1964
Aus LLZöe.
Roman von M. v. Eschstruth.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Harro ist etwas erstaunt über diese so schlankweg gemachte Aufforderung. Aber die Sache selbst ist so verlockend, wie schmeichelhaft, eigentlich gar nicht zu umgehen. Dennoch: „Allzugütig, meine gnädigste Frau", versucht er slch zu wehren. „Leider, leider nur — habe ich keine Zeit — auch meine Frau reitet nicht." Daß der Mensch so schwierig ist, denkt Ellinor im stillen. „Absagen gelten nicht, mein Herr Leutnant", klingt es um so schmeichelnder mit vollem Ton. „Taugt nichts für einen Kavalier, immer auf der Bude sitzen. Und was von Urau betrifft — unsere Quadrille beabsichtigt durchaus nicht, eine show für häusliches Glück abzugeben." Ganz bestrickende Weltdame, fährt Ellinor neckend fort: „Mein Mann reitet auch nicht — ist viel zu bequem. So werden unsere besseren Hälften in bester Gesellschaft unseren Leistungen zusehen." Der Rittmeister ist wieder einmal baff, wie seine Frau die Dinge handhabt. Es amüsiert ihn aber nur, denn er ist froh, wenn sie ihren Willen kriegt.
„Reiten Sie man lieber mit, Urau", nickte er aufmunternd, „es ist Ihnen in der Tat gut, wenn Sie mal rauskommen. Meinte übrigens auch gehört zu haben, Sie würden doch nicht fertig in diesem Winter." Dann ganz Offizier und wohlwollender Vorgesetzter: „Dächte auch, die Praxis sollte Ihnen besser liegen, als die Theorie. Ginge an Ihrer Stelle auf Reitschule, statt Akademie." „Abgemacht." Ellinor streckie dem jungen Offizier die schmale Hand entgegen. Und Harro — er konnte ja nicht anders — schlägt ein. Der Diener hat just den Sekt entkorkt, mit einem Glas Pomimery dry wird die Quadrille begossen. Nach Tisch setzte man sich in den kleinen Salon, ein Juwel von gelbseidenen Draperien, gelbseidenen Möbeln, dazwischen englische Stühle und Stühlchen aus schwarzem, glänzenden Holz, japanische Herrlichkeiten, mit Gold gemalt, mit Gold gestickt: ein glitzender, glänzender, schillernder Hintergrund für die überschlauke Gestalt der Herrin hier, just wie der Zauber, der von ihr ausgeht.
Frau von Ellinor hat viel gesehen, ist in Kunst und Literatur zu Haus. Otternberg schien von dem Verkehr mit seiner „Gebieterin" profitiert zu haben. Er erweist sich; aus dem Laufenden hier, unld auch sonst als ein ganz annehmbar intelligentes Kerlchen. Der Rittmeister, einst Welt- und Lebemann, jetzt solide und bequem, vielleicht aus Bequemlichkeit nach Büchern greifend, ist ohne Vorurteile und verfügt über einen Schatz an Erlebnissen, Erfahrung und Kenntnissen auf den mannigfachsten Gebieten. So wird die Unterhaltung belebt, belebter, reicher an sich ablösenden Themen, als es für gewöhnlich in diesen Kreise»! üblich ist. Und wenn diese auch zumeist nur leicht gestreift.
zuweilen nur mit einem Witz oder Bonmot abgetan werdet so übt dies leichte Spiel mit den Dingen, an das man sich hier gewöhnt hat, erst recht seinen verführerischen Reiz."
Harro wird zu Sinn, als brächen längst verschlossene .Quellen in seinem Innern wieder auf, als würden dürr« Wiesen wieder grün. Er sitzt aus einem niederen Taburett zu Füßen der eleganten Frau, die den Kopf gegen den hohen! Rücken eines englischen Stuhles gelehnt, kunstgerecht ihre Zigarette raucht, dazwischen mit der linken Hand, daran die Krone eines Marquisenringes blitzt, abwechselnd nach der kleinen Tasse oder dem kleinen Glase greift, um mal die Lippen zu netzen und dabei einmal wie das andere, souverän und gewandt die- Unterhaltung lenkt. So vergißt er, dem die Jugend, die Unerfahrenheit einst alles! bei dem Weibe zu bedeuten schien, daß Ellinor v. Greditz mindestens vierzehn Jahre älter ist, als seine kleine, süße Frau. Er denkt gar nicht daran, daß, wie sie beide so früh und so jung zusammengekominen sind, sie auch nur zusammen reifen können, ja, daß er sich gerade da einst so stolz und glücklich als die beste Hilft seines jungen Weibes erkannt hat. Er meint int Augenblick eben lieber^ daß Frau Ellinor ein bezauberndes Weib — und solch ein Weib ein Glück fei! Und seine Augen leuchten, wenn er aufschaut zu diesem Weibe, über all die goldene, gelbseidene Herrlichkeit, die glitzernde, glänzende, schillernde Atmosphäre ringsum. Zuletzt ertappt er sich gar auf dxm Gedanken, ob er sich nicht doch nfit seiner frühen Heirat aus Liebe das Leben etwas geknickt hat, ob die Liebe in der Tat ein Gut ist, das für alle andern Güter entschädigt?
Erst spät, viel später, als er gedacht und gewollt hah, kommt Harro nach Haus. Jutta hatte sich niedergelegt. Aber das Licht brannte noch in der blauen Ampel, ein milder Schein, der sich mählich gegen die Grenzen des Zimmers verliert. Wie mit einem heiligen Schauer faßt es Harro an, als er über die Schwelle tritt, welch keuscher), stiller Frieden doch über dem Raume liegt und seiner blauen Dämmerung, daraus sich deutlich einzig die weißgedeckten Betten abheben und über ihrem Kopfende die sixtinische Madonna, auf der blauen Draperie an der Wand. Jutta! war noch weit vom Schlafen entfernt. Sie hörte des Gatten Schritt, richtete sich in die Höhe aus den weißen Kissen und reichte die Arme nach ihm hin: „Endlich!" Was alles lag in dem kleinen Wort! Er war im Innersten gerührte ,Mein armes, kleines, süßes Ding!" so setzte er sich auf des Bettes Rand zu ihr nieder: „ich konnte nicht früher I"1 „Aber nun bist Du da und hast mich lieb!" Sie schlang die Arme um seinen Nacken; er küßte die seidenen Wellen des goldenen Haares; sie barg ihr Köpfchen an feilten Brust.
„Was ist denn das?" Schnell hob die junge Frau das Köpfchen wieder, ihr seines Näschen machte eine schnuppernde Bewegung. Da, da unter der silbernen Tresse auf seiner Schulter hatte sich ein wahrscheinlich fest gehakt gewesener Streifen golddurchstickter Spitze hervorgeschobeu^,


