Ausgabe 
13.1.1904
 
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1904

Mittwoch den 13. Januar

AKT

L

iJ'Hjiül

(Nachdruck verboten.)

WM Jalcomeri.

Von Richard Botz.

Erster Band.

(Fortsetzung.)

Wenn ich abends im Saale unter den Bildnissen der dahingegangenen Falconieri speiste, wurde der große Raum durch das Licht vieler Kerzen beinahe traulich gemacht. Ich mußte oft das lächelnde Antlitz, der unglücklich-glücklichen Teresa, ost die starren Züge der mörderischen Ottavia be­trachten. Dabei stieg dann Fran. Marianos schönes trau­riges Gesicht vor mir auf.

Jfch fühlte tiefes Mitleid.

Da ich sehr schlechte Nächte hatte, konnte ich mich niemals entschließen, zu Bett zn gehen. Ich schickte meine Leute zur Ruhe und blieb auf. Lesen konnte ich nicht. So oft ich es versuchte, fühlte ich es in mir wie einen Sturm aufbrausen. Und meine müde Seele bedurfte des Wiegen­liedes.

Mein Leben war so untätig, so unnütz in meiner traumhaften Feiertagsexistenz!

Bald warf ich und) auf mein Ruhebett, bald fuhr ich in die Höhe und eilte hinaus auf die Galerie, wo ich auf und ab, hin mfnd her wandelte, brütete, grübelnd.

Erst wenn der Morgen graute, fand ich den schweren Schlaf der Ermattung.

*

Es war bekannt geworden, daß. ich in der Villa Fal­conieri lebte.

So kamen denn bisweilen neugierige Literaturfreunde, die mich in meinem Tusculum sehen wollten. Anfangs störte es müh nicht besonders, später jedoch mehr und mehr, bis es mir endlich unerträglich! ward.

Ich, ließ zuerst das große Falkentor schließen, später, nach Rücksprache mit Herrn Mariano, auch die übrigen -Eingänge. Die Bewohner der Billa bekamen ihre eigenen Schlüssel.

Jetzt belästigten mich keine fremden Gesichter mehr.

Jetzt war es schön!

*

Herr Mariano schien sich mitunter in pekuniären Schwierigkeiten zu befinden. Das nahm mich nicht wunder. Seine Pacht war freilich sehr gering; aber durch die Kon­kurrenz mit den sizilianischen Weinen und dem Olivenöl aus Apulien litten die einheimischen Kulturen. Ueberdies besaß Herr Mariano zuviel vom grand seigneur wenigstens seinen Leuten gegenüber.

Er war jetzt häufig in Rom, wo er spielen und galante Abenteuer suchen sollte. Bei seiner ungewöhnlichen Schön­

heit und seinen sonstigen physischen Eigenschaften mußte er ein geradezu rasendes Glück bei den Frauen haben.

Befand sich Herr Mariano in Rom, so verließ seine Frau die Wohnung nicht; und ich respektierte sie viel zu sehr, um auch nur den Versuch zu machen, mich gegen ihren Wunsch! ihr zu nähern. Abends horchte ich wohl, ob sich von den Cypressen her ihr Gesang hören lasse: sie hatte eine gar so wundersame, zu Herzen gehende Stimme.

Mer ich erlauschte nichts.

Ich mußte viel darüber nachdenken: ab sie wohl wüßte, daß ihr Mann in Rom seinen Wenteuern nachging?

Jedenfalls.

Ob sie darunter litt?

Kaum.

Wenigstens verinochte ich es mir nicht vorzustellen.

Eines Tages bat mich. Herr Mariano sehr höflich um ein Darlehen." Ich, hatte es längst erwartet; denn den meisten meiner Landsleute zu denen ich Herrn Mariano trotz seines väterlichen Blutes rechnete ist, Borgen so naturgemäß wie Essen und Schlafen. Uebrigens war die Summe nicht groß und ick)! gab sie gern. Aus welchem Grunde ich Herrn Mariano so bereitwillig zu meinem Schuldner machte, verstand ich eigentlich selbst nicht recht.

Er war wirklich ein höchst eigentümlicher Mensch!

Jeden Morgen ließ er von einem Pater des tuscula- nischen Kapuzinerklosters in der Hauskapelle die Messe lesen, und jeden Abend empfing er den Besuch eines Camal- dolenfers. Oder er befand sich in einem der beiden Heilig­tümer, in deren frommer Hut die Villa lag. Es war jedoch weder Muckertum noch Heuchelei bei der Sache; son­dern ein kraftvoller katholischer Fanatismus, mit dem er sich der Religion hingab und in die Mysterien der Kirche versenkte. Dazwischen pflanzte er feinen Kohl, wie er's nannte, schrieb Artikel für denTemps", spielte mit seinen Knechten, rezitierte Victor Hugo und Müsset, mißhandelte seine Frau, vergötterte sein Kind, beschäftigte sich eingehend mit den großen politischen Tagesfragen, betrog mich beim Wein- und Gemüseverkauf, kleidete sich täglich zum Speisen um, warf eine schlecht zubereitete Schüssel zum Fenster hinaus, las vor dem Schlafengehen seinen Virgil und ließ sich, seine Schulden von irgend einer galanten Dame bezahlen.

Weil ich in meiner Abgeschlossenheit, darin ich mich nur zu krankhaft wohl fühlte, nie mehr einen Menschen mit geistigen Interessen sah und die Gefahr erkannte, die in solchem wonnigen Behagen an der Einsamkeit lag, zwang ich mich zu einem oberflächlichen Verkehr mit meinem sehr problematischen Hausbewohner. Auch interessierte mich der Mann, der so schön war wie ein homerischer Held, so raf­finiert wie ein Pariser Rous, so kenntnisreich wie ein» Minister und so durchtrieben wie ein neapolitanischer Ruffiano.