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„Ja, meine Liebe, und Gott gebe, daß es ein schönes ideales Heim für Sie werde! Sie gehören nicht zu der Art Mädchen, die Kopf und Verstand verlieren, wenn junge, törichte Männer Ihrem Gesicht Weihrauch streuen. Wenden Sie den gewonnenen Einfluß stets nur dazu an, Gutes zu stiften, und handeln Sie niemals gegen Ihr Gewissen, denn das Gewissen ist die Stimme Gottes."
„Ja, das ist auch meine Ueberzeugung", flüsterte ich.
„Und wenn es Ihnen gut geht, dann verhärten Sie Ihr Herz nicht gegen Not und Kummer anderer . . . Sie werden mir schreiben, nicht wahr?"
„Gewiß, ich bin nur zu glücklich, wenn Sie es mir erlauben. Sie sind ja dann der einzige Mensch in Indien, mit dem ich Briefe wechseln kann."
„Und wenn — Sie dürfen mir das nun aber nicht übel nehmen — wenn Sie nun fänden, was ich zwar nicht glaube, daß Ihr Walter nicht ganz der Mann wäre, den Sie sich vorgestellt haben, wenn Sie sühlten, daß Sie ihn nicht lieben, so übereilen Sie die Hochzeit nicht. Warten Sie und kommen Sie zu mir. Wollen Sie mir das versprechen?" Sie ergriff meine Hand.
„Ich! danke Ihnen für Ihre große Güte, liebe Mrs. Evans! Ja, ich verspreche es", erwiderte ich, wenn,ich mich auch im Innersten lebhaft gegen die Möglichkeit einer Enttäuschung sträubte.
„Wir find zwar ruhige, langweilige Leute, trotzdem glaube ich aber, daß Robbie Ihnen gefallen und Sie sich bei uns wohl fühlen würden. Sie könnten dann so lange unser Vizetöchterchen sein, bis Sie einen Entschluß gefaßt und über Ihre Zukunft entschieden haben."
„Wie freundlich ist das von Ihnen! Wie gütig sind Sie gegen mich gewesen! "rief ich, ergriff ihre Hand und küßte sie innig . . .
Am nächsten Morgen war ich allein.
(Fortsetzung folgt.)
£>te öffentliche Lesehalle zu Gießen im Geschäftsjahre 1903/04
Tie Chronik der öffentlichen Lesehalle verzeichnet wiederum ein Jahr stetiger Entwickelung. Beide Gebiete unserer volkstümlichen Anstalt, Bibliothek und Lesesaal, sind weiter ausgestaltet worden und konnten ihre Wirksamkeit reicher entfalten.
Im Jahre 1903 wurden 23 264 Bände aus geliehen, 638 mehr als im Jahre vorher, und das trotz der baulichen Reparaturen, die während einiger Wochen die Bibliothek unzugänglich machten. Tie Entnahme erzählender Literatur (Romane, Novellen, einschließlich illustrierter Zeitschriften) verharrte ungefähr auf der alten Höhe, die Benutzung von Werken belehrenden Inhalts ist bemerkenswert gestiegen z. B. für Geschichte, Länder- und Völkerkunde von 1513 Bänden auf 1733, für Naturwissenschaften und Tech,- nologie von 864 aus 1104. Tas ist sehr erfreulich, denn es zeigt sich da, daß unser Publikum von dem einfachen Bedürfnis nach Unterhaltung zu höheren Ansprüchen an Selbstunterricht gelangt; auch innerhalb der schönen Literatur vollzieht sich allmählich ein sicherer Fortschritt zur Auswahl gehaltreicher Lektüre; bloßes „Lesefutter" wird weniger begehrt. Mit Geduld und Vertrauen in den Ernst des Bildungstriebes läßt sich! viel erreichen. Freundliche Anleitung durch die Bibliothekarin Fräulein Tingeldein und ihren eifrigen Helfer Herrn Tirektor Quentell wird freundlich ausgenommen, zumal man in unserer Lesehalle vor jedem Versuch der Bevormundung gesichert ist. Wir verfolgen keinerlei parteipolitische oder konfessionelle Ab- sicht; politisch sind wir nur insofern, als wir die Lust, zu lesen und zu lernen, für ein förderliches Element halten.
Nun sfnd wir auch! in der Lage, einen gedruckten Kata- log unserer Mbliothek vorzulegen. (Fräulein Tingeldein hat mit großer Opferwilligkeit außerhalb ihrer Tienst- stunden das Manuskript hergestellt.) Er weist rund 5550 Bände aus und wird für 20 Pfennig käuflich sein. Davon erhoffen wir uns zunächst eine weitere Zunahme der Benutzung. Tie Buchtitel, nach Fächern geordnet, werden einladen, und manches Buck, das bis jetzt vielleicht, auf feinem Gestell ruhte, kommt in die rechten Hände. Wir erwarten ferner, daß der Einblick in den Bestand unseres Bücherschatzes dem Verein tätige Freunde zugewinnt — hier mag der Katalog auch fördern durch! das, was er nicht enthält: Allerlei Lücken find offenkundig — man bemerkt
leicht, daß Bücherschenkungen den Grundstock gebildet haben, und daß planmäßige Ergänzung und Abrundung sich bisher nicht überall haben durchführen lassen. — So möge der Katalog die Bibliothek zugleich ergiebiger machen und zu ihrer Bereicherung aufsordern. Diese Sammlung auszubauen bleibt unsere vornehmste Aufgabe; Angebot und Nachfrage steigern sich gegenseitig.
