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ein bescheidenes, am Schloßgraben gelegenes Haus. Unweit davon lag das Stadtgefängnis, dessen Bewohner zu ihrer Besserung und Erweckung geistliche Lieder singen mußten, die bei den offenen Fenstern und den laut schrei- euden Stimmen Kant unmittelbar ins Ohr fielen. Sehr ungehalten über diese äußerst unbequeme Störung, die er einen „Unfug", „einen geistlichen Ausbruch der Langenweile" nannte, schrieb Kant an den ihm befreundeten Hippel, der erster Bürgermeister der Stadt und zugleich Aufseher des Gefängnisses war, folgende Zeilen, die wir wörtlich mitteilen, weil sie Kants Gemütsstimmung bei dieser Gelegenheit vortrefflich ausdrücken: „Ew Wohlgeboren waren so gütig, der Beschwerde der Anwohner am Schloßgraben, wegen der stentorischen Andacht der Heuchler im Gefängnisse abhelfen zu wollen. Ich denke nicht, daß sie zu klagen Ursache haben würden, als ob ihr Seelenheil Gefahr liefe, wenn ihre Stimme beim Singen dahin ermäßigt würde, daß sie sich selbst bei zugemachten Fenstern hören könnten (ohne auch selbst aksdann aus allen Kräften zu schreien). Das Zeugnis des „Schützen" (Gefängniswärters), um welches es ihnen wohl eigentlich zu tun scheint, als ob sie sehr gottesfürchtige Leute wären, könnten sie dessenungeachtet doch bekommen; denn der wird sie schon hören, und im Grunde werden sie nur zu dem Tone herabgestimmt, mit dem sich die frommen Bürger unserer guten Stadt in ihren Häusern erweckt genug fühlen. Ein Wort an den Schützen, wenn Sie denselben zu sich rufen lassen und ihm Obiges zu beständiger Regel zu machen belieben wollen, wird diesem Unwesen auf immer ab- helfen und denjenigen einer Unannehmlichkeit überheben, dessen Ruhestand Sie mehrmalen zu befördern gütigst be- miiht gewesen, und der jederzeit mit der vollkommensten Hochachtung ist Ew. Wohlgeboren gehorsamster Diener Kant."
Uebrigens war der Gesang im Gefängnis nicht die einzige Störung. In der Nachbarschaft gab es auch bisweilen Tanzmusik zu hören, die unserm Philosophen Zeit und Laune verdarb. Diese Umstände mögen das Ihrige dazu beigetragen haben, daß Kant gegen die Musik überhaupt verstimmt wurde und sie eine „zudringliche Kunst" nannte. Er hat ihr die Störung bis in die Aesthetik nachgetragen. Doch nicht bloß dergleichen Geräusch, sondern alles, was seine gewohnte Umgebung unterbrach und veränderte, war ihm störend. In der Tämmerungsstunde pflegte er regelmäßig zu meditieren, und wie er die Gewohnheit hatte, bei scharfem Nachdenken irgend einen äußeren Gegenstand zugleich fest ius Auge zu fassen, so blickte er während seiner beschaulichen Stunde vom Ofen seines Studierzimmers aus unverwandt durch das Fenster nach dem gegenüberliegenden Löbenichtschen Turme. Er konnte sich nicht lebhaft genug ausdrücken, erzählt Wasianski, wie wohltätig seinem Auge der für dasselbe passende Abstand dieses Objekts sei. Unterdessen steigen zwischen dem Auge Kants und dem Löbenichtschen Turme die Pappeln im Garten des Nachbars so hoch empor, daß sie den Turm verdeckten. Und diese Lücke in der gewohnten Aussicht empfand unser Philosoph so störend, daß er nicht abließ, bis der gefällige Nachbar die Wipfel seiner Bäume geopfert hatte. Jede Veränderung in seiner Häuslichkeit, in dem geläufigen Text seiner Lebensordnung, auch die geringfügigste, fiel ihm schwer, und so lauge als möglich hielt er sie fern. Seine gewohnte Lebens- und Hausordnung war gleichsam mit seinem Charakter verwachsen. In den letzten Jahren freilich, bei der überhandnehmenden Altersschwäche, mußte manches verändert und namentlich fremde Hilfe in Anspruch genommen werden. Nur mit Widerwillen wich er der unumgänglich gewordenen Notwendigkeit. Einen alten Diener, den er 40 Jahre gehabt, der aber zuletzt nicht bloß ganz untauglich, sondern int äußersten Ende nichtswürdig sich benahnt, entließ Kant erst nach langen inneren Kämpfen. Tagelang ging ihm die Sache nach, und die Entwöhnung von jenem Menschen wurde ihm so schwer, das; er sich ausdrücklich mit einer gewissen Anstrengung vornehmen mußte, an den ganzen Vorgang nicht weiter zu denken. Um diesen Vorsatz sich einznschärfen, schrieb er auf einen jener Gedankenzettel, womit er da- umls seinem Gedächtnis zu Hilfe kam: „Lauge" — so hwß der Diener — „muß vergessen werden".
