Ausgabe 
12.10.1904
 
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verwöhnte kleine Frau ohne Hilfe fertig werden könne> wie Harro darunter leiden würde die lateinischen Lettern! tanzten vor ihren Augen. Sie gab sich Mühe, Ordnung in die tanzenden Reihen zu bringen, indem sie meinte, im Grunde geschähe der Cousine ganz recht, wenn sie mal suzusagen einen kleinen Preis für ihr großes Glück zahlen müsse. Ebenso wäre es nur gut, wenn die Männer fäher^ daß die Sache mit Schönheit und Aümut nicht allein abge­macht sei.

Damit begann Hildegard sich für die Stunde zu präparieren, ob sie auch eben viel lieber zu den beiden gelaufen und hier eingesprungen wäre so lang, ja so lang, wie man nur ihrer bedurft hätte. Denn die Arbeit mußte ihr Trost, ihre Lebensaufgabe werden; sie mußte sich dranhalten. Sie war einsam und allein. Bald aber sprang sie trotzdem wieder auf. Sie wollte zu Harro und Jutta eilen nun aber wartete die Latein- und die Mathe- matikstunde aus ihre Schülerin. Nein, sie durste sich nicht untreu werden. Mochten die beLen sehen, wie sie fertig wurden. Und krampfhaft entschlossen hielt sich Hildegard in ihrer Arbeit fest.

Während so Cousine Hildegard im Kampfe mit sich den Morgen verbrachte, saß Jutta in ihrem rosa Morgenkleid in dem hellblau seidenen Boudoir und harrte der Dinge, die eine glückliche Wendung bringen mußten. Schlimmsten­falls man ein paar Tage im Kasino, was am Ende ganz nett war. Freilich, Harro würde wieder mal ärger­lich werden, daß sie nichts könne. Aber lieber Himmel, er hatte doch keine Köchin geheiratet, und sie hatte, leider, mit ihrer: Köchinnen Pech. Wer sie wollte sich tveiter nicht darum grämen, sie wollte sich anziehen, recht hübsch und ihrem Harro entgegengehen. Das mochte er gern, und vielleicht hatte sie diesmal Glück. Ja, und sie hatte Glück! Währenddem schon ließ sich Sophie bei der gnädigen Frau melden. Sophie hatte ihre neue Herrschaft bereits wieder verlassen, angeblich weil diese auf Reisen ging, in Wahr­heit, weil auch hier ihre kleinen Mausereien, Marktpsennige usw., bemerkt worden waren. Sie hatte aus der Zeitung die Not ihrer lieben, jungen gnädigen Frau erfahren, und sie hatte ja ihre Gnädige nie vergessen! Sie konnte es nicht über das Herz bringen, die gnädige Frau ohne Hilfe zu wissen, und war gern bereit, wieder einzutreten. Die gnädige Frau und sie hatten sich ja auch immer vertragen! Wa s das andere anging, die gnädige Frau und auch der Herr Leutnant würden zusiieden sein. Sophie, durch die letzten Erfahrungen etwas geknickt, wollte sich in alles fügen sie hatte gar nicht gewußt, wie sie an der gnädigen! Frau hing, die ein Engel an Güte d. h. ein Kind an Unerfahrenheit war. Jutta strahlte und behielt Sophie da.

Harro war ziemlich erstaunt, als er nach Hause kant und in derNeuen" die alte Sophie fand. Ja, er setzte sogar eine etwas ärgerliche Miene auf. Ein wohlgelungenes Mittagsbrot aber und das Bewußtsein, daß er seiner herz- lieben Frau gegenüber etwas auf dem Kerbholze habe, besänftigten bald jede mißliebige Wallung über die zweite Auflage der unverschämten Person. Er schwieg, aber er schwieg auch von der geplanten Quadrille. Wielleicht dachte er nicht daran oder verschob diese Mitteilung lieber noch ein wenig. Nach dem Essen mußte Leutnant von Ur au sofort wieder in die Kaserne. Spät erst kam er zurück mit frischem Mut und frischer Laune, denn sämtliche Hosen, Strümpfe und Stiefel seiner Leute, alle Reitutensilien seiner Pferde, alte Pferde selber, bis auf deren Hufe, waren in Ordnung und konnten der Inspektion entgegensehen. Won solcher Last erleichtert, erblickte der Leutnant jetzt in obiger Mitteilung nur ein Kinderspiel. Er begriff eben gar nicht, warum! er die Geschichte nicht längst, sofort schon, vom Stapel gelassen hatte.Du, Jutta", begann er sie saßen beim Kaffee,es soll Quadrille geritten tverden im Regiment." Jutta stellte die eben gehobene silberne Kanne zurück auf das silberne Brett und schlug die feinen kleinen Hände zu­sammen:Da gehen wir aber hin!"Id." Nach einigem Zögern:Ich reite sogar .mit."Das ist ja prachtvoll!" Za." Wermals na cheiner Weile, als habe er nach dem! rechten Ton gesucht:Ich reite mit der Greditz." Aufs neue ließen Juttas Hände von der Kanne, die sie wieder erfaßt, um ihrem Manne eine zweite Tasse einzugießen; die feine Kanne aber klirrte etwas aus dem seinen Brett: Mit der Petroleumtante " Nun wmDe er heftig:Wie

