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Ich verstand sehr wohl, daß er von seiner schönen Maria sprach, daß er mir die gute Madame als Muster unseres Geschlechtes, als heiliges Urbild aller edlen und reinen Weiblichkeit hinstellte. Aber ich war grausam genug, mir den Anschein zu geben, als verstünde ich nicht, wen er meinte: seine eigene Frau — wie er die „Madama" gewiß nannte/
„Sie dichten schon wieder, Graf! Und Sie dichten wieder eine Ihrer alten Frauengestalten: das madonnenhafte Weib, das gar nicht Weib ist, sondern nur eine Wstraktion, ein in den Lüften schwebendes, blutloses Schemen. Jene fleckenlose angebetete Maria war niemals Weib. Ein Weib, ein volles, wahres Weib, war jene große Sünderin, auf welche die Pharisäer den Stein warfen."
Und in diesem Ton sprach ich weiter und weiter.
Um uns glänzten und gleißten die goldenen Ginsterflammen; und es glimmte und glühte in der Seele des Grafen. *
Ich hatte den Brand hineingeworfen.
Weshalb ich das getan?
Ich finde tagsüber keine Stunde Ruhe, nachts keine Stunde Schlaf.
Ich frage und prüfe mich, durchforsche und durchwühle mein Inneres u nd — finde nichts anderes, als daß ich es aus Neugier getan, aus Koketterie, Frivolität.
Und ich tat es aus instinktiver Abneigung gegen die Madonna da oben, aus echt weiblichem Haß gegen alle Ascetennaturen, tat es aus angeborener Teufelei, aus geerbter Perversität, tat es aus —
Nacht für Nacht steht er auf der Galerie und schaut zu mir herüber: Nacht für Nacht fühle ich auf mir seinen Mick.
Sein Licht aber hat er gelöscht.
, Ter Graf Cola Campaua an
Herrn Richard Voß
Berchtesgaden, Villa Bergfrieden, Deutschland.
Villa Falconieri, Ende Mai.
Meine Aufzeichnungen, die ich Euch zuliebe für Euch Und mich selbst machte und die mich nach Eurer Hoffnung von meinem eingebildeten Leiden heilen sollten, hatten nur zur Folge, daß ich mich von dem wirklichen Bestehen meiner Lebensmisere überzeugte.
An diesem meinem Glauben ist jetzt nicht mehr zu rühren und zu rütteln.
Denn, mit möglichster Klarheit und Wahrheit alles betrachtend, sehe ich in allem Entwickelung, Logik, Konsequenz und Resultat. Und das sind Realitäten, gegen die sich mit keinen Illusionen ankämpfen läßt.
Lassen wir also die Raisonnements und finden wir uns endlich mit dem Faktum, dem Faoit ab. Dieses heißt:
Verfehltes Leben.
Solche zertrümmerten Existenzen gibt es zahllos wie Sand am Meer. Weshalb sollte grade ich eine Aus- pahme sein?
Etwa weil ich eine Ausnahme bin?
Diese bleibt schließlich am wenigsten vor dem allgemeinen Menschenschicksal bewahrt.
Es geht alles so einfach zu: Du bildest Dir ein, ein Wipfel zu sein, der ermatteten Wandereren Schatten spendet, und eines schönen Tages entdeckst Du zu Deinem höchsten Erstaunen, daß Du an dem Götterbaume der Kunst nur ein winziges armseliges Blättlein bist. Ein einziger heißer Sommertag verdorrt Dich; ein einziger rauher Windstoß reißt Dich ab. Du verwehst in alle Winde.
*
Ich weiß nicht, was das in diesem Frühling mit mir ist? Ich fühle mich verwirrt, beunruhigt, geängstigt.
Mußtet Ihr auch grade dieses Jahr nicht kommen! Noch niemals habe ich so unerbittlich klar empfunden, wie still Maria neben mir hingeht. Vielmehr: ich empfinde es jetzt überhaupt zu merstenmal. Die Lautlosigkeit unseres Ehelebens hat etwas Gespenstisches. Ich muß mich dermaßen in mich sewst eingesponnen haben, daß ich alle diese Jahre nichts sah; vor lauter Hüllen und Schleiern, Dünsten und Dämpfen nichts sehen konnte.
für
Sie sind zerrissen, und jetzt sehe ich — jetzt muh ich eh en'
Habe ich denn Maria niemals erkannt und verstanden?
