Ausgabe 
12.11.1904
 
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falte. Wie manches alte Mütterchen ist durch so einen nichtsnutzi- gen Obstrest ausgeglitten und zu einem bösen Fall gekommen. Unlängst beobachtete ich auf der Potsdamerstraße eine eilige Spree­wälderin mit einem Korb voll frischer Hühnereier, die auf eine Apfelsinenschale getreten hatte, die jemand auf die Gleise der Straßenbahn hatte fallen lassen, und dabei so unglücklich ins Rutschen gekommen war, daß ihr die Eier aus dem Korb und auf die Straße kollerten, während sie selbst mit Mühe und Not noch den Rädern diner eben herannahenden Straßenbahn zu ent­gehen vermochte. Tie Räder des Kolosses richteten natürlich ein ganz niederträchtiges Gemetzel in den jetzt so teuren Trink­eiern an und badeten sich förmlich in Eigelb. Tie Spreewälderin jammerte, und suchte alsbald die wenigen ganz gebliebenen oder doch nur angeknickten vom Fahrdamm zusammen und legte sie in ihren Korb zurück, während ein schnell zusammen­geströmter Zuschauerkreis sein Gaudium daran hatte und faule Witze dazu riß:Tet 's ne deire Wagenschmiere!" fagte ein halbwüchsiger Taugenichts und ein zweiter fügte im Ton ehr­lichen Mitgefühls hinzu:Wenn Se se bloß vorher hart jekocht jehai hätten, Freilein!" Für den rücksichtslosen Veranlasser dieses kleinen tragikomischen Unglücks hatte kein Mensch ein Wort der Verurteilung. Wie sollten sie denn auch? Verfuhr doch jeder von ihnen mit seinen Kernen und Schalen genau ebenso. Erst wenn die schadenfrohen Langohren einmal selbst zum Opfer werden, merken sie, wie verdammenswert ein solches Verfahren inr Grunde genommen doch ist! Und dann kann man sie schimpfen hören, aber wacker! Was die Fülle der Aepfel noch über­troffen hat, sind die Weintrauben, die Berlin förmlich 'über­flutet haben. Tie Ziffern des Vorjahres werden diesmal weit überholt, und wir hatten schon 1903 die Kleinigkeit von 700 Waggons in unseren Markthallen, wovon zwei Trittel italienische Trauben waren. Ter Rest kam aus Macedonien und Ungarn. Letzteres liefert übrigens in Postkisten gleichfalls einen,stattlichen Posten für den Berliner Verbrauch, der nur durch die Weiter­ungen mit der Zollbehörde nicht noch größere Tjmensionen an­nimmt. Tenn besser im Aroma sowohl als im Aussehen sind die ungarischen Trauben ganz entschieden. Wenig am Markt war wegen ausgefallener Ernte die Preißelbeere, die aus den skandinavischen Ländern zu uns kommt. Auch die Pilze machen sich rar. Tie Bananen vermögen sich noch immer nicht bei uns einzubürgern, obwohl sie gegen früher im Preise gesunken sind. Ter Mehlgeschmack, den diese Frucht im Zustande der Vollreife wohl nicht besitzen mag, behagt dem Berliner nicht. Er ist für das Saftige. Daher erfreut sich auch die Ananas steigender Beliebtheit, und wenn in einem unserer großen Warenhäuser billige Fruchtwoche ist, und das Pfund Ananas bis auf 60 Pfennig heruntergeht, so seht sich auch ber" kleine Mann seine Änanas- bowle an, die noch vor wenigen Jahren zu den unerschwing­lichen Genüssen bei uns gehörte. A. R,

Heimatlie-e des Landbewohners.

