Ausgabe 
11.7.1904
 
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lief, hervorzutreten. General Booth führte den Vorsitz, uner­müdlich und unbezwingbar. .In dem scharfen Gesicht und der geschmeidigen Figur sah man kein Zeichen der Ermüdung. Er stand auf der Plattform, hinter ihm Soldaten, fjie halb Europa und Asien vertraten, vor ihm im Saal 8000 bis 10 000 Menschen, die mit inbrünstiger Begeisterung an seinen Lippen hingen. In feurigen Aufforderungen ries er die Versammlung zur Rettung der Seele. Tann wandte er sich dem Orchester zu, und eine be­kannte Melodie ertönte. Mit voller Energie sang die vielfarbige Menge eine Hymne. .Aber der General war nicht zufrieden. Klatscht in die Hände", .rief er, und der Vers wurde wieder unter begleitendem Händeklatschen gesungen. Noch einmal wurde der Vers verlangt, und wieder füllten Hunderte kräftiger Lungen den weiten Saal mit ihrem Singen, während die nicht Englisch sprechenden mit Händen und Füßen den Takt schlugen. Ein dicker Australier erzählte die Geschichte seiner Bekehrung. Tie zuhörenden Soldaten warfen ständig Ausrufe dazwischen wie Lobt den Herrn", .Es ist wahr"Ich glaube es". Jedes Volk zeigte nach seiner Weise seine Freude an dem Vortrag. Tie Schwarzen wiegten sich in Entzücken hin und her, die Deut­schen strahlten, die Delegierten der Vereinigten Staaten lachten laut, und männiglich Ratschte donnernd:Ich hin gerettet". Ter unermüdliche General ist überall. Jetzt legt er dem Sprecher den Arm um die Schulter, nun singt er ein Triumphlied vor, dann wieder nickt er dem Trommler zu, so laut wie möglich zu trommeln... »

Tann kam der Höhepunkt der Ekstase. Eine unbeschreibliche Bewegung ging über das Meer von Gesichtern, wenn die Obersten riefen:Preiset Gott, ein Mann kommt vor!" Ter erste Wüster trat taumelnd vor, ein Mann in mittleren Jahren, .der in seinem ganzen Wesen erschüttert schien. Im Angesicht der ganzen Menge sank er vorn auf die Knie und schluchzte wie ein Kind. Bald folgte eine Dame, die in dem Bemühen, ihre Gefühle. zu unterdrücken, zitterte. Als sie auf dem Büßeksitz niederkniete, und ihr Gesicht verbarg, (niete einHallelujah- mädchen" mit einem süsten Gesichtchen neben ihr nieder, um­schlang .sie und flüsterte ihr tröstende Worte zu. Tas Beten wurde dringender, bald folgten drei andere Bekehrte. . .Will jemand in der Versammlung besonders für den Nächsten beten?" rief Oberst Lawley. Als dann eine Frau vorkatn, rief er: »Gott helfe Nr. 6!" und die Antwort ertönte:Preiset den Herrn!" So ging es eine halbe Stunde lang fort, persönliche Ueberredung .unterstützte das gemeinsame Gebet; der Gesang eines Chores beschloß die Versammlung. . -

Eine neue ALpeneiserröühn.

Der Schienenweg durch den Simplon ist noch nicht vollendet, an der geplanten Elsenbahn von Nizza nach Coni, über die man zwischen Frankreich und Italien so viel verhandelt hat, ist noch kein Spatenstich s geschehen, und schon taucht ein neues Projekt auf, das nach einem Bericht desTour du Monde" ziemlich ernst zu nehmen ist, nämlich eine Eisenbahn zwischen Martigny in Wallis und Turin. Ein Blick auf die Karte zeigt, daß der Ausführ­ung dieses Planes erhebliche Schwierigkeiten entgegenstehen, einmal wegen der landschaftlichen Eigenart des zu durchmessenden Ge­biets und dann auch, weil das interessierte Vorland beiderseits von^ beschränkter Ausdehnung zu sein scheint. Eine nähere Be­trachtung lehrt jedoch, daß .die Schaffung eines Schienenweges auf der bezeichneten Linie eine große Zukunft haben könnte, vorausgesetzt, daß die Baukosten sich innerhalb erschwinglicher Grenzen halten. Ter Schöpfer des Projekts, der englische In­genieur Radcliff Ward, hat alle einschlägigen Fragen sorgfältig studiert, und auf Grund eines ausführlichen Berichts hat sich bereits ein finanzielles.Konsortium gebildet, die Staatsbehörden und die Gemeinden von Piemont haben ihre Unterstützung zu- gesagt, und es steht zu hoffen, daß der italienische Minister der öffentlichen Arbeiten die Bauerlaubnis erteilen wird.