Verstehe ich die Frau überhaupt nicht in ihrem allertiefsten und allergeheimsten Wesen, welches ihr Verhältnis zum Manne ist? ,
Damals, als ich noch dachte und dichtete, als es m meinem Leben noch Augenblicke gab, wo auch ich mich „dem Weltgeist näher fühlte", wo ich über mich hinausgehoben ward und in dieser lichten Höhe strahlende Träume hatte — selbst damals in jenen stolzen Stunden hielt ich doch niemals mein Denken und Dichten für einen Pulsschlag
*
Maria ist nicht minder eine tragische Erscheinung; und wenn ich ihr Leben zurückdenke, so faßt mich des Lebens ganzer Jammer an. . . In der faulen verpesteten Atmosphäre ihres Elternhauses lebte sie unberuhrbar rem, liebte sie unerschütterlich stark einen außergewöhnlich schönen Mann mit außergewöhnlich häßlicher Seele. Die Erkenntnis der Wahrheit wirkte entgeisternd auf sw. Wie mit erstarrten Daseinsempfindungen lebte ste fort und gab sie nach vielen Jahren einem Kinde das Leben. ^etzt begann es sich in ihr zu regen, etwas in ihr u erwachen. Es Mar jedoch nicht das Weib, sondern die Mutter. ^chr Kind starb, und sie wollte sterben, und wurde von einem Manne am Leben erhalten, an dessen Herzen jetzt auch das Weib hätte erwachen müssen. Wer —
Das Dunkle, Geheimnisvolle und Unheilvolle, das zwischen uns steht, bleibt und will nicht weichen.
Bisweilen denke ich: es möchte sein, weil sie nur die „Madama" ist und nicht meine Frau.
Ich will nach dem verschwundenen und verschollenen Mariano suchen lassen . . . Gewiß ist er längst verdorben, gestorben.
Und daun — *
So vieles ist jetzt mit mir anders geworden, zum ß'rf nttbPlS
Vielleicht hat es darin seinen Grnud, weil ich Schlafwandler' der ich war, mich selbst geweckt habe. Ich suchte hier Ruhe, Frieden und Vergessenheit; aber selbst die Villa Falconieri singt mir jetzt kein Wiegenlied mehr.
Ich durchirre das Haus von Zimmer zu Zimmer, durchs streife den Park von Weg zu Weg. Aus dem Hause treibt es mich hinaus ins Freie, um mich bald wieder zuruck zu scheuchen. Die Steinplatten auf meiner Galerie zeigen die Spuren meiner ruhelosen Schritte wie in der Zelle eines Gefangenen der Fußboden abgeschürft ist durchs die ewige Bahn des Eingekerkerten. Die zwanzig Jahre meines ruhelosen Lebens ließen also nicht nur lm Gemütc ihre Eindrücke zurück. (Forts, folgt.)
des Menschengeschlechts. , _
In der langen Reihe meiner schwankenden Gestalten sah ich immer nur eine einzige Gestalt, die an ihren Zeitgenossen nicht sofort vorüberging. Ich sah sie für einen Augenblick stehen bleiben und der Zeit ihr Antlitz zeigen. Und dieses war das blasse schmerzverklärte hoheitsvolle Antlitz des liebenden und leidenden Weibes.
Ich kannte nur dieses eine einzige Weib und hielt es das Weib!
Mit welchen Worten spreche ich diese Gedanken aus? Was ging mit mir vor?
Es sind gar nicht meine eigenen Gedanken und Worte!
Immanuel Kaut-
Zur 100. Wiederkehr seines Todestags.
Wer Kant war — ist bald gesagt. Er wurde am 22 April 1724 als Sohn eines Sattlermeisters geboren und starb, nahezu 80 Jahre alt, am 12. Februar 1804. Dazwischen war er Student, Hauslehrer, Privatdozent und schließlich Professor der Philosophie an der Universität in Königsberg. Aus dieser Stadt, seinem Geburtsorte, und ihrer näheren Umgebung ist Kant nie herausgekommen. Sein äußeres Leben verfloß in der größten Gleichförmigkeit, „Erlebnisse»" hatte er nicht.
Einen prächtigen Aufsatz über Kants Persönlichkeit hat Kuno Fischer geschrieben. Mit ausdrücklicher, liebenswürdiger Erlaubnis des greisen Philosophen entnehmen wir daraus die interessantesten Stellen.


