Ausgabe 
12.9.1904
 
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Graf Bismarck stand int Saal an der unteren Estradenstufe, der Erste in der Reihe jener .an der Spiegelwand gescharten Masse. Er trug heute nicht den charakteristischen Weißen, sondern den blauen Waffenrock seiner Generalleutnantswürde mit dein Bande des Schwarzen Adlerordens und, wie nur wenige Offiziere bei dieser Gelegenheit, dazu die hohen Reiterstiefel. Er faßte das inhaltschwere Dokument mit der Linken, die gleichzeitig den Helm am Riemen hielt, und las, gegen den König und den Kron­prinzen gewendet, wie er es so wohl versteht, ohne jede Dekla­mation, aber lebendig .und natürlichausdrucksvoll, ob er spräche, bei .lautloser Stille der Versammlung diese Botschaft desStiebens und der Freiheit", der wir von Herzen Erfüllung wünsch, n, vor. Es schien dabei ganz eigentümlich unter seinen buschigen Wimpern hervorzublitzen.

Er hatte geendet. Ta ergriff der Großherzog von Baden den richtigen Augenblick. Plötzlich zum Rande der obersten Estradenstufe vortretend, rief er mit lauter, wie von Begeister­ung vibrierender Stimme:

Seine kaiserliche und königliche Majestät, Kaiser Wilhelm I., er lebe hoch!"

lind während die von ihren Tragern geschwungenen Standarten und Fahnen zu Häupten der Fürsten wehten und rausch-tetl, bräch ein .Hochruf ans der Versammlung mit einer Sturmesgewalt und brausendem Donner, .als ob jenes Mort des Fürsten der elektrische Funke gewesen tväre, der in eine Mine geschlagen hätte. Die Hände reckten sich zum Gruß und Schwur, die Helme wurden geh' .. engen, die Blicke leuchteten, und dreimal rollte der Ruf, in den die Trompeten des Musikkorps ihre schmetternden Klänge mischten, an den Spiegel- und Marmorwändcn hin und hallte von der gewölbten Decke Wider, und des Jupitcr-Ludwig olympische Perücke selbst schien dvrt oben davon zu erzittern und zu stäuben. Tas Heer hatte seinen Kaiser proklamiert und aus voller Brust seinen kräftigsten Segen dazu gegeben.

Aus des Königs Augen stürzten die Tränen. Er drückte den Großherzogen die Hand, der Kronprinz neigte sich tief und schien die des Vaters küssen zu wollen. Ter Bruder, die Vettern und Fürsten umgaben ihn, beglückwünschend. Mit Handschüttcln und Umarmungen erwiderte er ihre Begrüßung.

Leider bildete nicht dieser hochgestimmte Moment den Schluß des ganzen Aktes, sondern die immer etwas steif erscheinende Zere­monie derCour". Während sich die Massen zu beiden Seiten mehr und mehr vo!t der Estrade entfernten, traten iit der Mitte die Offiziere gruppenweise gegen sie vor, verbeugten sich, mit mehr xder weniger Grazie gegen den Kaiser-König und die um­gebenden Fürsten und schritten wieder zur Seite und zurück.

Schließlich stieg die Fürstenversammlung selbst in den Saal herab, .und hier und da an einzelne spalierbildende Offiziere und Würdenträger, einige Worte richtend, durchschritten sie langsam die ganze Galerie, dem Ausgang zu, während aus dem Vorgemach ein starkes Militärmusikchor, .aus Musikern jener hier vertretenen Regimenter gemischt, .den Hohenfriedberger Marsch erklingen ließ. Bald wehten die Fahnen und Standarten wieder unten, über den Schloßplatz an Louis' Reiterbild vorüber zur Kommandantur getragen, wo sie bis zur Rückkehr der Deputationen anfbewahrt blieben. .

Vom Dach des mittleren Schloßbaues aber wehte, als wir heraustraten, statt der sonstigen schwarz-weißen und statt der heutigen Königsslagge zum ersten Male die fchwarz-weiß-rote Fahne des neuen Deutschen Reiches.

Versailles, 20. Januar.

