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ost hübe ich Dich gebeten, das Wort nicht zu sagen. Wenn men es hörte! Außerdem ist Frau von G-reditz eine ganz scharmante Person." „Ganz scharmante Person"- wiederholte Jutta. „Ja, ich lveiß es. Ich weiß aber auch, daß Du nicht mit ihr reiten wirst. Nein!" >— Die kleine Frau sprang auf, ging in dem Zimmer hin und her: „Nein! Ich leide es nicht!" „Aber Schatz, Las ist ja kindisch." ,-So?" Sie warf Has Köpfchen in den Nacken. __,
(Fortsetzung folgt.) .. j - '.'1. ■
Bei einem «Londoner Schönyeitsdoktor.
Professor Riley, einer der hervorragendsten Sachverständigen aus denr Gebiete der Tätowierungskunst, ist der Ansicht, daß es in London zum mindesten 100 000 Personen gibt, die auf ihrer Haut farbige Zeichnungen als Körperschmuck tragen. Nicht wenige davon gehren denr „schönen Geschlecht" cm, und von einer berühmten! Schauspielerin erzählt man sich, daß sie auf einer Schulter einen hübschen Schmetterling als Emblem und die Initialen E. W. trage. Mit den beiden Buchstaben hat es übrigens eine eigenartige Bewandtnis: Tie Dame war mit einem Herrn namens F. B. verlobt, da jedoch das Verhältnis auseinander ging, mußte sie sich zu dem „Professor" begeben, um die Buchstaben verändern zu lassen. Glücklicherweise war dieses nicht schwer, da, wie gesagt, ein Herr E. W. den Platz des früheren Verehrers einnachn. Tas Paar ist seit einigen Monaten verheiratet und der glückliche Gatte ist fest davon überzeugt, daß seine Initialen die ersten auf der Schulter seiner „besseren Hälfte" sind.
Ein anderer berühmter Tätowierungskünstler ist „Professor" G. Burchett, der ein größeres Institut in der im Südwesten von London gelegenen Waterloo Road besitzt. In England ist der Pvofessorentitel wohlfeil, und Mr. Burchett, der „auf der Haut arbeitet", glaubt ihn mit nicht minder großem Rechte beanspruchen zu können als ein Künstler, der seine Ideen auf die Leiuewand wirft. Aber die Farbenzeichnung ist nur eine Nebenbeschäftigung des Herrn, denn seine Haupttätigkeit besteht darin, die verblühte Jugend der Tomen der englischen Gesellschaft zurückzurufen. Er verwandelt blasse Wangen in rosige und erreicht darin weit mehr, als eine Kokette mit Puderquaste und Schminke. Sein „System" bringt natürliche Effekte hervor, und es ist das bei seiner langjährigen Praxis schließlich nicht zu verivunüern. „Sehen Sie", erklärte Mr. Burchett, als ich ihn eines Tages in seinem Boudoir aufsuchte und auf einem bequemen Sessel Platz nahm, auf dem die Schönen sich niederlassen, nm ihre Jugend wiederzugewinnen, „meine Methode stützt sich auf die Erzeugung von „hautdickem" Liebreiz, d. h. mein Farbprozeß dringt bis in die untere Schicht der Lederhaut, während Puder und Schminke nur auf der Oberfläche lagern, und dem Einflüsse bon Wind und Wetter weichen." Nach diesen Erklärungen begab sich der Schönheitsdoktor an einen Tisch, auf dem zahllose Flaschen mit geheimnisvollen Tinkturen standen. Er nahm eine mit einer rötlichen Flüssigkeit gefüllte Flasche, und fuhr fort: „Tas ist mein geheimes Präparat. Es ist das letzte Verschönerungsmittel, das blassen Wangen das zarte Rot der Jugend wiedcrgibt. Ich versichere Sie, es ist vollkommen harmlos und erzeugt da einen bezaubernden Reiz, wo srüher^Eis imb Kälte starrten." Meine nächste Frage war, wie viele Sitzungen die Tamen zu einem vollen Tätowierungsprozeß gebrauchten. „Tret oder vier", sagte der Professor, und er ergriff «inen kleinen Apparat, der einem Federhalter nicht unähnlich sah, und an eine kleine elektrische Batterie angeschlossen war. „Tas ist mein