Ausgabe 
12.9.1904
 
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klarte ihm die Mama ganz entrüstet,denn sie geht keines- f Wegs schon ins achtzehnte, sondern erst ins sechzehnte Jahr."

Einen Moment war Vladoj baff, dann aber meinte er harmlos:Aber gnädige Frau, das ist doch weiter kein Unglück mir kommt es auf die zwei fehlenden Jahre wirklich nicht an."

Aber uns!" replizierte sie indigniert. Und Herr von Höchstfeld, der mit ihm ein gewisses Mitleid empfand, nahm ihn unter den Arm und sagte mit väterlichem Wohlwollen:

Kopf hoch, junger Mann, wir haben ja gegen Ihre Person nicht das geringste einznwenden. Wenn Sie das Kind also wirklich lieben und Ihre Gefühle nach zwei Jahren dieselben sind, nun, dann fragen Sie nochmals an bis dahin muß ich aber schon bitten"

Meine Gefühle werden sich nie ändern!" beteuerte Vla- doj mit tiefster Ueberzeugung.

Wollen es abwartcn", meinte der Major skeptisch, wollen es abwarten. Und nun kommen Sie, begleiten Sie mich in den Park, ich möchte mit Ihnen noch über dies und jenes plaudern."

Bedrückten Herzens und in tiefster Niedergeschlagenheit empfahl sich Vladoj von Fran von Höchstfeld und folgte dann dem voranschreitenden Major.

Dieser verwickelte ihn sofort in. ein Gespräch über sein beständiges Klagethema, das heißt, über die ihn ver­folgenden Mißhelligkeiten und äußerte dabei wie von un­gefähr, daß er am liebsten das ganze Erbe, welches ihm doch nichts weiter als Verdruß und Aerger bereite, fahren ließe, um in die Heimat zurückzukehren.

Der Gedanke, von Erna, die er wirklich herzlich liebge­wonnen hatte, so plötzlich getrennt zu werden, traf Vladoj wie ein Blitz aus heiterem Himmel, und ganz erschrocken ries er:Sie werden doch nicht, Herr Major!"

Dieser sah ihn mit grimmigem Lächeln an.

Beruhigen Sie sich nur", sagte er mit zusammenge- tniffenen Lippen,so leicht wirft ein Höchstfeld denn doch nicht die Flinte ins Korn. Ehe ich nicht meine Pläne reali­siert Und diesen Herrschaften gezeigt habe, was deutsche Tatkraft zu leisten vermag, ist daran natürlich nicht zu denken aber dauernd hier zu bleiben davor soll mich Gott bewahren."

Blädoi hätte ihm gern vorgehalten, wie wenig berech­tigt sein schroffes Urteil sei, aber die Furcht, es mit dem Schwiegervater in spe zu verderben, ließ ihn vorsichtiger­weise schweigen.

Mittlerweile waren sie bis in die Nähe des Obstgartens gelangt, wo Erna hochklopfenden Herzens das Resultat der Werbung abwartete.

Groß war ihr Vertrauen auf einen günstigen Ausgang ohnehin nicht gewesen, als sie nun aber gar die beiden Herren stumm nebeneinander schreitend und mit finsteren Mienen daherkvmmen sah, da sank selbst dies kleine bißchen Hoffnung tief unter Null, und augenblicklich beherrschte sie nur der eine Gedanke, wie sie diesem für sie nicht ungefähr­lichen Zusammentreffen auswcichen könnte.

Ihr Blick glitt suchend in der Runde umher, aber nirgends war ein passendes Versteck zu entdecken kein Strauchwerk, kein genügend dichtes Gebüsch befand sich in der Nähe.

Und wenn es mein Leben kostet, ich lasse mich nicht erwischen!" flüsterte sie entschlossen, sprang ohne weiteres Bedenken auf die Bank, schwang sich von dieser auf den zunächst stehenden Apfelbaum und kletterte behende wie eine Katze in dessen schützendes Laubwerk.

Ohne das Geringste von dieser vorzüglichen turnerischen Leistung bemerkt zu haben, bogen die Herren im selben Moment in die Allee ein und ließen sich, zu Ernas nicht gelindem Schreck, aus der unter ihr stehenden Bank nieder. Ja, ja, mein lieber Leutnant, angenehm ist meine Lage hier nicht", sagte dabei Herr von Höchstfeld.

Meine auch nicht!" dachte Erna, und versuchte, den rechten Fuß in eine andere Lage zu bringen.

Aber seien Sie versichert", fuhr der Major mit Em­phase fort,ich weiche keinen Schritt breit von dem mir gefleckten Ziele ab. Und wenn es hageldicht auf mich herab- fausen sollte, so"

Im selben Augenblick knackte es in den Zweigen, ein lauter Auffchrei, dann fiel ein schwerer Körper auf seinen Kopf, ihm den Hut über die Augen treibend, und als er

diesen endlich losbekam, rutschte Erna eben von seinem Schoß herab und glättete voller Verlegenheit ihr arg zer­knittertes Kleid z-urecht.

