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französischer Königssohn" aussieht, hütet vergnügt die Schweine und Gänse eines kleinen Torfes, fühlt sich den Tieren verwandt und den Bäumen, Blumen und Steinen; dies Hirteuamt, das die Kinder einer glücklichen ,arkadischen Zeit als seligsten Beruf einst priesen, wird auch ihm zum Segen; die Augen öffnen sich ihm für die ewige Harmonie von Mensch, Tier und Landschaft, deren friedvoller Zusammcnklang den tiefen Grundton seines ganzen Werkes bildet. Und nach dicker kurzen Idylle hämmert das Leben den Jungen zum Mann. Nach einigen Monaten muß er zu der Stiefschwester zurück, und von nun an beginnt ein heißes unbewußtes Ringen und Streben seines inneren Genius durch Verirrungen, durch bittere Not hindurch Segantini kommt zu einem Verwandten, einem Schweinemetzger, in den Laden; hier lernt er lesen und schreiben; das Rechnen berauscht fast seinen abenteuernden Geist, und er bildet sich seltsame Zahlensysteme, durch die er die Glücksnummer in der Lotterie ausrechnen toill. In diesem wirren und hastigen Lernen liegen die Keime zu der reichen und tiefen Weltanschauung, die sich dann in den letzten alles Lebendige philosophierend umfassenden Bildern offenbaren sollte. Eines Tages entdeckt Segantini mit dem anderen Ladenburschien zusammen im Keller einen lleiuen Schatz von alten Münzen, der da vergraben war. Wieder will er fliehen nach dem Süden, dem Glücke zu. An einem heißen Sommertage ziehen sie aus und schlafen beide ein, doch als Giovanni aufwacht, ist der ungetreue Freund mit dem Gelde auf und davon gegangen. Der verlassene Junge ivagt sich nicht nach Hause, er hungert zwei Tage herum, doch dann findet man ihn und er wird in eine Anstalt für verwahrloste Kinder, in ein Korrektionshaus, in eine Art Zuchthaus gebracht. Trei Jahre, von 1870 bis 1873, sitzt er nun hinter Schloß und Riegel mit Kindern von Verbrechern, mit gemeinem, frühverderbtem Gesindel zusammen; er „toirb mit Schuhflickerei beschäftigt"; einmal treibt ihn sein angeborener Freiheitsdrang, einen Fluchtversuch zu machen, doch i mganzen scheint er es nicht schlecht gehabt zu haben, denn er unterhielt noch später zu der Anstalt freundliche Beziehungen. Wie aus dem Keinen Vagabunden und Schuhflicker nun der große hochberühmte Maler wurde, das ist noch ein weiter Weg grenzenloser Entbehrungen, bitterster Not, es ist die Zeit des Studiums, während deren er oft dem Hungertode nahe gewesen sein muß, denn man weiß buchstäblich nicht, wovon er wohl häufig gelebt haben mag. Schon in der Anstalt fiel er buTcb sein Zeichentalent auf, dann versuchte er sich mit mühsam erbettelten Farben im Malen. Er hat selbst erzählt, daß er zum Maler geworden sei, als er den Schmerz einer Mutter an der Leiche ihrer Tochter sah, die immerfort ausrief: „Wie schön warst Tn, mein Kind! Hätte ich doch Tein Bild!" Tie große Menschenliebe, der heilige Wunsch, zu trösten und zu helfen, trieb ihn auf seinem dunKen Wege fort, hinauf zu den sonnigen Höhen, und dann fand er auch seine neue Technik, die die Farben ungebrochen und ungemischt nebeneinander setzte rrnd die zum ersten Male 1878 auf dem preisgekrönten Bilde „Chor der St. Äntoniuskirche" angewendet ist.
Literarisches.