Von meinem Schreibtische aus habe ich den Blick auf einen kleinen, stillen Platz, auf dein nichts weiter zu sehen ist, als zu­weilen spielende Kinder. Gedankenlos schaue ich daher meist über den öden Platz hinweg, ohne zu sehen, viel weniger zu be­obachten. Trotz dieser Gedankenlosigkeit konnte ich Nicht umhin, ein kleines Mädchen zu bemerken, das mir in die wohlbekannte Umgebung nicht zu -gehören schien. Es stand, in der Türecke eines Hauses gedrückt, mit übereinandergekreuzten Aermchen, gleich einer alten, und schaute vor sich hin. Manche Tage, ja Wochen und Monate vergingen, und so oft ich daran dachte und hinauf- fah, fast immer fand ich das kleine Persönchen an seinem ein­samen Platz. Es mochte drei bis vier Jahre zählen, war aber ein kräftiges, stämmiges Figürchen von gesundem Aussehen. Ta mich das Wesen des Kindes zu interessieren begann, beobachtete ich sein Verhalten. Es gab aber dabei eigentlich nicht viel zu beobachten, denn das Kind blieb sich immer gleich. Mit derselben Miene traurig-ernster Gleichgiltigkeit, stand es da, es.mochte regnen oder schneien, und wenn die Sonne schien. Andere Kinder konnten um es her lausen oder spielen das kleine Mädchen rührte sich nicht. Selbst wenn die Kinder zu ihm kamen und freundlich mit ihm taten, blieb es stumm. Es wehrte sie ab, bis sie gingen und es in seiner selbstgewählten Ein­samkeit ließen. Auf meine Nachfragen hörte ich dann, daß es ein Vogelsberger Bauernkind sei, dessen Mutter ihrLeben bei der Geburt eines folgenden Kindes hatte lassen müssen. Tas kleine Mädchen war daher aus der Heimat weg zu den Verwandten in die Stadt gekommen und hatte hier bald allen Frohsinn ver­loren, trotzdem es gut behandelt wurde. Tas Heimweh zehrte bereits an dem kleinen Kinde, ein großes, tiefes Heimweh, das sein kindliches Wesen ausfullte.

Nun dachte ich wir, wenn die Natu? eine solche Heimat- liebe in das Herz des Menschen legt, daß sie schon im Kinde sich so mächtig offenbart, es gegen alle andere Reize und Freuden gleichgiltig werden läßt, dann muß doch ein größerer Nutzen aus dieser Heimatliebe gezogen werden können, als es geschieht. Wahrscheinlich wird sie zu wenig gepflegt und ge­fördert, auf dem Grunde, dm die Natur gelegt, nicht weiter­gebaut, so daß wir beim Landbewohner im reiferen Älter von einer Landflucht zu sprechen begannen, die nicht allein in Brot­

mangel öder Not ihren Grund hat. Beim Stadtbewohner kann! die Anhänglichkeit an die Heimat im engeren Sinne nicht so groß werden, des öfteren Wohnungswechsels wegen. Tie Liebe zur Heimat knüpft sich zuerst und "am festesten an die eigene Scholle, bann an das Torf, das der Einwohner bis zum letzten Winkel mit jeder Eigentümlichkeit kennt, an die ländlich-stille, oft schöne Umgebung, an das freie Landleben überhaupt.

Ter Bergbewohner, dessen Heimat augenfällige Schönheiten birgt, mag mehr als. der Bewohner des Flachlandes an ihr hängen und stolz auf ihre Schönheit sein. Tas Leben verschlägt aber gerade ihn häufiger weit timt derselben fort, weil sie ihm keinen Unterhalt bieten fmtit.

Anstatt aber in der Ferne eifrig tätig zu sein, um bald wieder in die Heimat zurückkehren zu können und dort mit den Erspar­nissen aus der Stadt den Grund zu legen zu einem bescheidenen, arbeitsreichen aber freien Bauerndasein, werden die Landkinder angezogen vom genußreichen Leben der Stadt, datz sie als junge, vergnügungssüchtige Menschen kennen lernen, und sie ver­schwenden ihr Geld und vergessen die Heimat, ohne zu wissen oder zu bedenken, daß ihnen auch in der Stadt das Leben als Vater oder Mutter einer zahlreichen Familie späterhin einmal bittere Sorge und Not Bringen wird.

Möge doch alles geschehen, daß die Landkinder ihrer an« geflammten Heimat treu bleiben, daß die unbewußte Anhänglich« feit der ersten Jugend zur bewußten Heimatliebe heranwachse.- Ties kann aber nur geschehen, wenn sie das rechte Verständnis, die volle Wertschätzung von allem besitzen, was die Natur und das Leben auf dem Lande bietet. Es kann nicht ausbleiben, daß die Förderung des praktischen Verständnisses in Verbindung mit einem schönen Idealismus dem Lande manche gute Kraft er­halten wird. . ,: i ., ..