Vor einem Jahre konnten wir von neuen Mnrichtungen im Lesesaale erzählen. Wir sagten damals: „Aus dem kahlen Zeitungszimmer ist ein wohnliches Gemacht geworden, eine bescheidene Stätte ästhetischer Erziehung." Ter ungenannte Stifter der Wechselbilder, Knnstzeitschiriften und Reisebücher hat sich hochherzig und selbstlos auch tm vergangenen Jahre seiner Stiftung angenommen. Man findet jetzt dort die Adreßbücher von Frankfurt und Berlin, sowie Serien Haus- und volkswirtschaftlicher Schriften, und mancher freut sich daran, fremde Städte und Landschaften durch ein Stereoskop zu betrachten. Schade nur, daß der Raum zu knapp wird — in den zwölf Stunden seiner Oeff-- nungszeit (von 10 Uhr Dornt, bis 10 Uhr abends) ist der Lesesaal fast niemals leer, und gar oft muß ein Leser stehen, weil alle Stühle besetzt sind. Auch hier dürfen wir gute Erfolge bekennen, auch hier soll es keinen Strll- stand geben.
Ten Behörden des Staates und der Stadt danken wir wieder für einsichtige Teilnahme an anseren Bestrebungen. (Zuschuß der Stadt Gießen 400 Mk., Jahresbeitrag vom Kreis Gießen 150 Mk., Zuwendung aus den Ueberschüssen der hiesigen Sparkasse 300 Mark) Aufklärung durch Angebot guter Lektüre gehört zur Arbeit am Gemeinwohl, unsere Behörden haben anerkannt, daß die Lesehalle eine Knltur- ausgabe zu erfüllen strebt. Tie Zuschüsse aber dürfen nur Hilfen fein; die freigewährte Unterstützung unserer Mitglieder soll uns die materielle und moralische Grundlage bieten.
Taß die Lesehalle einem Bedürfnis entgegenkommt, beweist der Andrang ihrer Benutzer, daß sie mit ihren gegenwärtigen Mitteln diesem Bedürfnis genüge, können wir nicht behaupten. Eine solche Anstalt muß stetig wachsen, Wachstum ist geradezu Bedingung ihres Daseins und jede Stockung hieße Rückgang.
Unserer Mitglieder müssen mehr werden, und toer irgend vermag, sollte hinaus gehen über den Mindestbeitrag von 2 Mark. Aufdringliche Reklame verträgt sich nicht mit dem Ernst unserer Bestrebungen; das Ziel und die Leistuirg sollen allein sprechen. Wir glauben, die gute Losung „Bildung macht frei", ist noch nicht verbraucht und wir vertrauen aus den Gemeinsinn unserer Bürgerschaft.
Waudkreien aus der Kailerffadt.
(Nachdruck verboten.)
Die Berliner von 1806. — Frühlingsboten an der Spree. — Teure Blumen. — Fürstliche Lieblingsblnmen.
Unfern: schlagfertigen Kriegsminister v. Einem, der wie Graf Bülow das Citieren liebt, ist mit dem bekannten Worte des Ministers Graf Schulenburg-Kehnert: „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!" ein kleines Unglück passiert. In seiner Rede, die das Unglück von Jena dem kosmopolitischen .Hang und Drang jener Zeiten in die Schuhe schieben wollte, erschien das Wort wie ein von der Bürgerschaft erwählter Bannerspruch, hinter dem sie sich vor den Konsequenzen jener unerwarteten Niederlage teilnahmlos und feine verkrochen hätte, während doch der Satz als Schluß der offiziellen Bekanntmachung von der „verlorenen Bataille" auf den ministeriellen Maueranschlägen stand. Hinterher hat Herr v. Einem versucht, das Unglück wieder gut zu machen, indem er den Kosmopolitismus jener Periode als „der Regierung und dem Volk bis zum letzten Bauern hinab" anhaftend, verstanden wissen wollte und den damaligen „Staat von der Regierung herab für versumpft" erklärte. Wie weit er damit, von oben angefangen, Recht hat oder nicht, läßt sich schwer nachprüfen; den kosmopolitischen Bauer aber wird ihm kein Mensch glauben, der den politischen Horizont der Landleute jener Zeit kennt. Und wie es in den Städten, speziell in Berlin, aussah, ist aus Berichten von Zeitgenossen leicht zu erkunden. Ein in hervorragender Stellung lebender Berliner Arzt schreibt wenige Jahre vor dem Unglück von Jena über den Ber-