Werkzeug", erläuterte Mr. Burchett weiter, und setzte den Apparat in Bewegung. „Tiefe Nadel ruft keine Schmerzen hervor, wenn sie von wirklich geschickter Hand bedient wird. Sie vermag in der Minute 2800 Punkte herzustellen, und wird in derse'lben Weise benutzt, wie der Bleistift des photographischen Retoucheurs. Natürlich besteht in der Tätowierung des Körpers' und der Behandlung des Antlitzes ein gewaltiger Unterschied. Tie 'kleinste Unaufmerksamkeit kann den Ausdruck des Gesichtes verunzieren, anstatt ihn zu verbessern." Nach den weiteren Ausführungen des Professors sind seine Klientinnen' anfänglich sehr mißtrauisch, und er muß feine ganze UeberredungK- kunst aufwenden, um sie zu den erforderlichen Sitzungen zu bewegen. Tabei hilft ihm auch seine Gattin, die er als Muster und Schaustück vorführt. Sie wird von ihm alle drei oder vier Jahre „um 10 Jahre verjüngt", und ihr Anttitz bestimmt Fragestellerinnen fast ausnahmslos, sich furchtlos der Operation zu unterziehen. Tiefe soll in der Tat schmerzlos sein, und das anfänglich beängstigende Gefühl schon nach wenigen Minuten schwinden. Mr. Burchetts Prozeß besteht darin, daß er das Gesicht der Klientin sorgfältig wäscht, und sodann die in die erwähnte rote Lösung getauchte Tätowierungsnadel über den Teil Beiten läßt, auf dem die Gesichtsfarbe verstärkt werden soll. Sobald die Arbest verrichtet ist, wird mit einer antiseptischen Essenz nachgewaschen und Puder aufgetragen, wodurch derHeiluugs- prozeß schneller von statten geht. Da die Wangen, wenigstens' tn den ersten Stunden, eine unnatürlich rote Färbung besitzen, müssen sich die Damen dazu bequemen, einen dichten Schleier anzulegen, ehe sie den Heimweg antreten. Sie sind auch ge
zwungen, zwei Tage lang das Haus zu hüten und den Verkehr mit ihren Freundinnen einstweilen einzustellen.
Mit der natürlichen Schönheit der Damen der englischen Gesellschaft hat es nach der Ansicht des Professors seine guten Wege. Tie Mehrzahl altert sehr ftüh, da sie ein ungesundes und aufreibendes Leben führen, langen Racksten stöhnen, übermäßig essen und wenig Wert aus körperliche Bewegung legen. Besonders' das lange Wachbleiben, die Austegungen beim Kartenspiel, und der Genuß aller Art von medizinischen Geheimmitteln lassen die Tomen der oberen Kreise schnell altern. Sie besuchen den Schönheitsdoktor dann nicht als Lady oder Gräfin, Herzogin oder Mar- quife, sondern als' einfache „Frau". Ihre Wünsche sind sehr verschieden: nicht nur legen sie Wert darauf, rote Wangen zu besitzen, sondern auch dunkle Augenbrauen, sammetne Augenwim- pern und dergleichen. Tünne Lippen, die bei einer Frau den Anschein unliebsamer nervöser Gereiztheit erwecken, werden durch eine Heine farbige Tätowierungslinie breiter und voller geformt. Eine schmale, schwarze Linie unter den Augenwimpern erzeugt einen faszinierenden Glanz, ausgefallene Augenbrauen werden durch die Kunst des Professors wieder täuschend ähnlich hervorgezaubert und angedeutet, und gelegentlich ergehen an ihn auch Aufforderungen, lästige Gesicktshaare und ähnliche Entstellungs- male zu entfernen. Tie Preise, die Mr. Burchett erhebt, schwanken zwischen 100 und 2000 Mk., aber er meint, daß diese Art von Verjüngung am Ende doch die billigste wäre, da sie dauernd sei. Er hält es für geraten, daß jede seiner Kundinnen sich alle drei oder vier Jahre einer „Nachkur" unterzieht.
Auch Männer gehören zu seiner Klientel, und es ist z. B. vorgekommen, daß ein Herr von dem künstlichen Liebreiz seiner Frau so fortgerissen war, daß er beschloß, auch seine Person einem Verschönerungsprozesse zu unterwerfen.
