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„Woher wissen Sie, daß die Bibliothek verschlossen war?"
„Ich ging gerade an ihr vorbei, als der Portier Herrn Stott die Karte eines Herrn brachte, und da hörte ich, wie die Tür aufgeschlossen wurde."
„Sahen Sie den Herrn, der heraufkam?"
„Nein!"
„Haben Sie den Sohn von Frau La Grange gestern vormittag im Hause gesehen?"
Tie Zeugin errötete leicht, erwiderte aber ganz unbefangen: „Ich glaube, ich bin ihm ein- bis zweimal begegnet, weiß jedoch nicht mehr recht wann."
„Andere haben ausgesagt, er wäre fast den ganzen Vormittag außer Hause gewesen."
„Davon weiß ich nichts, ich habe mich nicht um ihn gekümmert."
Weiteres vermochte die Zeugin nicht anzugeben, und da es zwölf Uhr vorüber war, wurde eine Frühstückspause gemacht.
Skott nahm, löie die Tage vooffen, seinen Platz am Familieutisch ein, anscheinend ebenso gleichgiltig gegen kalte Zurückhaltung wie finstere Gesichter. 9htr Fräulein Carleton zeigte dieselbe offene Freundlichkeit, die sie bisher für ihn. gehabt hatte, und als sie ihm nach Beendigung des Frühstücks ein Zeichen gab, folgte er ihr mit freudiger Genugtuuug in ein Nebenzimmer. Tort ließ sie sich in einer großen Fensternische auf einem Divan nieder und sagte mit einer einladenden Handbewegung:
„Bitte, setzen Sie sich, ich wollte Ihnen nur, ehe wir wieder zu der Verhandlung müssen, sagen, wie sehr mir die Feindschaft aufgefallen ist, die Frau La Grange gegen Sie zu hegen scheint; sie hat ja ein ganzes Heer gegen Sie ins Feld geführt."
Skott lächelte amüsiert. „Meinen Sie wirklich, gnädiges Fräulein, daß sie -due Truppen kommandierte, die gegen mich auftraten?"
„Gewiß meine ich das; ich habe sehr genau beobachtet und die feste Ueberzeugung gewonnen, daß die Leute unter Führung von Frau La Grange standen und hauptsächlich Nach ihren Anweisungen aussagten."
„Wenn ich nun aber erkläre, daß die mich belastenden Aussagen wenigstens teilweise auf Tatsachen beruhen. Wie dann?"
„Sinn, dann sage ich, daß an und für sich ganz unschuldige Tatsachen von einem geschickten schlauen Gegner recht gut sw gedreht uud dargestellt werden können, daß sie nur scheinbar der Wahrheit entsprechen und zu einer scharfen Waffe werden."
„So ist es; uud gerade solche falsche, auf wahren Tatsachen fußende Darstellungen sind meist am schwersten zu bekämpfen. Ohne Frage ist der Schein so gegen mich, baß ich mich im Grunde nicht wundern darf, wenn ich allen verdächtig geworden bin, und um so höher muß ich es schätzen, daß in Ihnen der Verdacht noch nicht völlig erweckt zu sein scheint."
„Vielleicht schlummert er bei mir noch in deinselben Maße, wie bei Ihnen die Furcht. Ich habe an Ihnen noch nicht die geringste Besorgnis über den Ausgang der Sache entdecken können."
„Die habe ich auch nicht, aber cs ärgert mich, daß sich gerade jetzt alle Umstände gegen mich, verbunden zu haben scheinen, uud es widert mich an, erkennen zu müssen, wie schnell Leute nach dem Scheine urteilen und verdammen."
„Gewiß; ich verstehe Ihre Gefühle vollkommen", erwiderte die junge Dame, indem sie sich erhob, „trösten Sie sich aber damit, daß die meisten Menschen, wenn persönliches Interesse dabei in Betracht kommt, sich um so leichtgläubiger zeigen, je ungeahnter und ungeheuerlicher die plötzlich zutage tretenden Enthüllungen sind."
Während dieser Worte waren beide zum Zimmer hinaus wieder nach dem Verhandlungssaal geschritten. Um die Lippen des so weltklug sprechenden Mädchens spielte das nämliche Lächeln, das den schwer Verdächtigten schon einmal während der Vormittagsverhandlung so wohltuend berührt hatte.
Die Fäden verwirren sich.
Die Fortsetzung des Verhörs begann mit der Vernehmung der Köchin Marie Eatron. Ihre Aussage war nur kurz, wurde jedoch mit amüsanter Geradheit abge
geben. lieber die Vorgänge des dem Mord vorhergegangenen Tages befragt, antwortete sie:
„Ich weiß nichts als das, was die anderen schwatzten. Mein Platz ist in der Küche." Sie warf einen verächtlichen Blick auf das Stubenmädchen. „Ich kann nicht müßig in den Korridoren herumlungern und auf den Besenstiel gestützt an den Schlüssellöchern horchen."
