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Wort halten, sich nicht zum Tisputationsakie einfinden und dann alles verderben." Bei ihm selbst galt: ein Wort ein Mann! Ter Sohn seines Freundes Nicolovins hatte den Entschluß gefaßt, Buchhändler zu werden. Kant billigte den Plan und ließ dabei von fern merken, daß er selbst dem künftigen Geschäft, wenn es zustande käme, sich gern nützlich beweisen wolle. Tiefe Andeutung bewährt er wie ein festes Versprechen. Er gab Nicolovius seine Schriften gegen ein Geringes in Verlag und lehnte die vorteilhaftesten Anerbietungen anderer Buchhändler ab, aus Teilnahme für den Sohn seines Freundes.
Man hat Kant in seinem philosophischen Werke öfters mit einem Kaufmann verglichen, der bei allem Großhandel, den er treibt, sein Vermögen pünktlich berechnet, die Grenze seiner Zahlungsfähigkeit genau kennt, diese Grenze nie überschreitet. Er hat den Vermögensstand der Philosophie festgestellt, in dem, was sie in 'Wahrheit besitzt, was sie noch zu erwerben vermag, was erworben zu haben und zu besitzen dieselbe sich und andern trügerischer Weise einbildet. Man darf diesen Vergleich von der Philosophie Kants auf dessen Persönlichkeit ausdehnen. Auch sein Charakter hat etwas von dem ehrenwerten Kaufmann, und selbst seine Freimdschaftsverhältnisse zeugen für diese von ihm selbst empfundene Verwandtschaft. Turchaus unverblerrdet und nüchtern, von einfacher, unzerstörbarer Tüchtigkeit, der im Innersten alles Scheinwesen fremd ist, die sich instinktartig dem Echten zu- weudet, — gehörte Kant zu den wenigen, denen mitten in einer Welt, die zum größten Teil vom Schreine lebt, der Schein nichts anhat. Taher unter seinen Charakter- zügen der mächtigste und größte, der alle übrigen in sich schließt, jener solide Wahrheitssinn ist, den vor allem die Wissenschaft braucht, den sie aber unter den mächtigen
Mischungen der Welt nur sehr selten in jener Stärke und Reinheit empfängt, der es gelingt, die Nebel zu vertreiben. Lessings echte Wahrheitsliebe gefiel sich bisweilen in Paradoxen, um mit dem gewagten Widerspruch die Sache auf eine unerwartete Probe zu stellen, auch wohl, um ein überraschendes Schlaglicht darauf zu werfen. Kant war darin ftreiiger, er wollte auch nicht überraschen, sondern immer überzeugen. Und ganz dieser pünktlich gerechten Tenkweise gemäß war seine Schreibart, niemals blendend, stets gründlich und deshalb, was bei Lessing der Fall nie war, oft schwerfällig. Um völlig gerecht zu sein, mußte alles zur Sache Gehörige auch ausgedrückt werden. So wurde die Masse eines Satzes oft groß, manches mußte_ut Parenthesen verpackt werden, um noch in dem einen Satze mit sortzukommen. Solche Kantische Perioden bewegen sich einher wie Lastwagen, sie müssen gelesen und wieder gelesen, die eingewickelten Sätze müssen aus einander genommen, mit einem Worte, die ganze Periode muß förmlich ausgepackt werden, wenn man sie gründlich verstehen will. Tiefe stilistische Schwerfälligkeit ist nicht eigentlich Unbeholfenheit, denn Kant vermochte auch leicht und fließend zu schreiben, wenn es der Gegenstand erlaubte: es ist die Gründlichkeit und Wahrheitsliebe des gewissenhaften Tenkers, der in seinem Urteile nichts zerüühalteu will, was zu dessen Vollständigkeit gehört.
So vereinigen sich alle Charakterzüge Kants, denen wir absichtlich bis in ihre geringfügigen Aeußerungen nachgegangen sind, zu einer seltenen und wahrhaft klassischen Uebereinstimmung: der tiefe Denker, und der ein» ache, schlichte Mensch! Ueberall pünktlich und genau, parsam im Kleinen, und ivo es Not tut bis zur Aufopferung freigebig, stets überlegt, völlig unabhängig in seinem Urteil, und immer die Rechtschaffenheit, Redlichkeit und Pflichttreue selbst: so ist Kant im besten Sinne des Worts ein bürgerlich deutscher Mann jener soliden Zeit, von der unsere Großväter uns erzählt haben, ist er für uns eine ebenso vorbildliche und bewunderungswürdige als wohltuende und heimische Erscheinung.
Literarisches.
