Ausgabe 
13.2.1904
 
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Weißen Kleide unter Krüppeln und Bettlern wie eine heilige Elisabeth. Tabei gehört sie durchaus nicht zu den so- {genannten Frommen. Tie sichtbarliche Ausübung der Re- igion überläßt sie dem Prinzen; und sie überläßt den Prinzen seinen Maitressen

Ihre französische Kammerfrau will wissen, daß sie noch niemals geliebt habe, daß sie unheilbar krank sei und bald sterben werde.

Es ist alles Klatsch und Matsch, und doch erregt es mich. Alles kommt nur davon, weil ich verlernt habe, unter Menschen ein Mensch zu sein.

Ich glaube doch nicht, daß sie in ihren vielen schlaf­losen Nächten nur an Nichtigkeiten denkt.

Ich glaube, daß sie sehr leidet und sehr einsam ist.

*

Ich sprach von dergroßen Tragödin", der römischen Campagna, und vergaß, Euch zu erzählen, daß ich die große Frauenoarstellerin Assunta Neri sah: nicht in Rom auf der Bühne; sondern im Park der Villa Falconieri.

Ich will nicht lügen!

Ich vergaß es nicht, ich verschwieg es. Und ich ver­schwieg es, weil dieses Ereignis denn ein solches be- oeutet ihr Besuch für mich im tiefsten Innern mich er­regte, so sehr erregte, daß es Euch erschrecken könnte. Auch würdet Ihr den Aufruhr meines Gemütes doch nur wieder für das Zeichen einer krankhaften und ganz un­natürlichen seelischen Vereinsamung halten.

Ihr wißt, daß ich die Neri bei ihrem Tebüt in Rom kennen lernte, daß sie in meinerAgrippina" auftrat, daß £e das große Ereignis des Abends und der ganzen heaterwelt war, daß sie seit jener Vorstellung die souve­räne Herrscherin der italienischen Bühne ist.

Und sie ist die große Verkünderin eines neuen Frauen- aeschlechts, das die Zeit geschaffen hat und das die Tichter der Zett versuchen auszusprechen.

Nur ich weiß davon nichts. *

Eines Vormittags brachte man mir einen Strauß weißer Lilien und sagte: Assunta Neri sei da!

Mein erstes Gefühl war Schreck.

Es war ein solch rätselhafter Schreck, als drohte mir plötzlich eine große Gefahr. Mein erster Gedanke war, dieser Gefahr zu entfliehen so schwach und feige kann ein Mann sein, für den es im Leben nichts mehr zu hoffen und nichts mehr zu fürchten gibt. Ich suchte Maria, als müßte ich bei ihr Schutz finden. Sie war aber nicht im Hause. Ta trieb mich eine neue geheimnisvolle Empfindung der Künstlerin entgegen. W war wie eine Gewalt, so daß ick) ich konnte es gut beobachten unter einem inneren Zwange stand.

So ging ich denn hinaus.

Gibt es wirklich, ein neues Frauengeschlecht, und ist Assunta Neri die Verkörperung desselben, so muß diese Gattung der modernen Frau: der Frau fin de siöcle, ein unaussprechlich trauriges tröst- und hoffnungsloses Frauen­geschlecht jein, bereits am Anfänge seiner Existenz dem Untergange geweiht. Denn Assunta Neri hat eine kranke Seele. Wenn nun ihre KunstNatur" ist; und wenn ihre Natur nur ein Spiegelbild der Natur des Weibes ist, so muß dieses Weib bis in seinen intimsten Lebensnerv hinein krank sein.

Nein! Von dieser Frau weiß ich nichts.

Ich will davon nichts wissen!

Assunta Neri machte auf mich den Eindruck eines Sciroccotags. Alles an ihr ist schwere schwüle Wüstenglut. Ein fahles gespenstisches Licht umzittert Himmel und Erde, die einen erstickenden Tunst ausatmet. Tie ganze Natur ist zu Tode erschöpft und sehnt sich, nach, dem letzten er­lösenden Seufzer.

So erschien mir diese Frau.

Vielleicht legte ich meine eigene Stimmung in sie hinein. Ick) sehe ja Menschen und Tinge derart unwirklich, daß ich meinen eigenen Augen nicht trauen darf.

Uebrigens wechselten wir beide nur wenige Worte; denn Maria kam.

Tie Neri ging sogleicy auf sie zu und beschäftigte sich beinahe fieberhaft mit ihr, schien sie entzückend zu finden. Ms ich Maria später fragte, was die Neri eigentlich mit ihr gesprochen hatte, wußte sie es kaum. Sie sagte: sie hätte immerfort die andere Tame ansehen müssen.

