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Venf zu geTettett', wo hier J'uita Wit der großen nnd fTetnen| Hildegard bereits vorausgegangen war, um für ein behagliches Heim zu sorgen. Leutnant v. Ur au war immer noch etwas erholungsbedürftig und erhoffte von dem Winter in einem milderen Klima die Wiederherstellung seiner vollen Kräfte. In dankbarer Treue gegen Cousine Hildegard hatte man Genf zum Aufenthalt gewählt, weil sie hier an der Universität zu studieren beschlossen und die Philologie belegt hatte.
Ter Zug für Genf geriet iit Sicht. Dörrenbach und Harro standen am Wagenfenster. Beide trugen die Uniform! und schwenkten die Mützen. Auf dem Bahnsteig standen Jutta und Hildegard, sie winkten einen Gegengruß zum Willkommen. Nun hielt der Zug.
„Jutte, meine Jutta!" — „Harro, Tu —" Ein kurzer Ruf, ein kurzer Blick, eine selige Träne: beide fühlten, daß alles vergeben und vergessen sein sollte, daß sie andere geworden waren und die Zukunft ihnen gehörte, wie sie jetzt das Leben und die Liebe verstanden.
Es war gut, daß der Major über den Gepäckschein verfügte und Hildegard an einen Wagen dachte. So kam Uran bald heim. Es war nur ein schlichtes Heim, wenige Zimmer, in einem kleinen Hause. Aber das Haus stand draußen und die Fenster seiner Zimmer waren geöffnet. Späte Rosen und Weinlaub rankte herein, durch den duftenden Rahmen sah män auf grüne Gelände/dazwischen blinkten die blauen Wellen des Sees. Ter schlichte Raum selbst aber umfaßte sein Weib und sein Kind. Und freudevoll hob sich Harros Brust. „Nun mußt Tu sie auch sehen —" Jutta lächelte. Mit lieblicher Würde und seligem Stolze Mhrte sie den Gatten an das Bettchen, darin Klein-Hildegard lag und schlief.
IN tiefer Bewegung blickte Harro auf sein Kind; fast schien es, Klein-Hildegard fühle den Blick, und was der Moment bedeutete — sie dehnte die rosigen Glieder und schlug die seidenbewimperten Lider weit auf. „O —" Ein Ruf des Entzückens drang über des jungen Vaters Lippen. »Was sie für herrliche, herrliche Augen hat!" „Und blau, so sonnig blau wie Du!" Jütta lächelte abermals selig und stolz. Er nickte init denk gewohnten glücklichen Mannesstolz. „Und sieh nur das Haar, so glänzend und goldig, so weich und schon so lang!" fuhr die junge Mutter fort. /Das 'aber hat sie von Dir!" jubelte er da und nahm Klein-Hildegard, «welche Jütta aufgenommen halte, in Empfang. Und „Jütta, meine Jutta — Hildegard, kleine Maus!" jubelte er immer von neuem mit süßem Staunen. Dann mit ernst bewegtem! Tone klang es: „Wir müssen gut sein, gut werden schon ihrellvegen und glücklich auch!" Und -nieder jubelnd hielt er Klein-Hildegard hoch, in die Luft. Und fröhlich krähte Klein-Hildegard zu dem Papa herunter, der ihr wohl zu gefallen schien. Dann aber reichte sie mit den kleinen, runden Händchen auch nach der Mama. Jutta nahm das Kind; Harro schlang seinen Arm nM beide. So standen sie da, Vater, Mutter und Kind, ein in sich vollendeter Ring, der alles enthält, was das Leben an Sorgen und Mühen; aber auch an einzig Köstlichem umfaßt.
Dörrenbach und Hildegard traten hinaus auf die Veranda, welche das Häuschen umlief. IN tiefem Purpur lohte der Himmel drüben über den grünen Geländen auf. Rosen rankten über ihrem Haupte iu die Höhe, blühten drunten in dem Garten zu ihreu Füßen. Sie aber blickten in die Blumen und sahen sie nicht. Vor ihren Augen stand ein anderes Bild, das Bild von dem Glücke, das sie soeben geschaut. „Mein gnädiges Fräulein", begann! Dörrenbach nach einer Weile, vielleicht durch den Moment' zu einer ähnlichen Philosophie geneigt, wie' sie einst Hildegard Lindstedt mit Vorliebe betrieben. „Mein gnädiges Fräulein, was halten Sie von der Gerechtigkeit des Schicksals? Ist nicht doch, wie der Apostel sagt: Alles Gnade auch hier?"
Auch Hildegard war eine andere geworden in all der Zeit, ihre Gedanken hatten sich geklärt. Nur für einen Augenblick huschte es gleich einem Hauch über die hohe, reine Mädchenstirn, vielleicht eine Erinnerung an die Arbeit, den Kampf, die jene Klärung bereitet.
„So lange dies Reich der Welt besteht, Herr v. Dörrenbach", sagte sie dann leise, „wird es Könige und Arbeiter hier geben, die Gerechtigkeit aber darin gefunden werden, daß ein jeder vollbringt, was seines Amtes ist, und damit den Lohn empfängt, der seiner Art und seinem Amte ent
spricht." Dörrenbach neigte das Haupt. Wieder schwiegen der einsame Mann und das einsame Mädchen eine Weile. An den grünen Geländen von dem See herüber erhob sich der Wind. Jetzt wehte er beit Dust der Rosen zu ihnen empor.