— Rechtzeitig zur Zeit fröhlichsten Gesellschaftstreibens erschien soeben in der Sammlung Illustrierter Monographien (Verlag von Belhagen u. Klasing in Bielefeld und Leipzig) ein Band „Der Fächer". Ter Verfasser, der Künstgelehrte Georg Buß, begleitet die „Waffe der schönen
Frau" in anregender Weise durch alle Länder und alle Jahrhunderte, ;a Jahrtausende, denn die Geschichte des Fächers ist fast so alt wie die Geschichte der Menschheit. Besonders interessant sind seine Schilderungen aus den letzten Jahrhunderten, in denen der Fächer eine so wesentliche Rolle im geselligen Leben spielte. Die Monographie ist erstaunlich reich illustriert, aber auch mit erlesenem Geschmack. Von hervorragender Schönheit sind zumal die Reproduktionen moderner Knnstfächer, die in der vollen Farbenpracht der Originale wiedergegeben wurden. Wir finden darunter Fächer von Passini, Friedrich Stoll, Hans Looschen, Franz Skarbina, Paul Meherheim, Hans Bohrdt, Fischer-Cörlin, Anton von Werner usw. — Blätter, die in ihrer phantasievollen Eigenart das Entzücken jedes Kunstfreundes bilden müssen. Tie Monographie eignet sich in ihrer prächtigen Ausstattung und bei dem billigen Preise vortrefflich als Geschenkband — sie wird jeder Frau Freude bereiten.
— Die Frenssen-Mode. Im „Kunstwart" schreibt Ferdmand Avenarius zur Frenssen-Mode: „Kaltes Blut wahren!" — wenn eine literarische Erscheinung heutzutage den Kritiker zu dieser Mahnung an sich selber anregen muß, so ist's wirklich die Frenssen-Mode. Mr vom Kunst- Wart können nicht in dem Verdachte stehen, Frenssen zu unterschätzen, wir sind nächst der „Christlichen Welt" die ersten gewesen, die, int Dezember 1901 schon mit vollster Wärme auf ihn hinwiesen, wenngleich wir Vorbehalte schon damals machten. Nun aber kamen die „Schwäger", die Lober und Preiser ohne Halt, die aus der Freude über ein neues kräftiges Talent das Hosiannah über ein neues Genie erhoben, und mit ihnen kam die Mode. Wir sehen in dieser Mode an sich kein Unheil, im Gegenteil, eher ein Glück. Moden sind nun einmal leine Verkörperungen von Idealen, will man die Frenssensche beurteilen, muß man doch wohl fragen: was wäre von diesen Hunderttausenden sonst gelesen worden, besseres oder schlechteres? Selbst zu denen, so in den Leihbibliotheken im Dunkelsten wühlen, ist durch die Frenssen-Mode einmal ein leiser Himmelsschein gekommen, ein Abglanz von echter Heimatskunst, ein Gnadengeschenk mit einzelnen Stücken künstlerisch gehaltener Darstellung. Ob nun Frenssens Heimatschilderung im eigentlichsten Sinne echt, ob nicht "dieses und das dabei der Wirkung zu Liebe gebogen und gegen die Wahrheit umarrangiert und ob der eigentliche Schöpfer immer Frenssen selber oder aber in den einzelnen Fällen Keller, Raabe, Tickens, Storm sei, was weiß dieses Publikum davon? Und im Grunde: was braucht es zunächst davon zu wissen, da es ja doch nicht unterscheiden kann? Zunächst kommt es nicht darauf an, ob es Frenssen richtig bewertet oder eine Weile lang überschätzt, zunächst kommt es darauf an, doch es überhaupt einmal die Sprache wirklicher Poesie zu hören, zu genießen versucht, um dessen teilhaft zu wer- ven, was ihm auch sonst mit ihr geboten werden kann. Zunächst. Tenn darüber sind wir doch. Wohl einig, daß man die günstige Wirkung der Frenssen-Mode auszunutzen suchen muß, um Frenssens Verehrer zu seinen eigenen Meistern zu führen, zu ihnen, deren Stimmungen er nachempfindet und deren Schilderungen er nachahmt, eben des Tickens, Storm, Raabe, Keller, und damit zu den Quellen germanischer Erzählkunst überhaupt. Ach> , es braucht Weile, bis wir soweit sind, — werden wir nicht darüber das Ziel verlieren? Vorläufig häufen sich die Erscheinungen, die einem das ruhige Warten sauer machen.
Schiebrätsel. Nachdruck verboten.
Nachstebende Wörter sind ebne Aenderung der Reihenfolge, also nur durch seitliche Verschiebung so untereinanderzusehen, daß zwei nebeneinanderstehende senkrechte Buchstabenreihen bekannte Blumen bezeichnen.
Brauerei Dresden 8 t a m b u 1 Nordsee Andreas Fandango Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Sinnrätsels irr vor. Nr.: Die Cigarre.
Nrdsktion: August Götz. — Nvtaticr.kdruck und Lertqa der L riitzt schm t.nircrfltätk-Buch- Nvd Cteindruckerei. R. Lange, Eichen.