Tie «andere Damü" war die Prinzessin von Sora y

Assunta Neri wohnt nänrlich in der Villa Taverna. Tie Prinzessin hatte sie auf einem Spaziergange begleitet und die beiden waren zufällig in unseren Park geraten.

Wie Ihr seht, geht alles mit sehr natürlichen Dingen zu.

Ta Maria dieandere Dame" immerfort ansehen mußte, werdet Ihr auf sie neugierig sein; denn dieses Anstarren einer vollkommen fiemden Tame sieht Maria so gar nicht ähnlich'.

Was soll ich Euch sagen? Ich sah nichts als ein Gewirr schwarzer Spitzen und in dieser leichten dunklen Wolke ein schmales weißes Gesicht mit ich weiß nicht einmal, was für Augen sie hat. Hch glaube: ihre Augen sind sehr dunkel und ich weiß es wahrhaftig nicht! Ich, weiß nur, daß ihre Augen einen eigentümlichen Blick haben.

Einen unvergeßlichen Blick!

Sie trug keine Handschuhe. Ich habe niemals solche kleinen blassen hilflosen Hände gesehen! Ich sah in ihren Händen immerfort den Strauß weißer Lilien, den mir die Neri geschickt hatte; und ich sah die Hände mit dem Lilienschimmer immerfort sich erheben wie in angstvollem Flehen, wie in

Ich bin und bleibe doch ein unheilbarer Träumer!

Während die Neri mit Maria sprach, unterhielt sich die andere Tame" mit mir. Sie hat eine sehr leise, sehr süße Stimme.

Ihre Stimme klingt wie Vogelgezwitscher.

Vielleicht erhebt sie in ihren schlaflosen Nächten ihre blassen Hänoe und betet mit ihrer süßen Stimme:Lieber Vater im Himmel, laß mich leben!"

Und vielleicht hat der Himmel Erbarmen. *

Tie Neri blieb länger als eine Woche in der Villa Taverna.

Sie kam jeden Tag herauf.

Nicht meinetwillen; sondern um Maria zu sehen. Aber diese verhielt sich scheu und sremd.

Wie schwer es doch ist, zu vergessen!

Tenkt Euch: ich wartete immer und immer darauf, die Neri würde ein Wort 'mit mir über mich sprechen: von meinen Tramen, meinen Jrauengestalten. Ich wartete mit angehaltenem Atem, mit fieberndem Pulsschlag, laut pochen­dem Herzen: ich, der. ich mit eigenem Willen mich aus­schied aus der Reihe der lebendigen Tichter. Und jetzt wartete ich angstvoll auf ein einziges Wort dieser Frau.

Aber sie schwieg.

Ich weiß wohl, weshalb sie mit mir nicht über mich sprach.

Sie wollte mich schonen.

Aus demselben Grunde redete sie auch niemals vom Theater. Ich mußte ihr daher beweisen, daß ich ihrer Schonung nicht bedürftig sei wie der Bettler eines Al­mosens.

So sprach denn ich von der Bühne: der neuen, der modernen, derlebendigen".

Ta ich davon nichts wußte, so fragte ich sie und bat um Belehrung. Seltsamerweise wußte siO mir nicht viel Neues zu sagen.

Ich kümmere mich nicht darum. Man schreibt für mich, Stücke und schickt mir ganze Packe voll. Ich lese sie nicht. Bisweilen höre ich von einem neuen Drama; und dann fühle ich' sogleich: ,Tas könntest du spielen; denn das könntest du sein!' Oder auch: ,Das geht dich absolut nichts an'. Denn ich kann nur spielen, was ich sein kann -h in irgend einem Teil meines Wesens. Dieser wird an­geregt, die Gestalt bemächtigt sich meiner Phantasie, geht in mich über, wird Geist von meinem Geist. Und plötzlich ist es ein Mensch! Er lacht und weint, haßt und liebt, e und verzweifelt, beseligt und vernichtet, geht zu

:de und stirbt. Es ist alles so einfach."

Ich besaß nicht den Mut, ihr zu sagen:

Auch bei mir war es genau der nämliche Vorgang. Ich dichtete nie; sondern erlebte stets."

Wie hätte im mich mit ihr vergleichen können? Sie ist die heilige Wahrheit selbst: und ich bin nichts als Pathos! und Unwirklichkeit. Jetzt wurde sie bestimmt nicht mehr eine von meinen Frauengestalten spielen. Sie könnte es nicht! Weil bei keiner einzigen meiner Gestalten ein Teil ihres Wesens vibrieren würde, weil sie nicht im stände wäre, die Unnatur einer derselben mit ihrer Natur nachzu- empfinden, so könnte sie gar nicht!