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Erschrocken schaute er sich um und sah den Pfarrer die letzten Stufen der Gartentreppe heraussteigen.
„Das muß hchi sagen, mein Sohn", hielt ihm dieser vor, „Sie gehen ein bischen scharf ins Zeug!"
„Sie wissen ja, Vater Adame", entschuldigte sich Bla- doj keck, „der kroatische Ulan geht immer scharf ins Zeug; das liegt im Blut."
Der Pfarrer, sonst kein Spielverderber, und insbesondere der Jugend gegenüber stets von nachsichtiger Geduld, runzelte diesmal doch ganz bedenklich die Brauen.
„Sie vergessen, mein lieber junger Freund, daß Sie hier nicht in Feindesland sind", entgegnete er sehr ernst, „Sie sind hier Gast, und ich weiß nicht, ob es nicht die Gastfreundschaft mißbrauchen heißt, wenn man hinter dem Rücken der Eltern einem Kinde — und das ist die Kleine noch — den Kopf verdreht."
Vladoj schaute beschämt zu Boden.
„Sie gefüllt mir aber", verteidigte er sich verlegen, „sonst Hütte ich mich gewiß nicht so weit hinreißen lassen, sie zu küssen."
Bei dem Pfarrer kam wieder die Gutmütigkeit zum Durchbruch, und dem ganz zerknirscht von ihm Stehenden auf die Schulter Uopfend, sagLe^er:
„Hoffentlich ist es diesmal nicht Strohfeuer", und als Vlado; das Gegenteil beteuern-, wollte, meinte er nachsichtig schmunzelnd, „es wäre ja nicht das erstemal. Das kann ich Ihnen aber sagen", fuhr er dann fort, „Sie dürfen sich Bet Ihrem Schutzengel bedanken, denn wenn ich nicht zufälligerweise den anderen vorangegangen wäre, so hätte Sie ganz leicht Papa Höchstfeld bei diesem tote ä tote erwischen können, und ich glaube kaum, daß er sich bei Ihnen besonders herzlich. dafür bedankt hätte, eher —"
Das Herauf'kommen der Gaste, die den Speisesaal zum Frühstück aufsuchteu, enthob ihn des Nachsatzes, der Vladoj wenig Gutes verhieß.
Von dem Trubel erwacht, kam nun auch Frau von Höchstfeld herbei.
Sie und der Herr des Hauses wurden von allen Seiten bestürmt, sich der weiteren Fahrt, die zur Familie von Wirowaz führte, anzuschließen, aber trotz allen Zuredens und Bittens schlugen sie, übergroße Ermüdung vorschützend, ihre Begleitung ab.
Schließlich blieb der Gesellschaft wirklich nichts anderes übrig, als ohne sie abzuziehen, doch stand von da ab das Urteil über die Höchstfeldsche Familie fest:
Die Jungen, hieß es, sind ganz reizend, aber die alten — chotal unbrauchbar!
7.
Ein zwei Tage währender und noch immer nicht völlig überwundener Katzenjammer war das Resultat dieses ersten Antrittsbesuches, und da man die anderen Familien füglich auch nicht umgehen konnte, so war Frau von Höchstfelds wenig rosige Laune nur allzu verzeihlich.
„Wenn das so weiter geht", jammerte sie, „so täten wir wirklich besser, uns gleich auf der Landstraße einzulogieren — dann bin ich wenigstens dem UeBel enthoben, Gegenbesuche empfangen zu müssen, die das Nachhausefahren vergessen und von uns am Ende auch noch verlangen, daß wir gleich die ganze Umgegend zusammen- trommeln.
„Dem werden Sie sich auch kaum entziehen können", meinte Herr von Szabo, der es sich! überhaupt angelegen sein ließ, sie und ihn mit seinen wemg angenehmen Prophezeiungen zu beunruhigen, spöttisch — „jedenfalls dürfen Sie sich stets auf größere Gesellschaft gefaßt machen, da sich einem Besuchenden die unterwegs wohnenden Familien unter allen Umständen anzuschließen pflegen. Das ist hier nun mal fo Sitte."
„Nun, dann sind wir wenigstens schneller mit ihnen durch", meinte Herr von Höchstseld aufatmend.
„Glauben Sie das nicht", enttäuschte rhn Szabo, „das gilt nur sozusagen als „Kortege" — als Begleitung — auf Ihre eigene Gegenvisite verzichten die Herrschaften schon deshalb nicht, um Sie zu „erziehen", um Sie nach! und nach klein zu kriegen, um Sie — tote sich der Herr Pfarrer ausdrückte, — zu einem brauchbaren Mitglied der menschlichen, will also sagenn, der hiesigen Gesellschaft zu machen."
Erich hatte ihn ruhig ausreden lassen, nun Lonnte er sich doch nicht 'enthalten, zu sagen:
*Uni> das hat der Herr Pfarrer gesagt!?"