Menn ein Meteor auf ihn herniedergefallen wäre, hätte er auch nicht verblüffter sein können, und sich mit der .Hand den Schädel reibend, wußte er im ersten Augenblick tatsächlich nichts anderes zu sagen als:

Ja, wo kommst denn Du her?!"

Von dort oben", erklärte Erna kleinlaut,ich glitt aus und"

Und wie darfst Du Dich unterstehen, mir auf den Kops zu fallen?!" unterbrach sie der Vater wütend.

Aber Herr Major", suchte ihn Vladoj, nur mit Mühe das Lachen verbeißend, zu beschwichtigen,es ist doch besser^ als wenn sie Schaden genommen hätte!"

Entschuldigen Sie nicht noch ihre Keckheit", polterte dieser, und Erna nicht eben sanft beim Handgelenk packend, forschte er:Wie kommst Du da hinauf rede was hast Du dort zu tun?"

Ich ich ich suchte nach Vogelnestern", stotterte Erna verschüchtert.

Und solch einen Gassenjungen, der aus Bäumen herumklettert, nach Vogelnestern herumstöbert und dem eigenen Vater auf den Kops springt, wollen Sie heiraten?" wandte sich Herr von Höchstfeld ganz puterrot an Vladoj, sehen Sie nun nochi nicht ein, daß dies der hellste Wahnsinn ist?"

Aber, sie ist doch nicht mit Absicht herabgefallen, Herr Major"

Mit oder ohne Absicht, das bleibt sich gleich ein Mädchen, und noch dazu in ihrem Alter, hat nicht wie ein Affe auf den Bäumen zu hausen a propos, Alter! für wie alt hast Du Dich denn dem Herrn Leutnant gegen­über ansgegeben?"

Erna schaute ganz beschämt zu Boden.

Wiederhole es sofort vor wir", gebot er energisch, oder hast Du vielleicht plötzlich die Sprache verloren? Nun, wird es endlich ?"

Ich sagte ihm, daß ich achtzehn Jahre alt sei", lispelte sie kaum hörbar.

So, achtzehn Jahre", spottete der Major grimmig, Du hast wohl Dein wirkliches Alter vergessend

Nein, aber ich schämte mich zu gestehen, daß ich noch so jung sei."

Ich liebte doch Di doch Sie und nicht Ihre Jahre", beteuerte ihr Vladoj feurigund wenn Sie selbst noch jünger wären, so würde ich doch"

Bitte, bitte, bitte", unterbrach ihn der Major zurecht­weisend,vergessen Sie gefälligst nicht, daß ich da sozusagen auch ein Wörtchen mitzureden habe", und Erna kurz herum­drehend, befahl er:Und nun, marsch zur Mama, sie sehnt sich gewiß schon nach ihrem braven Kind."

Still vor sich hindrucksend, trottete Erna davon am Ende der Allee schaute sie sich aber vorsichtig um und streckte, als sie sich vom Vater unbemerkt sah, Vladoj die fünf Finger der rechten Hand entgegen, zum Zeichen, daß sie ihn um fünf Uhr am bewußten Ort erwarten würde.

Da sehen Sie, welch verderblichen Einfluß diese Atmo­sphäre selbst aus das Kind ausübt", brummte indes Herr von Höchstfeld wütend,zu Hanse wäre sie gewiß nie auf solche tollen Streiche verfallen! Aber hier, wo ja alle Welt das Verkehrteste für das einzig Richtige erachtet, wo man gesellschaftliche Formen gar nicht zu kennen scheint, ver­gißt auch sie die ihr eingeprägten guten Lehren und glaubt, Gott weiß wie chick zu fein, wenn sie die Grestzen des An­standes überschreitet."

,Herr Major sind zu streng", nahm sich Vladoj ihrer wärmstens anein übermütiger Scherz ist doch schließlich noch immer keine Sünde,« und unter anderen Umständen würden Herr Major über den Einfall, sich vor uns auf dem Apfelbaum zu verstecken, wahrscheinlich gelacht haben."

Man fällt aber dem Vater nicht auf den Kvpf ich hätte mir ja dabei das Genick brechen können!"

Es ist aber doch nicht geschehen."

Das tut Ihnen wohl leid?"

Aber, Herr Major, wie können Sie nur so etwas denken!" protestierte Vladoj.

Nun, es ist ja nicht bös gemeint", gab Herr von Höchstfeld brummend nachwenn ich es mir ruhig überlege, ist ihre Schuld eigentlich auch wirklich nicht ko groß, denn