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absichtlich wird sie Wohl doch nicht diesen verrückten Lustsprung gemacht haben." s
„Das ist kaum anzunehmen", beeilte sich Bladoj ihm beizupflichten.
„Ganz ohne Strafe darf es indes doch nicht abgehen", sagte der Major überlegend, „wenn ich nur wüßte, wie--
Aha, jetzt habe ich es!" rief er dann laut, „dieser Hut" — und dabei zeigte er triumphierend auf die formlose Filzmasse — „soll über ihr Bett genagelt werden, um ihr beim Schlafengehen und beim Aufstehen ins Gedächtnis zu rufen, daß ihr Uebermut ihrem Vater beinahe das Leben gekostet hätte. Wenn sie mich nur ein klein wenig lieb hat, dann muß ihr das für die Zukunft eine furchtbare, eine schreckliche Warnung sein."
Vlado; sah ihn von der Seite an, und seine ganze Keckheit ins Treffen führend, versicherte er:
„Oh, Sie ahnen gar nicht, Herr Major, wie Erna au Ihnen hängt! Jeder Satz fängt bei ihr an: Mein lieber Papa sagt, mein lieber Pafra wünscht — oder aber: Mein lieber Papa könnte böse fein — mein lieber Papa sieht so etwas nicht gern — und so geht's ins Endlose."
Herrn von Höchstselds Gesicht legte sjch dabei in immer freundlichere Falten.
„Ist das auch wirklich wahr?" fragte er mit einem letzten Rest von Mißtrauen.
„Würde ich es sonst zu sagen wagen!" heuchelte Bladoj ernsten Tones.
„Run, dann ist ja noch nicht Hopfen und Malz bei ihr verloren", meinte der Major zufrieden schmunzelnd, ' „ich will also in Gottes Namen noch eintnal bei Mama ein gutes Wort für sie einlegen und sie vor der wohlverdienten : Strafe retten."
„Nicht wahr, Herp Major", bat Vladoj, „bon der Kletter- Partie sagen Sie auch nichts."
„Das ist zuviel verlangt", wehrte dieser, „der Hut muß unter allen Umständen übers Bett; aber meinethalben soll der Grund dafür zwischen uns Geheimnis bleiben — wie sie vor der Mutter das sonderbare Zierstück erklären will, ist dann ihre Sache. "
Vladoj, froh, soviel erreicht zu haben, drang nicht weiter in ihn und schritt an seiner Seite nach dem Gutshof zurück.
Als sie auf demselben anlangten, fuhr eben Gräfin Ste- ; Penaz in Begleitung der beiden Jungen vor,
(Fortsetzung folgt.) ' •>
Aus großer Jett.
Tie Berichte, die Ludwig.Pietsch während des Feldzuges 1870/71 im Hauptquartier des damaligen Kronprinzen für die „Voss. Ztg." .geschrieben, und später unter dem Titel: „V o n B e r l i n n a ch P a r i s" zum Buche zusammengefaßt hat, sind soeben in einer neuen „Volksausgabe" bei F. Fontane u. Co. (Berlin) erschienen. Tie erste Ausgabe des Buches, das Th. Fontane als das beste über den 1870/71 er Krieg bezeichnete, ist längst »ergriffen; die vorliegende neue setzt unsere große Lesewelt jn den kostbaren Besitz lebendiger Mitteilungen aus großer Zeit, wie sie ein zu solcher Arbeit berufener Augenzeuge für Mit- und Nachwelt festgehalten hat. Neben den gelehrten militärischen und politifch-geschichtlichen Werken vertritt dieses Buch die volkstümliche und künstlerische Darstellung der weltgeschichtlichen Ereignisse, .die jeden Leser der bedeutungsvollen Tage miterleben läßt. Der Reichtum an Gehalt, die Frische subjektiver Empfindung der eckt nationale Grundton und die dem Autor zu Fleisch und Blut gewordene Kunst, .das Gesehene treu, rasch und sicher festzuhalten, machen diese Aufzeichnungen wert, ein Volksbuch 'int weitesten Sinne des Wortes zu werden. Wir glauben unseren Freunden Willkommenes zu Kneten, wenn wir einen kleinen Teil des Buches hier neuerdings abdrucken; Stil und Tonart der Darstellung 'werden dadurch auch besser gekennzeichnet, .als durch kritische Ausführungen. Wir wählen zwei kurze Berichte, .die, rasch hintereinander geschrieben, sich scharf in der Beleuchtung von einander abheben, die die großen Er- rungenschasten des Krieges und die Opfer, durch die sie gewonnen wurden, .vor Augen führen, die in Versailles entstandenen Kapitel über die Kaiserproklamation und über die Kämpfe, die durch einen Ausfall Trochus aus Paris hervorgerufen wurden:
Versailles, 18. Januar.