„Und wem es nicht gegeben ward, König in diesem Reiche zu sein?" begann Dörrenbach aufs neue. Er machte! eine Bewegung, als möchte er. noch einmal das Bild schauen! von einem Glück, von dem er auf ewig Abschied genommen.;
Auch Hildegard wandte ihr Haupt noch einmal zurück, daun blickte sie geradeaus. Und mehr wie eine Fortsetzung von ihres Partners Gedanken, als eine Antwort ans seine Frage klang es: „Wem es nicht gegeben, die sonnig goldene Krone zu tragen — Nun, wenn auch das Schicksal einem Könige feine Krone in die Wiege legt: daß es Kronen gibt —i daß Könige werden, ist niemals eines einzigen Werk. Wirken und schaffen aber, helfen und arbeiten, daß das Glück werde und gedeihe, blühe und bleibe, die Gerechtigkeit immer mehr zum Durchbruch komme auf Erden, das dünkk mich — kann jeder von uns."
' Dörrenbach nickte. Er hatte Hildegard verstanden. „Sie sind doch eine Frau", sagte er leise. Da noch einmal gleich einem Hauch flog es über des Mädchens reine Stirn. Ein Seufzer drang über beider Lippen; ihre Augen blieben dunkel.
Tann aber hoben sie das Haupt, blickten klar und fest, geradeaus, wie auf einen Weg, der gegangen sein wollte^ Ihre Züge waren ernst; um den Mund legte sich ein Lächeln, wie es die Hand des Todes seinen Kindern im unvergänglichen Frieden nach dem einigen Abschied von dem unruhevollen Leben meißelt. Ihre Stirn aber schien wie in Licht getaucht, eine Aureole, welche die Resignation — als Endhöhe des Lebens — denen leiht, so sich darein! gegeben haben, nur ein Arbeiter zu sein in dem Reiche mit den sonnig goldenen Kronen.
Maudereim aus der Kaiserstadt.
(Nachdruck verboten.)
Vom Berliner Obstverbrauch. — Unsitten beim Obsteffen. — Ein Eiernngliick. — Tranbeneinfuhr.
Selten hat die Sommersonne, die unfern Feldfruchten diesmal ein bischen zu glutvoll gewesen, solche Obstfulle zeitigt wie in diesem Jahre. Wer trotz der reichlichen Ernte art Aepfeln, Birnen und Pflaumen fehlte für den Spreeäthener lange Zeit die billige Zufuhr auf unseren Wasserwegen, da! die berühmten „Aeppelkähne" wegen des unerhört niebrigen Wasserstandes unterwegs irgendwo liegen bleiben mußten. Erst die Regentage des Oktober haben die Erlösung gebracht. Die lang erwarteten Zillen trafen ein und seitdem schwelgt Berlin in den süßen saftigen Früchten der böhmischen Obstplantagen.- Tie Preise sind gegen die Vorjahre ganz erfreulich niedrig. Mart kauft ein Pfund guter Aepfel für 10 bis 15 Pfennig, Kaiserkronen, Birnen kosten ebenso viel, Napoleonsbutterbirnen sind um ein geringes teurer. Ta der fliegende Obsthändler mit seinem flachen Handwagen noch immer an jeder lebhaften Straßenecke lauert, so ist der Einkauf im Vorübergehn ermöglicht, und so sieht man denn Groß und Klein, die immer hungrige Schuljugend mit dem Ranzen auf dem Rücken, naschige Tienst- mädchen, eilige Ladenfräulein, aber auch "sehr nobel gekleidete, ^genannte „bessere" Herren, diese Verkaufsstände umlagern, um mit den lockenden Früchten den Gaumen zu letzen. In dieser Beziehung ist der Berliner nämlich sehr ungeniert, und der Dandy, der flott in einen rotbackigen Apfel hineinbeißt, während er die übrigen in der Zeitungsdüte beinah zärtlich an seist Herz drückt, bis auch sie in die Reihe kommen, ist eine typische Erscheinung. Auch die Berliner Hausfrau ä la Wilhelmine Buchholz, die bekanntlich in recht guten Verhältnissen lebt, knuspert unterwegs, zumal in der Straßenbahn ober im Omnibus, vergnügt an ihrem Grasensteiner herum, was nicht gerade immer zur Erhöhung des ästhetischen Wohlbesindens ber Mitfahrenden beiträgt. Tenn man hört dabei mitunter Töne, die allerdings den hohen Grad ihrer Genußsteude verraten, aber trotzdem nicht sehr angenehm berühren, und sieht Zähne, die an die östreichi- fchen Grenzpfähle erinnern, so schwarzgelb sehen sie aus. Noch eine andere Unsitte bedenklicherer Art läßt dieses billige Obstjahr stark überwuchern. Wenn die lieben Herrschaften nämlich mit ihrem Apfel soweit sind, daß sie mit den alten Burschen fingen könnten: „Geblieben ist uns doch 'der Kern", so tun sie leider gerade das Gegenteil von dem, was nun das Lied tn fchöner Selbstverständlichkeit verlangt: „Und den laßt fest uns halten!" Ach nein, sie haben dazu nicht die geringste Neigung, sondern pfeffern den glitschrigen Rest aus das Asphalt, im besten Falle auf den Fahrdamm und verursachen natürlich durch diese gedankenlose Bequemlichkeit sehr häusig Unglücks"