„Bezog sich das Geschwätz, von dem Sie sprechen, aus die letzten Ereignisse, die sich hier abspielten?"
„Tja — wie man's nehmen will. Meist sprach man über das Testament und dessen Inhalt."
„Wie hatte denn die Dienerschaft von dem Inhalt des Testaments Kenntnis erlangt?"
„Ja, lieber Herr, das ist mehr, als ich sagen kann, ich weiß eben nur, daß gewisse Leute so ihre gewisse Art haben."
Weitere Fragen ergaben, daß sie in der Nacht des Mordes zwischen zwei und drei Uhr durch einen Ton erweckt worden war, der wie das Schließen einer Haustür geklungen hatte. „J«ch! lauschte eine Weile", fuhr sie fort, „hörte" aber nichts mehr und duselte wieder ein. Bald aber vernahm ich .nochmals ein Geräusch. Nun war ich aber doch neugierig, stand aus uud öffnete leise mein zu ebener Erde liegendes Fenster. Da sah ich den Kutscher mit offenem Maule dastehen und wie blödsinnig das Haus anstarren. Der Mensch kam mir rein mondsüchtig vor, denn er murmelte auch vor sich hin, als ob er mit sich selber spräche. Ich wollte ihm eben zurufen, er solle sich nach Hause schereu, da ging er aber schon von selber."
„Schien er Ihnen betrunken?"
„Das gerade nicht, ich halte ihn aber auch, wenn er nüchtern ist, für halb verdreht und glaube, daß man ihn nicht für alles, was er sagt oder tut, verantwortlich machen kann."
„Begaben Sie sich, als Sie von dem Mord erfuhren, gleich, nach dem Turmzimmer?"
„Natürlich. Auf der Stelle ließ ich alles stehen und liegen und lief hin."
„Trafen Sie dort schon viele?"
„O ja. Wohl ziemliche das ganze Hausgesinde. Wer etwa sonst noch da war, weiß ich nicht; ich habe mich in der Aufregung nicht viel umgesehen. Als ich wieder wegging, kam Herr Whitney."
„Begegneten Sie auf dem Rückweg nach der Küche noch anderen Leuten?"
„Nein, ich sah aber, ohne daß sie mich sah, die Haushälterin aus der Stube chres Sohnes kommen und hörte, wie sie zu ihm sagte, er solle sich beeilen und schnell reiten, es handle sich um jede Minute."
Wichtiger gestaltete sich die uun folgende Vernehmung des allgemein als „Onkel Moses" bekannten alten Negers. Sein schneeweißes Haar und seine schon gebeugte Gestalt gaben ihm ein ehrwürdiges Aussehen, doch war er noch rüstig. Er erzählte mit einem gewissen Pathos, doch auch nicht ohne einen gewissen Humor, der ab und zu sein altes, schlaues Gesicht durchblitzte. Ms früherer Sklave be- zeichuete er seinen Dienstherr^ mit dem ihm von früh auf gewohnten „Massa". Wie den meisten Anwesenden, luar er auch dem Coroner eine wohlbekannte Persönlichkeit, und dieser wußte daher, daß man den alten braven Mann in seiner eigenen Weise reden lassen müsse.
„Na, Onkel Moses, Sie sind schon ziemlich lange hier in Schöneiche, was?"
„O, gutes Herr, ich das sein schon mehr als zwanzig Jahre. Ich haben unter mir Park und Garten. Massa oft sagen, keiner das verstehen so gut als alte Moses."
„Sie versahen natürlich auch vorgestern, am letzten Lebenstage Herrn Mainwarings, Ihr Amt in gewohnter Weise?"
„Ich ganzen Tag nicht gekommen aus Anlagen, guter Herr. Ich Haufen vrlle Arbeit, alles zu machen tvunder- voll für Geburtstag von Massa."
„Haben Sie einen der Fremden gesehen, die an dem Tage das Haus betraten?"
„Ja, gutes Herr, ich sehen zwei; ich nicht wissen viel aber es mir scheinen sehr verdachtvoll. Also, lieber Herr, ich sein vormittag fleißig un arbeiten. Die englisch Geut- lemen spazieren rn Park; kommen Sekretär sie holen nach Haus. Eben alle drei um Hausecke verschwunden, kommen die Baumallee rauf ein Wagen. Er halten an Haus und aussteigen ein Mauiß der erst sich umsehen mit viele