Heute mittag 1 Uhr ist in der „Galerie des glaees" das deutsche Kaisertum und Reich feierlich proklamiert worden. Tas königliche Tiadem, .das Friedrich I. sich heute vor 170 Jahren zu Königsberg auf das Haupt drückte, ist zum kaiserlichen geworden. Ter alte Lieblingstraum der deutschen Romantiker ist kein Traum mehr. Freilich sieht die reale Gestalt, in welchem er beute vor unteren Augen ins Leben trat, anders aus als jenes von ihnen ae-
teü> ganzen Bagens rinne huren, dort der GaaltürEa. Nahe vor dem
tenksch- Kaiser-
Schluß, .wo er den BunteSsturBer auffsrteÄ das dentlÄe Volk schaffen e Prsklasratunt iu
träumte Ideal; anders auch als jene Art und Gestalt, jn welcher das Framfnrter Parlament vor 22 Jahren sich das durch „demo- krMDhes Oel" zu neuem Leben gefÄiÄe Kaisertum des auf» erÄmdmeu B-,.rbar-ch« dachte. .Alle HarteLu mailen die alte Lr°> «hArng, das; die Erfüllung nie unb nässtet genau dem Bilde entspricht, das die wünschende und 'Mfräfce Phantasie sich formte.
Um 11 Uhr war das ganze mitttärMx Versailles in lebhafter Bewegung, zu Wagen und zu Fuß zog ein Heer von Offizieren aller Waffengattungen und Grade durch das Gittertor des Schloßhofes ein. Vom Mittelbau wehte heute die rote Krie^sflagge mit dem Kreuz und den Adlern. Im Hof ein Spalier von Truppen ausgestellt^ Auf der großen PraHttreppe des linken Schloßflügels stieg man hinan zu den Gem«hertt Ludwigs XIV., an deren Wänden van der Meulens, Lebruns, Mignards und ihrer
Zeitgenossen Wandbilder die Haupt- und Staatsaktionen des Monarchen, nicht tote dort an den Plafonds allegorksch, sondern meist in treu realistischer Wahrheit und in all ihrer zeremoniellen Steifheit verherrlichen. In der ganzen Tiefe war jedes dieser Gemächer von den dort militärisch geordneten Reihen der hierher kommandierten Regimentsteputtticneit erfüllt. Nur der Weg nahe den Fenstern von einer BerÄrldnngstür zur anderen blieb für die Kommenden frei. Tie Auswahl..der deputierten Kommane dos schien mit besonderem Geschick getroffen. Die Armee hat sDverlich vollendetere Bilder männlicher Kraft, fester Tüchtigkeit und kriegerisch strammer Haltung, als die Aufgereihten, deren Brust fast durchweg das Eiserne Kreuz schmückte. Jn der Mitte der langen Galerie des glaces, Mr an der Fenfterwano ein Altar mit zwei kerzenreichen Kantelabern errichtet. Drübeck aber an der letzten Mmalen Querwand der riesigen Galerie unter dem oben abschließenden Halbrundbilte der Alliance zwischen Spanien, .Deutschland 'und Holland 1672, standen auf einer dort angebrachten Estrade die Fahnen- und Standarten- träger sämtlicher hier vertretener Regimenter int HaMreis geordnet, jeder Träger jn voller Aufrüstung, Helm auf, ,den gerollten Mantel über Schulter und Brust. Die hohe Tür zum nächsten Gemach deckte ein tief dmtkelroter Sammetvorhang, der tuen schönsten Fonds für die Gruppe der Banner uitd Bannerträger davor bildete. An beiden Endpunkten hielt vor dem Fuß der Balustrade, sowie braunen an der Tür