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Tie beiden Grundzüge, welche den Charakter Kants Lis in seine Einzelnheiten hinein ausprägen und sich in diesem Charakter auf eine seltene Weise verbinden und vollenden, sind der Sinn für persönliche Unabhängigkeit und zugleich für die pünktlichste Gesetzmäßigkeit. Fügen wir den Scharfsinn des Denkers hinzu, so konnte die kritische Philosophie keinen Charakter finden, der besser zu ihrem Begründer gepaßt hätte. Jene beiden Züge find die menschlichen Kardinaltugenden Kants, die sich im Großen und Kleinen wiederholen, und, wie es bei einer solchen Kernnatnr nicht anders sein kann, über die gewöhnlichen Grenzen hinaussfnelen. Er kann im Interesse der Unabhängigkeit Rigorist, in dem der Gesetzmäßigkeit Pedant werden. Er verfährt mit sich selbst durchgängig rational, er ordnet und regelt sein Leben, als ob er es zur reinen Vernunft selbst machen wollte.
Als Philosoph forscht er nach den letzten Bedingungen der menschlichen Erkenntnis und schöpft daraus die Prinzipien, welche unser Wissen sowohl begründen als begrenzen. Als Mensch stellt er sein eigenes Leben durch,- gängig auf die Herrschaft von Grundsätzen, die er sorgfältig und genau ausgebildet, nach denen er, als einer strengen Richtschnur, auf das pünktlichste handelt. Nach deutlich bewußten Grundsätzen zu erkennen, jeden Akt der Erkenntnis, jedes Urteil mit dem vollen Bewußtsein sowohl über die Möglichkeit als Notwendigkeit desselben zu be- ?leiten: das ist der eigentliche Zweck der Kantischen Phi- osophie. Nach ebenso deutlich erkannten Grundsätzen in allen Punkten zu leben, jede Handlung richtig zu vollziehen, jede mit dem Bewußtsein dieser Richtigkeit zu begleiten: das ist der eigentliche Plan und Genuß seines Lebens. Nichts Zweckwidriges zu tun, überall die Handlung nach ihrer Zweckmäßigkeit zu bestimmen und mit dem Bewußtsein dieser Zweckmäßigkeit auszuführen: das ist ihm ein ebenso natürliches als moralisches Bedürfnis, das er nicht anders kann, als in allen Punkten befriedigen. Er ist überall in der Philosophie wie in seinem täglichen Leben der Mann der Prinzipien und Grundsätze. Er würde nie dieser Philosoph geworden sein, wenn er nicht selbst in den geringfügigsten Kleinheiten des Lebens dieser Mensch gewesen wäre. Und darin besteht sowohl die Unabhängigkeit als auch die strenge Regelmäßigkeit seines Lebens. Es ist unabhängig, weil es durchaus auf eigenen Maximen beruht; es ist vollkommen regelmäßig, weil es diese Maximen in allen Fällen befolgt.
Tie persönliche Unabhängigkeit im echten Sinn des Wortes war unserem Philosophen von Haus aus nicht leicht gemacht. Um von dem ©einigen zu leben und nicht fremder Leute Hilfe zu brauchen, opferte Kant seinen Lieblingswunsch, in Königsberg zu bleiben, wurde Hauslehrer und blieb es neun Jahre, bis er imstande war, die akademische Laufbahn zu betreten. Seine Einnahmen, aus Vorlesungen und Privatissima allein angewiesen, waren nicht bedeutend. Aber was ihm die Glücksumstände versagt hatten, gelang der unverdrossenen Arbeit und vor allem seiner haushälterischen Kunst. Gr war durchaus sparsam. Ter Grundsatz, nichts Zweckwidriges zu tun, hieß ins Oeko- nomische übersetzt: gar keine unnützen Ausgaben zu machen. Tiefen Grundsatz befolgte er auf das allerpünktlichste. Gr verschwendete buchstäblich nichts. Seine Sparsamkeit war eine wirkliche Tugend, die nach aristotelischer Ethik von der Verschwendung ebenso weit als vom Geize entfernt war.
