Areitag den 12. ^tßtuar.
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(Nachdruck verboten.)
Wssa Jakconieri.
Bon RichardVoß.
Zweiter Band.
(Fortsetzung.)
Der Gras sagte:
„Ich brauche mich bei Ihnen wohl nicht zu entschuldigen?"
„Werl Sie gerade keine besonders gute Nachbarschaft halten? Uebrigens weiß ich ja, daß Sie uns kleine Menschenkinder in den Bann taten, daß Sie ausgezeichnet ohne uns kultiviertes Salongesindel leben können, und daß Sie zu den Privilegierten gehören, die dies ungestraft tun dürfen. Sie sind demnach von der Unterlassungssünde: in der Villa Taverna keine Karte abgegeben zu haben, feierlich absolviert."
„Sie sind sehr barmherzig."
„Sagen Sie das ja nicht! Sie verraten dadurch —"
Hier machte ich eine kleine Kunstpause, um ihn zu zwingen, mich anzusehen. Er tat es mit starker Ueber- windung, worauf ich ihn anlächelte wie ein Kind, dem man eine reizende Puppe geschenkt hat.
„Was könnte ich dadurch, daß ich Sie bermherzig nannte, verraten haben?"
„Daß Sie nicht sind, was zu sein Sie sich gewiß schmeicheln: gar kein Seelenkenner! Wenigstens kein Kenner von Frauenseelen."
Er hörte kaum, was ich sprach. Gewiß hatte er Nacht für Nacht aus der Galerie gestanden und. nach meinem einsamen Lichte hinübergesehen — genau mit demselben Blick.
„Also wirklich ?"
Da nahm er sich jedoch zusammen:
„Sie meinen als'o wirklich ich kenne die Frauen picht?"
„Nur in der Einbildung."
„Demnach nur in der Lüge?"
„Man kann auch sagen: nur in der verklärenden Illusion."
„Dann also nur in der schönen Lüge?"
„Wir Frauen sind nun einmal ganz anders, als wir scheinen."
„Sie auch?"
„Ich auch! ... Ich habe über Sie und Ihre Frauengestalten viel nachgedacht."
„Sie, Prinzessin?"
„In mancher der Nächte, in denen Sie mein Licht brennen sahen. Ich weiß, Sie sahen es brennen!"
Und ich bückte ihn mitleidslos an, immerfort lächelnd.
Wie bleich der Mann war!
Mit seiner Haltung d'un rot en exil, mit den Augert des Visionärs und den nach Glück dürstenden Menschenlippen war er totenbleich.
Er sagte — und ich hörte seinen schweren Atem:
„Sie dachten über meine Frauengestagten nach. . z Würden Sie mir sagen, was Sie dachten?"
„Es wird Ihnen einerlei feht Aber bisweilen, allerdings sehr selten, bin ich höchst unvorsichtig freimütig und wahrheitsliebend, was Sie von einer blasierten Weltdame gewiß sehr sonderbar finden werden."
Er sprach nichts, er sah mich nur an.
„Also, was ich dachte? . . . Ich dachte: da ist diesek Poet. Und dieser Poet ist einmal in seinem Leben einer Frau begegnet, der er seine ganze Seele gegeben hat. Und weil er keine Seele wiederempfangen, so hat er die seine in eine leere Hülle gelegt, hat sie ganz erfüllt mit Schönheit, Glanz und Wunderblumen, hat in diesem seelenlosen Weibe seine eigene schöne große Dichterseele angebetet . . . Und er hat den Irrtum niemals erkannt, sondern hat nach dem Bilde dieser einen und einzigen Frau alle seine Frauen geformt, hat alle seine Frauen nach seinem eigenen Bilde geschaffen, in seiner Art also auch ein Prometheus. Und er stellte dieses Frauenideal, dieses Idol, vor uns hin und sagte: „Sehet — das Weib! Und seht, das Weib ist eine Göttin! Kommt her, alle, die ihr mühselig und beladen seid, und laßt euch von dem alleinseligmachenden Weibe erlösen."
So sprach ich zu dem armen verschlossenen und vergessenen Poeten und wußte recht gut, daß ein Teufel aus mir zu ihm sprach.
Mit seinen verzückten Blicken imb seinen zitternden Lipppen erwiderte er:
„Und sollen wir uns etwa nicht vom Weibe erlösen lassen, erlösen von allem Jammer, aller Schuld?"
„Ich sage Ihnen: Ihr reines erlösendes Weib ist eine Fiktion! Das Weib bedarf selbst der Erlösung: der Erlösung durch den reinen Mann. So, wie wir sind, verfällt der Mann, der uns sich ergibt, der Verdammnis; entweder so oder so."
Da fuhr er auf.
„Es ist nicht wahr! Ich sage Ihnen, daß es nicht wahr ist! Wenn ich wirklich die Frau nicht kennen sollte, wenn i ch wirklich von i hr nur ein Scheinbild gedichtet hätte — wenn auch das nichts als Selbsttäuschung gewesen wäre, so käme ich damit um das einzige, was ich in früheren Jahren an meinen Werken für wert hielt, daß sie eine kleine Zeit dauern möchten, so ist meine Negierung als Dichter vollständig . . . Aber es ist nicht wahr! Denn ich habe die Frau kennen gelernt — ich! Jene Frau, die das reine Himmelsbild, als welches ich das Weib hinstellte, auch ist: jene erlösende Frau, die liebt und leidet, die liebt und sich selbst vergißt, die liebt und stirbt und im Sterben noch lächelt: Es tut nicht iveh, Pätus!"