zur.Galerie je ein Garde du Corps mit gezogenem Pallasch Wacht. Die ganze glänzende Versammlung der Offiziere beider H<mptquartiere, ter hier- her kommandierten Kameraden, .der militärischen unb politischen Hoch- und Höchstgestellten, der Aerzte und Jntendanturbeamten, füllte in gedrängter Masse den langen Raum an der Fensterseite um den Altar, wie gegenüber längs der Spiegelwände. Zutschen beiden Massen blieb in der Län^nchse der Galerie ein breiter Weg für den König und die Fürsten frei. Das halbe Dutzend schwärzbeftackter Zivilmeiffchen verschwand gänzlich in der bunten, schimmernden Menge. Unter ihnen bemerkte man v. Werner, den Karlsruher Maler, der telegraphisch herberusen war. der teuÄvüidigen Szene behufs ihrer künftigen Darstellung beizuwohnen. — Schlag 12 Uhr, nachdem Graf Moltke und, mit Ausnahme des KriLgsministers, die hier in Versailles und seiner Umgebung anwesenden obersten Chefs der deutschen «rntee sich nahe der Estrade aufeeftellt hatten, erMm der Kim« tu bei Uniform des 1. Garteoegiments » F. mit dem Bande des Schwär- zm Wilerordens darüber, gefolgt andern K^nMinzen, den Prinzen Karl und Skteckbert, .und sämtÄchen tzckrMn teS Reiches, die hier um ihn versammelt find. Sie ntegett anfangs dem Altar gegenüber geblieben fein, .wo das Gedränge vor mir sie meinem Blick verbarg. .Als sie erschienen waren, besann die religiöse Feier mit der Liturgie: a cappckla-Gesaug, ter Choral wm Posaunen geblasen, und in meh«H?ch Metechsltem MMel des Predigers Wort, Gebet und DsiMasmtg, und Witter Geffu« und Choralmusik. Erst dann die eigentliche Prrteat. TMst-nSPredi- ger R»gge behandelte, mit mät&igcr StimWe begabt, .den gut ge- wäMen Text (Psalm 21), . ter von ter „ErhöhmW ter Könige durch den Herrn" und die Verwerfung der tw* ihm Wrunntgen spricht, in dem zu erwartenden Sinn und mit den Rutnnweud-- ungen, 'welchen die Ereignisse uttb besonder» ter Tag
und diese Feier so nahe legten. Die Getern«!« der y^tezt am Tage des Reichsteputations-EmMngrs kehrten natürktch auch hier vielfach wieder und boten das Gnrubthenm ter Betrachtungen ebenso sehr, wie jener Mteltert selb». AW mit tem Tho- ralgesang und tem Degen der gskstkiche Teck ter Feier «eMosscn war, schritt ter König mit den Prinzen und tentschen Fürsten, die Hofmarschälle voraus, zur «Grate. Jene nahmen MnSchst dem letzten Fenster vor den Fatznenträser» ihren Grand, Die Fürsten von da ab in einer leicht gekrümmte» Kurve M zur Spiegestvand. .Tie Groscherzöge von Weimar und i»n Baden mochten ziemlich die Mitte des ganzen Boxens eini«h«ren, dort vor ter Fahnengruppe in ter Saaltürnffcha. Nate vsr dem Kronprinzen stehet, etwas feitliä von jene« ’ottfewbtrn Herzögen aus tem oberen Plan ter Estrade, ter Wttis dann, ten Helm in ter Linken, das yachiar in ter K-Men Wb, die in dieser Stunde Messt schon in ter Heimat teksnnte TTklärung, daß er die ihm von Fürsten und Golk getet-ue te«Wo Kaiser- Würde annähme, mit laut erWrurender. fester Stimme MS zum