Trochu hat den Parisern Wort gehalten; sobald die Kälte aufhört, sollten sie den verlangten großen Ausfall haben. Und gestern früh hat er ihn unternommen, und zwar jn so großem Stil, wie jener gegen hie Württemberger gerichtete und wie der vom 21. Oktober. Ziel und Richtung sind ziemlich dieselben, wie die des letztgenannten; gegen das 5. und 4. Armeekorps und den Westen direkt auf "Versailles war der Stoß gerichtet. St. Cloud, Montretout, die Höhen von Baucresson, Garches,-.Lon- vecicnnes ivaren die ersten Angriffsobjefte. Tie festesten Stell­ungen im ganzen Zernierungskreise, an denen während der drei Monate seit jenem Oktobertage mit aller Kunst und .Anstreng­ung gearbeitet worden ist, hat sich der Feind ausersehen. Unsere lieben Frmnde von der 5. Artilleriebrigade, und die anderen vom 50.,. 58., 59., 47., 46. Infanterieregiment, unterstützt von Mann­schaften des 88., vorn 11. Korps haben die erwartete, oft ge­wünschte Probe von der Festigkeit ihrer Positionen und ihres eigenen durch eine verhältnismäßig lange Kampfpause wahrlich unerschlafften Mutes endlich zu bestehen gehabt; in diesem Augen­blick, wo der bereits vierundzwanzigstündige Kampf von neuem zu entbrennen scheint, läßt sich noch nicht sagen, mit welchem Schlußerfolg.

Gegen Mittag passierten die ersten Gefangenen die Straßen, sämtlich Zuaven von 5 er Jägern eskortiert, umringt und ge­folgt von dichten Trupps der Versailler Landsleute, die jenen vrot und Zigarren reichten. Tie Gefangenen trugen schwer an hrem Gepäch , Man sah, sie waren für Biwaks und längere Märsche vollständig ausgerüstet. Es handelte sich, wie damals bei Champigny, um eine Durchbrechung unserer Linien und den

Vormarsch nach Südwesten hiit. Zu giideren Demonstrationen als jenen ziemlich harmlosen, ließen sich ünsere Wirte diesmal nicht hinreißen; nur die gespannte, halb bängliche, halb freudige Erwartung lag aus alten französischen Gesichtern. Es war dafür gesorgt, ihnen die Lust an anderen Kundgebungen gründlich zn verleiden. .Die Place d'ar.mes entsprach vollständig ihrem. Namen; sie wse die angrenzende breite Aveune de Paris glichen, von Waffen starrend, einem Schlachtfelde vor dem Gefecht. Die Garde-Landwehr war wieder von Jouy und den benachbarten Standguartieren heraitgezogen, und diese prächtige Gruppe stand in lichten Massett bei ihren Gewehren zu beiden Seiten der Avenue von den Kasernen bis zur Präfektur abwärts. Um 1 Uhr schmetterten von Süden her die charakteristischen Klänge bayerischer Trompeten. ..In langen Zügen war dort herangerückt und in die Avenue einbiegend, .marschierten zwischen den Reihen jener Land­wehr zur Plaec d'armes hin bayerische Reserveartillerie, In­fanterie und Jäger, die am Morgen in ihren Kantonnements bei Biovre alarmiert und hierher beordert waren, .wo es galt, dem gewaltigen Stoß des Feindes entgegen alle verfügbaren Kräfte zu konzentrieren.

_ (Schluß folgt.)

Idyll.

Ich weiß ein stilles Alpental Mit Matten blunrenbunt, So lieblich, Ivie noch nie ich's sand Atif weitem Erdenrund.

Ter Bach nur plaudert immerfort,

Wie weit die Wolken zieh'n. Und dazu singt ein Vögelein Tie schönsten Melodien!

Tie Tannen schauen ernst darein. Als wär's ein Heiligtum.

Und in den Zweigen rauscht es leis, Wie nichtig Glanz und Ruhm!

Tie Berge halten treue Wacht

Vor meinem Tal-Idyll, Wenn sich die Welt. mit ihrer Hast Zu mir versteigen will.

Ich weiß im Tal ein Hüttchen mir Mit Gärtchen wohl umzäunt, Es fyat das Wetter ihm schon längst Tie .Schindeln tief gebräunt.

Da lacht Frau Sonne froh hinein, Jst's buch nur ärmlich-klein;

In jedes Hans, too Liebe wohnt, Bringt sie den Lenz herein!

Dich, .stilles Tal, vergeß ich nie,

Nie, .braunes Häuschen, Tich, Und wenn ich scheide, weiß ich bloß Tas Eine sicherlich:

Kant ich nochmals auf diese Welt, Ich flieh der Städte Qualm

Und zieh' als freier Schweizer Senn' Mein Leben lang zur Alm!

Juchhei!"

Näfels (Kontan Glarus). Bernhard Witeuz.

Dichter-Rätsel.

Nachdruck verboten.

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Werden die obigen 48 Buchstaben richtig in die Felder ein­geordnet, so ergeben hie 8 senkrechten Reihen je den Namen eines deutschen Dichters. Einen weiteren deutschen Dichter erhält man, wenn man jene Buchstaben aneinander fügt, welclje an Stelle der fett gedruckten zu stehen kommen.

(Auflösung in nächster Nummer.)

Auflösung der Charade in vor. Nr.:

Hauptmann.

Redaktion: A it attst Goetz. Rotationsdruck und Vertan der Brülll'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, N. Lange, Gießen.