„O doch, wenn ich will, und wenn sie Geld haben", antwortete er grob.
Ich war herzlich froh, als ich einige der Kostgänger vom Tisch aufstehen sah, und folgte ihrem Beispiel sofort.
Schon wenige Minuten daraus war die ganze Gesellschaft auf rätselhafte Weise verschwunden, als hätte der Erdboden sie verschlungen. Ich begab mich deshalb allein ins Freie, um draußen wenigstens eine Luft atmen zu können, die nicht mit den Gerüchen von Pomade, Patschuli und gedämpftem Ochsenfleisch erfüllt war. Langsam schlenderte ich durch den großen Garten, der eigentlich kaum so genannt zu werden verdiente, und als ich in der Nähe des Zaunes angelangt war, der ihn abschloß, sah ich zwei Mädchen, vielleicht die Töchter der Frau Cardozo, die mir das Bett geliehen hatte, neugierig herüberlugen. In der Ferne entdeckte ich einen alten Landauer mit vier geputzten jungen Mädchen und zwei Herren, der soeben vom Bungalow abfuhr. Drei Herren folgten zu Rad, und lautes Lachen und Rufen drang von dem kleinen fröhlichen Zuge, der sich zum Militärkonzert an den Strand begab, zu mir herüber. Ich setzte meinen Mondscheinspaziergang fort, lauschte dem aus dem Bazar herübertönenden Summen und Lärmen, dem Knattern des Feuerwerkes und dem fernen Tosen der Brandung. Plötzlich fuhr ich beim Klang einer dicht neben mir ertönenden sanften Stimme erschrocken zusammen.
„Fürchten Sie sich nicht vor Schlangen? Kommen Sie doch lieber auf den Weg hinaus."
Es war der schmächtige, ältliche Mann, den ich bei Tisch bemerkt hatte. Er war ohne Kopfbedeckung und rauchte eine Cigarre. „Sie werden die Gesellschaft bei uns ein wenig gemischt nnd sehr verschieden von der finden, an die Sie gewöhnt sind, aber zu den schlimmen Menschen gehören wir nicht", fuhr er mit bittender Miene fort.
„O nein, das denke ich auch ganz gewiß nicht", beeilte ich mich, ihm zu versichern.
„Harmlose Leute sind es, die das Leben leicht nehmen und sich am Guten, das sich ihnen bietet, erfreuen." hatte eine weiche, angenehme Stimme. „Tante Rosario schickt mich Sie aus der feuchten Luft hereinzuschicken."
Als ich mich dem Hause näherte, sah ich Frau Rosario in einem Lehnstuhl auf der Veranda thronen.
„Kommen Sie, Miß Ferrars, und leisten Sie mir Gesellschaft", rief sie mir entgegen. „Sie sind fast alle fortge- fahren, da müssen wir uns gegenseitig, so gut es geht, die Zeit zu vertreiben suchen."
Gehorsam setzte ich mich auf die äußerste Kante eines wackeligen Stuhles, während sie fortfuhr:
„Sie sind alle zur Musik gegangen, außer Tante Gam, die schon zu Bett liegt."
„Sie ist wohl schon sehr olt?"
„O ja, sie ist die Tante meines verstorbenen ManneS und hat niemand mehr ans dec Welt; alle ihre Freund«
Mittwoch den 13. April
51'
1 /M
11!
(Nachdruck verboten.)
Im Mkak der Aajah.
Roman von B. M. Croker.
Genehmigte Uebertragung von A. Vischer.
(Fortsetzung.)
Jocasta sah in der Tat so aus, und ihre kleinen, dunklen Augen begegneten den meinigen wie Nadelstiche, so oft ich zufällig nt ihrer Richtung schaute.
„Sie ist eben erst vierzehn geworden, geht in die To- veton-Schule und lernt auch recht gut, ist aber viel zu naseweis und altklug. Jetzt möchte sie natürlich für ihr Leben gern wissen, wer Sie sind und woher Sie kommen, auch wird sie sich durchaus nicht scheuen, Sie darüber auszufragen. Lassen Sie sie aber nur gründlich abfahren", fügte er gutmütig hinzu — und ich nahm mir im Stillen vor, seinem Rat zu folgen. „Tie beiden jungen Leute neben ihr sind die Brüder van Lede, nette, gut bezahlte Kaufleute. . . Haben Sie nicht vielleicht Lust, heute abend mit uns zur Strandmusik zu kommen? Es würde mich sehr glücklich machen, wenn ich Ihr Führer sein dürfte."
Während ich mich beeilte, diesen schmeichelhaften Vorschlag mit dem höflichsten Tank und den lebhaftesten Eut- fchuldigungen abzulehnen, wurde ich plötzlich von Friedrich Augustus unterbrochen, der mich über den Tisch herüber anredete. Bis dahin hatte er den Mund eigentlich nur geöffnet, um über das Essen zu brummen.
„Wie ich höre, haben Sie all Ihr Geld verloren, Miß?"
„Nicht alles", antwortete ich kühl.
„Selbst wenn dies der Fall wäre, so würde es hier nichts ausmachen." Er nickte mit dem Kopfe nach Frau Rosario hin, die sich mit dem Schneiden des Fleisches abmühte. „Sie hat ohnehin eine ganze Menge Kostgänger, die niemals einen Penny bezahlen." Tab ei zeichnete er mehrere Anwesende mit einem langen, bedeutungsvollen Blicke aus, was die betreffenden veranlaßte, die Augen verlegen niederzuschlagen und rasch ihr Essen zu verschlingen, als fürchteten sie, sofort ausgewiesen zu werden. Tiefer Friedrich Augustus machte einen höchst unangenehmen Eindruck auf mich, sowohl wegen seines Wesens, als seines Aussehens. Er war offenbar der reiche Verwandte, der gut zahlte, sich damit aber auch zugleich das Recht zuin Schelten, und Tyrannisieren erworben zu haben glaubte. In mir vermutete er wohl einen neuen Schmarotzer, denn er fuhr fort:
„Bedürftige Leute gehören ins Armenhaus und nicht hierher, wo wir schon mehr als genug von dieser Art haben."
„Wer Friedrich!" wandte Frau Rosario ein. Nun höre doch auf! Kannst Tu die Leute denn nicht in Ruhe ürssen?"