Ter Schlaf durfte Kant nie mehr als sieben Stunden
kosten. Pünktliche um zehn Uhr ging er zu Bett; pünklich um fünf Uhr stand er auf. Ter Diener hatte die Weisung, ihn zu wecken und ihn um keinen Preis länger schlafen zu lassen. Er ließ sich gern von seinem Diener bezeugen, daß er in 30 Jahren auch nicht ein einzigesmal den aunkt aufzustehen, verfehlt habe. Tie ersten Morgen- en waren größtenteils den Vorlesungen gewidmet, die auch in der Tagesordnung Kants obenan standen. Punkt sieben Uhr begab sich Kant aus seinem Studierzimmer in den Hörsaal. Nach den Vorlesungen, die gewöhnlich bis neun Uhr dauerten, kehrte er an seinen Arbeitstisch und seine häusliche Bequemlichkeiten zurück; jetzt kamen die wissenschaftlichen Arbeiten an die Reihe, die zum Truck bestimmten Schriften. Ohne Unterbrechung wurde bis gegen ein Uhr gearbeitet, dann kam der Mittagstisch, für Kant die Zeit der angenehmsten und genußreichsten Erholung. Er liebte die geselligen Tafelfrenden; unter allen Lebensgenüssen sinnlicher Art waren ihm diese die liebsten; sie waren die einzigen, die er mit einer gewissen Behaglichkeit und Sorgfalt pflegte. Natürlich war es nicht das Essen, das so viel Zeit kostete, gewöhnlich drei, bisweilen fünf ©tumben, sondern die Gesellschaft, die Kant nirgends lieber hatte, als beim Gastmahl. Hier war er selbst am gesprächigsten, am meisten mitteilsam. Er hatte die Gabe einer mannigfaltigen, interessanten und für alle möglichen Tinge geschickten Unterhaltung, und so machte er einen ebenso liebenswürdigen Wirt, ckls einen überall willkommenen Gast. Niemand hätte in diesem heiteren/ gemütlichen Tischgenossen, der mit jedermann ein interessantes Gespräch zu führen wußte, mit Frauen über Küche und Kochkunst, besonders gern sich unterhielt, den tiefsten und schwierigsten Denker des Zeitalters vermutet.
Schluß folgt.
* Nichts erschöpft die Pflanze in ihrem Werdeprozeß mehr, als die Bildung von Samen. Willst Du also Samen nicht ernten, willst Du von Teinen Pflanzen — man denke an die Rosen — nur schöne Blumen erzielen, so verhindere, daß die Pflanze Samen bilde. Schneide also, sobald die Blume verblüht, sorgsam alle abgeblühten Blumen ab. Auf diese Weise bleibt der Pflanze viel, sehr viel Kraft erhalten. Sie wird sich von jetzt ab besser entwickeln und wird int kommenden Jahre noch einmal so schön und so reichlich blühen. Im übrigen sieht es unordentlich aus, wenn die abgewelkten Blüten an den Pflanzen bleiben. (M. Peterseim's Blumengärtnereien.)
Sinnrätsel.
Nachdruck verboten.
Mein Sieb ist,s, wonnig anzuschaun, So zierlich, rundlich, schlank und braun t Sie stammt, so heißt's aus fernen Zonen, Doch liebt sie es bei uns zu wohnen. Sie sieht so kühl und reizlos aus, Wohnet bei den Schwestern sie int Hatts. Doch hab' ich sie herausgebracht, Ist sie auch bald in Glut entfacht Hängt willenlos an meinem Munde, Und kürzt mir lieblich nranche Stunde. Ich nehm' sie mit in Wald uud Flur, Doch ausgehn darf sie selten nur. Ich lieb' sie, bis sie ist gestorben, Doch ist sie ©taub und Asche dann, Fang' ich — die Männer sind verdorben — Mil einer ihrer Schwestern an.
Auslösung in nächster Nummer.;
Auflösung der Pyramide in vor. Nr.r
A
A u Sau Ukas Kraue Ikarus
Redaktion: August Göh. — Rotalicukdruck und Verlag der Vrühl'schen Universitäts-Tuch- und Cteiudruckerei. R. Lange, Gießen.


