Ausgabe 
12.11.1904
 
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herzlichen Gruß und Dank der treuen Hildegard'. (Betteti Urau. Dann noch eine an Herrn Major Freiherrn vow Dörrenbach, Hannover, Georgenplcch 100: Tausend Dank für ausführlichen Brief und treue Freundschaft. Bin ver­wundet. War .krank, doch nicht schwer. Teilen Sie es JUttL mit, vorsichtig, bitte, daß sie ruhig bleibt. Sobald ich schreiben kann Schuß durch Hand mehr. Harro Frei­herr von Urau, Leutnant. '

24. Kapitel. - "i

Der Krieg mit 'China hatte bekanntlich schneller ferst Ende erreicht, als man gedacht. Der größte Teil der Trup­pen wurde bereits zurückerwartet, unter ihnen befand sich Harro v. Urau. Der Briefwechsel der beiden Gatten war währenddem kein sehr lebendiger geworden. Die Wunde in Harros Hand war wohl geheilt, doch eine davon , zurück­gebliebene Steifheit der Finger, die erst mit der Zeit und' nach und nach einer Zanderkur weichen würde, machten ihm jedes Schreiben unmöglich. So hieß es sich ganz von selbst beschränken auf Depeschen oder Diktat, wobei wieder ganz von selbst alles, was zwischen den beiden Gatten , lag, ob und wie sie sich wiederfinden konnten oder wollten, un­berührt blieb.

.Vielleicht war das ganz gut für den Augenblick. DenU wenn es auf der einen Seite den Verkehr beschränkte und erschwerte, so erleichterte es doch gerade darin seine Wieder­aufnahme auch. Jutta folgte dem Beispiel ihres Gatten und berührte auch nur den Augenblick und rein sachliche Tinge. Ihre Berichte galten dem häuslichen Leben, vor allen! Klein-Hildegard, die bewundernswert gedieh. Dabei aber sprach aus ihren Zeilen immer mehr die alte Frische, die alte Fröhlichkeit, das Vertrauen in die Zukunft. Die junge Frau gab sich in der Tat alle Mühe mit sich selbst. Ob auch die große Hildegard so hieß die Cousine oder Tante jetzt immer noch leitende Hand im Hause war. und es zu bleiben versprochen hatte, solange es nötig sei immer mehr und mit gutem Gewissen konnte sie ihre Hand zurückziehen, sich Jutta mit ihrem Hause sich selbst über­lassen. Dörrenbach hatte nicht so unrecht mit seinem Blumen­vergleich gehabt.

Was Juttas Jugend und Schönheit mit einem so un- gewöhnlichetr Reiz verklärt, waren ihr natürlich warmes. Empfinden, ihre natürliche Herzensreinheit und Güte. Diese Eigenschaften, die an den Verhältnissen fast erstickt zu werden drohten, waren nun erst zu einer gedeihlichen Entfaltung! gekommen: einer Blüte gleich, deren Krone mit jedem Tag reicher ward. Denn ein warmes und ein reines Herz ist der Untergrund, auf dem alle anderen guten Tinge, auch! die Selbstlosigkeit, bessere Erkenntnis und besseres Wollen gedeihen.

Endlich war es so weit. Lange schon hatte dieDeutsch­land" die ostasiatischen Gewässer verlassen. In ein paar Tagen sollte sie in Genna einlaufen. Dörrenbach ließ es sich nicht nehmen, Harro zu empfangen, um ihn dann nach

'Mr. 169.

1904.

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Aus Lieöe.

Roman von M. v. Efchstruty.

(Nachdruck verboten.)

(Schluß.)

Und weiter erzählte er von dem gemütlichen Abend, den er mit den Damen verbracht. Fran v. Urau sähe immer noch ein wenig zart ans, sei aber wohlauf, lebendig wie sonst und voller reger Interessen, wie nie bislang. Was die Sonne für eine Knospe, das scheine hier ein stilleres Leben, die Mutterschaft, die Liebe und Sorge nm den Gatten übernommen zu haben und auch last not least die Anwesenheit von Fräulein Hildegard, die ein kapitales Frauenzimmer sei. Harro würde staunen, zu welcher Reife sich sein kleines, junges Frauchen in der kurzen Zeit entwickelt habe. Außerdem sei sie für alles in den besten Händen, und Fräulein Hildegard, die ihr die schwere Einsamkeit habe ertragen helfen, würde auch bleiben, bis er wiederkäme. Dann endlich, nachdem Dörrenbach so den natürlichen Uebergang gefunden, kam er zum Schluß: Und jetzt, mein lieber Urau, mein Kamerad und Freund: es ist ein köstliches Glück, so dünkt mich, ein holdes Weib und ein süßes Kind sein eigen zu nennen, sodaß ich meine, man müsse das täglich aufs neue verdienen. Halten Sie sich tapfer bis zum letzten Tropfen Blut, ein deutsches Soldatenherz, aber seien Sie auch vernünftig. Es ist nicht minder eines echten Mannes Pflicht, sich für die Seine» zu erhalten und zu . leben. Möge das Glück des Krieges mit Ihnen fein und Sie. gesund zurückführen zu Weib und Kind, den Kameraden, als deren treuester ich. verbleibe Asmus v. Dörrenbach."

Mannigfach waren die Empfindungen, welche Harro beim Lesen dieses Briefes bestürmten. Oft hatte er, davon überwältigt, eingehalten, doch immer wieder mit erneutem Drange zu lesen begonnenBraver, guter Dörrenbach, lieber, guter, Treuer Kerl", sagte er jetzt mit tiefem Gefühl, obwohl er von der ganzen Bravheit dieses Kameraden, tioit dem, was ihm dies Schreiben für seinen inneren Menschen, wie auch an peinlichem Wägen jedes. Wort ge­kostet, keine Ahnung besaß. Doch, es scheint, echte Güte und echte Treue wirken immer ihr Wunder, ob auch niemand darum weiß. Tief neigte der junge Offizier sein Haupt, wie jemand, der sich einem Richterspruche beugt, oder er­kennt, daß er eine Schuld trägt tragen will. Bald aber reckte er sich wieder empor. Der letzte Kampf war über­wunden. Licht und lichter wurden die prächtig stolzen Züge, die blauen Augen blitzten in ungetrübter sonniger Jugend­lust, um den Mund spielte ein Lächeln fast schalkhaft und übermütig wie einst So rief er nach feinem Pfleger. Ter Herr Leutnant wollten depeschieren lassen, sofort, und der Pfleger fchrieb die Depesche nieder: Fran von Urau, Kaltenburg, Ulanenstraße 26.. Herzliche» Gruß, meiner lieben Jutta und unserem Kind. Papa Harro. Ebenso