— „Die Frau", Monatsschrift für das gesamte Frauenlehen unserer Zeit, herausgegeben von Helene Lange (Verlag von W. Mörser, Berlin) beginnt ihren neuen Jahrgang. Tie Frauenbewegung ist darin vertreten durch einen Aufsatz über die historische Entwicklung des Eherechts, dessen Darstellung zeigt, wie gründlich die Verfasserin, Frau Marianne Weber, das weitschichtige und spröde Material beherrscht. In großen Zügen zeichnet sie die Gestaltung des Eherechts durch die wirtschaftlichen und sozialen, vor allem aber die geistigen Bewegungen der Kulturgeschichte. — Von sachkundiger Seite wird der gemeinsame Unterricht der Geschlechter in Finnland dargestellt. Tie Verfasserin, Fran Jlmi Hallstön, Leiterin eines von Knaben und Mädchen besuchten finnischen Gymnasiums, spricht aus ihrer Erfahrung heraus von den glücklichen Erfolgen der Coeducation, — und sie schildert diese national finnländische Einrichtung mit warmem Patriotismus. Eine kleine Satire der Herausgeberin über das ,Linderfräulein" und eine biographische Skizze über die Vorsitzende des Bundes österreichischer Frauenvereine, Frau Marianne Hainisch, zeigen andere Seiten der Frauenfrage. „Die soziale Bedeutung der Kunst" behandelt ein längerer Artikel von Jka Freu den- b e r g, der bekannten Führerin der Frauenbewegung in München. Felix Poppenbevg gibt eine Reihe von Bildern mts' Flandern. Belletristische Beiträge, die Probleme des' Franenlebens behandeln, vervollständigen den Hauptteil des Heftes.
Wann is es Herbst?
Ein alter „Gießener" dichtet uns:
Wenn nach Man överheldetate Haam geschickt wer'n die Soldate Und von nah und aach von ferne Rekrutte riefe in die Kaserne: Darm iS es Herbst.
Wenn leer sein die Dickmilchdippe
Un die Buwe Eppel schtrippe
Un für Kater un für Katz
Uff'm Dach is nett mehr Platz:
Dann is es Herbst.
Wenn aasängt des Hasejage Un die Kartoffelfeuer raache. Wenn Krauthäuptcher wer'n geschtohle Un im Preise schteigt die Kohle:
Dann is es Herbst.
Wenn die Kerbmusik verklänge
Un die Schwalbe mit ihr'n Junge
Segle leichtbeschwingt nach Siede
Un die Schpatze nett mehr brieder Dann is es Herbst.'
Wenn kau Waschfraajmehr will bleiche Un in die Luft die Drache schteige. Wenn uff der Aecker weite Schtrecke Höchstens nor noch Dickworz schtecker
Dann is es Herbst.
Wenn beim Kaffee sein beisamme Un Quetschekuche die Madamme, Im Dischbetiern sich überbiete Ueber neue Winterhiete:
Dann is es Herbst:
Wenn entlaubt der Bäume Aeste Un die Sau sich sorglich mäste, Die Wirt zur Metzelsupp' eilade. Zu Has im Dopp un Gänsebrate:
Dann is es Herbst.
Wenn die Ochse und die Kiehe
Die Kartoffelwage ziehe, Un die Leute dorch drei Woche Nix wie Quetschehonig koche:
Dann is es Herbst.
Wenn die Mütter un die Witter
Erwarte die Familieblätter,
Un nach dem Anzeiger frage. Weil korz geworde sein die Tage:
Dann is es Herbst. E.
Bilderrätsel.
Nachdruck verbot«:.
AiMösung in nächster Nummer.
SO»
Auflösung des Wortvereinigungs-Rätsels in vor Nr.r Gastwirt Eberesche Obstwein Rindvieh Gasmesser Jdealgestalt Neunauge Elland Arrest Stadtrat Triebfeder Enkelkind Rehbock.
Georgine — Aster.
Auflösung des Preisrätsels in Nr. 146 der Familienblätterr R
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1. Preis, „Für unser Heim": Elisabeth Marktet^ Hof-Lersttadt; 2. Preis, „Selb st unter* ichtsb riefe in Geographie*: F. Gräf -Gießen; 3. Preis, „Das modern« Landhaus und seine innere Ausstattung": H. Petri-Gießen; 4» Preis, „Albrecht Dürer^ Kleine Passion und Holzschntttfolge": Hedwig v. Schmidt-Gießen.
Di« Präs« find von den Gewinnern gegen Vorzeigung der Abonnm mentrquittung in der Geschäftsstelle des „Gießener Anzeiger-" in Empfang zu nehmen.
Redaktion: August Goetz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu UniverßtätS-Buch- und Steindruckerei, R. Lang«, Gieß«.