Greisenhafte Kinder.

Eine Beobachtung, die jedermann macheir kann, ist, daß gleichaltrige Menfchen nicht einen gleichaltrigen Eindruck machen. In höheren Jahren wird der Unterschied "schon sehr deutlich, denn es gibt junge Siebziger, die von vielen Leuten, die das sechzigste Jahr noch nicht erreicht haben, beneidet werden. Aber in allen Zeiten des Lebens sind solche Unterschiede bemerkbar. Uebrigens laufen die Uhren der einzelnen Organe in einunddemselben Men­schen auch nicht gleich schnell. Jemand hat vielleicht mit vierzig Jahren ein greisenhaft altes Herz, und sein Gehirn, seine Leber, seine Lunge usw. sind daneben nicht über ihr normales Alter hinaus. Tie merkwürdigsten Fälle sind jedoch greisenhafte Kin­der, nicht etwa altkluge Kinder oder überhaupt solche, die ihrem : Alter erheblich voraus sind, sondern wirklich "greisenhafte in: eigentlicher Bedeutung des Wortes. Tie Erscheinung ist glück- sich erweise selten, aber so sonderbar, daß sie eine Beschreibung rechtfertigt, wie sie neulich von einem hervorragenden Arzt vor der Britischen Medizinischen Vereinigung gegeben worden ist. . Sie hat den Namen Progeria (vorzeitiges Greisentum) erhalten und ist eine Vereinigung dessen, was dieser Name besagt, und einer kindisch zurückgebliebenen Entwickelung, wobei aber das erstere überwiegt. Es muß noch betont werden, daß die betreffen­den Personen sonst keine Krankheit durchzumachen gehabt haben. Das Leiden beginnt in früher Kindheit mit dem Verlust des Haars, der so stark sein kann, daß in einem halben Jahr mehr als die Hälfte des ganzen Kopfhaares ausfällt. Gleichzeitig be­ginnt das Kind abzumagern: die Schultern fallen nach "vorn, und die Brust wird beengt infolge eines Stillstandes in der Ent­wicklung der Schlüsselbeine. Ter Kopf ist verhältnismäßig groß und erinnert etwas an einen Wasserkopf. Wenn das Kind weiter­wächst, wird das Haar immer spärlicher und wird grau, so daß unter Umstünden, schon im Alter von sieben Jahren nur noch ein sehr dünner grauer Schopf übrig ist. Tas Wachstum ist gehemmt, und das Kind nimmt überhaupt alle Anzeichen eines greisen- haften Verfalls an. Tie Haut wird lose und runzelig, die Arterien zeigen greisenhafte Veränderungen, und das ganze Aussehen und. sogar das geistige Verhalten ist eher das eines alten Menschen als das eines Kindes. Solche Kinder ermfiben leicht, teils wegen Muskelschwäche, teils wegen Kürze des Atems, die gewöhn­lich aus ungenügender Herztätigkeit entspringt. Tie genaue^Prüf­ung ergibt eine merkwürdige Mischung von Greisenhaftigkeit und kindlicher Zurückgebliebenheit. Tie Haut, das £>aar, das Gefäßsystem und die Enden der langen Knochen sind die eines alten Menschen. Tie Schäfte der langen Knochen, die Knochen des Schädels, die Zähne und die Brustdrüsen weisen deutlich Spuren ungenügender Entwicklung auf. Tie Leber, die blut­bildenden Organe und die Geschlechtsteile scheinen sich in normaler Weise zu entwickeln, und die allgemeinen Verrichtungen des Körpers meist in ganz besiicdigender Weise vor sich "zu gehen. Ter Tod tritt gewöhnlich tut Alter von siebzehn Jahren ein, und zwar an Herzschwäche und an der sogenannten Brustangst. Es ist auffällig, daß auch die anatvtnische Untersuchung krank-' hafte Veränderungen an den einzelnen Organen nachgewiesen hat/ die sich sonst nur bei Greisen finden/ wie die Verkalkung der Arterien und die saferartige Veränderung der Nieren, lieber die Ursachen der Krankheit ist man noch gänzlich im unklaren, da ein einzelnes Organ dafür nicht hat verantwortlich gemacht werden können. ................ ...... ~ ---------JuO

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