Ausgabe 
13.2.1904
 
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Tiefe Frau kam zu mir in den tiefen Frieden meines Asyls und brachte mit sich den Sturm.

Tieandere Dame" sah ich nicht wieder: und ich mochte die Neri nicht nacy ihr fragen. Maria tat es. Hört es und staunt: meine schweigsame Maria öffnete den Mund, um sich nach dieser fremden und hochmütigen Modedame zu erkundigen, die sie vollständig ignoriert fiatte. Maria sagte sogar in Gegenwart der Neri, daß ie uiemals ein solch armes süßes Wesen gesehen hätte: Nicht mehr Kind und doch nicht Weib!" Ihr kennt Maria genug, um mit mir verwundert zu sein. Tenn wenn hätte sich Maria jemals so sehr über jemand geäußert?

Assunta Neri antwortete nichts als:

Vielleicht ist sie noch zu retten. Aber ich glaube es nicht."

Diese an sich trostlose Aeußerung tat sie mit "dem Blick einer Hellseherin und dem Ausdruck eines physischen Leidens, als hätte sie sich in den Zustand der kranken Prinzessin so tief versenkt, daß sie diesen an sich selber empfand. Ich fühlte mich durch die Mitteilung über das hoffnungslose Leiden der jungen Frau keineswegs erschüt­tert. Im Gegenteil: sie befreite mich von einem eigen­tümlichen Truck, den ich seit einiger Zeit mit mir herum­trage. Tas Leben ist schließlich so wenig lebenswert vielleicht selbst für eine Weltdame! Ick kann nun einmal mit keinem Sterbenden und keinem Gestorbenen Mitleid fühlen; wenn dieser auch noch so jung und schön, so gut und glücklich war.

Tann nur um so weniger Mitleid!

Aber die Neri hatte es anders gemeint, wie ich erst durch Marias erregtes Fragen verstand. Tie Neri meinte nicht eine rettungslose phyftsche Auflösung der Prinzessin; sondern einen seelischen Krankheitsprozeß, für den sie keine Hilfe möglich sah wenigstens schwerlich.

Was mag es sein, woran dieses seltsame Wesen,das nicht mehr Kind und noch nicht Weib ist" ich rede mit Marias Worten unaufhaltsam zu Grunde gehen soll?

Gehört auch dieses fremdartige liebliche Geschöpf zu der langen Reihe moderner Frauengestalten, die ein neues Geschlecht ausmachen mit neuen Organen, mit neuem Nervensystem? Ward das Weib noch einmal aus der Rippe des Mannes geschaffen mit vollkommen anderer Seele als mit der ewigen Evaseele des Weibes?

Und ob auch dieses nachgeborene Weib göttlichen Ur­sprungs und unsterblichen Geistes ist?

Ihr seht: ich habe wieder etwa Neues zum Grübeln, *

Assunta Neri reiste ab.

Sie will im Herbst wiederkommen und oben unter den Cypressen eine neue Rolle studieren:Wenn ich mich bis zum Herbst noch nicht totgesvielt haben werde . . Wie viele Schicksale muß sie bis Dahin aus der Bühne an sich erfüllen lassen, wie viele Leidenschaften, welchen Jammer, welche Verzweiflung ertragen das ganze Martyrium des liebenden, leidenden, durch seine Liebe zu Grunde gehen- Weibes.

Unter den Cypressen eine neue Rolle studieren und mein Mund ist für immer verstummt!

(Fortsetzung folgt.)

Immanuel Kaut.

Schluß.

Tie Abendstunden in seinem Studierzimmer gehörten der Lektüre, die Tämmerungsstunden der Meditation. Um 10 Uhr war das so geregelte Tagewerk beschlossen. Nicht leicht konnte ihn etwas bewegen, dieses ausgefahrene Ge­leis seiner täglichen Ordnung zu verlassen. Und war er ja einmal unfreiwillig in die Lage einer kleinen Unregel­mäßigkeit gekommen, hatte sich jene Ordnung durch irgeud einen Zufall einmal verschoben, so hütete er sich gewiß vor dem zweitenmale, ja er setzte sich nach einer solchen Erfahrung die Ausdrückliche Maxime, in allen künftigen Fällen eine ähnliche Lage zu vermeiden.

So ging das Leben Kants durchgängig wie das regel­mäßigste aller Zeitwörter. Alles war überlegt, durchdacht, nach Regeln und Maximen bestimmt und ausgemacht, bis in die kleinsten Umstände, bis in den täglichen Küchenzettel, bis in die Farbe jedes einzelnen Stücks seiner Kleidung. Er lebte in allen Punkten als der kritische Philosoph, von

dem Hippel im Scherz sagte, daß er eben so gut eine Kritik der Kochkunst als der reinen Vernunft schreiben könne. . . .