Tieselbe kritische Sorgfalt und Vorsicht, womit er seine Vermögensverhältnisse zusammenhielt, widmete er mit gleichem Erfolge seinen körperlichen Zuständen. Unkräftig, sogar leidend von Natur, hat er das hohe Greisenalter erreicht, bis aus die letzten Jahre im ungeschwächten Gebrauche seiner geistigen Kraft, und konnte von sich sagen, „daß er nie auch nur einen Tag krank gelegen oder der ärztlichen Hilfe bedürftig gewesen sei". Dieses körperliche Wohlbefinden, wie das ökonomische, war ein Werk allein seiner Umsicht. Seine kritische Gesundheitspflege überbot wo möglich noch die ökonomische Ordnung. Aber wie er in der letzten Rücksicht von Geiz und Habsucht, so war er in der ersten weit entfernt von jeder Art der Verweichlichung. Im Gegenteil ordnete er fetn ganzes Leben auf das strengste unter das System der Gesundheitsregeln, die er sich selbst ausgebildet und festgestellt hatte auf Grund einer fortwährenden, höchst sorgfältigen Beobachtung seiner körperlichen Stimmungen. Gr studierte
förmlich seine Leibesverfassung, wie er als Philosoph die Verfassung der menschlichen Vernunft untersuchte. Gr beobachtete seinen Körper, wie ein sorgfältiger Meteorolog das Wetter beobachtet. Unter seinen Gesundheitsregeln war die oberste die Mchtverweichlichung des Körpers, die Enthaltsamkeit und Abhärtung, das sustine und abstine. Tie moralische Willenskraft galt ihm als das oberste Regime des Körpers und unter Umständen für die wohltätigste Arznei. Er brauchte sozusagen die reine Vernunft zugleich als Medizin und Heilmethode. Es war eine auf reine Vernunft gegründete ärztliche Kunst, das menschliche Leben zu erhalten, zu verlängern, vor Krankheiten zu bewahren, von gewissen krankhaften Störungen sogar zu befteien. In diesem Sinne widmete er Hufeland, dem Verfasser der Makrobiotik jenen Aufsatz, „von der Macht des Gemüts, durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein". Diese Heilkraft des Willens hat er an sich selbst geübt und bewährt. Seine körperliche Verfassung hätte ihn leicht zur Hypochondrie führen können. Infolge seiner engen und flachen Brust litt er an einer fortwährenden Herzbeklemmung, einem beständigen Druck, den fein äußeres mechanisches Mittel heben konnte. Dieses Leiden verließ ihn eigentlich nie und machte ihn eine zeitlang schwermütig, beinahe lebensüberdrüssig. Ta kein anderes Mittel half, so machte er sich biefe seine Disposition klar und faßte den heilsamen Entschluß, sich nicht weiter um die Sache zu kümmern, da ja das beständige Denken au das Seinen selbst das Leiden nur verschlimmern könnte. Und gerade hierin lag die Gefahr der Hypochondrie. Er besiegte die Gefahr durch den bloßen Vorsatz, ihr nicht nachzugeben. Tie Beklemmung der Brust, diesen mechanischen Zustand, konnte er füglich nicht beseitigen; aber er brachte Ruhe und Heiterkeit in den Kopf, und so war er trotz jenes körperlichen Trucks ungehindert im Denken, offen in der Gemütsstimmung, heiter in der Gesellschaft.
Selbst gegen Schnupfen und Husten kehrte er mit gutem Erfolg feine moralische Heilmethode. Tie Spaziergänge machte er gewöhnlich allein, um nicht durch die Unterhaltung zum Sprechen und dadurch zum Atemholen mit geöffneten Lippen genötigt zu werden, wodurch er sich rheumatischen Affektionen aussetzte. Es war ihm sehr unangenehm, wenn von ungefähr ihm ein Bekannter begegnete, der an seinem Spaziergange teilnahm. Um während des Arbeitens in seinem Zimmer nicht ohne Bewegung zu bleiben, hatte er grundsätzlich die Gewohnheit angenommen, sein Taschentuch auf einem entfernten Stuhle liegen zu lassen, damit er bisweilen zum Aufstehen und Gehen genötigt sei. Auf das sorgfältigste war nach aus- gedachten Regeln das System der ganzen Diät eingerichtet, das Maß und die Beschaffenheit der Speisen und Getränke, die Tauer des Schlafs, die Art des nächtlichen Lagers, sogar die Methode, sich zu bedecken. So machte sich Kant selbst zu seinem Arzt und dadurch unabhängig von der gelehrten Medizin.
Man muß diese Gesundheitsrücksichten Kants, so kleinlich sie scheinen, nicht unrichtig beurteilen. Von einer ängstlichen Sorge für das liebe Leben oder gar von Todesfurcht war er ganz frei. Er besorgte und bedachte seinen Körper wie ent Instrument, das er gerne so lange als möglich brauchbar und tüchtig erhalten wollte. Seine Gesundheit war gleichsam ein Experiment. Und so war die Sorgfalt, die er darauf verwendete, nur die Umsicht, welche glückliche Experimente verlangen. Selbst seine Lebensdauer suchte er aus Wahrscheinlichkeitsgründen zu berechnen, darum las er stets mit großem Interesse die Königsberger Sterblichkeitslisten, die er sich allemal von der Polizeibehörde zuschicken ließ.
In feinen Arbeiten, welche die größte Sammlung forderten, wollte er schlechterdings nicht gestört sein. Darum hielt er sorgfältig auch jede äußere Unruhe von sich' fern. Zu der Unabhängigkeit, deren er bedurfte, gehörte auch die möglichst große Ruhe von außen. Sollte die Wohnung ihm behagen, so konnte sie nicht geräuschlos genug sein. Und da sich diese Bedingung in einer Stadt wie Königsberg nicht eben leicht erfüllen ließ, so wechselte er häufig seine Wohnung. Die eine, in der Nähe des Pregel, war dem Lärm der Schiffe und polnischen Fahrzeuge ausgesetzt. Eine andere ließ er im Stich, weil ihm der Hahn des Nachbars zu oft krähte; um jeden Preis wollte er den Hahn kaufen, aber der Nachbar gab ihn nicht her, und Kant mußte weichen. Endlich kaufte et sich