,Ach", eine leichte Röte flog über Harros Stirn, sie wäre iar nicht nötig gewesen.Ach, das muß noch von der meditz sein."Won der Greditz?" Jutta machte erstaunte Lugen.Ich denke, Du warst im Kasino"Nein." (Bieber flog eine Röte über seine Stirn, er ärgerte sich mrnber. Und nun erst recht tapfer, erzählte er, wie er sich wbe die Pferde ansehen wollen, und was sich dabei zuge- iragen, wie man ihn zu Tisch gebeten habe.So--**

neinte Jutta.Und es war wohl sehr nett?"Aber sehr !" tzr hatte sich erhoben und begann sich auszukleiden.Natür­lich, sie ließ Dich nicht fort!" Kerzengerade faß Jutta Nützlich in ihrem Bett.Aber Schatz"Und darum ließest Du mich warten" Er stand gerade vor dem Waschtisch, wusch sich Gesicht und Hände, sonst wäre er wohl Dieber zu ihr gekommen.Sei nicht kinbisch", rief er nun statt besten zu ihr hinüber.Fran von Grebitz ist wirklich sine scharmante Person, unb er ist mein Rittmeister."

Gute Nacht, ich bin müde", klang bar auf die Ant- vort. Jutta wanbte ihrem Gatten ben Rücken und rollte sich in ihrem weißen Nachtkleid unter der blauen Decke uit den weißen Stickereien wie ein Murmeltierchen zu- iantnten. Wenige Minuten unb auch Harro suchte sein vager auf. Immer noch verharrte Jutta in ber gleichen Stimmung.Gute Nacht" Weiter sagte auch er nichts llnb wanbte sich nach ber entgegengesetzten Seite. Doch auch ui ihm, ber sonst, wie man zu sagen pflegt, mit einem Fuß im Bett auch ben Schlaf auf bett Augen hatte, wollte tiefer heute nicht kommen. Bald meinte er ein leises Schluchzen neben sich zu vernehmen. Er fuhr in die Höhe, leine kleine, süße Frau sollte doch nicht weinen. Es war rill, er hatte sich geirrt. Es war ihm lieb, denn er liebte He ja doch! Er legte si,ch wieder nieder und schloß die Lugen, er wollte schlasen. Da plötzlich sah er es auf» jauchen, eine überschlanke Gestalt, ein ^gelblich bleiches Ge­sicht, nachtschwarze Augen, nachtschwarzes Haar, umwoben »an goldgestickten Spitzen: Frau Ellinor. Und sie schlang He Spitzen um seinen Hals und knotete sie fest, so fest, daß es jhn zu ersticken drohte. Da schwang er sich auf den Rappen, siugs saß sie neben ihm. Der Rappe wandelte sich zu sinem Fabeltier aus dem Klingerschen Album, in dein er im Abend geblättert hatte. Unb weiche rote Falten,

Falten von Ellinors rotem SamMetkleib, schlugen über en zusammen. Aehnlich tote jenes Fabeltier und sein Liebespaar, flogen auch sie jetzt durch die Luft, dem Ab- jrunb entgegen.

Harro erschrak! Er wachte auf und lächelte über bett träum, liebte er doch sein Weib, seine Jutta! Noch ein­mal richtete er sich in die Höhe, beugte er sich zu ihr nieder, stuhig ging ihr Atem, sie schlief. Und wieder legte Harro sich hin: er mußte früh reiten lassen. Als er bann er» Dachte, schlief Jutta erst recht sanft und süß. Die kleine Frau schlief gern lange, Harro war gewohnt, allein zu rühstücken. Aber auch er hatte sich heute ein wenig Der» chlafen, so vergaß er zum ersten Male einen leisen Morgen- auf f eines Weibes Blondhaar zu drücken. Die Zeit jatte ihn gedrängt, und sein erster Blick nicht wie sonst hr liebes Gesichtchen getrosten. Sie lag immer noch, das Köpfchen von ihm fortgewandt.

7. Kapitel.

Ziemlich erregt war Hildegard, nachdem sie sich von Von der glücklichen Cousine fortgestohlen, nach Hanse ge­kommen, das Herz erfüllt von neu entflammter Sehnsucht, Von Groll gegen die .Ungerechtigkeit, die Ungleichheit mensch­licher Dinge. Sie konnte nicht arbeiten, es verlangte sie nach einer anderen Lethe. Sie holte sich einen Roman, einen Schmöker, in dem alle.Unmöglichkeiten möglich, alle Gesetze der Natur unb Verhältnisse umgangen wurden, damit sie sich kriegten, und alles in Freude und Herrlichkeit zu Ende kam. Als. Hildegard dann ,mit diesem Schmöker zu Ende gekommen, war es nicht besser um sie bestellt. Im Gegen­teil, sie legte den Kopf auf den Tisch unb heulte, heulte tote ein noch ungebändigtes Kind. Zuletzt warf sie sich üuf has Bett unb weinte sich in den Schlaf.

Am andern Morgen jedo.ch sah Hildegard bereits die Welt wieder mit ruhigeren Augen an war empört über sich selbst, und wie jie sich hatte gehen lassen. Mik einer Empfindung, als gälte es etwas gut zu machen, nahm sie ihre Bucher auf. Bald jedoch ließ ihr das Herz, ihr Sites, warmes, echtes Frauenherz, keine Ruhe. Immer ieber ging es ihr durch den Sinn, wie wohl die arme,