^Jawohl", bestätigte Szabo schlankweg.
„Mer hat es Ihnen denn mitgeteilt?" erkundigte sich Erich trotz Mamas strafenden Blickes recht eindringlich. Szabo wurde einen Augenblick verlegen.
„Das bleibt sich doch wohl gleich", wich er aus, und sich in volle Positur werfend, protestierte er, „ich hoffe, daß Sie mein Wort nicht bezweifeln!"
Erich schaute ihm fep ins Auge und entgegnete, die direkte Antwort absichtlich umgehend, mit ruhiger aber energischer Stimme:
„Ich wunderte mich nur, woher Sie davon Kenntnis haben wollen, denn ich weiß, und tote Sie es ja auch selbst bestätigten, verkehren Sie doch Mit niemandem aus unserer Gesellschaft."
„So etwas kann man auch auf Umwegen erfahren", fiel ihm der Vater ärgerlich ins Wort, „und da mir Herrn von Szabos Versicherung genügt, so wirst wohl auch Du Dich damit zufrieden geben müssen."
Erich biß sich auf die Lippen und schluckte diese Zurechtweisung grollend hinab, im stillen nahm er sich aber vor, nun erst recht die Augen offen zu halten, um diesem Verhetzet: — denn für nichts besseres hielt er ihn fortan —• tut günstigen Moment die Larve vom Gesicht zu reißen.
Am liebsten wäre er zum Pfarrer nach Mariance geritten, von ihm direkt die Wahrheit zu erfahreu, und daß sie ihm dieser nicht voreuthalten würde, glaubte er bestimmt t.nnehmen zu dürfen. Wie die Verhältnisse indes lagen, war daran natürlich nicht zu denken, und so blieb ihn! nichts anderes übrig, als dein glücklichen Zufall die Aufklärung zu überlassen.
Unter diesen Umständen, und da sein Verdacht von Tag zu Tag reger wurde, war ein ehrliches Haudiuhaudarbeiten selbstverständlich nicht möglich und dies um so weniger, als so manche Anordnung des Herrn Gutsinspektors bei näherer Betrachtung absolut gegen den Vorteil und das Interesse der Herrschaft ausschlug.----
Dem Major gegenüber führte Herr von Szaba stets die Böswilligkeit der Bauern ins Treffen, und mit verblüffender Dreistigkeit behauptete er, daß deren Unbotmäßig- keit sich nur aus die Einflüsterungen des Pfarrers zurückführen ließen, da sie sonst, trotz aller angeborenen Faulheit, sich nicht den Anordnungen zu widersetzen wagen würden.
Da Herr von Höchstfeld die Landessprache nicht beherrschte, so fehlte ihm natürlich auch die Kontrolle darüber, ob diese Befehle auch tatsächlich so gelautet hatten, wie fte zwischen ihm und Szabo verabredet worden waren.
Der Gedanke, daß ihn dieser nach wohlüberlegtem Plan mit der ganzen Nachbarschaft und speziell mit dem Pfarrer verfeinden wolle, um dann frei schalten und walten zu können, kam ihm gar nicht in den Sinn; er fand vielmehr in dem allen nur seine eigenen Befürchtungen bestätigt und lieh ihm deshalb willig und ohne jeden Argwohn sein Ohr.
Auch das fortwährende Klagen seiner Frau war nicht wohn sein Ohr.
Auch das fortwährende Klagen seiner Frau war nicht gerade geeignet, des Majors ohnehin üble Laune zu bessern oder gar zu verscheuchen.
Von dem Ehrgeiz beseelt, auch etwas zur Hebung des Gutes beizutragen, hatte sie sich gleichfalls der Landwirt- schaft gewidmet, das heißt, sie hatte einen Hühnerhof angelegt, aus welchem sie Gott weiß welch große Kapitalien herauszuschlagen hoffte.
Jedes auskriechende Kücken wurde von ihr sorgfältig notiert; da aber die Hühner, trotz der von ihr angelegten Legestätten in den entferntesten und unzugänglichsten Winkelchen ihre Eier deponierten, so war sie in beständiger Angst, daß dieselben von dem Hofgesirche, dem sie alles zutraute, gestohlen werden könnten.
In Gemeinschaft mit Erna, der die Sache, so lange sie neu war, Spaß machte, befand sie sich nun den ganzen Tag auf der Suche nach srischgelegten Eiern. Es gab bald kein Schlupfwinkelchen mehr, das sie nicht durchkrochen hätten, und die Kinder der Hofleute — wie schon Kinder einmal sind — spielten fortan „Gutsherrschaft" und rutschten auf dem Bauche in den schmutzigsten Ecken herum, auch nach Eiern zu suchen.
Mehr als die fehlenden Eier — Frau von Höchstfeld' glaubte sich nämlich trotz aller Wachsamkeit immer bestohlen — bereitete ihr aber d,as Abhandenkommen der! Hühner selbst großen Aeriaer