Tie Strecke würde eine Länge von nur 157 Kilometer bei einer Steigung pon höchstens fünf Prozent besitzen. Ta sw fast in ihrem ganzen Verlauf durch Gebirgsgelände geht, so wird sie elektrisch betrieben werden müssen, umsomehr, als überall Wasserkraft zu verhältnismäßig billiger Lieferung der Elektrizität verfügbar ist. Ansetzend an der Linie, die Turin mit Modane verbindet, würde die neue Eisenbahn die Ebene von Kanatiefe bis Pont durchqueren Und tion~ dort in das Tal des Ronco ein­treten. Ter Gran Paradiso müßte in einem Tunnel überwunden werden, worauf die Linie jenseits das Torf Segne an einem Nebenfluß der Tora Baltea erreichen würde. Weiter hätte sie aus halber Höhe das Tal von Aosta auf der linken Flanke aus­wärts zu verfolgen und die Ortschaften Morgex, Pro St. Tidier und Courmayeur zu passieren. Von letzterem Platz aus würde die Bahn mittels eines Tunnels durch dcn Col Ferret auf Schweizer Gebiet übersetzen und längs des Val Ferrex zur Trance und nach Martigny gelangen.

Tie Eisenbahn Turin-Martigny würde gegenüber den bestehen­den Linien einschließlich des Simplon eine Verkürzung des Reisewegs zwischen dem nordwestlichen Italien und den Ländern von Mitteleuropa herbeiführen, was an einer Reihe von Bei­spielen erwiesen wird.

Diese Angaben sprechen scheinbar doch weniger zu gunsten des Projektes, als der Bericht seines Urhebers uns glauben machen will, denn es ergibt sich daraus, daß eigentlich nur der Verkehr zwischen dem nordwestlichen Italien und der west­lichen Schweiz wesentlich dadurch gewinnen würde, während bei den großen Strecken Turin-Basel und Turin-Paris nur eine Er­sparnis von 50 bis 60 Kilometern erzielt werden würde. Eine Sache für sich ist der Hinweis auf die großen Mineralschätze des in Betracht kommenden Alpengebiets auf italienischem Boden, deren Ausbeutung durch die Eisenbahn selbstverständlich eine wesentliche Förderung erfahren würde. In der Gegend von Cogne finden sich namentlich vortreffliche Lager von Magneteisen, die bereits die Aufmerksamkeit der Italiener in hohem Maße er­regt haben. Tie Eisenbahngesellschaft könnte vielleicht wirflich gute Geschäfte machen, wenn sie diese Erzlager in ihre Hand brächte. Ob sich aber auch die Hoffnungen verwirklichen werden, die auf Ablenkung eines großen Teils des Personen- und Güter­verkehrs von Mitteleuropa nach Genua oder gar der Post nach Indien auf die geplante Eisenbahnstrecke gesetzt werden, bleib* abzuwarten.

vermischte».