Aus der Jugend eines großen Wafers.
Tie Kunde timt dem Leben des großen italienischen Malers Giovanni Segantini klingt in unserer heutigen Zeit, in der die Laufbahn eines' jeden gewöhnlich seinen fest geregellen Weg durchmacht und eine strenge Gesellschaftsordnung starre Schranken setzt, wie ein abenteuerlicher und höchst wundersamer Roman. Ein neues Buch über den Künstler von Marcel Montandon (Velhagen und Klasing 1904) läßt nun den Meister möglichst mit eigenen Worten über seine Schicksale berichten oder erzählt die Geschichte seines Lebens nahen Freunden nach, sodaß ein höchst lebendiges Bild uns aus diesen Worten, die den Hauch des wahrhaft Erlebten haben, entgegenlenchtet. Wie ein Roman aus dem Kindesleben timt Tickens mutet die Geschichte seiner Jugend an. Tie Mutter verlor er sehr stüh, und der Vater wollte nun mit den Kleinen nach Mailand ziehen, wo er zwei Kinder aus erster Ehe hatte. Tvch der Vater und der älteste Sohn wanderten aus, weil sie in Mailand ihr Glück nicht fanden, und ließen den kleinen sechsjährigen Giovanni bei seiner Stieffchwester, die bett Tag über fortging und den armen Jungen in den engen zwei Zimmern dicht unter dem Tache allein zurückließ; aus den hohen Fensterluken guckte nur spärlich ein Stückchen Himmel, ein Wolien- sctzen herein, und in dem einsamen Gemach überkam dem phantasievollen, leicht erregten Knaben ost eine namenlose Angst; allerlei Gestalten und Fratzen stiegen vor ihm, auf; eines 4,agcs fand er ein paar Masken auf dem Boden eines alten Koffers; er staffiert sich mit ihnen aus; doch auf einmal blitzt aus den leeren Augenhöhlen der toten Larve etwas Leuchtendes auf, ein funkelndes Auge stiert drohend nackt ihm; tödliche Furcht ergreift ahn vor dem gräßlichen Gespenst. Tvch als die «Hwester nach saufe kommt, da sieht sie nach, und das unheimliche Auge war nur eine blitzende Stahlschnalle. So regen sich im kindlicyen Hirn die ersten Gestaltungen einer schöpferischen Kraft; voll Sehnsucht zieht es ihn zu einem Manne, der die Mauern anstreicht; aus den bunten Farbenflecken tauchen ihm allerlei Bilder in wirrem Turcheinander auf: phantastische Tiergestalten und Menschen in sonderbaren Verzerrungen und Verunstaltungen. „Tiese Mauern bargen eine zahllose Menge sonderbarer Träume; aber der Traum meines innersten Sehnens — das waren grüne Wiesen und der über seingläuzende Kiesel fließende Bach; das Gärtchen in Arco und darin mein Lieblingsplatz voll kühlem Schatten." Tie Sehnsucht nach der Heimat wird immer stärker; aus der Enge und Trübsal will er ins Leben. Und im Frühling, da regt sich in ihm das heiße Blut des nach der großen Allmutter Natur dürstenden Künstlers Wie die „Taugenichtse" und die Genies läuft er fort aus dem Hause und marschiert in die ferne ALeite, in die glückselige Zukunft hinein. ,^Jch erinnere mich wohl, es war ein drückend schwuler Tag ; dennoch machte mich die Fülle des Lichtes, die strahlende Sonne, Felder, Bäume und Wiesen fast trunken vor Freude; meine Seele hätte Flügel bekommen. Trotzdem krampfte sich mein armes Herz zusammen, wenn es unversehens in Gedanken auf den Heinen Vorplatz oder zu meiner Schwester zurück- slog. Aber ich ging stetig vorwärts, au meinem Brote nagend und nur mich aüshaltend, um meinen Turst an einem vorüberfließeu- ben Bach oder einer kühlenden Quelle zu stillen." Endlich sinkt er ermattet hin und schläft ein. Gutmütige Bauern finden ihn, nehmen ihn auf und füttern ihn heraus, und der adlig schöne Knabe mit den langen schmerzen Haaren, der wie ein „kleiner