Kant hatte für Freundschaft die lebhafteste und wärmste Empfindung. Ter tägliche vertraute Verkehr mit einigen sicheren Freunden entsprach ebenso sehr seinem gemütlichen Bedürfnis als seinem Lebenssystem. In diesem kleinen, heimischen Freundeskreise war ihm Wohl und be­haglich, wie in seiner liebsten Gewohnheit. Ter Verlust eines dieser Freunde war ihm unter allen schmerzlichen Lebenserfahrungen die schmerzlichste. So lange noch ein Schimmer von Hoffnung war, verfolgte er mit ängstlichem Teilnahme den Lauf der Krankheit, die einen seiner Freunde ergriffen. Sobald er aber den Todesfall erfahren hatte, übte er jenen Grundsatz, tvonrit er sich stets von den peinlichsten Schmerzen zu befreien pflegte. Er tat sich Gewalt an, zog seine Gedanken von dem unabänder­lichen Verluste ab, sprach von der Sache nicht mehr, um sich nicht durch die erneute schmerzliche Vorstellung zu rühren und durch Rührung zu erschlaffen, und ging ruhig und gefaßt zu seiner Tagesordnung, d. h. zu seiner Arbeit über. So ließ er sich nach Hippels Befinden wäh­rend dessen letzter Krankheit aufs sorgfältigste erkundigen, fragte einen jeden darnach, der zu ihm kam, sagte aber oen Tag nach seinem Tode in einer großen Mittagsgesell­schaft, wo man über den Hingang Hippels ein großes Gespräch anknüpfen wollte:es wäre freilich Schade für den Wirkungskreis des Verstorbenen, aber man müsse den Toten bei den Toten ruhen lassen".

Tie Freundschaften Kants waren von seinem gelebrten Stande ganz unabhängig und keineswegs durch wrssen- schaftliche Zwecke oder die akademische Amtsgenossenschaft vermittelt. Tie Philosophie hatte darauf gar keinen Ein­fluß. Hier war sich Kant selbst genug, und die Freund­schaft war ihm auf dieser Seite seines Lebens am wenig­sten Bedürfnis. Er folgte da ganz seinen unabhängigen persönlichen Neigungen. Auch mochte ihm der Verkehr mit erfahrenen Männern aus ganz anderen Lebensgebieten, als das {einige, eine wohltuende Ergänzung fein. Seine meisten und liebsten Freunde waren praktische Geschafts- männer der ehrenwerten bürgerlichen Art, tote die ^Kauf­leute Green und Motherby, fbie der Bankdirektor Rufs­mann, der Oberförster Wobser in Moditten, bei dem sich Kant manchmal Wochen lang während der Ferien aufhielt.

Von ihrer wohltätigsten Seite zeigte sich Kants Freundschaft gegen die jüngeren Männer, die feine Schüler gewesen und als solche fein Vertrauen und damit feinen näheren Umgang gewonnen hatten. Gegen diese jüngeren Leute war er überaus teilnehmend, hilfreich, zu ihrer Unter­stützung mit Aufopferung bereit, für ihre Zukunft mit väterlicher Sorgfalt bedacht. Konnte er chnen ein Stipen- dium oder eine angemessene Stelle verschaffen, so !var ihm keine Mühe zu viel, und der günstige Erfolg machte ihm die größte Freude. Bei solchen Gelegenheiten zeigte sich das Wohlwollen seines guten Herzens in der liebens­würdigsten Weise. Natürlich mußte er von der Würdig­keit seines Schützlings fest überzeugt fein. Seine Bio­graphen erzählen von der Freundlich kett Kants in dieser Rücksicht eine Menge sprechender Züge. Einem seiner jungen Freunde, den er besonders schätzt, wünscht er zu einer Feldpredigerstelle zu verhelfen. Er empfiehlt ihn dem Chef des Regiments. Nun muß aber der Kandidat eine Probepredigt halten, und Kant liegt alles daran, daß er die Probe besteht. Was tut Kaut? Er erkundigt sich nach dem vorgeschriebenen Text der Probepredigt, entwirft sich im stillen eine Tisposition, läßt den Kandidaten einige Tage vor dem Termin in ungewöhnlicher Morgenstunde zu sich kommen, lenkt das Gespräch geschickt auf den Text der Predigt und unterhält sich mit ihm über das Thema, auf das sich Kant förmlich vorbereitet hat, als ob er selbst die Predigt hätte halten sollen.

Pünktlich und wortgetreu, wie er selbst in jeder Hin­sicht war, machte er diese Pünktlichkeit auch bei andern zur ersten Bedingung seines Vertrauens. Hier konnte man es leicht mit ihm verderben. Unzuverlässigkeit, nament­lich bei jungen Leuten, mochte er am letzten verzeihen. Einem Studenten, der versprochen hatte, zu bestimmter Stunde bei Kant zu erscheinen und nicht erschienen toar, machte er die ernstlichsten Vorwürfe unb erlaubte ihm nicht, bei einem, öffentlichen Tisputationsakte, der eben stattfinden sollte, zu opponieren:Sie möchten doch nicht