* Antialkoholisches vom kaiserlichen Hofe. Tie Behauptung der Alkoholfreunde, die Notiz, welche kürzlich durch die Blätter ging, daß der Kaiser auf seiner Mittelmeerreise nur alkoholfreie Getränke genossen habe, sei eine tendenziöse Er­findung der Alkoholgegner, ist unzutrefsend. Sie war überhaupt nicht von alkoholgegnerischer Seite ausgegangen. SBie wir von zuständiger Stelle erfahren, beruhte allerdings jene Nachricht völlig auf Wahrheit wenn sie auch .durch eine kleine Indiskretion in die Oefsentlichkeit gedrungen ist. Außerdein besteht die Tat­sache, daß im Lause des letzten Jahres von einer bekannten Gesellschaft zur Herstellung alkoholfreier Traubensäfte inehrere 1000 Flaschen an die kaiserlichen Schlösser in Berlin, Wildpark, Wilhelmshöhe, Sabinen, Homburg und an das Prinzenhaus in Plön gesandt sind, daß ferner die Kaiserin ebenfalls seit längerer Zeit sich nur dieser Getränke bedient, daß ein Teil der an der Marschalltafel speisenden Hofdamen und Herren dem Bei­spiel der Kaiserin folgt, und daß z. B. Sr. Exzellenz der Wirk­liche Geheimrat Prof. Dr. Schmidt, welcher seinerzeit die Kehl­kopfoperation beim Kaiser vornahm, sich den alkoholfreien Trau­bensaft, den er an der kaiserlichen Tafel kennen gelernt, dort täglich .getrunken und sehr schmackhaft gefunden hatte, nach seiner Rückkehr nach Frankfurt ebenfalls bestellte. Ferner ist es Tatsache, daß der Kaiser vor Jahresftist eine Kollektion Ent- haltsamkeitsvorschristen dem Kriegsminister zur Prüfung über­wiesen hat, daß dieser mit Interesse von denselben Kenntnis ge­nommen hat, wie überhaupt seitens der Heeresverwaltung die Bestrebungen, gegen die Gefahren des Alkoholmißbrauchs an- zukampfen, gern anerkannt und in ihrer Wichtigkeit für das Bolkswohl gewürdigt werden. .Bezeichnend für die Bedeutung, welche der Bekämpfung des Alkoholismus von höchster Stelle aus besonders auch in den Kreisen der Marine beigelegt wird, geht daraus hervor, daß Prinz Heinrich zum vergangenen Weih­nachtsgeschenk sämtlichen Mannschaften der kaiserlichen Marine nebst einem kleinen Soldaten - Kalender ein Enthalt- samkeitsslugblatt hat zugehen lassen. Dieses Interesse am kaiser­lichen Hose für die Enthalt!amkeitsbewegung entspricht durchaus dem starken Interesse, welches der Kaiser mit weitem Blick an allem neuen, wirflich Guten, Großen und für die Nation Nütz­lichen nimmt.

* Die Erziehung des Farbensinns wird als die Grundlage unserer materillen Wohlfahrt jetzt allgemein gefordert. Alfred Lichtwark hat in seinem BucheErziehung des Farben­sinns" Wege gewiesen, wieFarbe sich lernen läßt". Dabei gibt es interessante Mitteilungen über die Beeinflussung des Farben­sinns durch.örtliche Einflüsse, die gerade jetzt beachtenswert sind für die vielen Sommerreisenden und für alle die, welche die Kunstausstellungen in Berlin, Dresden, Düsseldorf und St. Louis besuchen: Tie Erscheinung der Farbe in Venedig ist nicht dieselbe wie in Florenz. Sie tritt in London und Amsterdam, in Paris und Berlin jedesmal in deutlicher und nicht nur dem feinfühlen­den Ange unterscheidbarer Eigenart auf. Ter Feuchtigkeitsgrad der Luft, der Sonne, .die unendlich kleinen Staubteilchen, die die mechanische Wirkung der Luft und des Lichtes von den Körpern loslöst und die in der Atmosphäre eines Kalkgebirges anders das Licht brechen als in der einer Granitformation ober am Salzmeer, bebingen sehr große Unterschiede. Tas Pariser Abend­rot kann nicht mit dem von Berlin verwechselt werden, die Lichterscheinungen um Sonnenuntergang in Berlin, und Potsdam sind schon merflich verschieden, von Berlin und Hamburg nicht zu reden. Bilder französischer Landschaften können in Deutsch land nicht ganz verstanden werden. Erst ein Gang über die Seinekais in Paris, ein Ausflug nach Fontainebleau, Ssvres oder St. Cloud, ja die Eisenbahnfahrt von Belgien nach Paris pflegt dem Deutschen das Auge für die französische Landschaft zu öffnen.Wer den Künstler will verstehen, muh in Künstlers Lande gehen", gilt am sinnfälligsten für alles, was mit dem Auge zu fassen ist. Beim Individuum läßt sich die Veränderung, die. das Auge durch .die Gewöhnung an ein fremdes Lokalkolorit