufen, es fällt höchst selten mal eine herunter.""
Allein schon beim Gedanken an diese Möglichkeit befiel mich ein Grausen vom Kopf bis zu den Zehen.
„Ich weiß wohl, das Haus befindet sich in einem recht schlechten Zustande, dafür bezahle ich- aber auch einen billigen Mietzins. Auch die tveißeu Ameisen sind gerade so ab- sch-eulich, wie die Ratten; weil ich aber keine Ausbesserungen verlange, drängt man mich auch, nicht mit der Bezahlung. Früher freilich, da war dieser Bungalow der schönste von ganz Vepery . . . Sawmy! Sawmy!"" rief sie plötzlich mit erhobener Stimme. „Wo ist der Bursche nur wieder. Rasch bring die Lampe!""
Als Sawmy endlich schläfrig, blinzelnd und zerzaust erschien, sagte sie: „Du brauchst nicht auf die jungen Fräu- leig zu warten; sie kommen jedenfalls spät nach Hause . . . Nun eil' Dich, Mardie, wir wollen zu Bett gehen." Und nach einem herzlichen „Gute Nacht"" verschwand sie mit ihrer Großnichte.
(Fortsetzung folgt.)
Einiges über Verhütung von Katastrophen in Weatern*).
Von Ingenieur Tr. Oscar May (Frankfurt a. M.).
Die furchtbare Katastrophe im Jroquois-Theater in Chikago hat allerorten die Aufmerksamkeit des Publikums und der Behörden auf die Sicherheit in Theatern gelenkt. Zwei Anforderungen sind es in erster Linie, welche für
*) In der „Zeitschrift für die gesamte Versicherungs- Wissenschaft"", dem Organe des „Deutschen Vereins für Versicherungs-Wissenschaft" (Redaktion Tr. Manes, Vertag Hofbuchhandlung von E. S. Mittler & Sohn in Berlin), finden wir diesen Aufsatz. Hier sind unseres -Erachtens so rationelle Vorschläge zur Verhütung von Theater-Katastrophen gegeben, daß wir diese unseren Lesern nicht vorenthalten möchten.


